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Ludmila Carone ist Planetologin an der Universität zu Köln in der Abteilung Planetenforschung des Rheinischen Instituts für Umweltforschung.
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19.02.10 · 20:51 Uhr
Wissenschaftler am Rande des Nervenzusammenbruchs
Kategorie: Kultur · Kommentare: 16
Wissenschaftliche Arbeit hat manchmal was von einer akrobatischen Höchstleistung:
Mir und anderen Kollegen geht es da ziemlich ähnlich. Wir halten nicht ein, sondern mehrere Projekte in der Schwebe. Hier müssen ein paar tausend Lichtkurven ausgewertet werden, dort schreib ich an zwei Papern gleichzeitig. An einer anderen Stelle arbeiten mehrere Leute an eigenen Papern, auf denen ich als Co-Autor Daten und Analysen beigetragen habe. Jetzt aber erwarten die Kollegen auf die ersten Entwürfe vernünftige Kommentare meinerseits. Hüben muss die Software zur Datenreduktion für unsere Instrumente komplett überarbeitet werden. Ach und nebenbei müssen Daten archiviert werden. Aber nicht irgendwie. Es muss dem NASA Planetary Data System genügen. An sich ist die Idee dahinter gut. Der kleine Doktorand/Diplomand soll auch noch in 20 Jahren mit den heute aufgenommenen Daten arbeiten können. Aber die Details...
Erst mal die PDS Standard Referenz durcharbeiten. Über 500 Seiten an Dokumentation. Und dann hat man erst mal nur ne grobe Idee, was man da machen soll. Nach ein paar Jahren Erfahrung auf diesem Gebiet würde ich mir am liebsten ne Zeitmaschine bauen, zurück reisen und meinem jüngeren Ich sagen: "Nein, mach das bloß nicht so. Das wirst Du in 4 Jahren bitterlich bereuen."
Ehrlich wenn man mit studentischen Hilfskräften Word-Dokumente mit ein paar hundert Seiten inklusive Zeichnungen in ASCII übersetzt hat, dann steht man kurz davor Amok zu laufen. Dank übrigens an dieser Stelle an alle studentischen Hilfskräfte in allen Arbeitsgruppen dieser Welt. Ohne Euch wären die Läden schon längst zusammengebrochen.
Ach und dann stehen noch diverse Konferenzen an, auf denen man seine neusten Ergebnisse vorstellen soll.Außerdem sollte ich noch die Publikationen der Kollegen lesen, um auf dem Laufenden zu bleiben. Besonders ärgerlich ist es dann, wenn Forscher auf den amerikanischen Eliteunis scheinbar ein Paper nach dem anderen raushauen. Kunststück. Wer locker mindestens doppelt so viele Leute für ein ähnliches Arbeitsaufkommen zur Verfügung hat, der kann auch mal vier Paper im Jahr schreiben. Wie soll man dagegen ankommen? Noch die Nacht und das Privatleben komplett opfern?
Wehe, wenn dann irgendwie Sand ins Getriebe kommt. Wenn eine Projekt, das ursprünglich einen Monat hätte dauern sollen, in ein dreimonatiges transatlantisches Hick-Hack ausartet. Oder diverse Kollegen Beiträge für ein wichtiges Paper versprechen und sich dann wochenlang gar nicht melden. Selbst auf diverse Erinnerungen kommt dann "Ach ja, ich bin noch nicht dazu gekommen. Aber demnächst..." Als ich dann die Leute nach Monaten auf Meetings endlich mal persönlich traf, hieß es dann: "Ich weiß, Du hast mir da eine Email geschrieben. Was stand da noch mal drin?"
Ehrlich, ich selbst hab ein tierisch schlechtes Gewissen, wenn ich mal auf ne Email-Anfrage erst nach 3 Wochen reagieren kann und andere machen sich noch nicht mal die Mühe vor so einem Meeting die Emails zu checken. Das sind dann die Momente, wo ich am liebsten zum Hulk werden möchte:
Tja, wer hat je behauptet, dass in der Wissenschaft alles Liebe, Freude und eitel Sonnenschein wäre? Ich nicht ;-) Hier geht genau derselbe Driss ab, wie in der "freien Wirtschaft".
