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11.09.09 · 07:45 Uhr
Früherkennung ist oft nicht "früh" genug: Weshalb wir eine prädiktive Diagnostik brauchen
Kategorie: Politik
Je früher eine Krankheit diagnostiziert wird, desto besser sind die Heilungschancen. Das ist nun wirklich eine Binsenweisheit. Dennoch ist die Frage, ob Vorsorgeuntersuchungen in jedem Fall sinnvoll sind, gar nicht so leicht zu beantworten. Man nehme nur die Debatten über das Brustkrebs-Screening. Wieviele Frauen profitieren wirklich davon? Wie hoch ist die Erkennungsquote, wieviele (kleine) Tumoren werden übersehen, wieviele Frauen fälschlicherweise operiert?
Olga Golubnitschaja ist Professorin am Universitätsklinikum Bonn, Leiterin der Forschungseinheit "Molekulare/Experimentelle Radiologie" und ausgewiesene Expertin in Sachen Vorsorgeuntersuchungen und "Prädiktive Medizin". Sie hat uns einige Fragen beantwortet...
ScienceBlogs: Frau Golubnitschaja, inzwischen gibt es eine ganze Reihe an Vorsorgeuntersuchungen. Diese reichen vom Glaukom-Screening bis zu den bekannten Krebsfrüherkennungen. Für den Patienten ist es oft schwierig, die Möglichkeiten und den Nutzen abzuschätzen. Welche Tipps kann man hier geben?
Olga Golubnitschaja: Es gibt leider keine pauschalen oder allgemeine Tipps, die für jeden Mensch optimal sind - das ist das schwierige an der Sache. Daher werbe ich - wie auch viele weitere Wissenschaftler - für die individualisierte Behandlung und personalisierte Medizin. Denn leider ist auch die so genannte Früherkennung oft nicht „früh" genug, um dem Patienten effektiv zu helfen. Ein Beispiel ist die Früherkennung eines Brustkrebses durch die allgemein verwendete Mammographie: Detektionsgrenze = 6 mm der Tumorgröße. Dabei stirbt man nicht am primären Brustkrebs, sondern an der Auswirkung der Metastasen, die bereits im Frühstadium der Erkrankung aktiv sind, d.h. längst bevor die Tumorgröße erreicht wird, die durch Mammographie überhaupt detektierbar ist.
Und nicht vergessen - Brustkrebs ist eine der häufigsten Todesursachen unter den Krebserkrankungen! All diese Tatsachen begründen die dringende Notwendigkeit einer Prädiktivdiagnostik als Populations-Screeningmethode. Die entsprechenden technologischen Lösungen gibt es bereits - es muss natürlich geprüft werden, welche davon die optimalsten sind.
Ein weiteres Beispiel wurde zurecht von Ihnen genannt - Glaukom ist die zweithäufigste Erblindungsursache: weltweit werden derzeit 65 Millionen Glaukomkranke registriert. Das ist eine degenerative chronische Erkrankung des Sehnervs.
Doch worin besteht die Früherkennung für die chronische Erkrankung? Derzeit ist es der Zeitpunkt, wenn die Erkrankung ihren Gang bereits genommen hat. Ist es früh genug? Für einen Glaukomkranken oft nicht mehr, besonders wenn es um ein Normaldruck-Glaukom (NDG) geht. Und die Krankheit betrifft relativ oft junge Leute im produktiven Alter. Dazu gibt es ausgezeichnete wissenschaftliche Arbeiten, die klar demonstrieren, dass z.B. gesunde aber vasospastische Leute (vaskuläre Dysregulation) eine starke Neigung zur Entwicklung eines NDG haben können.
Um den (potentiellen) Patienten besser helfen zu können, müssen wir unter den Gesunden nach bestimmten Prädispositionen suchen.
Mit anderen Worten - wir kommen zum gleichen Schluss: um den (potentiellen) Patienten besser helfen zu können, müssen wir unter den Gesunden nach bestimmten Prädispositionen suchen und zwar mit Hilfe innovativer Technologien der Prädiktivdiagnostik, natürlich in sinnvoller Balance mit den konventionellen diagnostischen Verfahren. Die applikationsreifen Technologien der prädiktiven Diagnostik habe ich mit Unterstützung von 60 Mitautoren aus 16 Ländern im weltweit ersten Buch über das Gesamtkonzept zusammen gestellt („Prediktive Diagnostics & Personalized Treatment: Dream or Reality?", O. Golubnitschaja (ed.), „Nova Science Publishers", New York, USA, 2009.)
ScienceBlogs: Ein Problem vieler Vorsorgeuntersuchungen ist die mangelhafte Zuverlässigkeit, die dann zu falsch-positiven Befunden führt. Welche Bemühungen gibt es, diese Quote zu senken?
Olga Golubnitschaja: Ja, Sie haben recht. Der häufige Grund dafür ist, dass viele Vorsorgungsuntersuchungen unter dem gleichen Mangel leiden - einseitige Wahrnehmung der diagnostischen Sicht; dagegen ist die Natur so schön vielfältig! Es reicht nicht, z.B. bei der Tumorvorsorge nur nach monogenetischen Veränderungen (z.B. Mutationen) zu suchen.
Abgesehen von der DNA-Ebene, gibt es im Organismus viele weitere Regulationsstufen, die für eine korrekte Diagnostik mitberücksichtigt werden müssen.
Ein Beispiel dafür ist die Untersuchung der BRCA-Mutationen, die jedoch nicht ausreichend für eine zuverlässige Brustkrebsvorsorge sind. Abgesehen von der DNA-Ebene, gibt es im Organismus viele weitere Regulationsstufen - innerhalb und außerhalb der Zelle - die für eine korrekte Diagnostik mitberücksichtigt werden müssen.
Wie viele Tests sollen für eine zuverlässige Diagnose ausreichen, um dabei noch bezahlbar zu bleiben? Das ist eine komplexe Aufgabe, die optimale Anzahl fest zu stellen. Dafür braucht man ein starkes Konsortium - führende Spezialisten auf entsprechenden Fachübergreifenden Gebieten. U.a. gerade mit dieser Aufgabe beschäftigt sich die „European Association for Predictive, Preventive & Personalised Medicine" (www.epmanet.eu), die ich als Generalsekretärin hier beim Kongress repräsentiere. Und der Patient ist im Fokus dieser Assoziation.
Eine der wichtigsten Initiativen der Assoziation ist es, eine Kette von Zentren Europaweit zu kreieren, die zuverlässige prädiktive Diagnostik mit gezielten präventiven Maßnahmen und personalisierter Behandlung anbieten. Ein jeweiliges „Mutter"-Zentrum soll durch das Konsortium entsprechender führender Spezialisten geschaffen werden, um zuerst eine optimale Zusammenstellung der Technologien zu erzielen und diagnostische Einsätze für die „Tochter"-Zentren zu standardisieren. Mit der Etablierung des ersten Zentrums dieser Art beschäftigt sich die EPMA ab Januar 2010 in Brüssel.
Autor: Marc Scheloske· 0 Kommentare· Permalink· Trackback-URL
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