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Lässige Texte über haarsträubende Wissenschaft und den ganzen Rest.
Marcus Anhäuser betreibt Plazeboalarm seit April 2005. Er ist Wissenschaftsjournalist in Dresden und Leitender Redakteur von medien-doktor.de.
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28. September 2011
Was macht eigentlich der Medien-Doktor? oder Braucht der Wissenschaftsjournalismus auch sowas?
Kategorie: Geistes- & Sozialwissenschaften·Medizin·Naturwissenschaften · Kommentare: 4
Spätestens jetzt sollte ich vielleicht endlich mal ein wenig erklären, was der Medien-Doktor genau ist (u.a. der Grund, warum es hier so still ist auf dem Blog). Gerade jetzt bietet es sich an, weil Alexander Gerber auf seinem [sic]-Blog (hier bei Sb) u.a. die Frage aufgeworfen hat, ob es für den Wissenschaftsjournalismus auch so etwas bräuchte wie den Medien-Doktorder, der sich um Medizinberichterstattung kümmert (und dessen Leitender Redakteur ich bin).
Anlass für Alexander ist der Vorschlag englischer Wissenschaftler (hier beim Freitag gibt es den Artikel aus dem Guardian in deutsch), für einen regelmäßigen Faktencheck wissenschaftsjournalistischer Artikel/Beiträge, den die Journalisten bei den Wissenschaftlern, über die sie berichten, durchführen lassen sollen.

Damit alle wissen, was der Medien-Doktor eigentlich ist und macht, stelle ich hier mal einen Artikel online, den ich für das Branchenmagazin 'Der Fachjournalist' geschrieben habe und der dort in der April-Ausgabe erschien (hier kann man sich ihn als pdf runterladen).
Er ist keine Antwort auf die Frage, ob Wissenschaftsjournalismus so etwas wie den Faktencheck braucht, aber er erklärt, wie ein System aussehen kann, das u.a. helfen kann, immer wieder auf die Fallstricke im Wissenschaftsjournalismus hinzuweisen.
Hier also eine durchaus ausführliche Erklärung, was der Medien-Doktor macht und leisten möchte. Es geht nämlich durchaus nicht nur um Kritik ...
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Der Medien-Doktor: Bei Journalisten zur Visite
Fast jeder von uns hat sie wohl schon gelesen, gehört oder gesehen - und sich geärgert: Diese Meldungen, die einen „Durchbruch" bei der Bekämpfung einer schweren Krankheit verkünden oder eine einfache Lösung für ein gesundheitliches Problem, das Millionen von Menschen plagt. Sie füllen die Seiten der Tageszeitungen und Wochenmagazine, Internetpostillen oder TV-Rubriken: „Neun Walnüsse am Tag senken Bluthochdruck", „Vitamin B könnte gegen Alzheimer helfen", „Erfolg im Kampf gegen Bauchspeicheldrüsenkrebs"... Wer ausgewogenen und kritischen Medizinjournalismus erwartet, wird dabei nicht immer, aber immer wieder enttäuscht. Der Nutzen der Therapie wird maßlos übertrieben, auf Risiken und Nebenwirkungen geht der Text nicht ein, an der Studie war nur eine Handvoll Probanden beteiligt, die Pressemitteilung war die einzige Quelle.
Es gibt viele ausgezeichnete Artikel und Sendungen über Gesundheitsthemen - differenziert, einordnend, mit journalistischer Distanz und gesunder Skepsis. Doch es gibt eben auch diese übertriebenen, unnötigen und des- informierenden Beiträge, die leider nicht nur journalistische wie medizinische Profis ärgern und unbedarfte Leser und Zuschauer falsch informieren, sondern auch Patienten und ihren Angehörigen unbegründete Hoffnungen oder Sorgen bereiten.
Die Gründe für solche Texte und Sendungen sind viel- fältig: Sie reichen von den immer schlechter werdenden Bedingungen im Journalismus, Zeitdruck und Platzmangel über Unkenntnis und Unvermögen bis hin zu Faulheit und „Wurschtigkeit". Ausbaden müssen es am Ende Leser, Zuhörer und Zuschauer.
Seit einigen Jahren gibt es in mehreren Ländern Projekte, die sich nicht mehr damit abfinden wollen. Sie überprüfen medizinjournalistische Beiträge auf Herz und Nieren, bewerten sie und veröffentlichen ihr Lob und ihre Kritik im Internet. „Behind The Headlines", „Media Doctor" oder „HealthNewsReview" heißen sie. Die einen verfolgen einen eher deskriptiven Ansatz wie „Behind the Headlines", die anderen gehen nach einem festgelegten Kriterienkatalog vor.
Im deutschsprachigen Raum sind es bisher vor allem Blogs, die zumeist Kritik über schlechten Gesundheitsjournalismus äußern - Lob für gute Stücke findet sich in Blogs (naturgemäß?) eher selten. Seit November 2010 gibt es nun aber auch im deutschsprachigen Raum ein professionelles Monitoring-Projekt, das die Qualität im hiesigen Medizinjournalismus untersucht, gleichermaßen lobt wie kritisiert, auf Fallstricke in der Berichterstattung hinweist und Hilfestellung geben will: Der Medien-Doktor. Angesiedelt ist das Projekt an der Technischen Universität Dortmund, am Lehrstuhl Wissenschaftsjournalismus von Holger Wormer. Unterstützt wird es vor allem von der Initiative Wissenschaftsjournalismus (mit den Trägern Robert Bosch Stiftung, Stifterverband für die deutsche Wissenschaft und BASF. NACHTRAG: nur noch bis Ende 2012) und die Fachverbände „WPK - die Wissenschaftsjournalisten" und VDMJ.
