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15.11.10 · 16:05 Uhr
Alpha 0.7 - Der schwäbische Minority Report?
Kategorie: Kultur · Kommentare: 21
Gestern hab ich mir die erste Folge der 6-teiligen deutschen (!) Science-Fiction-Serie angesehen.
Die nächste Fernseh-Termine sind:
MDR
16.11.2010 | 00:20 | MDR Folge 1 "Prenzinger"
arte
18.11.2010 | 00:30 | arte Folge 1 "Prenzinger"
Und im Radio
SWR2 Dschungel
18.11.2010 | 19:20 | Hörspiel apollon-Podcast 2
Es gibt auch eine sehr ausgefeilte Internet-Präsenz: Alpha 0.7 mit Blogs und Youtube-Channels der Hauptpersonen. Das Ganze wird als Tri-Mediales Projekt beworben, weil es auch das Radio mit einbezieht.
Neugierig wie ich war, hab ich mir das dann natürlich angesehen.
Schauplatz: Stuttgart 2017 in einer Welt, die der unseren eigentlich sehr ähnlich ist. Der augenfälligste Unterschied: Alle öffentliche Plätze sind Kamera-überwacht und bei Bedarf kann jede Person bis hin zu ihrem Körpergewicht mittels der Kamerabilder identifiziert werden. Und dann gibt es noch das Pre-Crime-Center des BKA. Minority Report lässt grüßen. Die Welt von morgen wird in kühlem, sterilen Minimalismus in Szene gesetzt, was ich auch schon zig Mal woanders und da besser gesehen hab. Das wäre ja noch zu verschmerzen. Stuttgart ist nicht Hollywood.
Aber das Ganze wirkte auf mich sehr moralinsauer, extrem ein-dimensional und vor allem stinke-langweilig. Die Feindbilder und Sympathiefiguren sind eindeutig. Hier die kleine Familie, die es zu beschützen gilt. Drüben die pöhsen Wissenschaftler (natürlich alles weiße heterosexuelle Männer), die - mal wieder - "Gott spielen". Sie meinen es grundsätzlich gut, merken aber natürlich in ihrem egomanischen Unfehlbarkeitsanspruch nicht, was sie heraufbeschwören. *Gähn*
Es ist im Grunde nichts anderes als Frankensteins Monster im gefühlten zig-Millionsten Aufguss. Die Figuren sind eine Aneinanderreihung der plattesten Klischees. Hausfrau & Mutter, größenwahnsinnige Wissenschaftler und übereifriger BKA-Mann. Wenn wenigstens so etwas wie Humor oder Ironie durchblitzen würde...Aber nein, Fehlanzeige! Es ist ja ne deutsche Produktion.
Dabei gibt das Thema einiges her: Wozu führt überzogenes Sicherheitsdenken? Können Psychopathen anhand ihrer Gehirnstruktur erkannt werden? Und was macht mensch mit ihnen? Ist eine vorsorgliche Sicherheitsverwahrung gerechtfertigt? Wo Deutschland schon die nachträgliche praktiziert und dafür unlängst verurteilt wurde. Überhaupt wo sind denn die Politik und die Gerichte in diesem "Universum"? In dieser realen Welt liefern Wissenschaftler nur die Werkzeuge. Wie diese dann eingesetzt werden, ist dann unser aller Entscheidung. Das ist doch der Knackpunkt. Stattdessen werden Wissenschaftler als bequeme Sündenböcke dargestellt, die es aufzuhalten gilt.
Auch die Hintergrund-Infos sind erschreckend eindimensional und voller Küchenphilosophie: Harald Rösler ist ein "Getriebener", den ein persönliches Schicksal dazu treibt, das Böse anhand der Gehirnstruktur ablesen zu wollen. Die Welt von Alpha 0.7 ist eine Karikatur dieser Welt auf Bild-Niveau. Mord und Totschlag wird dort anscheinend nur von Psychopathen begangen. Affekt, Beziehungstaten, Schlägereien im Suff kommen da nicht vor. Die Wissenschaftler sind nur zu dritt, machen alles, können alles, werden von niemandem wirklich kontrolliert und könnten genauso gut vom Mars stammen. Wissenschaft ist dieses Dings was komisch aussehende Apparate ergibt, die magisch wirken und die nur ein paar Zauberlehrlinge wirklich begreifen.
