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Mit dem Mauerfall endete auch die Trennung zwischen den Wissenschaftlern in Ost und West. Nach 20 Jahren ist es nun an der Zeit, um Bilanz zu ziehen: Wie verlief der Prozess der Wieder- vereinigung in Forschung und Lehre? Welche Unterschiede bestanden eigentlich zwischen den beiden deutschen Wissenschaftssystemen? Wie denken die politischen Akteure und betroffenen Wissenschaftler heute?
Das sind einige der Leitfragen des Symposiums "Wissenschaft und Wiedervereinigung" (24./25.11.2009).
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10.11.09 · 12:45 Uhr
Forschung in der DDR: Jürgen Kocka im Interview
Kategorie: Kultur · Kommentare: 1

Die Wissenschaft der DDR hatte in manchen Disziplinen durchaus Weltgeltung, von anderen Fächern - ideologisch an der kurzen Leine gehalten - gingen keine nennenswerten Impulse aus. Und für die friedliche Revolution von 1989/90 spielten die DDR-Wissenschaftler im Grunde keine Rolle, das sagt der Berliner Historiker Prof. Dr. Jürgen Kocka.
Im Interview erinnert Kocka an die Rahmenbedingungen unter denen die Forschung in der DDR ablief, an die politische Steuerung und die begrenzten Ressourcen, mit denen man auskommen musste. "Insgesamt waren das keine sehr guten Bedingungen, um Wissenschaft zu betreiben", so das Urteil des Vizepräsidenten der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften.
Auf die Frage nach der Einflußnahme der Politik auf die Wissenschaft stellt er klar:
"In der Tat war der politische Einfluß auch auf die Inhalte der Sozial- und Geisteswissenschaften, besonders der Geschichtswissenschaft, Soziologie und Philosophie, sehr viel stärker, als der politische Einfluß auf die Natur- undLebenswissenschaften. Das wirkte sich in einem hohen Maß an Konformität aus. Das führte zu einer Erschwerung von Innovation."
Allerdings gab es natürlich Spielräume, die in manchen Feldern auch für innovative, spannende Forschungen genutzt wurde. Das führte dann durchaus auch dazu, dass von westdeutschen Forschern Kooperationen gewünscht wurden, die aber durch die Beschränkung der Außenkontakte in den Westen nur in sehr begrenztem Umfang möglich waren.
Und zur Rolle der akademischen Elite bei der friedlichen Revolution von 1989/90 stellt Kocka ganz klar fest:
"Insgesamt waren die Wissenschaftler keine führende Gruppe unter den Trägern der friedlichen Revolution."
Das war in anderen Ländern - Ungarn oder Polen - deutlich anders. Aber viele aufmüpfige oder kritische Köpfe gab es im DDR-Wissenschaftssystem eben nicht. Im kompletten Interview äußert sich Prof. Jürgen Kocka noch zu weiteren Fragen und erinnert u.a. daran, dass die wissenschaftlichen Karriere zu DDR-Zeiten eine deutlich bessere Planbarkeit und wirtschaftliche Sicherheit bedeutete. Davon können zeitvertragsgeplagte Wissenschaftler der heutigen Generation natürlich nur träumen...
Das Interview wurde im September für das Online-Magazin der Bundesregierung geführt.
Autor: Marc Scheloske· 1 Kommentar· Permalink· Trackback-URL
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Kommentare (1)
Es ist richtig, daß die Wissenschaftler als organisierte Berufsgruppe keine führende Rolle beim Umbruch in der DDR gespielt haben - allerdings galt das eigentlich für alle Berufsbereiche: Auch Journalisten oder Theatermacher haben als Berufsgruppe keine Sonderrolle gespielt. Zwar waren Kirchenleute unter den Dissidenten überdurchschnittlich vertreten, aber nicht als Berufsgruppe, sondern wegen der Organisationsform der Kirche, die die Wissenschaft oder die Medien so nicht haben konnten.
Betrachtet man die Beteiligung der Individuen an den öffentlich werdenden Prozessen, so sind Wissenschaftler wie Literaten, Journalisten, Theaterleute oder Taxifahrer durchaus proprional vertreten: An der Organisation des Neuen Forum z.B. waren Wissenschaftler mit Sicherheit nicht unterrepräsentiert.
Richtig ist allenfalls, daß (auch) die Wissenschaft den Umbruch nicht mehr und nicht systematischer vorbereitet und organisiert hat als andere Gruppen.
Wie in den meisten Fällen sind generalisierende Urteile über die Sachverhalte in der DDR nur mit Vorsicht möglich.