Welche Informationen benötigen Leser, Zuhörer und Zuschauer?
Regelmäßig bewertet ein Gutachterteam aus erfahrenen Medizin- und Wissenschaftsjournalisten eine ganz bestimmte Kategorie medizinjournalistischer Beiträge: Artikel und Sendungen, in denen über den Nutzen oder die Sicherheit von (neuen) Therapien, Wirkstoffen, Nahrungsergänzungsmitteln oder auch diagnostischen Tests berichtet wird. Der Medien-Doktor folgt dabei einem Kriterienkatalog, der von den Vorgängerprojekten in Australien, Kanada, Hongkong, Japan (Media Doctor) und den USA (HealthNewsReview) aufgestellt wurde und noch immer angewendet wird. Gemeinsam ist diesen Kriterien die starke Rezipientensicht, die Orientierung an dem, was Leser und Zuschauer, Patienten und ihre Angehörigen an Informationen benötigen, um sich ein vollständiges Bild machen zu können.
Dazu gehört zum Beispiel dass der Nutzen einer Therapie nicht übertrieben dargestellt wird - wieder einmal also nur die Senkung des relativen Risikos für eine Erkrankung Erwähnung findet. So zum Beispiel wenn es heißt, ein Mittel senke die Zahl der Herzinfarkte um „sensationelle 50 Prozent", absolut betrachtet aber die Anzahl der Herzinfarkte von weniger spektakulären zwei je hundert auf einen je hundert Behandelten sinkt. Zu einem vollständigen Bild gehört auch, dass Nebenwirkungen, Kosten und Alternativen thematisiert werden, dass es eine Einschätzung gibt, wie neu ein Ansatz wirklich ist, dass klar wird, wann und für wen ein Mittel verfügbar ist oder wie gut die Evidenz der Studien ist. Wichtig für das Urteil eines Lesers oder Zuschauers ist auch die Einschätzung von Medizinern, die nicht an der vorgestellten Studie beteiligt sind, oder auch die Information, welche Interessenkonflikte bestehen.
Qualität erforschen
Die Ansiedlung des ganzen Projekts an der Dortmunder Universität hat - abgesehen von der Unabhängigkeit - weitere Vorteile. Im Laufe der Zeit erhalten wir durch die regelmäßige Begutachtung einen einmaligen Datenschatz. Diesen können wir nutzen, um Erkenntnisse über die Qualität in einem bestimmten Bereich des Medizinjournalismus' in Deutschland zu gewinnen. Im Hinblick auf welche Kriterien informieren Journalisten die Konsumenten besonders gut, wo haben sie besondere Probleme? Gibt es Unterschiede zwischen Lokalredaktionen und den Redaktionen der überregionalen Blätter? Zwischen Spezialisten und Allroundern? Zwischen Print und TV? Wir können diese Erkenntnisse dann gezielt an die Journalisten zurückgeben - in Form maßgeschneiderter Seminare oder einer medizinjournalistischen „Blattkritik", die der Lehrstuhl im Rahmen des Drittmittelprojekts „Initiative Wissenschaftsjournalismus" den Redaktionen schon jetzt anbietet. Schließlich fließen die Ergebnisse auch in Lehre und Ausbildung der jungen Kollegen und Studierenden.
Diese haben schon in der Vorbereitungsphase in einem Seminar zur Qualität im Medizinjournalismus unter Leitung des Lehrstuhlinhabers Holger Wormer an den Kriterien mitgearbeitet, sie erweitert und getestet, was letztlich in weiteren Entwicklungsschritten mit unseren journalistischen Gutachtern zu dem nun verwendeten Set der „Allgemeinjournalistischen Kriterien" führte.
Und die Entwicklung geht weiter: Wie etwa lässt sich das Konzept des Kriterienkatalogs auf andere Bereiche des Medizin- und Wissenschaftsjournalismus übertragen? Welche Kriterien könnte man zum Beispiel für die Umweltberichterstattung, den Technikjournalismus oder die Behandlung von Physik- und Chemiethemen übernehmen? Welche müsste man neu definieren? Könnte man sogar Qualitätskriterien für (medizinische) Pressemitteilungen entwickeln? Risiken und Nebenwirkungen gibt es auch in anderen Bereichen.
Öffentlichkeit gehört zum Konzept
Die Gutachten werden ganz ähnlich dem wissenschaftlichen „peer review"-Verfahren von jeweils zwei Journalisten unabhängig voneinander erstellt und dann zu einem Gutachten zusammengeführt. Das Endergebnis präsentieren wir, der Medien-Doktor, schließlich auf unserer Webseite www.medien-doktor.de. Für jedes Kriterium begründen wir, warum wir es als „erfüllt" oder als „nicht erfüllt" betrachten. Aus dem Verhältnis von „erfüllten" zu „nicht erfüllten" Kriterien errechnet sich die Gesamtwertung, im besten Fall fünf, im schlechtesten Fall null Sterne.
