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Lässige Texte über haarsträubende Wissenschaft und den ganzen Rest. Marcus Anhäuser betreibt Plazeboalarm seit April 2005. Er ist Wissenschaftsjournalist in Dresden und Leitender Redakteur von medien-doktor.de.

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07.07.08 · 10:05 Uhr

Wie die "Zeit" mit "Wissen" auch Geld verdient

Kategorie: Kultur  ·  Kommentare: 10

Schon wieder DIE ZEIT. Wir wundern uns über das verkappte Vermengen von Wissenschaft und Merkantilem. Finden wir blöd. Aber lest selbst.

"Och, nicht schon wieder die ...", das werden sich vielleicht die Kollegen von der ZEIT denken, nachdem sie ja erst kürzlich aufgrund unseres Hinweises den Browsertitel ihres Webauftrittes korrigiert hatten.

Okay, haben wir gerne getan.

Damit hätten wir es ja auch bewenden lassen, doch dann fiel uns dieser beigelegte Brief aus der aktuellen ZEIT entgegen.

"An die Leserinnen und Leser der Zeit, ...".

"Okay", dachten wir, "das kenne wir schon. Eine charmante Aufforderung von Giovanni di Lorenzo, diese tolle Zeitung (finden wir wirklich) zu abonnieren."

Zu unserer Überraschung blickt uns nicht der Chefredakteur, sondern der Ressortleiter Wissen, Andreas Sentker, entgegen.

Es geht gar nicht um Abos, sondern um unsere Meinung:

"Machen Sie mit bei der großen ZEIT-Umfrage "Ernährung heute". 
Ihre Meinung ist uns wichtig!" (... und alles in Rot)

Okay, dann ein paar Sätze zum Thema, dann nochmal die Einladung mit zu machen, und es gibt auch was als Belohnung:

"Auf Wunsch erhalten Sie das große Dankeschön-Paket für Umfrage-Teilnehmer. Darin enthalten sind:
    • 3 Gratis-Ausgaben der ZEIT mit dem ZEITmagazin LEBEN
    • Als Geschenk eine edle Uhr oder das Asia-Messer-Set, wenn Sie nach drei Ausgaben weiterlesen (der Sinn dieses Satzes erschloss sich uns nicht sofort)
    • Zusätzlich können Sie einen Traumurlaub ...

Und ebenfalls hätte uns folgender Satz stutzig machen müssen:

"Sollten Sie einmal auf eine Frage nicht antworten können oder wollen, gehen Sie einfach zur nächsten über".

Unten rechts ein Bild der Uhren und des Messersets, um uns die Nasen auch schön lang zu machen.

...Antworten Sie am besten noch heute... , ... die Antworten werden anonym und vertraulich behandelt usw. ...

Ein Umfrage also des von uns so geschätzten Wissensressorts. Es folgen zwölf Fragen wie etwa Folgende:

"Werbung, die Kinder zu ungesundem Essverhalten verführt, sollte verboten werden."

Als Antwort können angekreuzt werden:

    • Ich stimme voll und ganz zu
    • Ich stimme teilweise zu
    • Ich stimme eher nicht zu.
    • Ich stimme überhaupt nicht zu.

Das war´s. Keine Angaben zur Person, Geschlecht, Alter o.ä. die man irgendwie nutzen könnte für ein spätere Auswertung, um vielleicht zumindetst eine Aussage zu machen wie: "Frauen über 50 stimmen der Aussage voll und ganz zu, dass Werbung etc. etc...."

Nur, da das alles nicht repräsentativ ist, hat es sowieso keinen kaum Aussagewert. Aber das scheint auch gar niemand zu wollen, denn der eigentlich Sinn des ganzen erschließt sich dann am Ende des Teilnahmebogens. Dort kreuzt man verschiedenes an, z.B.:

"Ja, ich teste DIE ZEIT 3 Wochen gratis"

Und dann das Kleingedruckte, dass wir sonst von der Abonnentenwerbung kennen:

"Schicken Sie mir die Zeit ... drei Wochen lang gratis ... . Wenn mir die Zeit gefällt, brauche ich nichts weiter zu tun. Ich erhalte dann die Zeit ... wöchentlich für zzt. nur 3,05 Euro pro Ausgabe frei Haus ...und spare 10%)..."

