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Lässige Texte über haarsträubende Wissenschaft und den ganzen Rest. Marcus Anhäuser betreibt Plazeboalarm seit April 2005. Er ist Wissenschaftsjournalist in Dresden und Leitender Redakteur von medien-doktor.de.

Archiv August 2010

25. August 2010

Sarrazin baut sich die Statistik selbst

Kategorie: Politik  ·  Kommentare: 351

Ich bin immer ganz sprachlos, wenn ich Dinge lese, die Herr Sarrazin so behauptet. Da geht es viel um Statistiken. 40 Prozent der Türken tun dies, 90 Prozent der Muslime tun das oder auch nicht, usw.usw. Ich will den Mist gar nicht wiederholen. Und da Statistiken ja Teil des täglichen Jobs eines Wissenschaftsjournalisten sind (auch wenn wir immer nur die Hälfte verstehen, während wir uns für die andere Hälfte jemanden jemanden suchen müssen, der es uns erklärt, was nicht schlimm ist, denn so geht es uns mit jedem Thema, und Leute suchen und finde ist ebenfalls Teil unseres Jobs), also weil wir viel mit Statistiken zu tun haben, lautet meine erste Frage immer:

"Woher weiß der das?"

Innerlich drängt es mich die Aussagen mal zu sammeln und gegenzuchecken. Natürlich ist das für mich, der ich nicht so bewandert bin in "gute Quellen für Einwandererstatistiken usw.", etwas aufwändig, und angesichts des Arbeitsberges auf meinem Schreibtisch hier derzeit, kommt halt ständig was dazwischen. Dann gibt es aber zum Glück Leute wie etwa Wolfgang Lieb, der in seinem Beitrag auf den NachDenkSeiten schon einiges zum zerpflücken Sarrazins beigetragen hat.

Den Besten und zugleich erschütterndsten Beitrag zur Demontage des Herrn Sarrazin hat allerdings Herr Sarrazin selbst geleistet. Und ich kann mir die Mühe dann auch gleich sparen seine Statistiken gegenzuchecken, prima.

Auf der Online-Seite des SZ-Magazins berichtet Tobias Kniebe nämlich, was Herr Sarrazin zum Thema Statistik zu sagen hat:

Es ging um die Frage, woher Sarrazins viel zitierte, im Brustton der Faktizität vorgetragene Behauptung eigentlich kommt, dass siebzig Prozent der türkischen und neunzig Prozent der arabischen Bevölkerung Berlins den Staat ablehnten und in großen Teilen weder integrationswillig noch integrationsfähig seien. Sarrazin gab zu, dass er keinerlei Statistiken dazu habe. Er gab zu, dass es solche Statistiken auch gar nicht gibt.

Bisher hat schlichtweg kein Meinungsforscher der türkischen und arabischen Bevölkerung Berlins diese Frage gestellt. Thilo Sarrazin behauptet also etwas, von dem er schlicht und einfach nichts weiß. Wenn man aber keine Zahl hat, erklärte Sarrazin dem Reporter weiter, muss »man eine schöpfen, die in die richtige Richtung weist, und wenn sie keiner widerlegen kann, dann setze ich mich mit meiner Schätzung durch«. Danke dafür. Hier zeigt das, was wir derzeit »Debatte« nennen, wenigstens einmal seine erschreckende Fratze.

Es geht darum, schwachsinnige, ideologische, gefährliche Pseudofakten in die Welt zu setzen und irgendjemand anderem die mühsame und kostspielige Arbeit zu überlassen, den Schwachsinn faktisch und wissenschaftlich zu widerlegen. Was natürlich unmöglich ist.

Kniebe findet das gewissenlos.

.... ja, ist das. (Den Rest behalte ich für mich).

(via @saschalobo)

Nachtrag 2.9. (wg. Krankheit so spät):
In den Kommentaren wird erklärt, woher das Zitat stammt, auf das sich Kniebe bezieht:

Das im Blogpost zitierte Interview findet sich der Süddeutschen Zeitung vom 1.3.2010 auf Seite 3.

Autor war Stefan Klein.


Autor: Marcus Anhäuser· 25.08.10 · 20:09 Uhr· 351 Kommentare

18. August 2010

Wer ist Jürgen Windeler?

Kategorie: Medizin  ·  Kommentare: 12

Kurzer Lesetipp zu einem lesenswerten Artikel in der taz von Heike Haarhoff über den künftigen Chef des IQWiG Jürgen Windeler. Der Titel gibt die Richtung vor: Der Patientenfreund.

Zwei kurze Auszüge aus dem Beitrag: Windeler hatte ja angekündigt, dass er künftig auch den Nutzen von Medizinprodukten überprüfen lassen will. Das verspricht spannend zu werden:

"Anfang des Sommers ließ er in ersten Interviews durchklingen, er wolle die Nutzenbewertung von Medizinprodukten künftig stärker in den öffentlichen Fokus rücken. Denn im Bereich der künstlichen Gelenke, Implantate und Geräte gebe es, anders als bei den Arzneimitteln, bislang nicht einmal gesetzliche Zulassungsverfahren. Es war eine Frage von Stunden, bis er sich wahlweise auf Deutsch oder Englisch einen Vorgeschmack holen konnte auf die Wucht, mit der die Industrie solche scheinbar harmlosen Äußerungen pariert. Der "Falschaussage" wurde er geziehen, in Pressemitteilungen, in einem Leserbrief, gedruckt in knapper Millionenauflage. (...)

Die harsche Kritik der Industrieverbände? "Ich stelle fest, dass meine Äußerungen angekommen sind", sagt er freundlich. "Dann kann man sich ansehen, was die Kritiker schreiben. Und dann muss man feststellen, dass sie Recht haben mit dem, was sie schreiben. Sie schreiben nämlich, dass es für Medizinprodukte doch selbstverständlich eine gesetzlich geregelte Überprüfung der Sicherheit gibt. Das war aber nicht meine Aussage. Meine Aussage war ..."

Er duldet jetzt keine Unterbrechung, er hat hier etwas mitzuteilen, also: "Meine Aussage war, es gibt keine Zulassung, schon gar nicht wie bei Arzneimitteln. Und genauso richtig bleibt meine Aussage, dass es für Medizinprodukte eben auch nicht als Zugangsvoraussetzung einen Wirksamkeits-, geschweige denn einen Nutzennachweis gibt. Deswegen ist es erlaubt, darauf hinzuweisen, dass hier mit zweierlei Maß gemessen wird."

Zum Thema Solidarität im Gesundheitssystem hat er eine angenehm klare Haltung:

Professor Windeler, was ist ein gerechtes Gesundheitssystem?

"Jeder im Gesundheitssystem muss eine gesundheitliche Versorgung nach seinem Bedarf bekommen, und zwar unabhängig davon, ob er für seine Erkrankung irgendeine sogenannte Schuld trägt oder nicht."

Sogar die Raucher?
"Ich habe ein Herz für Raucher, weil sie natürlich die Freiheit haben, und ich meine die Freiheit haben müssen, sich zu schaden. Ich finde nicht, dass das Konsequenzen für eine gerechte, solidarisch finanzierte Versorgung haben sollte."


Autor: Marcus Anhäuser· 18.08.10 · 11:30 Uhr· 12 Kommentare

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