Dass wir die Gutachten veröffentlichen, gehört dabei zum Konzept des Projektes, genau wie bei unseren internationalen Schwesterprojekten, die zum Teil schon seit 2004 medizinjournalistische Beiträge bewerten. Mit jedem einzelnen Gutachten - ob im Ergebnis gut oder schlecht - haben wir die Chance, am konkreten Beispiel zu diskutieren, was ein medizinjournalistischer Beitrag benötigt, damit Leser, Zuhörer und Zuschauer unserer Meinung nach gut und richtig informiert werden. Damit bieten wir gerade auch den besonders guten und bemerkenswerten Beiträgen eine Plattform und helfen damit vielleicht anderen, am guten Beispiel zu lernen. Letztlich erhoffen wir uns durch die Präsentation auf der Webseite Lerneffekte, die womöglich nachhaltiger sind als so manches Zwei-Tage-Seminar.
Tipps und Kniffe für Medizinjournalisten
Aber wir wollen nicht nur loben, kritisieren und ein Bewusstsein für bestimmte Kriterien im Medizinjournalismus wecken. Wir betrachten die Website auch als eine zentrale Plattform für unsere Zunft, auf denen Journalisten Ressourcen finden, die ihnen bei ihrem nicht immer einfachen Job helfen (sollen). So verweisen wir im Bereich „Tools für Journalisten" (der noch im Aufbau ist) auf Artikel und Webressourcen, die weiterhelfen, etwa bei den Fragen, wie man gute von schlechten Studien unterscheidet, wie man mit Statistiken umgeht oder wo man schnell verlässliche Quellen für die Recherche findet. Im neu gestarteten Blog „Sprechstunde" bieten wir regelmäßig Linktipps rund um den Medizinjournalismus an oder widmen uns in ausführlichen Artikeln einem ganz spezifischen Problem unserer Zunft.
Eines wollen wir mit unserem Projekt aber auf keinen Fall: Journalisten an den Pranger stellen. Wir hoffen, unsere Kritik wird als konstruktiv empfunden. Uns geht es auch nicht um den einzelnen Kollegen. Ein Beitrag ist oft genug ein Gemeinschaftswerk, an dem auch Redakteure, Layouter, Grafiker oder Kameraleute beteiligt sind. In den Gutachten nennen wir nie den Namen eines Autors. Es muss sich also niemand sorgen, dass eine schlechte Bewertung in der Google-Liste seines Namens auftaucht.
Für erste Ergebnisse ist es naturgemäß noch viel zu früh, wir haben gerade die ersten 25 Gutachten veröffentlicht. Wir haben Fünf-Sterne-Artikel gesehen, wir haben auch null Sterne vergeben. Der Nutzen wird selten verständlich erklärt oder quantifiziert, Risiken und Nebenwirkungen fallen oft unter den Tisch - auch bei Leitmedien. Zu oft war die Pressemitteilung die einzige Quelle. Im Regionalbereich fällt zum Teil eine Art Hofberichterstattung auf: Der leitende Arzt einer Klinik darf sich und seine OP-Methode im besten Licht präsentieren, kritische Anmerkungen fehlen völlig. Ein erstes Muster, das sich aber erst noch bestätigen muss.
Feedback der Autoren
Und was sagen die Autoren? Wir haben auch erste Feedbacks bekommen. Vor allem, wenn das Sterneergebnis mager ausfiel, sind der erste Schreck und auch ein Funke Empörung in mancher E-Mail zu spüren. „Warum haben Sie ausgerechnet meinen kleinen Artikel ausgesucht?", „Das ist doch unfair, Texte aus einer Lokalredaktion mit denen einer großen Wochenzeitung zu vergleichen!" Selbst Rufschädigung wurde schon deklamiert. Und überhaupt: „Was erwarten Sie denn, bei dem Honorar, so wenig Platz und Zeit?"
Das sind natürlich verständliche Reaktionen, aber sie sind auch symptomatisch, denn es wird fast immer aus der Perspektive des Journalisten heraus argumentiert: „Die Bedingungen sind so, was sollen wir denn machen?" Richtig, die Bedingungen sind so, wir vom Medien-Doktor wissen das alle nur zu gut. Aber wir bewerten die Beiträge vor allem aus der Sicht der Rezipienten. Die lesen den Artikel oder sehen den Bericht und erwarten, gut und richtig informiert zu werden - im Wochenmagazin genauso wie auf der Lokalseite. Wäre das nicht eine absurde Vorstellung, wenn wir vom Leser oder Zuschauer erwarteten, er müsse die Bedingungen im Journalismus mit in seine Überlegungen einbeziehen? Frei nach dem Motto: „Hier hätte mich noch die Einschätzung eines unabhängigen Mediziners interessiert, aber wahrscheinlich hat der Autor zu wenig Honorar bekommen. Schade, eigentlich."
Dass wir mit unserer Bewertung tatsächlich Hilfestellung geben können, zeigt, wie ich finde, die professionelle Reaktion einer Autorin. Nach dem ersten Schreck und einigen Erklärungen unsererseits, schrieb sie uns zurück: „Ich habe jedenfalls für mich beschlossen, in Anlehnung an die beim Medien-Doktor verwendeten Kriterien [...] meine eigene kleine Beurteilungsliste aufzustellen und meine künftigen Texte vor Abgabe daran zu messen. Das ist mein Beitrag zur Verbesserung."