Irgendwann ist daher bei aller Begeisterung für die Arbeit einfach Schicht im Schacht und man braucht ne Auszeit. Das war dann auch der Grund für das große Schweigen hier. Ich hatte schlicht keine Lust mehr auf gar nichts und war nur noch angenervt. Da kam die Karnevalszeit gerade recht, um mich so einzuschließen und mal ne Ruhephase einzuschieben. Pendeln mit Bus und Bahn macht dann sowieso keinen Spaß.
Aber auch diese Frustphase geht vorbei. Wie meinte ein Kollege letztens aufmunternd zu mir: "Weiter arbeiten, wenn es gut läuft, kann jeder. Aufstehen und weitermachen, wenn man gerade richtig was in die Fresse gekriegt hat, das ist schwer."
In dem Sinne...Auf geht's!
Autor: Ludmila Carone· 16 Kommentare· Permalink· Trackback-URL
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Kommentare (16)
> Hier geht genau derselbe Driss ab, wie in der "freien Wirtschaft".
nicht ganz! Dir fehlen noch die Vorgesetzten, die Dir dann erklären, das etwas mit Deinem 'Time Management' nicht stimmt, und dass Du daran arbeiten müßtest.
Das sind dann Tage, wo meine Fahrradpedalen Namen tragen.
Verstehe Dich voll und ganz. Schreibe gerade an zwei Papern, zwei Fördergeldanträgen und einer Seminararbeit fürs Masterstudium, pro Woche sind knapp 10.000 Messungen auszuwerten und mein Chef meinte erst heute zu mir, ich könne mich doch nebenbei mal in DIALux einarbeiten, das bräuchen wir demnächst für ein paar Simulationen. Wenigstens haben wir bei unserer Arbeit nicht noch die internationale Komponente...
Muss Deinen Post unbedingt mal meiner Frau zu lesen geben - die denkt immer ich übertreibe maßlos, wenn ich abends erst im Dunkeln nach Hause komme...
@michael: Das mit dem besseren Delegieren hat mir letztens ne Kollegin an den Kopf geworfen, weil die nicht verstehen konnte, warum ich an dem einen Paper hänge. Was soll ich machen? Die Co-Autoren kidnappen?
Geoman ist hier schon länger gesperrt. Der Kommentar enthielt auch nichts, was wirklich mit dem Thema zu tu gehabt hätte.
oh je, lieber doch keine wissenschaftliche Karriere ^^
@ Ludmilla
Allerdings kennst Du ja auch das Gefühl, dass einen erwartet, wenn man ein Projekt nach langer (aber nicht zu langer ) Stressphase erfolgreich beendet hat. Und das ist dann ja auch den Stress vorher wert.
> Was soll ich machen? Die Co-Autoren kidnappen?
Als ich noch jung war, wurden Kollaborateure erschossen. Wusste gar nicht, dass das Wort eine postive Bedeutung bekommen hat.
Dürfte aus dem englischen Gebrauch kommen, wo collaborator noch näher an einem gebräuchlichen englischen Wort für Arbeit (Siehe z.B. Labour Party). Ansonsten vermute ich stark, dass Kollaboratuer einfach nur Mit-Arbeiter bedeutet.
"Auf lange Sicht gesehen setze ich mich durch..."
Ich schenk Dir meinen Spruch. Er hat mir jedenfalls häufig geholfen (Studium mit 2 schwierigen minderjährigen Abhängigkeiten im Schlepptau, und die Ferienzeiten stimmten mit den vorlesungsfreien Zeiten NIE überein, von anderem Quatsch mal abgesehen...)
Immer schön vorwärts blicken, dahin, woher das Licht kommt.
