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Lässige Texte über haarsträubende Wissenschaft und den ganzen Rest. Marcus Anhäuser betreibt Plazeboalarm seit April 2005. Er ist Wissenschaftsjournalist in Dresden und Leitender Redakteur von medien-doktor.de.

Archiv September 2010

27. September 2010

Was ist der Unterschied zwischen der Wirkung Wirksamkeit und dem Nutzen eines Medikaments?

Kategorie: Medizin  ·  Kommentare: 177

Das bringen Menschen immer wieder durcheinander oder sie setzen es gleich. Die Wirkung Wirksamkeit eines Medikaments und sein Nutzen. Gerade zu lehrbuchmäßig hat es jetzt Markus Grill auf Spiegel Online erklärt:

"Wenn ein neues Medikament auf den Markt kommt, unterscheiden Mediziner zwischen Wirksamkeit und Nutzen. Ein Cholesterinsenker zum Beispiel ist dann wirksam, wenn er die Blutfettwerte senkt und seine Nebenwirkungen sich in Grenzen halten.

Sind diese Voraussetzungen erfüllt, wird das neue Medikament zugelassen. Der Nutzen dagegen zeigt sich oft erst später: Er tritt dann zutage, wenn Patienten tatsächlich weniger Herzinfarkte oder Schlaganfälle bekommen als ohne das Präparat - oder wenn sie schlicht länger leben.

Doch der Zusammenhang zwischen Wirksamkeit und Nutzen existiert häufig gar nicht. Manchmal verbessern sich zwar Cholesterinwerte, Blutdruck oder das Wachstums eines Tumors wird gebremst - den Patienten geht es aber trotzdem nicht besser. Sie leben nicht länger, sie bekommen genauso häufig Herzinfarkte oder Schlaganfälle wie ohne das Präparat. Es haben sich also nur die messbaren Werte geändert - sonst nichts. Solche Präparate verfügen über keinen "patientenrelevanten Nutzen", wie die Fachleute sagen.

Pharmakonzerne stellen dagegen gern die Wirksamkeit ihrer Pillen in den Vordergrund, die Nutzendebatte mögen sie nicht besonders. Hintergrund: Unabhängige Wissenschaftler entdecken häufig, dass viele angebliche Neuheiten zwar im Körper wirken, aber keinen Vorteil gegenüber bisherigen Präparaten haben. Es handelt sich also um "Scheininnovationen"."

D.h. ein Arzneimittel kann wirken, zugelassen sein, aber es nützt nichts.

Des weiteren berichtet Grill von der Unmöglichkeit einen nicht vorhandenen Nutzen eines Medikaments zu beweisen und warum das aber künftig trotzdem gefordert ist, wenn es um die Zulassung eines Medikaments geht und welche Rolle dabei die Pharmalobby spielt.


Autor: Marcus Anhäuser· 27.09.10 · 15:24 Uhr· 177 Kommentare

22. September 2010

Zwei-Klassen-Medizin gibt's, ja, aber vielleicht auch nicht, weil ...

Kategorie: Medizin  ·  Kommentare: 47

Im aktuellen Bundesgesundheitsblatt gibt es eine Übersichtsarbeit (hier als pdf, jetzt nicht mehr) zur Lage der Krankenversicherten. Zwei Gesundheitsforscher haben sich Studien angesehen, in denen gesetzlich Versicherte mit privat Versicherten verglichen werden. Es geht um Fragen wie: Wer wird besser oder schlechter behandelt? Wer muss länger warten? Wer bekommt welche Medikamente? Kurz: Wer ist besser versorgt?

Journalistisch zugespitzt lautet die Frage: Gibt es in Deutschland eine Zwei-Klassen-Medizin, die dazu führt, das Menschen, die privat versichert sind, auch besser versorgt sind?

Die Antwort der Autoren dieser Arbeit erscheint erst einmal eindeutig, insofern, dass es offenbar klare Unterschiede gibt:

PKV-Versicherte erhalten häufiger innovative, patentgeschützte Medikamente und seltener Generika, sie müssen nicht so lange auf einen Arzttermin warten, sie gehen seltener zu einem praktischen Arzt (beziehungsweise Arzt für Allgemeinmedizin), sie werden bei Organtransplantationen offenbar bevorzugt, sie können Zuzahlungen finanziell besser verkraften, und sie fühlen sich vom Arzt besser verstanden.

Dass GKV-Versicherte schon irgendwie im Nachteil sind, darauf weisen auch Aussagen hin wie:

(...) weisen alle Studien übereinstimmend darauf hin, dass die GKV- Versicherten zumeist kränker sind als die PKV-Versicherten.(...)