Wenn das mit der Zeit immer mehr Kollegen machen, dann haben wir mit dem Medien-Doktor tatsächlich etwas erreicht.
Autor: Marcus Anhäuser· 28.09.11 · 11:16 Uhr· 4 Kommentare
20. Januar 2011
Bankhofer-Sendung: "... gegen das Schleichwerbeverbot verstoßen" (Nachtrag 5.2.)
Kategorie: Medizin · Kommentare: 14
Mehrmals hatte der Gesundheitsjournalist Hademar Bankhofer in den letzten Jahren mit dem Vorwurf der Schleichwerbung zu kämpfen. Jetzt rügt erstmals die ZAK einen Sender aufgrund von Schleichwerbung in einer Bankhofer-Sendung.
Autor: Marcus Anhäuser· 20.01.11 · 16:15 Uhr· 14 Kommentare
17. Januar 2011
Doc Hirschhausens "Homöopathie"
Kategorie: Medizin · Kommentare: 74
Hier auf den Scienceblogs braucht man das Wort Homöopathie nur hauchen und schon bricht ein Sturm der Kommentatoren los und es beginnt wieder von vorne, die Diskussion über potenzierte Kügelchen, Similé-Betrachtungen und der Wahnsinn der dahinter steckt, wenn man nur mal anfängt darüber nachzudenken.
Was dem ganzen fehlt ist eine gewisse Leichtigkeit und eine Prise Humor. Und wenn es um das Thema Medizin geht, gibt es kaum einen besseren, der all das zusammenbringt, als Eckart von Hirschhausen.
Irgendwie führten die verschlungenen Wege des Internets den Comedian auf meinen Blog und es hat ihm hier gefallen. Als kleinen Dank überließ er mir folgende kleine Spitze, die viele kleine Wahrheiten enthält, nicht nur über die Homöopathie.
Freundlicherweise erlaubte er mir auch den Text mit meinen Bloglesern zu teilen. Einige werden ihn vielleicht kennen, aber es lohnt sich, ihn immer mal wieder zu lesen.
Viel Spaß also bei Eckart von Hischhausens Homöopathie-Text (bei dem es auch um Eigenurin geht).
HOMÖOPATHIEAuf Partys sage ich nur sehr ungern, dass ich approbierter Arzt bin. Denn dann setzen zwei Reflexe bei allen Anwesenden ein. Ich höre mir eine halbe Stunde Schauergeschichten über das Versagen der Schulmedizin an, und dann soll ich mal kurz mitkommen und im Bad eine Hautverfärbung nach ihrer Malignität beurteilen.
Auf Partys redet man am besten über Homöopathie und Eigenurin. Damit haben alle immer nur gute Erfahrungen. Wer schlechte Erfahrungen gemacht hat, darf nicht mitreden. Stiftung Warentest hat gerade das Buch: Die Andere Medizin herausgegeben, und beiden Verfahren erneut die Wirksamkeit abgesprochen.
Ich mache mir aber keine grossen Illusionen darüber, dass die ständige wissenschaftliche Widerlegung vieler komplementärer Verfahren irgendetwas an ihrer Popularität ändert. Was Dieter Bohlen für die Unterhaltungsindustrie, sind die Globuli für den Gesundheitsmarkt - nicht wegzudiskutieren. Nichts ist erfolgreicher als der Erfolg.
Medizin ist in weiten Teilen bis heute keine Wissenschaft sondern Unterhaltungsindustrie. Kunst. Heilkunst. Die Kunst, dem Patienten die Zeit zu vertreiben, die der Körper braucht, um sich selbst zu helfen!
Das Wirksame an der Homöopathie ist die unverdünnte Sympathie. Jemand hört dir über Stunden aufmerksam zu, stellt Fragen, gibt dir wieder Hoffnung, Anweisungen und Struktur für dein Leben. Alles sehr wirksam, und das hört man heutzutage lieber vom Heilpraktiker als vom Therapeuten oder Pfarrer. Hochgiftiges wie Arsen, Bienengift oder Brechwurzeln wird solange verschüttelt bis nichts mehr davon im Wasser enthalten ist. Keine Chemie, kein Äba, keine Pharmaindustrie. Nichts was irgendwie Nebenwirkungen haben könnte. Das Wasser erinnert sich, womit es mal Kontakt hatte. Komisch - mein Kopf besteht zu über neunzig Prozent aus Wasser, und ich weiß oft schon am nächsten Tag nicht mehr, mit wem ich alles Kontakt hatte.
Zur Einnahme gibt es weitere selbsterfüllende Prophezeiungen: Werden die Beschwerden schlechter zeigt es, das Mittel schlägt an, wird es besser ist es auch das Mittel, und wenn sich über Wochen nichts tut - liegt es am Amalgam. Wer heilt hat recht, tut aber gut daran, das Rechtbehaltens vorher weitläufig auszulegen. Du bekommst etwas sehr Individuelles, DEIN Mittel, es ist nichts drin was schaden kann, denn dieses Millionstel ist alle Information, die dein Körper jetzt braucht.
Ich hab es tatsächlich für mich mal getestet. Es hat funktioniert. Und letzten Endes ist es mir egal, ob es an den Globuli lag oder an den hohen Dosen Mitgefühl. Als die Rechnung über zweihundert Euro kam, hab ich auch gleich bezahlt. Zwei Cent. Und dem Behandler erklärt. „Nach allem, was ich durch Sie gelernt habe, ist dies alle Information die Ihr Portemonaie gerade braucht!"