Für mich ist gute Science-Fiction zum einen unterhaltsam, zieht mich zum zweiten in diese neue Welt hinein und zum dritten lässt es mich im Idealfall Dinge oder/und Entwicklungen in Frage stellen, die ich normalerweise als selbstverständlich hinnehme. In Alpha0.7 laufen aber eindimensionale Figuren durch eine langweilige Handlung in einer Welt auf Strichmännchen-Niveau. Das verfehlt meinen Anspruch um Lichtjahre. Das wird auch nicht besser, wenn der ganze Schmuh in drei Medien ausgebreitet und als "eigenes Universum" beworben wird.
Aber immerhin könnt Ihr Euch die erste Folge komplett auf Youtube ansehen und Euch selbst ein Urteil bilden:
Autor: Ludmila Carone· 21 Kommentare· Permalink· Trackback-URL
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Kommentare (21)
"Schauplatz: Stuttgart 2017"...hmmm, danke, aber nein danke. Ich mag da meinen Vorurteilen erliegen, aber deutsche Produktion und SF geht für mich gar nicht zusammen.
Wobei ich jetzt gar nicht weiß, ob ich überhaupt schon mal einen guten deutschen Film gesehen habe. Soweit ich weiß, gehts bei deutschen Filmen ja eh immer nur um Winnetou oder 'irgendwas mit Hitler'. :)
ooops, verpasst - danke für die Erinnerung. Befürchtet hatte ich die angesprochenen Mängel aus lauter Erfahrung ja auch, doch unabhängig von der Qualität wollte ich alles aufnehmen und am Stück angucken. Na ja, dann werde ich mal die Mediathek plündern...
Wie wäre es denn z.B. mit Fassbinders "Welt am Draht", Grundumsatz?
@Grundumsatz
Hey! Ist es vielleicht das Alter oder der Mangel daran?
"Was heute noch wie ein Märchen klingt, kann Morgen Wirklichkeit sein. Hier ist ein Märchen von Übermorgen." Da-Da-DaDADDA-dadada-dadadda-dah... :)
@Grundumsatz
Ich mag da meinen Vorurteilen erliegen, aber deutsche Produktion und SF geht für mich gar nicht zusammen.
Ähm... Raumschiff Orion, Die Mädchen aus dem Weltraum, Raumpatrouille Ion Tichy?
Mich würde ja interessieren, was für einen Bahnhof Stuttgart im Jahre 2017 hat. Wird das gezeigt?
@Lichtecho: Soweit ich weiß soll der Tiefbahnhof bei Stuttgart 21 frühestens 2019 in Betrieb genommen werden. Alles andere als der jetzige Kopfbahnhof würde mich daher für 2017 sehr wundern.
@Lichtecho: Der Bahnhof ist da überhaupt nicht zu sehen.
@Ludmila: Ja, habe mir gerade das Video angeschaut.
Für ein gutes SF-Setting haben die halt kein Budget. Da müssen futuristische Bürogebäude, Mini Cooper und Stehlampen als Brainscanner ausreichen. Auch die Schauspieler sind nicht erste Garde. Nach Sportschau, Harald Schmidt und Thomas Gottschalk bleibt halt nicht mehr viel übrig von der GEZ.
Was ich sehr realistisch finde: Die Chaoten schleusen sich in eine deutlich abgesperrten Bereich ein, sprengen eine Veranstaltung, müssen mal eben kurz in U-Haft und sitzen Abends wieder gemütlich beim Bier zusammen - es gibt nichts Neues unter der Sonne.
Aber Hollywood ist doch auch dabei: Der Polizist trägt eine futuristische Ritterrüstung mit allem Hightechscheiß und der Gangster zieht mal kurz die Knarre und legt ihn trotzdem einfach um. Obwohl in Hollywood ist das noch schlümmer, da spielen hungerhakige Supermodels ala Milla Jovovich Heldinnen, die mit einen Faustschlag ihrer süßen manekürten Patschehändchen die gerüsteten Aliens und Polizisten ins Koma befördern.
Immerhin gibt es ein Tim-Berners-Lee-Gymnasium. Das ist doch nett.
Jedenfalls besser so eine SF-Serie als Rosemunde Pilcher oder Schwarzwaldklinik.
@Lichtecho:
*Lach* Das klingt irgendwie leicht verbittert und desillusioniert. Ich leg mir lieber noch mal Raumpatrouille Orion in mein DVD-Laufwerk. Die hatten zwar auch kein Geld und haben aus Badezimmer-Garnituren, Bügeleisen und Bleistiftanspitzern ein Raumschiff zusammengebastelt, aber was für ein Raumschiff ;-)
Jürgen Schönstein·
15.11.10 · 20:27 Uhr
:-DDas ist mit Abstand eines der coolsten Raumschiffe der Filmgeschichte. Und General van Dyke ist mit Abstand einer der schärfsten Oberkommandierenden ever.
