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Marcus Anhäuser betreibt Plazeboalarm seit April 2005. Er ist Wissenschaftsjournalist in Dresden und Leitender Redakteur von medien-doktor.de.
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06.10.08 · 14:20 Uhr
Nobelpreisträger: HPV-Impfung hat sich hervorragend bewährt.
Kategorie: Medizin · Kommentare: 7
Darf man einen frisch gekürten Nobelpreisträges für seine Äußerung zur HPV-Impfung am Tag der Ernennung kritisieren? Muss man sogar. Denn das, was er heute dazu meinte, kann man eigentlich nicht so alleine im Raum stehen lassen. Sonst sagen nachher alle wieder: "Ja aber er ist doch der Nobelpreisträger. Der muss es doch wissen."
Wie schreiben wir das jetzt, ohne dass uns alle gleich Stinkstiefel und Spielverderber hinterher brüllen. Na, ist ja auch egal. Bringen wir das mal ganz neutral.
Heute wurde Harald zur Hausen mit dem Nobelpreis für Medizin ausgezeichnet Punkt Ihm und seinen Kollegen verdanken wir, dass wir heute wissen, das Gebärmutterhalskrebs durch Viren (die Humanen Papillomviren, HPV) ausgelöst wird. Inzwischen gibt es bekanntlich einen Impfstoff, der auch von der Ständigen Impfkommission für Mädchen in einer bestimmten Altersgruppe empfohlen wird.
Die Impfung ist nicht unumstritten, (oder ist sie umstritten?).
In einem Interview im Deutschlandfunk (heute mittag, 6.10.2008) äußerte sich Herr zur Hausen auch zu der HPV-Impfung. Hier eine Mitschrift der betreffenden Stelle (hier beim DLF als MP3, die Stelle beginnt etwa ab Minute 2:00, hier die gesamte Mitschrift des Interviews, das Friedbert Meurer führte).
Meurer: Ihre Grundlagenforschungen von damals haben letzten Endes ja dazu geführt, Herr Zur Hausen, dass es jetzt mittlerweile eine ganz groß angelegte Impfaktion gibt. Viele junge Mädchen werden jetzt geimpft gegen Gebärmutterhalskrebs. Hat Sie das heute oder hat Sie das in den letzten Monaten und ein, zwei Jahren gefreut zu sehen, welche Impfkampagne Sie ausgelöst haben?Zur Hausen: Ja, natürlich. Das ist natürlich ein wirklich wichtiger Punkt, dass eine Impfung jetzt möglich wurde und dass die Impfung auch nach allen vorliegenden Ergebnissen in hervorragender Weise bewährt und einen Schutz gegen diese Virusinfektion gibt. Sie schützt nicht gegen alle Virusinfektionen, die am Gebärmutterhalskrebs beteiligt sind, sondern nur etwa zwischen 70 und 80 Prozent der dort beteiligten Agenzien, aber wir können davon ausgehen, dass doch in Zukunft auf der einen Seite die Vorstufen des Gebärmutterhalskrebses bereinigt werden - das lässt sich heute schon mit Klarheit sagen - und vermutlich auch in Zukunft der Gebärmutterhalskrebs deutlich zurückgehen kann. Insofern freue ich mich sehr, dass hier unsere ursprünglichen Arbeiten jetzt auch ihre Übersetzung in die Klinik gefunden haben.
Meurer: Ist Ihre Freude dadurch getrübt worden, dass diese Impfkampagne auch kritisiert worden ist, dass einige gesagt haben, hier hat die ständige Impfkommission zu schnell die Impfung gegen Gebärmutterhalskrebs empfohlen?
Zur Hausen: Ich habe diese Argumente nie teilen können, denn ich habe es selber gesehen, mit welchem Nachdruck vor allem in den Vereinigten Staaten die food-and-drug Administration sich sehr intensiv darum bemüht hat, Klarheit über diese Impfung zu gewinnen, und ich glaube, dass auch in größerem Umfang die bis dahin schon durchgeführten klinischen Studien es eindeutig belegten, dass hier eine sehr wirksame Impfung zur Verfügung stand. Ich glaube nicht, dass unsere Impfkommission in irgendeiner Form voreilig gehandelt hat. Sie hat genau zum richtigen Zeitpunkt agiert und damit vermutlich verhindert, dass weitere Menschenleben am Gebärmutterhalskrebs verloren gegangen sind.
Das kann man, auch wenn es sich um einen gerade frisch gekürten Nobelpreisträger handelt, natürlich nicht so stehen lassen. Wir stellen dem einige Aussagen aus dem arznei-telegramm entgegen (Ausgabe: 9/2008):
Artikel: HPV-IMPFSTOFFE (GARDASIL U.A.): NUTZEN WEITER UNKLAR"Der Nutzen der Impfung gegen humane Papillomviren (GARDASIL u.a.) ist nach wie vor offen. Ob, und wenn ja, in welchem Ausmaß, sie schwere Zervixdysplasien, Karzinome und Todesfälle verhindert, wird erst nach Jahrzehnten bekannt sein."