Und wenn ihr Arzt darüber lachen kann, dann bleiben sie bei dem. Wenn nicht - schnell verdünnisieren!
Anderer Fall: Eigenurin. Ich respektiere die Weisheit des Körpers. Wenn die Nieren etwas ausscheiden wollen, dann glaub ich ihnen das. Die filtern 180 Liter Blut jeden Tag, um alle Schadstoffe aus dem Körper zu entfernen. Und dann kommt jemand daher und sagt - booh. Was für ein besonderer Saft. Lass uns den oben wieder reinkippen. Anatomisch nicht korrekt - aber ich glaube, auch Nieren fühlen sich manchmal verarscht. Aber könnte man nicht das Verdünnen der Homöopathen UND den Eigenurin gleichzeitig anwenden? Ja, es geht. Im Schwimmbad! Kinder machen das intuitiv. Jetzt warte ich nur noch drauf, dass die Kasse das bezahlt.
Danke, Doc ... :-)
Nachtrag (ich Schlunz):
"Aus: Eckart v. Hirschhausen. "Die Leber wächst mit ihren Aufgaben." Rowohlt. Mit freundlicher Genehmigung des Autors"

Autor: Marcus Anhäuser· 17.01.11 · 09:05 Uhr· 74 Kommentare
14. Dezember 2010
Wenn Nestlé und L'Oreal mal was zusammen machen ...
Kategorie: Medizin · Kommentare: 8
... dann find' ich das natürlich besonders interessant. Irgendwie habe ich das Gefühl, die könnten hier mit ihrer Apotheken-Produktreihe innéov Stammgast werden, bei so vielen Produkten, die die anbieten (und das wohl schon seit 2008):
Für Männer gibt's auch was, natürlich.
Was kommt wohl dabei raus, wenn einer der größten Nahrungsmittelhersteller und einer der größten Kosmetikhersteller sich zusammentun: Schönheit zum Essen. Und da das Schönheitsmarketing immer häufiger in Richtung Medizin abdriftet, kommt dabei natürlich kein Müsliriegel heraus, der einen schön macht, sondern: Tabletten und Kapseln.
(Von daher wäre statt "Schönheit zum Essen", "Schönheit zum Einwerfen" wohl treffender.)
Das Prinzip ist immer dasselbe: Täglich eine bzw. zwei Kapseln oder Tabletten oder beides schlucken (zur Abwechslung auch mal ein Pulver), die je nach Produkt einen Mix aus den üblichen Verdächtigen der Nahrungsergänzungsallzweckmittel enthält:
Vitamin Dingsbums, Soja-Isoflavone, Omega-3- und Omega-6-Fettsäuren, Traubenkern-Irgendwas, Grüntee, Polyphenole, Phytosterole, Glucosamin, Calcium, Magnesium usw. usw.
Es ist die ganze Pracht der Herrlichkeit.
Damit kann man alles bekämpfen, was einem das lange Leben so schwer macht:
Haarausfall, Cellulite, schlaffe, alte Haut, Pickel, Mitesser, dicke Beine, empfindliche Haut, trockene Haut, Schuppen
Aufmerksam wurde ich auf die Reihe durch eine ganzseitige Anzeige im aktuellen stern, für ein Produkt, das zumindest in der Anzeige lediglich so heißt wie die gesamte Produktreihe - innéov - laut östereichischer PM aber eigentlich "innéov Gesundes Haar SD" heißt. Das besondere dieses Nahungsergänzungsmittels ist das "Probiotikum ST 11" (warum ich da an Jod-S 11-Körnchen denke, weiß ich jetzt auch nicht ...)
Der entscheidende Satz, bei dem sich Nestlé und L'Oreal nun wirklich aus dem Fenster lehnen, lautet:
ST11 hat seine Wirksamkeit in einer klinischen Studie bewiesen. Die Ergebnisse belegen die signifikante Wirkung² von ST11 sowohl gegen lose und haftende Schuppen¹ als auch gegen Irritationen und Juckreiz.
Das ist doch mal eine Ansage: "Wirksamkeit in einer klinischen Studie bewiesen."
Als Beweis dient (darauf bezieht sich die hochgestellte 2) "eine Doppelblindstudie unter dermatologischer Kontrolle, 8 Wochen, 58 Probanden mit mäßigem bis starkem Schuppenbefall."
uhh, doppelblind ...
Mhm (zu den anderen Produkten habe ich da bisher nichts gefunden)
Ich habe das mal angefordert.
Das könnte der Beginn einer ....
Im stern sieht das übrigens so aus:
Autor: Marcus Anhäuser· 14.12.10 · 09:15 Uhr· 8 Kommentare
27. September 2010
Was ist der Unterschied zwischen der Wirkung Wirksamkeit und dem Nutzen eines Medikaments?