Messer oder Uhr gibt´s tatsächlich nur unter einer Vorraussetzung (und jetzt verstehen wir besagten Satz erst vollends):

"Außerdem bekomme ich ein hochwertiges Geschenk (Versand nach Eingang der 1. Zahlung) ..."

Die Geschenke sind für das Abo, nicht für das Ausfüllen des Fragebogens.

Fazit: Eine unserer Lieblingszeitungen versucht hinten herum mit Hilfe des Wissensressort, über eine "Ernährung heute ist uns wichtig!"-Kampagne Abokunden zu gewinnen.Mit einer Umfrage mit stark eingeschränkter Aussagekraft (nicht nur weil es eine Umfrage ist). Eine Auswertung kann man sich aber trotzdem per E-Mail schicken lassen (ob in einem Zeit-Wissen-Artikel später mal aus dieser Umfrage zitiert wird?).

Dafür also das ganze seriöse Wissenschaftlichkeits-Ihre-Meinung-und- Ernährung-heute-ist-uns-wichtig-Getue: Nur um am Ende ganz merkantil Abokunden zu gewinnen.

Wie doof. Zumal ich für ein Drei-Wochen-Abo nur beim Straßenverkäufer unterschreiben muss ... ohne dämliche Ernährungsumfrage.

(und bitte keine Kommentare wie: "Tja, auch die ZEIT muss Geld verdienen:")

 

Autor: Marcus Anhäuser· 10 Kommentare· Permalink· Trackback-URL

Tags: · · ·

Kommentare (10)

Kommentar-Direktlink Chris· 07.07.08 · 13:29 Uhr

Viel besser bei dieser Umfrage ist die Auswahl der Befragten. Ich habe meine Zweifel, dass Zeit-Leser in irgendeiner Weise representativ sind.... außer für Zeit-Leser...

Kommentar-Direktlink Stefan Jacobasch· 07.07.08 · 18:09 Uhr

Diese Pseudo-Umfragen aus dem Hause "Die Zeit" habe ich auch schon per Briefpost ins Haus bekommen. Es ist Werbung, nichts weiter. Schade, dass die Wochenzeitung nicht merkt, wie sie sich mit solchem Unsinn ihren Ruf kaputt macht.

By the way, falls hier jemand von der "Zeit" mitliest: Früher stand mal das Inhaltsverzeichnis der gedruckten Ausgabe online. Das war eine völlig kostenlose Werbung. Ich als Gelegenheitsleser bin z.B. hin und wieder zum Kauf zu überreden, wenn ich vorher weiß, was im Dossier steht. Oder finde ich das Inhaltsverzeichnis nur nicht auf der unglaublich unübersichtlichen Webseite?

Kommentar-Direktlink Michael· 10.07.08 · 16:50 Uhr

Ich denke auch das da werbewirtschaftlich am Ruf

vorbeikalkuliert wird. `Die Zeit´ nimmt ein paar

schnöde Gramm Papier zu, erschleicht ein paar Abos

und bezahlt für die Ergebnisse dieses Probestichs

mit billig produzierten Geschenken. Der Platz

zwischen den Zeilen und der Markt zwischen den

Daten wird enger und wer hat Zeit und Geld später

noch die Aussagekraft statistischer Methoden zu

überprüfen?!

Das manche Werbung fragwürdig ist und oft nur

dadurch Produktpopularität erzeugt, daran hat man

sich fast schon gewöhnt - man wird bei seiner

ästhetischen bzw. ordinären Beschränkt- oder

Exponiertheit gepackt ob man will oder nicht.

Diese Methode wurde nicht zuletzt auch aufgrund

wissenschaftlicher Arbeit `perfektioniert´.
Andersherum muss die Wissenschaft zu banalen

Verkaufszwecken herhalten - was für ein

konsequenter Deal! Liegt irgendwo dort nicht der

Finger auf der Schnittstelle zwischen beiden,

zumindest von wirtschaftlicher Seite?

