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Marcus Anhäuser betreibt Plazeboalarm seit April 2005. Er ist Wissenschaftsjournalist in Dresden und Leitender Redakteur von medien-doktor.de.
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25.08.09 · 09:16 Uhr
Eliteuni, in der Stadt am CH20? (Update 28.8.)
Kategorie: Naturwissenschaften · Kommentare: 29
Ooh, wenn das die Jungs und Mädels von der Eliteuni sehen ...
Konstanz ist die Stadt am - Wasser, okay (Der Bodensee ist voll davon.)
Wie war die chemische Strukturformel für Wasser? Oder fragen wir anders: Was glauben die Werbegrafiker dafür zu halten, die das Plakat "Konstanz, die Stadt am H20" umgesetzt haben?
(Ausschnitt aus dem Plakat, das man hier in Gänze sehen kann)
Kann man in Formaldehyd schwimmen? (Formaldehyd musste ich aber auch schnell nachschauen und es fehlt auch die Doppelbindung vom Sauerstoff ..)
Oh, Leute ... was man alles falsch machen kann ist doch immer wieder erstaunlich.
(Fischer hat's gefunden, dort gibt's auch ein Foto vom Plakat)
Erstaunlich ist auch, dass die Kampagne wohl schon Ende Mai gestartet wurde ... ist bisher niemandem aufgefallen?
Hier mal zum Vergleich die Strukturformeln von H20 (Wasser, links) und CH2O, (Formaldehyd, rechts):
Und der Einfachheit halber haben sich Chemiker darauf geeinigt, dass man das "C" für Kohlenstoff auch weglassen kann ... (weil man sonst bei größeren Molekülen und in der organischen Chemie (früher auch bekannt als Kohlenstoffchemie) die Struktur vor lauter "C" nicht mehr erkennt ... da schreibt man sich ja sonst die Finger wund ... aber das kann Fischer sowieso besser erklären).
Nachtrag: In den Kommentaren erklärt Lars Fischer auch, warum die Doppelbindung vom Sauerstoff (O) zum Kohlenstoff (C oder eben weggelassen) auch nicht notwendigerweise in der Strukturformel angegeben werden muss.
Zusatz: Und warum im Text die "2" in H2O tiefer gestellt ist, aber in der Überschrift nicht, kann man hier nachlesen.
Update 15:00:
Der Geschäftsführer der Konstanzer Stadtmarketing GmbH Hilmar Wörnle antwortet auf die spöttische Kritik am Plakat auf Lars Fischers Blog.
Er fühlt sich irgendwie falsch behandelt, habe ich den Eindruck:
"Und um es kurz zu machen, ein Element wie auf dem Werbebild abgebildet, gibt es nicht. Ich könnte jetzt lange erklären warum es in dieser Form auf dem Plakat ist, doch habe ich den Eindruck, dies interessiert gar nicht. Wichtiger ist es aus einem überflüssigen Symbolstrichlein eine ganze Kampagne, einzelne Firmen und Einrichtungen eine ganze Stadt mit all' Ihren Wissenschaftseinrichtungen zu beschädigen. Es verwundert mich, daß viele angehende Wissenschafter nicht die Frage nach dem „Warum machen die das so", sondern gleich das Ergebnis ("Unfähigkeit, Deppen, Peinlichkeit, Idioten, Penner") postulieren ...".
Gleich kam natürlich die Frage auf, woher er die "Unfähigkeit, Deppen, Peinlichkeit, Idioten, Penner" hat. Außerdem fragen sich einige auch zurecht, wer hier einzelne "Firmen und Einrichtungen eine ganze Stadt mit all' ihren Wissenschaftseinrichtungen" beschädigt". Der Verursacher oder die Kritiker.
Mich würde natürlich schon interessieren, was sich die Plakatmacher dabei gedacht haben.
Update 16:00:
Herr Wörnle gibt noch ein paar mehr Infos bei Lars in den Kommentaren. Er nimmt's auf seine Kappe, auch wenn es "einer größeren Gruppe von Leuten beim Auswahlprozess aus 30 Vorschlägen" nicht aufgefallen sei.
Offenbar ist das schon länger bekannt:
"Auch haben wir, als uns der Lapsus erstmals auffiel Kontakt mit leitenden Chemikern der Industrie aufgenommen und um Ihre Meinung gefragt. Hier wurde Entwarnung signalisiert und ein eher entspannter Umgang emfohlen."
Klingt alles in allem nach: Shit happens ...
Oder sollte da doch noch tieferes, kreatives Geheimnis hinter stecken, das uns Wissenschaftsaffinen nicht aufgeht? Sind wir zu pingelig?
Dann erklärt's uns. Bitte.
Update 27.8.:
SpOn hat das Thema aufgegriffen. Herr Wörnle erklärt nochmal, dass die Uni nichts damit zu tun hat.
Fischer freut sich über steigende Besucherzahlen bei den Scilogs.
