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Marcus Anhäuser betreibt Plazeboalarm seit April 2005. Er ist Wissenschaftsjournalist in Dresden und Leitender Redakteur von medien-doktor.de.
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26. November 2010
Asse und der Krebs: Hatte niemand beim NDR die Chuzpe 'Nein' zu sagen?
Kategorie: Naturwissenschaften · Kommentare: 32
Ich sollte das nicht tun. Meinen Ärger über den NDR verbloggen. Aber irgendwo muss er hin der Ärger, mit dieser Meldung über die Krebsfälle und die Asse.
Lieber NDR, lass' sie doch bitte sein, diese Asse-Meldung. Lösch sie einfach, diese Meldung über Asse und die Krebsfälle, in der Dinge drin stehen wie:
"Nach Angaben des Niedersächsischen Sozialministeriums gegenüber dem NDR Regionalmagazin "Hallo Niedersachsen" liegt bei Männern die Zahl der Neuerkrankungen im Untersuchungszeitraum bei zwölf - statistisch erwartbar wären 5,2. Die Erkrankungsratefür Schilddrüsenkrebs bei Frauen hat sich laut der Untersuchung des Epidemiologischen Krebsregisters Niedersachsen (EKN) sogar verdreifacht. Die Erkrankungshäufigkeit für Leukämien bei Frauen ist ebenfalls erhöht, allerdings nicht signifikant (...)
Oder ein solcher Bilduntertitel:
"Rund um das ehemalige Bergwerk Asse gibt es eine deutliche Zunahme von Krebserkrankungen."
Diese ganze andere hin und her, wer was sagte ("nicht gefährlich", "doch gefährlich"),auf das will ich gar nicht eingehen.
Warum habt ihr das gemacht? Hättet ihr nicht noch ein bisschen warten können? Bis man mehr weiß, außer diesen nackten Zahlen, die rein gar nichts besagen?
Zum Glück gibt es Kollegen, die es blicken.
Heute mittag etwa erklärte Wissenschaftsjournalistin Dagmar Röhrlich beim DLF:
"Man weiß nicht, waren es Mitarbeiter der Asse, die jetzt beispielsweise bei den Männern in die Statistik reinschlagen. Es ging 2009 durch die Presse, dass mehrere Mitarbeiter der Asse an Krebs erkrankt sind. Fallen die jetzt darunter? Wann sind sie an Krebs erkrankt? Was sind das für Krebse? Das muss man dann alles einmal genau anschauen. Auf der anderen Seite ist es so, wenn man sich jetzt den Jahresbericht anschaut von 2002, 2005 oder jetzt den jüngsten, 2006, 2007, dann stellt man plötzlich fest, dass andere Landkreise durchaus auch bei diesen Leukämien oder Schilddrüsenkrebsen im früheren Zeitraum höhere Fälle haben, höhere Neuerkrankungen haben als Wolfenbüttel beziehungsweise dieser gesamte Landkreis in dieser Gegend."
Oder:
"Es kann Zufall sein. Die Erkrankungen sind ja da, aber es kann ein statistischer Effekt sein - das ist immer möglich bei der einen Sache - und es kann sein, dass Leute zugezogen sind. Man weiß nicht, waren es starke Raucher, wie sind die Lebensumstände. Das sind alles Sachen, die geklärt werden müssen, um so eine Medizinstatistik wirklich sauber zu führen. Das ist sehr aufwendig und man muss viele verschiedene Risiken betrachten."
Heute Abend hat es dann Markus Becker von Spiegel Online auf seine gewohnt direkte Art geschrieben:
"Was diese Zahlen über eine erhöhte Krebsgefahr durch das Atommülllager aussagen? Rein gar nichts."
Zur Ergänzung hat er die Zahlen schön anschaulich nochmal erklärt, und das klingt mit dem verdreifachten Risiko bei Frauen und Schilddrüsenkrebs gar nicht mehr so dramatisch (für die Frauen ist das dramatisch, aber der reine Zahlenanstieg ist es nicht):
"Demnach erkrankten unter den rund 10.000 Bewohnern der Samtgemeinde Asse - die aus sieben Einzelgemeinden besteht - von 2002 bis 2009 insgesamt 18 Menschen an Leukämie, darunter zwölf Männer und sechs Frauen. Gemessen am bundesweiten Durchschnitt seien aber nur acht Fälle zu erwarten gewesen, teilte das niedersächsische Sozialministerium mit. Das Risiko für Frauen, an Schilddrüsenkrebs zu erkranken, sei gar um das Dreifache erhöht gewesen: Zehn Frauen seien betroffen gewesen, obwohl es statistisch nur 3,3 hätten sein sollen."
Einerseits gilt dies:
"Zudem sei die Zahl der Krebsfälle in der Asse-Region so gering, dass schon die zufällige Abweichung vom bundesweiten Durchschnitt eine prozentual deutliche Steigerung verursachen könne, erklärt Krebsexperte Becker."
Außerdem gilt das:
"Die Daten des EKN sind vollständig anonymisiert. Und sie enthalten lediglich das Geschlecht der Krebspatienten. Der genaue Wohnort - der für die Abschätzung eines strahlenbedingten Krebsrisikos wichtig wäre - fehlt. Das gleiche gilt für andere Faktoren, die für das individuelle Krebsrisiko eine entscheidende Rolle spielen, wie etwa der Beruf und das Alter der Betroffenen. Aus den Daten ist nicht einmal ersichtlich, ob die Patienten direkt im Atommülllager gearbeitet haben oder nicht."
Aber der NDR hat's erstmal rausgehauen, dann den üblichen Stimmenwirrwarr dazu eingefangen (Ausgewogenheit ist wichtig) - und die Aufmerksamkeit ist dem Sender gewiss. Was für ein Scoop.
Dabei gilt doch das:
"So etwas muss man vorher prüfen, bevor man mit solchen Zahlen an die Öffentlichkeit geht", kritisiert Nikolaus Becker, der am Deutschen Krebsforschungszentrum das epidemiologische Krebsregister von Baden-Württemberg leitet.
Fettung von mir. NDR. Mann. VORHER.
Es hätte doch auch jemand "Nein." sagen können. "Nein, das bringen wir noch nicht, weil es viel zu früh dazu ist. Weil wir zu wenige Informationen haben. Weil wir die Leute vielleicht unnötig verängstigen. Deshalb bringen wir es (jetzt) nicht. Lasst uns abwarten, bis wir mehr wissen."
Hatte keiner die Chuzpe?
Autor: Marcus Anhäuser· 26.11.10 · 20:58 Uhr· 32 Kommentare
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