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Marcus Anhäuser betreibt Plazeboalarm seit April 2005. Er ist Wissenschaftsjournalist in Dresden und Leitender Redakteur von medien-doktor.de.
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27.11.08 · 13:31 Uhr
Die ISS-Werkzeugtasche mit dem Feldstecher sehen?
Kategorie: Naturwissenschaften · Kommentare: 17
Kann man den verloren gegangen Werkzeugkasten der ISS tatsächlich mit dem Fernglas von der Erde aus beobachten? Wir haben mal beim Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt e.V. (DLR) angefragt und prompt detailiert Antwort bekommen. Fazit: (sehr) zweifelhaft.
Ali Arbia von zoon politikon hatte die Geschichte aufgegriffen, dass der Astronautin Heidemarie Stefanyshyn-Piper der Werkzeugkasten entglitten war (Video hier bei Jürgen auf Geograffitico) und der nun genau wie die ISS um die Erde kreist. Laut Medienberichten sollte man den Kasten sogar mit einem Feldstecher erkennen können.
Unser angeborener journalistischer Skeptizismus ließ uns natürlich daran zweifeln, dass man so einen kleinen Kasten tatsächlich mit dem Fernglas von der Erde aus erkennen könnte.
Also haben wir gestern beim Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt e.V. (DLR) angefragt, ob das denn realistisch sei.
Prompt kam eben eine detaillierte Antwort per E-Mail, die wir hier gerne veröffentlichen.
Herr Wilfrid Tost, Diplom Mathematiker und IT-Manager vom DLR am Berliner Institut für Planetenforschung hält das alles für (sehr) zweifelhaft.
Aber lest selbst.
Sehr geehrter Herr Anhäuser,ich bezweifle, das man die Tasche mit einem Feldstecher finden kann, schon
die generelle Sichtbarkeit unter idealen Bedingungen ist schwer zu
begründen.Ein Zahlenbeispiel: Die Werkzeugtasche ist ca. 40 cm lang und befindet sich
in 400 km Entfernung. Mit Faktor 1000 skaliert wäre dies eine 400 m große
Tasche in 400.000 km Entfernung. Einen 400 m großen Asteroiden in
Mondentfernung kann man sehr wohl sehen, vor allem, wenn er aus dem hellen
Material der Werkzeugtasche besteht, andererseits entdecken wir solche
Asteroiden aber nicht mehr mit einem Feldstecher, sondern benötigen dafür
schon ein gutes Teleskop.Selbst günstige Bedingungen vorausgesetzt (wie gut reflektiert die Tasche
wirklich, gibt es Verschlüsse aus reflektierendem Metall etc.) sollte der
Lichtfleck eher klein und unauffällig sein. Hier kommt das zweite Problem
hinzu: Während die ISS groß, hell und unübersehbar ist, muss man ohne
Anhaltspunkte den Ort der lichtschwachen Tasche am Himmel erahnen, finden
und als solches identifizieren. Das allein halte ich für das eigentliche
Problem, selbst wenn die Tasche unerwartet hell sein sollte. Würde die
Tasche der ISS unmittelbar folgen, so hätte man wenigsten einen schwachen
Anhaltspunkt über die Bahn und könnte auf den Lichtfleck warten, aber mit
dem Feldstecher in der freien Hand auf ein lichtschwaches Objekt zu warten,
von dem man nicht genau weiß, von wo es kommt und wohin es sich bewegt ???Mit der Kenntnis der veröffentlichten Bahndaten kann man ggf. ein Teleskop
mit programmierbarer Nachführung auf die richtigen Positionen einstellen und
damit die prinzipielle Sichtbarkeit nachweisen. Durch eine Aufnahme des
Lichtfleckes kann man dann ggf. Abschätzen, wie klein das Teleskop sein
darf, damit die Tasche gerade eben noch erkannt wird.Mir ist bekannt, das es eine Sichtungsmeldung gibt; bleibt aber zu fragen,
ob es wirklich die Tasche war. Der kleine Movie, den ich gesehen habe, hat
leider keine Information über räumliche und zeitliche Auflösung. Aus der
kurzen Zeitdauer vor einer Sekunde, in der der Lichtfleck durch das
Videobild huscht, schließe ich auf eine erhebliche Vergrößerung, denn der
normale Überflug würde um zwei Minuten betragen. Je nach Randbedingung komme
ich da auf eine Brennweite von 1000 mm, das ist deutlich besser als ein
Feldstecher.Zusammengefasst:
Sichtbarkeit im Feldstecher: zweifelhaft.