Kategorie: Medizin · Kommentare: 177
Das bringen Menschen immer wieder durcheinander oder sie setzen es gleich. Die Wirkung Wirksamkeit eines Medikaments und sein Nutzen. Gerade zu lehrbuchmäßig hat es jetzt Markus Grill auf Spiegel Online erklärt:
"Wenn ein neues Medikament auf den Markt kommt, unterscheiden Mediziner zwischen Wirksamkeit und Nutzen. Ein Cholesterinsenker zum Beispiel ist dann wirksam, wenn er die Blutfettwerte senkt und seine Nebenwirkungen sich in Grenzen halten.Sind diese Voraussetzungen erfüllt, wird das neue Medikament zugelassen. Der Nutzen dagegen zeigt sich oft erst später: Er tritt dann zutage, wenn Patienten tatsächlich weniger Herzinfarkte oder Schlaganfälle bekommen als ohne das Präparat - oder wenn sie schlicht länger leben.
Doch der Zusammenhang zwischen Wirksamkeit und Nutzen existiert häufig gar nicht. Manchmal verbessern sich zwar Cholesterinwerte, Blutdruck oder das Wachstums eines Tumors wird gebremst - den Patienten geht es aber trotzdem nicht besser. Sie leben nicht länger, sie bekommen genauso häufig Herzinfarkte oder Schlaganfälle wie ohne das Präparat. Es haben sich also nur die messbaren Werte geändert - sonst nichts. Solche Präparate verfügen über keinen "patientenrelevanten Nutzen", wie die Fachleute sagen.
Pharmakonzerne stellen dagegen gern die Wirksamkeit ihrer Pillen in den Vordergrund, die Nutzendebatte mögen sie nicht besonders. Hintergrund: Unabhängige Wissenschaftler entdecken häufig, dass viele angebliche Neuheiten zwar im Körper wirken, aber keinen Vorteil gegenüber bisherigen Präparaten haben. Es handelt sich also um "Scheininnovationen"."
D.h. ein Arzneimittel kann wirken, zugelassen sein, aber es nützt nichts.
Des weiteren berichtet Grill von der Unmöglichkeit einen nicht vorhandenen Nutzen eines Medikaments zu beweisen und warum das aber künftig trotzdem gefordert ist, wenn es um die Zulassung eines Medikaments geht und welche Rolle dabei die Pharmalobby spielt.
Autor: Marcus Anhäuser· 27.09.10 · 15:24 Uhr· 177 Kommentare
22. September 2010
Zwei-Klassen-Medizin gibt's, ja, aber vielleicht auch nicht, weil ...
Kategorie: Medizin · Kommentare: 47
Im aktuellen Bundesgesundheitsblatt gibt es eine Übersichtsarbeit (hier als pdf, jetzt nicht mehr) zur Lage der Krankenversicherten. Zwei Gesundheitsforscher haben sich Studien angesehen, in denen gesetzlich Versicherte mit privat Versicherten verglichen werden. Es geht um Fragen wie: Wer wird besser oder schlechter behandelt? Wer muss länger warten? Wer bekommt welche Medikamente? Kurz: Wer ist besser versorgt?
Journalistisch zugespitzt lautet die Frage: Gibt es in Deutschland eine Zwei-Klassen-Medizin, die dazu führt, das Menschen, die privat versichert sind, auch besser versorgt sind?
Die Antwort der Autoren dieser Arbeit erscheint erst einmal eindeutig, insofern, dass es offenbar klare Unterschiede gibt:
PKV-Versicherte erhalten häufiger innovative, patentgeschützte Medikamente und seltener Generika, sie müssen nicht so lange auf einen Arzttermin warten, sie gehen seltener zu einem praktischen Arzt (beziehungsweise Arzt für Allgemeinmedizin), sie werden bei Organtransplantationen offenbar bevorzugt, sie können Zuzahlungen finanziell besser verkraften, und sie fühlen sich vom Arzt besser verstanden.
Dass GKV-Versicherte schon irgendwie im Nachteil sind, darauf weisen auch Aussagen hin wie:
(...) weisen alle Studien übereinstimmend darauf hin, dass die GKV- Versicherten zumeist kränker sind als die PKV-Versicherten.(...)(...) Eine Benachteiligung der GKV-Versicherten deutet sich zum Beispiel bei Organ-Transplantationen an, bei der finanziellen Belastung durch Zuzahlungen, bei den Wartezeiten und beim Eingehen des Arztes auf den Patienten. (...)
(...) Offenbar erhalten PKV-Versicherte in der ambulanten Versorgung (...) in der Regel häufiger einen kurzfristigen Termin beim Arzt als GKV-Versicherte. (...)
(...) Es ist daher kaum erstaunlich, dass PKV-Versicherte bevorzugt behandelt werden. (...)
Klingt irgendwie schon nach Zwei-Klassen-Medizin.
Nur, all die schönen Ergebnisse sind nur bedingt das Papier wert, auf dem sie veröffentlicht wurden (oder müsste man inzwischen 'pdf' statt 'Papier' schreiben?), denn:
"Streng genommen, handelt es sich hier zumeist um Hypothesen, die in weiteren Studien noch eingehender überprüft werden sollten. (...) Methodische Schwächen zeigen sich vor allem bei elf der insgesamt 18 Untersuchungen, da bei ihnen keine statistische Kontrolle weiterer Variablen wie Alter, Geschlecht und Einkommen vorgenommen wurde. Zwar liegen bei fünf dieser Arbeiten Daten zu möglichen „Störfaktoren" vor, dennoch wenden die Autoren kein multivariates Analyseverfahren an. Auch werden nur in einer der elf Studien statistische Tests zur Kontrolle von Zufallsfehlern angewendet."