(...) Eine Benachteiligung der GKV-Versicherten deutet sich zum Beispiel bei Organ-Transplantationen an, bei der finanziellen Belastung durch Zuzahlungen, bei den Wartezeiten und beim Eingehen des Arztes auf den Patienten. (...)

(...) Offenbar erhalten PKV-Versicherte in der ambulanten Versorgung (...) in der Regel häufiger einen kurzfristigen Termin beim Arzt als GKV-Versicherte. (...)

(...) Es ist daher kaum erstaunlich, dass PKV-Versicherte bevorzugt behandelt werden. (...)

Klingt irgendwie schon nach Zwei-Klassen-Medizin.

Nur, all die schönen Ergebnisse sind nur bedingt das Papier wert, auf dem sie veröffentlicht wurden (oder müsste man inzwischen 'pdf' statt 'Papier' schreiben?), denn:

"Streng genommen, handelt es sich hier zumeist um Hypothesen, die in weiteren Studien noch eingehender überprüft werden sollten. (...) Methodische Schwächen zeigen sich vor allem bei elf der insgesamt 18 Untersuchungen, da bei ihnen keine statistische Kontrolle weiterer Variablen wie Alter, Geschlecht und Einkommen vorgenommen wurde. Zwar liegen bei fünf dieser Arbeiten Daten zu möglichen „Störfaktoren" vor, dennoch wenden die Autoren kein multivariates Analyseverfahren an. Auch werden nur in einer der elf Studien statistische Tests zur Kontrolle von Zufallsfehlern angewendet."

Auf Deutsch: Ein Großteil der Forscher hat Daten gesammelt, sie schön zusammengestellt und geschaut, ob sie irgendwelche Muster finden ("bei PKVlern ist das so", "bei GKVlern ist das so") und waren zufrieden.

Ob es sich dabei aber um echte Muster und Zusammenhänge handelt, haben sie in den meisten Fällen gar nicht überprüft.

Sind Menschen in der GKV meist kränker als Menschen in der PKV, weil sie in der GKV sind (und vielleicht schlechter versorgt?) oder liegt es daran, dass sie im Durchschnitt älter sind oder ein geringeres Einkommen haben und PKVler eine höhere Bildung haben und sich gesundheitsbewusster verhalten? (das sind sog. "Confounder" oder "Störfaktoren", also Faktoren, die man berücksichtigen muss, wenn man ein Ergebnis bekommt, weil sie vielleicht die eigentliche Ursache für dieses Ergebnis sind).

So genau kann man das wohl nicht sagen, weil einige Forscher sich scheuen ihre aufgespürten Muster mit statistischen Verfahren gegen zu checken (und damit Gefahr laufen, dass sich das schöne Ergebnis in Luft auflöst).

Einschub: Ein paar Forscher haben das gemacht und es lösen sich nicht alle Unterschiede auf, was darauf hinweist, dass es tatsächlich Unterschiede gibt. Z.B. bestätigt sich die Beobachtung, dass GKVler länger beim Arzt warten müssen und häufiger Generika bekommen, während PKVler eher "innovative, patentgeschütze Medikamente" bekommen. Ob das mit den Generika letztlich ein so erheblicher Nachteil ist, der sich das auf ihre Gesundheit und letztlich ihre Sterblichkeit auswirkt, ist allerdings fraglich, weil wir ja wissen, das neu und innovativ nicht immer besser ist).

Ich finde das ärgerlich mit der fehlenden statistischen Analyse. Als ob ein beträchtlicher Teil der Forscher immer nur die Hälfte der Arbeit gemacht hätte.

Die Bayern sagen: g'schlampert.

Damit liefern sie Stoff für Phantomdebatten über Phantomergebnisse, weil die präsentierten Ergebnisse möglicherweise nur in der Datensammlung vorhanden sind und nicht in der Realität.

Aber warum ist das so? Unvermögen, mangelnde Ausbildung, Absicht? Keine Ahnung. Wahrscheinlich wie immer von jedem ein bisschen.

Wer kann's mir erklären?

Wie soll man eine vernünftige Debatte führen, wenn die Ergebnisse auf so wackligen Füßen stehen?

Ich habe eine der Autorinnen angeschrieben, und sie gefragt, ob sie eine Erklärung dafür hat.


Disclaimer: Ich bin gesetzlich versichert und hege eine gewisse Sympathie für dieses System im Gegensatz zum privat versicherten System.


Autor: Marcus Anhäuser· 22.09.10 · 09:55 Uhr· 47 Kommentare

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