Finden mit dem Feldstecher: sehr zweifelhaft.
Test: Programmierbare Nachführung und Teleskop verwenden.
Bei Erfolg nach unten abschätzen, ob auch ein Feldstecher in der Lage wäre,
die Tasche zu sehen.Freundliche Grüße
Wilfried Tost
Danke Herr Tost.
Bitte beachten, wichtig:
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Autor: Marcus Anhäuser· 17 Kommentare· Permalink· Trackback-URL
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Kommentare (17)
Danke für die Nachforschungen!
Ich habe kurz überlegt, auch noch einen Beitrag dazu beizusteuern ;-)
Aber der Link sollte reichen. In Bochum kann man die Werkzeugtasche verfolgen.
http://www.ruhrnachrichten.de/lokales/bolo/Bochum;art932,418757
@Chris
aber auch nur mit Teleskop.
@Chris: Aber das ist doch mal eine ziemliche witzige Aktion, um mal die Leute in die Sternwarte zu holen, die sonst einen Riesenbogen um das Ding machen. Vielleicht bringen sie sogar ihre Kinder mit?
Wer weiß? Vielleicht ist das die Initialzündung für die eine oder andere wissenschaftliche Karriere?
Wie wäre es mit einem NETT-Programm ?
Ähnlich dem NEAT vom JPL. Wäre bestimmt der Renner in den Sternwarten.
Ach ja, NETT = Near Earth Toolbox Tracking ;-)
@Ludmila
Natürlich ist das die Superaktion! Habe ja gar nichts anderes gesagt. So viel Spontanität und Flexibilität ist vorbildhaft! So müßte Wissenschaftskommunikation öfter aussehen!
Nachforschen schön und gut - aber bitte bei denen, die sich auskennen: den erfahrenen Satellitenbeobachtern, die auf der SeeSat-Liste berichten. Nicht nur sind hier die detaillierten Aufnahmeumstände des fraglos echten Videos zu finden sondern auch visuelle Sichtungen der Tasche. Darunter eine mit einem Feldstecher, denn das Ding hatte 6.4 mag. Auch wie man sich ausreichend genaue Überflugprognosen beschafft, wird in Postings beschrieben.
Wer wird denn so garstig sein. Das Video zeigt vier Dinge: Der Bildausschnitt beträgt etwa ein Bogengrad, die vier schwachen Sterne haben 8te und 9te Größenklasse, es wurde ein Stativ verwendet und es wurde was besseres benutzt als ein Feldstecher. Immerhin: 8-te Größenklasse für die Tasche ist doch ganz gut. Dennoch: Ohne eine genaue Prognose, die von mir aus auch "in Postings beschrieben wird", wird man den Punkt schwer aus der freien Hand finden. Die übliche Beschreibung für die ISS "...von SW nach SO..." reicht da eben nicht aus. Der "erfahrene Satellitenbeobachter" mag da ja Vorteile haben, aber der Rest der Welt? Was spricht denn gegen ein nachgeführtes Teleskop mit Videomonitor für die Besucher?
@Daniel
danke für den Link. Ich habe jetzt mal eine E-Mail-Anfrage an Edward Light geschickt, der erklärte, er habe die Tasche mit einem 10x50 Fernglas gesehen.
Mal sehen , was er dazu meint.
@Wilfried Tost
Hallo Herr Tost, herzlich willkommen hier auf unserem Blog. Schön dass Sie sich beteiligen.
Wahrscheinlich muss man das ganze präzisieren: Bei der Aussage: "Kann man sogar mit dem Fernglas sehen", stellen sich Laien vor mal gerade eben mit dem Fernglas auf dem Balkon den vorbei fliegenden Tool Bag zu beobachten, so wie den Mond.
Tatsächlich könnte es aber wohl eher so sein, dass der Werzeugkasten vielleicht mit einem Fernglas auf einem Stativ sichtbar ist, wenn man die Bahn genau kennt und geübt ist in solchen Dingen.
Ich habe Edward Light gefragt wie er es gemacht hat.
Mal sehen, ob was kommt.
@Daniel Fischer
übrigens. Das ist ein klassischer Fall für ein journalistisches Problem, mit dem wir täglich zu kämpfen haben: Wo bekomme ich schnell einen Experten zum Thema?