"Da in die Zulassungsstudien nicht diejenigen eingeschlossen wurden, für die die Impfung eigentlich bestimmt ist, nämlich präpubertäre Mädchen, die noch keinen Geschlechtsverkehr hatten, muss jetzt auf zumindest zum Teil nachträglich definierte Subgruppenanalysen zurückgegriffen werden. Diese erlauben jedoch aufgrund ihres explorativen Charakters keine validen Aussagen."
"Noch schlechter ist die Datenlage für CERVARIX: Auch fast ein Jahr nach der Zulassung umfassen die veröffentlichten Daten der entscheidenden Zulassungsstudie nur einen durchschnittlichen Beobachtungszeitraum von 15 Monaten. "
"Bestrebungen, möglichst viele Mädchen möglichst schnell zu impfen, halten wir beim jetzigen Kenntnisstand für nicht gerechtfertigt."
"Die Mehrzahl der Fragen wird sich, wenn überhaupt, erst im Laufe von Jahrzehnten beantworten lassen. Statt groß angelegte Impfprogramme zu starten, die sich auf unbelegte Annahmen stützen, sollten wir uns lieber darauf konzentrieren, in Langzeitstudien solide Antworten zu finden, kommentiert die Herausgeberin des Journal of the Norwegian Medical Association in einem begleitenden Editorial."
"Auch eine Studienleiterin, die an klinischen Studien mit beiden HPV-Impfstoffen beteiligt war, kritisiert die rasche breite Einführung von GARDASIL und macht das aggressive Marketing des US-amerikanischen Anbieters Merck & Co dafür verantwortlich: "Mercks Lobbyarbeit schloss jeden Meinungsbildner, jede Frauengruppe, jede medizinische Fachgesellschaft sowie Politiker ein, und sie gingen direkt auf die Leute zu - es entstand ein Gefühl der Panik, die besagte, du musst diese Vakzine jetzt haben."
Autor: Marcus Anhäuser· 7 Kommentare· Permalink· Trackback-URL
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Kommentare (7)
Und man darf auch einen Wissenschaftsjournalisten kritisieren, der hier Impfgegenern in die Karten spielt.
Tatsachen:
Die vorhandenenen Impfstoffe bestehen aus rekombinanten Kapsidproteinen. Diese sind ungefährlich. Nach einer Impfung findet eine aktive Immunisierung statt. Der Körper bildet also selbst Antikörper, und das Immunsystem kann bei späterer Infektion reagieren. Das sind keine unbelegten Annahmen, sondern bewiesene Wissenschaft. So funktioniert das Immunsystem, und so funktioniert auch diese Impfung.
Natürlich kann man erst in Jahren oder Jahrzehnten statistisch sagen, ob die Impfungen was gebracht haben. Denn erst dann gibt es ausreichend Daten zu eventuellen Zervixkarzinomen bei frühzeitig geimpften Patienten. Das ist doch aber kein Grund, die Impfungen nicht durchzuführen. Und das es bei Impfungen zu Nebenwirkungen kommt ist auch klar.
die kritischen Punkte sind.
1. Man muss vor einer Infektion impfen. Also möglichst schon Kinder
2. Man muss die Impfstoffe weiterentwickeln, so dass gegen mehr HPV Typen Immunität besteht.
Nö, Wissenschaftsjournalisten darf man natürlich nicht kritisieren. Wir haben die Weisheit nämlich mit Löffeln gefressen ;-)
Das mit den Impfgegnern habe ich aber überhört. Das ist ein Totschlag-Argument mit der jede Diskussion im Keim erstickt wird. Denn weder das arznei-telegramm zählt in diese Kategorie und auch ich hab bei meinen Kleinen das komplette Programm Impfen durchgezogen.
Und: Die Erklärung eines Mechanismus macht die Wirkung nur plausibel, aber sie ist kein Beweis dafür, dass es auch klappt. Wenn das ausreichte, bräuchte man keine Tests mehr machen. Aber es zählt, was hinten raus kommt, und das lässt sich erst in Jahren und Jahrzehnten sehen, leider. und angesichts dieser Tatsache wurde für die HPV-Impfung schon sehr eigenartig laut getrommelt.
Das war schon auffällig, wie dafür geworben wurde, Eltern ein schlechtes Gewissen gemacht wurde (Jette Joop usw.). Und das auf einer dünnen Datengrundlage.
Ich bin auch gespannt, ob Gardasil über Jahrzehnte hält, was die Forschung an Tieren versprochen hat.