Der durchschnittliche `Zeit´-Leser, schätze ich

mal, übergeht diesen Umschlag fast automatisch so

wie man Plakatwerbung versucht zu ignorieren wenn

man gerade nichts kaufen will/kann. Ganz

kollatereal werden so alltägliche Dinge wie das

Öffnen von Briefkästen, -umschlägen oder das

Schauen von Bildern mit untergraben. Dabei kann

Verführung in Kombination mit Aufklärung statt

penetranter Bevormundung eine schöne Sache sein.

Andererseits, in eurem Fall ist ja eine konkrete

Rückmeldung offensichtlich erwünscht - also eine wissenschaftlich-verbrähmte Annäherung an die Leserschaft? Schwer vorstellbar. Aber wie würde

man als Schreibender in Erfahrung bringen können,

wie man bei den Lesern ankommt, wenn diese sich

bisher stets `gewöhnlich´ verhalten haben und es

alle weiterhin dabei bewenden ließen?
Wenn ich `Die Zeit´ auch nicht lese, ich finde es

gut, daß ihr so etwas angesprecht! Irgendwo

ist es ja auch Werbung für das Blatt.

Kommentar-Direktlink buchstaeblich· 14.07.08 · 13:12 Uhr

"für Umfrage Teilnehmer."

Wer mir schon mit solchen OrthograViechereien daherkommt: Da kann ja nichts seriöses hinterherkommen!
Ich habe schlicht nicht "Die Zeit" für solchen Blödsinn.
;-)

Author Profile Page Marcus Anhäuser· 14.07.08 · 13:32 Uhr

Upps, unser Fehler, Im Brief steht: "... Umfrage-Teilnehmer ...", habens korrigiert.

Kommentar-Direktlink Bert Ehgartner· 15.07.08 · 10:24 Uhr

Hoch interessant ist ja auch der Bedeutungsunterschied zwischen:

+ Ich stimme teilweise zu
+ Ich stimme eher nicht zu

Wie wird das wohl in der wissenschaftlichen Auswertung dann umgesetzt?

z.B. so:

"38 Prozent der späteren Zeit-Abonnenten stimmten dieser Frage teilweise zu, während nur 27 Prozent der Umfrage-Teilnehmer, die das Abo nicht bestellten teilweise zustimmten.
Nahezu diametral war die Situation bei den eher-nicht-Zustimmern. Hier kreuzte jeder vierte spätere Zeit-Abonnent an, während immerhin 35 Prozent der Nicht-Abonnenten am Scheideweg zwischen "teilweise" und "eher nicht" zu letzterem tendierten.
Verbirgt sich dahinter ein Charakterzug, der letztlich auch den Ausschlag gab, das Abo "eher nicht" zu bestellen?
Noch deutlicher wird dieses Entscheidungsmuster, wenn wir … etc. etc."

Ich freue mich schon auf die psychologisch interessante, spannende Auswertung.

Kommentar-Direktlink Marc· 22.07.08 · 17:11 Uhr

Leider erhalte ich diesen Umfragenmist (Ihre Meinung ist uns wichtig ... Wenn Sie XYZ weiter lesen möchten, brauchen Sie gar nichts zu tun) seit einiger Zeit von immer mehr eigentlich seriösen Publikationen.

Kommentar-Direktlink dahooky· 07.09.08 · 00:21 Uhr

auch der SPIEGEL macht sowas, die Financial Times, Handelsblatt, etc. pp.
Armselig!

Kommentar-Direktlink Abe· 21.10.08 · 00:37 Uhr

@Stefan Jacobasch: Das Inhaltsverzeichnis ist unter www.zeit.de/diesewoche zu finden.

Kommentar-Direktlink Martin· 22.04.10 · 21:43 Uhr

Yo,

habe heute ein ähnliches Schreiben bekommen- offenbar soll die "Studie" wiederholt werden.

Diesmal ist der Deal folgender:

5 mal die ZEIT + zwei ZEIT-Spezial und eine Uhr oder das Messer-Set für 12 Euro. Keine Ahnung, was Uhr und Messer Wert sind, kling aber fast nach einem ordentlichen Deal. Die Studie wertet das natürlich keineswegs auf...

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