Update 28.8.:
Auch die SZ hat das Thema kurz aufgegriffen. In der Bildunterschrift tut sich der Autor allerdings auch ein wenig schwer mit der Strukturformel:
"Die Strukturformel ergibt nicht Wasser, sondern ähnelt am ehesten Formaldehyd, sagen Chemiker: Die Verbindung zwischen den beiden Hs und dem O erinnere eher an die Doppelbindung bei Formaldehyd - auch wenn das C fehlt, was Chemiker aber in der Regel weglassen." (Fettung durch mich)
Es bleibt schwer ...
Fischer hat nichts von dem Artikel, da die SZ nicht verlinkt ...
Ein paar Regionalzeitungen haben das Thema auch aufgegriffen.
Und Blogkollege Ernst Peter Fischer (nicht verwandt mit Lars Fischer, nehme ich an) vom Wissenschaftsfeuilleton nebenan - in Konstanz lebend und an der Eliteuni arbeitend - kann dem Ganzen sogar noch etwas positives abgewinnen:
" ... und immerhin wissen jetzt mehr Menschen, wie Formaldehyd aussieht."
... na zumindest so ungefähr ...
Autor: Marcus Anhäuser· 29 Kommentare· Permalink· Trackback-URL
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Kommentare (29)
Dem Bodensee traue ich inzwischen alles zu.
Na, das nenne ich mal ein konservatives Gewässer! Aber das Stadtmarketing trifft damit den Markenkern, denn was erwartest Du von Konstanz - Dynamik?
Ich bin nun kein Chemieexperte, aber was soll denn da falsch sein?
Formaldehyd hat ja wohl noch ein Kohlenstoffatom drinnen
http://de.wikipedia.org/wiki/Formaldehyd
Na, das nenne ich mal ein konservatives Gewässer! Aber das Stadtmarketing trifft damit den Markenkern, denn was erwartest Du von Konstanz - Dynamik?
@Zweifler
hab's weiter unten noch ergänzt, ich ahnte schon, dass die Frage kommt ...
Bevor jemand anderes den offensichtlichen Spruch bringt: Wenn man bedenkt, wie gefährlich dieses Dihydrogenmonoxid (DHMO) ist, ziehen die Konstanzer eben Formaldehyd vor.
[ nerdcontent ]
Bezüglich der Doppelbindung: Ich hab mir verkniffen, das im Detail auszuführen. Die dargestellte Struktur entspricht stöchiometrisch, geometrisch und topologisch dem Formaldehyd. Die grafische Darstellung der höheren Bindungsordnung ist zwar eine übliche Konvention, man darf aber nicht vergessen, dass diese Darstellung von Bindungen schon bei geringfügig komplexeren Molekülen wie Benzen ausgesprochen problematisch wird, ganz zu schweigen von Borverbindungen oder ähnlichen Scherzen.
[ /nerdcontent ]
@Fischer
so wollte ich das auch ungefähr beschreiben ;-)
Autsch, das ist wirklich reichlich peinlich. Es würde mich aber überhaupt nicht wundern, wenn sich die Werbeleute mit voller Absicht fürs Formaldehyd entschieden haben, nur weil es auf dem Plakat besser aussieht.
@Feldspat
so könnte das gewesen sein. Komischerweise denke ich bei solchen Sachen immer auch an virales Marketing, so nach dem Motto: Wir bauen absichtlich einen blöden Fehler rein, die klugscheißenden Blogger stürzen sich drauf und verbreiten es schön ... usw.
Naja, andererseits startet man eine virale Kampagne nicht unbedingt mit Großplakaten. Das wäre schon eine sehr ungewöhnliche Strategie, wenn man auf das Internet zielt.
Habe mich übrigens der Einfachheit halber bei deinen Strukturformeln bedient. Hoffe, das ist OK.
@Fischer
"bei deinen Strukturformeln bedient. Hoffe, das ist OK."
sowieso, ich hab mir ja auch deinen Plakatausschnitt geklaut.
Das ist doch typisch. "Wir sparen uns diese teuren Agenturen, mach da nen Studi-Wettbewerb draus, das kost uns nix und ist auch nett"
Das ist nicht viral, das ist einfach an der falschen Stelle gespart, wie so oft...
Ich find die Idee genial. Das Plakat klebt an jeder Strassenecke und verkündet etwas, dass in Konstanz sowieso jeder weis und daher schaut auch keiner genauer hin. Jetzt hat man aber einen Aufmerksamkeitserreger .
Übrigens hat sich der Verantwortliche für die Plakatkampagne inzwischen ääh... geäußert.
Ausgewählte O-Töne: "Unfähigkeit, Deppen, Peinlichkeit, Idioten, Penner, Katzendreck" ^^ Auch nicht schlecht...
@Fischer
hab' schon drauf hingewiesen.