Und ich frage mich auch, wie Sanofi Pasteur (also die Gardasil Vertreiber) auf die Meldung reagieren wird ("Sie wissen, dass es dafür den Nobelpreis gab?" - Ist zwar falsch, aber so funktioniert nun mal der Vertrieb ...).
Insofern finde ich es sehr richtig, dass Marcus darauf hinweist, dass keiner ein schlechtes Gewissen haben muss, der seine Töchter nicht mit Gardasil impft, da der Nutzen derzeit unbestätigt ist.
Heute 20:00 in der Tagesschau dazu noch ein Firmenvideo. Dann noch die Nennung der Impfung. Dazu noch die ireführende Nennung von weltweiten Todeszahlen (Gebärmuterhalskrebs ist in der Masse ein 3. Welt-Problem, wo es keine Vorsorge gibt). Wie hat MSD diesen grandiosen Marketingerfolg hinbekommen?
Danke, ARD, das war in Tiefpunkt.
Also was da das Arzneitelegramm schreibt ist falsch- natürlich gibt es klinische Studien für die 9-15 jährigen- hier wurde die Immunogenität der Impfung als Surrogatmarker für Schutz genommen, während für die 16-26 jährigen die Vermeidung von vervikalen intraepithealen Neoplasien (als Vorstufe des Karzinoms) als Wirksamkeitsparameter genommen wurde.
Zur Hausen spricht auch nur von Gardasil nicht von Cervarix (das war mit HPV Typ 18 zumindest in der Lancet Studie nicht signifikant wirksam).
Und im Arzneitelegramm geht es darum, dass möglicherweise die Kosten zu hoch sind.
Und dabei wird argumentiert dass eine medizinische Intervention nur gemacht werden soll wenn es billiger als 50.000 US$ pro QALY wird.
Es ist aber überhaupt nicht einzusehen, dass ein durch Impfung vermiedener Todesfall einer Frau an Cervixkarzinom um Grössenordnungen (!) billiger sein muss, als ein durch andere Präventionsmassnahmen beispielsweise im Lawinenschutz vermiedener Todesfall.
Konkret 120 durch Impfung vermiedene Todesfälle an Cervixca könnten um 25 Mio € vermieden werden (Geburtskohorte Mädchen und Buben 75.000) und da werden die Buben dann auch geimpft. Für 120 vermeidbare Lawinentote wird es aber als sehr kostenwirksam angesehen wenn bis 360 Mio € investiert werden.
Interessant ist da ja auch der gender aspekt- 80% der Lawinentoten sind Männer, 100% der Cervixva Toten sind Frauen.
Zusätzlich sind durch die Impfung letztlich 70% der Konisationen eine zwar medizinisch indizierte aber doch genitalverstümmelnde Operation vermeidbar.
Da reden alle wie schrecklich Genitalverstümmelung in Afrika ist (ist es ja auch) aber hier wird noch dagegengearbeitet, dass es ja noch mehr werden.
Und genau darauf könnten "kritische" Medizinjournalisten eingehen- Organerhalt durch impfen ja oder nein?
Genitalwarzen ja oder nein?
@Wolfgang
das a-t spricht von der Zulassungsstudie, nicht von Studien allgemein (siehe Zitat). Außerdem ist u.a. folgende Frage nach Meinung des a-t nicht geklärt, aus dem ersichtlich wird, wie das mit den präpubertären Mädchen aussieht):
Und: Der Kostenaspekt ist in dem Artikel für das a-t nur der Aufhänger und nicht das Hauptthema. a-t leitet damit den Bericht ein, (Anlass war eine Untersuchung im New England Journal). a-t weist darauf hin, nutzt den Beitrag aber, um die noch offenen Fragen anzusprechen:
Antwort:
Woher weißt Du, dass zur Hausen nur von Gardasil spricht? Er nennt überhaupt keinen Namen.
Und Frage an Dich: Wer bist Du?
@ Markus
also gut- zur Hausen wurde im TV interviewt- da kamm dann gross eine Gardasil Fertigspritze ins Bild. Und es macht ja auch Sinn- Cervarix und Gardasil sind merkwürdigerweise gleichteuer- immpft man also nur Cervarix, so hat man die Chance kostenfrei zu Genitalwarzen zu kommen.
Und der at- Artikel ist eine unzulässige Mischung ab die Impfung kostensparend ist, und ob sie wirksam ist- das ist eine medizinische Frage.
Und aus diesem at Artikel hat ja zumindest schon ein Medizinjournalist geschlossen, dass die HPV Impfung höchstwahrscheinlich unwirksam ist- nur das ist definitiv falsch und geht aus dem at Artikel nicht hervor.
Und zur gender Problematik hast nichts zu sagen? Ist das einfach so hinzunehmen, dass offenbar vermeidbare Todesfälle bei Männern um Häuser mehr kosten dürfen als bei Frauen?