Und erst der Orion-Fachjargon "Rücksturz", "Telenose", "Schlafende Energie", "Irrläufer", alles ohne denglisch...
@MartinB: Nur die feindlichen Aliens, pardon Außerirdische, heißen Frogs. Nein, das ist kein Affront gegen die Engländer, sondern einfach nur die Abkürzung von "Feindliche Raumverbände Ohne Galaktische Seriennummer", also bestes Beamtendeutsch!
Übrigens fällt mir da ein, dass man die Scienceblogs zum Pre-Crime-Testfeld machen könnte: Man entdeckt dank Hirnscan miese Blogposts noch bevor sie geschrieben werden. Würden die SB-Blogger bei diesem Versuch im Dienste der Wissenschaft mitmachen?
Die Umdeutung von "Frogs" kam aber meiner Erinnerung nach erst nachträglich (für die Kinofassung?), in der ersten Folge bekommen sie den Namen direkt bei der Begegnung (von Hasso, erinnere mich nicht mehr?).
Miese Blogposts detektieren? Gibt's auf Sb doch gar nicht, oder? ;-)
Fast, MartinB, fast :-) Schon in der ersten Folge wird die Bezeichnung zum ersten Mal zu Gehör gebracht - bei der Einsatzbesprechung vom Astrogator Atan mit den ungefähren Worten (ich geh jetzt nicht ins Archiv und klicke im Film herum) "Die Exoterristen. Wir hatten sie ‚Frösche‘ genannt, aber das klang uns zu irdisch. Dann nannten wir sie Frogs". Ziemlich intensive Informationen zur Serie gibt es übrigens ⇒hier. Nichtsdestotrotz bleibt 'ohne denglisch' wahr, denn Wortvermatschungen á la 'Brot-Shop' gab es tatsächlich nicht. Aber: 'Exoterrist' ist äquivalent, ein griechisch-lateinisch-Mix, genauso ätzend wie 'hexadezimal', ergibt genausowenig Sinn wie 'macht Sinn'.
/Gibt's auf Sb doch gar nicht/ Das bedeutet doch nur, daß Lichtechos Idee längst umgesetzt wurde.
@Nele: ADMIRAL Lydia van Dyke, bitteschön. Aber oberscharf.
Hmmm ... war "Dyke" nicht das englische Wort für "Kampflesbe"? *g*
Klingt sehr enttäuschend und passt in die Riege "schlechter deutscher Produktionen" wirklich wunderbar hinein. Leide bin ich sehr enttäuscht von deutschen Produktionen. Da kommt man bei weitem nicht an Hollywoodproduktionen heran. Liegt es am Budget oder an mangelnder Phantasie? Ich meine jedenfalls, dass nicht das hohe Budget zwingend gute SF-Filme macht. Ein wenig mehr Phantasie der Produzenten und Regisseure würde einiges mehr hermachen.
Bully hat es ja schon ganz gut vorgemacht, dass es wesentlich besser geht.
Mir fiel da eben noch etwas Schwaebisches ein.
Das war Emmerichs "Moon44". Das ging ja noch.
Ansonsten erwarte ich bei dem Begriff "deutsche Fernsehproduktion" nichts Gutes. Jedenfalls nichts, was sich von einer kitschigen Schmonzette unterscheidet. Prototypen wuerden oben ja schon genannt... Selbst das beruehmte Dokudrama mutiert ja blitzschnell zur Schmonzette.
Da ist mir die Raumpatroullie wesentlich lieber. Aus dem Grund, dass sie wesentlich originenller war und immer noch ist.
(Die Schauspieler haben uebrigens ihre Kostueme gehasst. Sie sollen fuerchterlich unbequem gewesen sein. Kalt soll es zur Drehzeit auch gewesen sein, die Kostueme waren dagegen auch keine Hilfe, in den Drehpausen lief/sass man im Bademantel herum. Einer der Schauspieler musste nach Drehschluss daran gehindert werden, seinen Bordanzug zu verbrennen ;-) Sagt mein Raumpatroullie-Fanbuch...)
Pete
Bei guten deutschen SF-Produktionen möchte ich bitte noch Lexx the dark zone und Space Island stehen haben. Auch wenn es keine reinen deutschen Produktionen waren.
Martin