Dann bleiben die Schatten hinter Dir.
Also, gut Holz!
;-)
Grüßle
Nicht verzagen, es kommen auch wieder bessere Zeiten. Aber schön zu hören, dass du noch lebst ;)
Denk immer dran: Nur noch ein paar Jahre, dann bist du selbst Prof und darfst all das deinen Lakaien aufdrücken. ;-)
@Ludmila
Willkommen im Club.
Wenn man eine Arbeit machen will, die Spaß macht, bekommt man noch fünf dazu, die keinen Spaß machen. Das ist wohl das Schicksal all derer, die einen guten Job machen. Wer schlecht ist, bekommt kaum mal Zusatzaufgaben.
Aber auch Komplimente sind machmal nur schwer zu (er)tragen.
@miesepeter3
Genau, bei uns gibts ein Sprichwort: Wer andern eine schöne Grube gräbt bekommt eine größere Schaufel :)
@Ludmilla
Keep cool, du hast scheinbar zumindest ein bißchen positiven Stress. Bei mir gibts nur mehr negatives. Nicht nur dass es ein neues Managment gibt, nein, die verbocken auch noch alles was man in den letzten Jahren so aufgebaut hat und wenn man sich woanders hinwenden will, dann heists 'Nein!' vielleicht brauchen wir sie noch. Und die meisten netten Kollegen sind schon weg.
Glaub mir, DAS ist so richtig aufbauend :D
Zum Thema Burnout: Stell dir mal die Frage: Wem muss ich was beweisen ?
Ich habe mal ein bißchen drüber nachgedacht. Danach gings mir besser.
Es muss doch nicht immer gleich der Profi in der Halle sein, es geht doch viel lockerer: http://www.youtube.com/watch?v=GIW-aBCPhD4
Der Hersteller dieser Unware liefert doch das Gegenmittel mit: http://www.youtube.com/watch?v=wvsboPUjrGc Das verhindert zuverlässig jeden Amoklauf.Komm hier grad zufällig vorbeigsurft und lese, was andere Leute für Sorgen haben.
Da gehts mir doch richtig gut. Zwar ist die Beziehung am Arsch, der Backenzahn abgebrochen und die Heizung funktioniert nicht, aber zum Glück darf ich heute wieder in die Firma und in der Spätschicht ölige Gußteile abfräsen. Das stand ja auch schon auf der Kippe. Da bleiben immerhin 378,- € zum Leben von übrig.
Bin jetzt 50 ohne rechte Perspektive und habe schon oft bereut, damals nicht studiert zu haben.
Nun weiß ich, dass es mir immer noch besser geht, als 95 % der übrigen Menschheit.
Danke
@Liebe pat. Ich hab jetzt lange überlegt, ob und was ich dazu sagen soll. Zum einen rückt natürlich Deine Geschichte meine in den richtigen Kontext. Mir geht es immer noch ziemlich gut. Ich hab nen Job, der Spaß macht, nen Mann der mich liebt. Yay.
Das ändert aber nichts daran, dass ich eben zwischenzeitlich ziemlich fertig war. Wenn's einem schlecht geht, geht's einem schlecht. Das weißt Du selbst am besten. Und ich werde es mir auch in Zukunft erlauben, mich da ein wenig auszuheulen. Das hilft nämlich, weißt Du?
Tja und was die Sache mit 50 und 0 Lebensperspektive angeht... Das kann mir auch passieren. Ein Studium schützt schon lange nicht mehr davor mit 50 als hochqualifiziert und unvermittelbar irgendwann auf der Straße zu stehen. Wollen wir mal nicht hoffen, aber wie Du selbst weißt: Dinge passieren. Gegen manche kann man was machen und mit manchen kann man nur zu leben lernen.
Ich wünsche Dir jedenfalls viel Kraft und vor allem viel Glück in den nächsten Jahren.
BTW, herzlichen Glückwunsch zum Nature-Paper!