Uff. Ich hoffe von ganzen Herzen, dass das wirklich nur ein Aufmerksamkeitsfehler gewesen ist - was zugegeben peinlich genug wäre, immerhin ist H2O so ziemlich die einzige chemische Verbindung (und ganz sicher kein Element, wie Herr Wörnle es bezeichnet), welches alle Bürger irgendwie irgendwoher kennen. Denn wenn die Gestalter sich wahrhaftig für ein "nicht-ganz-korrektes" Methanal entschieden haben, weil es sich schöner macht, statt auf "echtes" H2O, wie es im Slogan steht, dann ist das Bild der Chemie in der Gesellschaft ernsthaft gestört. ("Wir ändern was uns an der Wissenschaft nicht gefällt.")
Grüße
Ob's den Jungs vielleicht einfach um die Anmutung einer chemischen Formel ging ...
Ich weiß es nicht. Aber vielleicht kann es uns Herr Wörnle erklären. Fände ich wirklich gut. Die haben a schon eine ganz andere Herangehensweise ...
aber trotzdem ...
Witzig finde ich ja die Rechtfertigung, sie hätten die Formel "reduziert" - aus graphischen Gründen.
Die haben anscheinend immer noch nicht gerafft, dass da was zuviel ist. Wie man aus graphischen Gründen etwas reduziert, indem man was hinzufügt, was in ein Wassermolekül nicht hingehört, muss mir echt einer erklären.
Aber interessant, wie ein Marketing- und PR-Fachmann mal eben in Fischers Kommentaren explodiert. Vielleicht sollte er selbst mal einen PR-Berater für die richtige Kommunikation im Internet konsultieren.
Ich muss aber ehrlich zugeben, dass ich selbst 10mal draufgeschaut habe und erst beim 11. Mal gesehen habe, was da falsch ist. Obwohl ich ja wusste, dass da was falsch ist. Fehler passieren halt, aber dann muss man nun mal mit dem Spott leben.
Zu behaupten, bei Wissenschaftlern und Grafikern würden zwei Welten zusammenprallen, wäre maßlos untertrieben: Wissenschaftlern geht es um formale Exaktheit, Grafikern (so meine Erfahrung nach vielen Jahren der Zusammenarbeit) um Ästhetik - dem muss sich alles unterordnen, am liebsten auch die Realität. Ich bin mir ziemlich sicher, dass die obige, symmetrische Struktur deshalb gewählt wurde, weil sie in der häufigen Wiederholung auf dem großen Plakat am besten aussah. Ob die Grafiker wussten, dass das chemisch falsch ist, ist zweitrangig. Am Ergebnis hätte das nichts geändert.
Geschlafen haben aber die Auftraggeber, die das - gerade weil es um eine Kampagne im Rahmen des Wissenschaftsjahres ging - nicht hätten durchwinken dürfen.
Das bemerkenswerte ist ja, dass Wasser tatsächlich in der Natur diese Hexagonstruktur annimmt, zumindest näherungsweise. Insofern ist die ästhetisch begründete Reduktion ziemlich unnötig.
vielleicht ist das die homöopathische Form *duckundweg*
Und dem Wissenschaftler ist die korrekte Formel eben die ästhetischere...
Wenn man unbedingt mit Kompetenz werben möchte - sollte man sie erstmal haben...
Als Graphiker und Wissenschaftler muß ich zugeben, die Plakate schön zu finden und an die alte Wissenschafts-Debatte von Schönheit = Wahrheit denken zu müssen (Kekulés Traum von der Benzolstruktur!), wofür ich meine Hände aber nicht in Formalin legen würde :-)
@Bernhard
da muss ich gar kein Graphiker sein, das gefällt mir auch, ich finde die Idee auch gut.
Blöd ist eben – vielleicht sehe ich das zu wissenschaftlich – wenn mir wissenschaftlicher Kompetenz geworben wird, dann kommt's einfach blöd, bei so einem simplen Ding wie H2O (zum Jahr der Wissenschaft).
Aber das ist ja auch geklärt, Wörnle hat ja gesagt, dass sie es verbockt haben. Finde ich gut, und gut ist damit.
Jetzt würde ich nur gerne von demjenigen wissen, als er das entwickelt hat, ob er mal Zweifel hatte, das das falsch sein könnte, oder als darüber entschieden wurde: Ist da keinem was aufgefallen? ... nicht um die bloß zu stellen, sondern einfach um zu sehen: Ja, so passiert das. Oder: Guck mal an. Selbst so ein einfaches Ding wie Strukturformel kennen viele Menschen nicht.
Fakt ist und bleibt, dass hier ein 'chemischer Rechtschreibefehler' vorliegt und das ist peinlich, wenn man sich einen NW-Anstrich geben will. Ein Webbung; wei deises hirr waere führ Gaisterwißenschafftler aouch painlich:
Einfach nicht ignorieren :-)
Wem schadet es, wem nützt es?
Die für die Diskussion über solch Marginalia investierte Zeit wäre mir persönlich zu wertvoll.
Mein Vorschlag: Haltet ein!
Konstanz ist jetzt "Schweinegrippe-frei" - „Forschung ist die beste Medizin“ eben!
Prost