Auf Deutsch: Ein Großteil der Forscher hat Daten gesammelt, sie schön zusammengestellt und geschaut, ob sie irgendwelche Muster finden ("bei PKVlern ist das so", "bei GKVlern ist das so") und waren zufrieden.
Ob es sich dabei aber um echte Muster und Zusammenhänge handelt, haben sie in den meisten Fällen gar nicht überprüft.
Sind Menschen in der GKV meist kränker als Menschen in der PKV, weil sie in der GKV sind (und vielleicht schlechter versorgt?) oder liegt es daran, dass sie im Durchschnitt älter sind oder ein geringeres Einkommen haben und PKVler eine höhere Bildung haben und sich gesundheitsbewusster verhalten? (das sind sog. "Confounder" oder "Störfaktoren", also Faktoren, die man berücksichtigen muss, wenn man ein Ergebnis bekommt, weil sie vielleicht die eigentliche Ursache für dieses Ergebnis sind).
So genau kann man das wohl nicht sagen, weil einige Forscher sich scheuen ihre aufgespürten Muster mit statistischen Verfahren gegen zu checken (und damit Gefahr laufen, dass sich das schöne Ergebnis in Luft auflöst).
Einschub: Ein paar Forscher haben das gemacht und es lösen sich nicht alle Unterschiede auf, was darauf hinweist, dass es tatsächlich Unterschiede gibt. Z.B. bestätigt sich die Beobachtung, dass GKVler länger beim Arzt warten müssen und häufiger Generika bekommen, während PKVler eher "innovative, patentgeschütze Medikamente" bekommen. Ob das mit den Generika letztlich ein so erheblicher Nachteil ist, der sich das auf ihre Gesundheit und letztlich ihre Sterblichkeit auswirkt, ist allerdings fraglich, weil wir ja wissen, das neu und innovativ nicht immer besser ist).
Ich finde das ärgerlich mit der fehlenden statistischen Analyse. Als ob ein beträchtlicher Teil der Forscher immer nur die Hälfte der Arbeit gemacht hätte.
Die Bayern sagen: g'schlampert.
Damit liefern sie Stoff für Phantomdebatten über Phantomergebnisse, weil die präsentierten Ergebnisse möglicherweise nur in der Datensammlung vorhanden sind und nicht in der Realität.
Aber warum ist das so? Unvermögen, mangelnde Ausbildung, Absicht? Keine Ahnung. Wahrscheinlich wie immer von jedem ein bisschen.
Wer kann's mir erklären?
Wie soll man eine vernünftige Debatte führen, wenn die Ergebnisse auf so wackligen Füßen stehen?
Ich habe eine der Autorinnen angeschrieben, und sie gefragt, ob sie eine Erklärung dafür hat.
Disclaimer: Ich bin gesetzlich versichert und hege eine gewisse Sympathie für dieses System im Gegensatz zum privat versicherten System.
Autor: Marcus Anhäuser· 22.09.10 · 09:55 Uhr· 47 Kommentare
18. August 2010
Wer ist Jürgen Windeler?
Kategorie: Medizin · Kommentare: 12
Kurzer Lesetipp zu einem lesenswerten Artikel in der taz von Heike Haarhoff über den künftigen Chef des IQWiG Jürgen Windeler. Der Titel gibt die Richtung vor: Der Patientenfreund.
Zwei kurze Auszüge aus dem Beitrag: Windeler hatte ja angekündigt, dass er künftig auch den Nutzen von Medizinprodukten überprüfen lassen will. Das verspricht spannend zu werden:
"Anfang des Sommers ließ er in ersten Interviews durchklingen, er wolle die Nutzenbewertung von Medizinprodukten künftig stärker in den öffentlichen Fokus rücken. Denn im Bereich der künstlichen Gelenke, Implantate und Geräte gebe es, anders als bei den Arzneimitteln, bislang nicht einmal gesetzliche Zulassungsverfahren. Es war eine Frage von Stunden, bis er sich wahlweise auf Deutsch oder Englisch einen Vorgeschmack holen konnte auf die Wucht, mit der die Industrie solche scheinbar harmlosen Äußerungen pariert. Der "Falschaussage" wurde er geziehen, in Pressemitteilungen, in einem Leserbrief, gedruckt in knapper Millionenauflage. (...)Die harsche Kritik der Industrieverbände? "Ich stelle fest, dass meine Äußerungen angekommen sind", sagt er freundlich. "Dann kann man sich ansehen, was die Kritiker schreiben. Und dann muss man feststellen, dass sie Recht haben mit dem, was sie schreiben. Sie schreiben nämlich, dass es für Medizinprodukte doch selbstverständlich eine gesetzlich geregelte Überprüfung der Sicherheit gibt. Das war aber nicht meine Aussage. Meine Aussage war ..."
Er duldet jetzt keine Unterbrechung, er hat hier etwas mitzuteilen, also: "Meine Aussage war, es gibt keine Zulassung, schon gar nicht wie bei Arzneimitteln. Und genauso richtig bleibt meine Aussage, dass es für Medizinprodukte eben auch nicht als Zugangsvoraussetzung einen Wirksamkeits-, geschweige denn einen Nutzennachweis gibt. Deswegen ist es erlaubt, darauf hinzuweisen, dass hier mit zweierlei Maß gemessen wird."