Wüsstest Du auf Anhieb, wen Du zum Thema Stammzellen befragen kannst? Von daher danke für den wertvollen Link (allerdings Rüge wegen garstigen Tonfalls.) :-)
Einer der Veteranen der Satellitenbeobachtung in Deutschland - seit der Stunde Null! - ist Harro Zimmer, der mit Herrn Tost eine langjährige Aktivität an der Wilhelm-Foerster-Sternwarte in Berlin teilt (und überdies einer der profiliertesten deutschen Raumfahrtjournalisten im Lande ist). Da hätte man die Anfrage der ScienceBlogs ja weiter leiten können, wenn man sich nicht so konkret auskennt, und wäre garantiert auch auf SeeSat verwiesen worden. Ist das jetzt ungarstig genug formuliert? :-)
Übrigens kann die Taschen nach neueren Erkenntnissen sogar 5. Größe erreichen und ist damit bei dunklem Himmel sogar mit dem bloßen Auge zu sehen. Webseiten, die einem die Vorraussagen berechnen, gibt's auch reichlich. Überdies sagen neue Modelle voraus, dass sie bis Mitte kommenden Jahres im Orbit bleibt - damit dürfte sie noch für eine Weile das sichtbarste Vermächtnis der Mission STS-126 sein ...
Hi, ich habe heute Abend (29.11.) um 17.25 Uhr über Giessen (nördl. Frankfurt) folgende Beobachtung gemacht : Mit meinem Nachbarn habe ich spasseshalber mal geschaut, ob man wirklich was von der Tasche sieht. Wir schauten und prompt kam zur Angegebenen Zeit mit korrekter Höhe und Flugbahn ein Heller Lichtpunkt über uns geflogen. Nun gut, wir dachten, naja die ISS wie wir sie kennen aber ohne Erkennbares Teil was vorrausfliegt aber schon ungefähr die gewohnte Helligkeit. Nachdem das Teil dann am Horizont bzw. Am Erdschatten dunkler wurde, bemerkten wir direkt über uns einen vielhellren Punkt, mit der selben Zugbahn und realisierten, das erst dies wirklich die ISS sein musste. Wie gesagt, viel heller, selbe Zugbahn, selbe Geschwindigkeit. Also muss das vorherige Objekt die Tasche gewesen sein, aber warum so vergleichsweise superhell ?
Ok, tschö
Hier kann man genau nachlesen, wie das heute abend war: Erst die Tasche (mit dem blossen Auge zu sehen), 10 min. später die Endeavour, weitere 2 min. später die ISS.
@Daniel: Man kann die Tasche mit dem bloßen Auge sehen? Das hätte ich wirklich nicht gedacht. Wahnsinn! Wieder was gelernt.
Das ist doch eine schöne Nachricht, dass die Tasche so gut sichtbar ist. Nichts ist so gut wie eine gelungene Sichtung zum Nachweis.
Solange man aber die Gewissheit noch nicht hat, wird man halt schätzen müssen und mein Ansatz widerspricht dem ja gar nicht. Die 400 m große Tasche in Mondentfernung will ja erst mal gesehen werden. Den Unterschied macht eben doch das sehr hohe Rückstrahlverhalten des Taschenmaterials aus. Noch mal zur Versöhnung mein Statement: Die Sichtbarkeit der Tasche war nicht selbstverständlich. Mein Vorschlag, mit einem großen Instrument eine verlässliche Beobachtung zu machen und dann über die gemessene Helligkeit das notwendige Instrumentarium nach unten abzuschätzen ist nüchternste Ingenieurkunst, aber wirksam. Mir war bekannt, das man auch den ersten Sputnik schon sehen konnte, aber der war immerhin aus blankem Metall und es wäre wiederum zweckoptimistische Spekulation gewesen, diesen als Beweis anzuführen.
Umsomehr freut es mich, das die Tasche bis ins nächste Jahr hinein als Anreiz für einen Besuch auf einer der vielen Volkssternwarten dienen kann. Als Organisator des IYA-2009 kann das dem Daniel doch nur Recht sein :-)
Auch Kevin Fetter - der mit dem berühmten Video - hatte bereits einen Zusammenhang mit dem IYA 2009 hergestellt. Vielleicht kann man das Absinken der Taschen-Bahn (im Vergleich zum Verfall des ISS-Orbits) sogar didaktisch nutzen?