Zum Thema Solidarität im Gesundheitssystem hat er eine angenehm klare Haltung:
Professor Windeler, was ist ein gerechtes Gesundheitssystem?"Jeder im Gesundheitssystem muss eine gesundheitliche Versorgung nach seinem Bedarf bekommen, und zwar unabhängig davon, ob er für seine Erkrankung irgendeine sogenannte Schuld trägt oder nicht."
Sogar die Raucher?
"Ich habe ein Herz für Raucher, weil sie natürlich die Freiheit haben, und ich meine die Freiheit haben müssen, sich zu schaden. Ich finde nicht, dass das Konsequenzen für eine gerechte, solidarisch finanzierte Versorgung haben sollte."
Autor: Marcus Anhäuser· 18.08.10 · 11:30 Uhr· 12 Kommentare
24. Juli 2010
Lesetipp: Das Placebo in der Medizin (Nachtrag)
Kategorie: Medizin · Kommentare: 25
Weil wir gerade vom Placebo sprachen, diesem Ding, dass so viel verspricht, aber vielleicht gar nicht so viel halten kann. Wer sich ins Thema einlesen will, dem empfehle ich eine aktuelle Veröffentlichung der Bundesärztekammer.
Die hat im März eine Stellungnahme zum Thema "Placebo in der Medizin" herausgegeben. Bei einer Organisation wie der Bundesärztekammer fällt eine 'Stellungnahme' gerne mal etwas länger aus. Das ist in dem Fall erfreulich, denn auf diese Weise erhält man eine 150-seitige Abhandlung zum Thema, das auf dem aktuellen Stand der Forschung ist:
"(...) hat der Vorstand der Bundesärztekammer den Wissenschaftlichen Beirat im Juli 2007 damit beauftragt, einen Arbeitskreis „Placebo" einzurichten. Nach knapp zweijähriger Arbeit einer interdisziplinär zusammengesetzten Expertengruppe liegt nun eine umfassende Stellungnahme vor, die beide Bereiche des Einsatzes von Placebo, Klinische Studien, und alltägliche therapeutische Praxis, gleichermaßen berücksichtigt."
Besonders praktisch finde ich das Glossar und eine Tabelle, in der einzelnen Begriffe wie 'reines Placebo' oder 'Nocebo' noch mal ganz kurz erklärt werden.
Hilfreich ist auch der Literaturüberblick, der zu jedem Kapitel mehrere Seiten umfassen kann. Praktischer wäre es allerdings gewesen, die einzelnen Titel auch zu verlinken.
Wer sich, in deutsch, ins Thema einlesen will, für den ist die Stellungnahme der Bundesärztekammer 'Placebo in der Medizin' sicher ein guter Einstieg.
Dass die Autoren eines so offiziellen Dokumentes durchaus auch über den Tellerrand geschaut haben, beweist zumindest der Einstieg in das Dokument, das mit einem Auszug aus einem Platon-Text beginnt (gefolgt von einem Dialog aus Donizettis Liebestrank):
"Doch als er mich fragte, ob ich das Mittel wider das Kopfweh wisse, antwortete ich nicht ohne Mühe, ich wisse es. Worin besteht es nun? fuhr Charmides fort. Und ich erwiderte, daß es ein Blatt sei, zu dem Mittel aber noch ein Spruch gehöre, und daß, wenn jemand diesen spreche, beim Gebrauch von jenem das Mittel durchaus gesund mache; ohne den Spruch aber sei das Blatt nichts nütze."Platon, Charmides 155C/156A, übersetzt von L. Georgii
(via GWUP)
Nachtrag:
Im Ärzteblatt gibt es ein Interview mit Robert Jütte, Vorstand des wissenschaftlichen Beirats der Bundesärztekammer. Er ist übrigens kein Mediziner, sondern Professor für Medizingeschichte.
(via Stationäre Aufname)
Autor: Marcus Anhäuser· 24.07.10 · 09:47 Uhr· 25 Kommentare
21. Juli 2010
Bei Tieren gibt es (k)einen Placeboeffekt (Update 6.2.10)
Kategorie: Medizin · Kommentare: 237
Das ist jetzt fast ein bisschen dreist und ich hoffe, Kollege Winfried Köppelle vom Laborjournal sieht mir das nach und erkennt den guten Kern darin. Ich ziehe hier mal einen seiner Kommentare nach vorne, der die Frage beantwortet, ob es bei Tieren einen Placeboeffekt gibt ...
Autor: Marcus Anhäuser· 21.07.10 · 14:43 Uhr· 237 Kommentare
14. Juli 2010
Das müssen wir klären: Warum immer nur Edzard Ernst? (Nachtrag 15.7.)
Kategorie: Medizin · Kommentare: 91
Dass mich hier keiner falsch versteht: Das ist jetzt kein Ball, den ich den Homöopathen zuspiele (er wird wahrscheinlich trotzdem aufgenommen werden), sondern eine Frage an meine Zunft, den Medizinjournalismus: Wie kommt es eigentlich, dass in Beiträgen zur Homöopathie eine Person mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit die Position des Kritikers der Homöopathie einnimmt? Das müssen wir klären, Leute. Und das geht auch die Medizinforscher an.
Autor: Marcus Anhäuser· 14.07.10 · 12:40 Uhr· 91 Kommentare
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