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24.08.09 · 22:37 Uhr
SWR3 feiert Wissbegier und Neugier mit fehlender Wissbegierde und Neugierde
Kategorie: Kultur·Technik · Kommentare: 8
Da hab ich mich gestern sehr über eine Radioreportage bei SWR3-weltweit gewundert.
Der Bericht handelte von Sammy Tshefu, der seit letztem Jahr die Instrumente an der südafrikanischen Hartebeesthoek Radioastronomie-Station bedient. Früher war er dort als Gärtner tätig.
![]()
Bild (M Gaylard / HartRAO): Satellite Laser Ranger an der Hartebeesthoek Station. Die 26 Meter-Radioantenne im Vordergrund hat übrigens Raumfahrtgeschichte geschrieben. Hier wurde das erste Bild des Marses von einer Raumsonde heruntergefunkt.
An seinen neuen Job, der darin besteht, Satelliten mit Lasern zu beschießen, kam er durch seine Neugierde und Wissbegierde. Das wurde in der Radio-Reportage extra betont. Das "Wer" und das "Was" wurde also durchaus beleuchtet. Auch das "Wie" wurde geschildert: Dass Tshefu die Daten der ungefähren Position der Satelliten zur Hand hat, die mit Lasern beschießt und dann auf das Echo im Oszilloskop wartet.
Dummerweise fehlte aber dann das, was meiner bescheidenen Meinung bei einer guten Reportage einfach nicht fehlen darf.
Ich war gerade im Auto und grübelte noch nach, ob ich meinen Mann fragen sollte, wie er den Bericht fand. Er kam mir allerdings zuvor: "Sag mal! Fehlt da nicht was? Die haben ja gar nicht erklärt, warum der die Satelliten mit Lasern beschießt."
Hah! War ich also nicht alleine mit diesem Eindruck. Das "Warum", wozu das gut sein soll, wurde völlig unter den Tisch fallen gelassen.
Ich wusste beispielsweise noch nicht, dass die Hartebeesthoek-Station Teil eines weltweiten Netzwerkes ist, des International Laser Ranging Service (IRLS). Dass es nötig zu sein scheint, die Position von Satelliten u.a. die der GPS-Satelliten, die wir wie selbstverständlich nutzen, mit Laserabtastung zu vermessen. Im nächsten Monat wird Sammy Tshefu sogar den Mond und den Lunar Reconnaissance Orbiter anfunken. Das ist doch spannend, dass sich jemand so hochgearbeitet hat, dass er Spitzenforschung tatkräftig unterstützt.
Stattdessen verschwendeten die Reporter Zeit damit, zu erwähnen - als ob das eine weltbewegende Neuigkeit wäre - dass die Laserstrahlen sich mit 300 000 km/s fortpflanzen. *Ironie an* Ach ne, ernsthaft? Eine gebündelte Lichtwelle pflanzt sich mit Lichtgeschwindigkeit vorwärts? Wahnsinn, wer hätte das wohl gedacht.*Ironie aus* Natürlich wurde nicht erwähnt, dass ein Laser eine spezielle Form von Lichtwellen darstellt. Wieder wurde an diesem kleinen Detail das "Wie" in den Vordergrund gestellt, aber das "Warum" völlig unter den Tisch fallen gelassen.
Auch wurde mindestens zweimal betont, dass Sammy Tshefu die teuren NASA-Geräte bedient. Teuer? Im Verhältnis zu was? Wie soll man denn bitte schön einordnen, dass etwas teuer ist, wenn man
a) nicht erfährt wie teuer die Instrumente sind und vor allem
b) nicht erfährt, wozu zum Geier das Ganze gut ist.
Wie beknackt ist es bitte, einen Bericht über einen Mann zu schreiben, der sich dank seiner Wissbegierde trotz einfacher Verhältnisse weitergebildet hat und heute einen superspannenden Beruf (1) in der angewandten Forschung ausübt und sich gleichzeitig einen Dreck darum zu scheren, was denn bitte Sammy Tshefu so inspiriert hat, dass er sein Leben umkrempelte. Wie kann man denn einen Bericht über Wissbegierde machen und dabei jegliche Wissbegierde vermissen lassen?
Was hat da die Leute getrieben? Keine Ahnung vom Thema und keine Zeit oder zu faul um jemanden zu fragen, der sich damit auskennt? Wobei ich mir das eigentlich nicht vorstellen kann. Sammy Tshefu kam in dem Beitrag selbst zu Wort. Wieso wurde er also nicht befragt? Bestand kein Interesse? Weil man sich dachte "Einfacher Gärtner bedient heute teure NASA-Gerätschaften" ist so toll, dass man auf das Warum getrost verzichten kann? Hat man entschieden, dass dieses komische "Wissenschaftszeugs" zu schwer für die Leser ist und die doofen Hörer es sowieso nicht merken?
Ich weiß ehrlich gesagt nicht, welche Erklärung ich schlimmer finde.
---------
(1) In diesem Fall muss man einfach von Beruf reden. Wer sich so ins Zeug gelegt hat, für den ist das sicherlich mehr als nur ein "Job".
Autor: Ludmila Carone· 8 Kommentare· Permalink· Trackback-URL
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Kommentare (8)
*seufz* Das Ätzende beim Schreiben von populär-wissenschaftlichen Artikeln (oder, da ich kein Wissenschaftler bin, an Artikeln, die versuchen etwas zu erklären) ist das gegenlesen. Es gibt eigentlich immer jemanden, dem das eine oder andere Detail nicht ausführlich genug ist - und wenn man das alles berücksichtigen würde, wird der Leser mit soviel Informationen zugemüllt, dass er nicht mehr populär-wissenschaftlich ist (Nein, Ich arbeite nicht beim SWR, ich will auch die Reportage nicht kommentieren... es waren nur ein paar ätzende Erinnerungen, die hoch gekommen sind).
Danke für diesen Artikel. Er spricht mir einfach aus der Seele und trifft den Nagel so dermaßen auf den Kopf, dass ich nichts mehr hinzuzufügen habe.
Cool, da kommen Erinnerungen hoch ... ich war mal in Riga, zu Besuch bei den dortigen Physikern. Auf unserer Tour hatten wir auch Station gemacht bei der dortigen Laser Ranging Site gemacht. Ich war dort genauso überrascht, als der Herr Lapushka von dort (der übrigens recht gut Deutsch spricht) uns erzählte, dass man die Satelliten mit Laser anpeilen muss, um ihre genaue Position zu bestimmen. Hätte ich vorher auch nicht gedacht, wieso auch, der Satellit ist da oben und manchmal kann man sie sogar sehen!
Jedenfalls stecken noch mehr Geschichten in diesen Ranging Sites drin. Die Site in Riga gibts fast seit Sputnik, und Dr. Lapushka auch fast solange dabei. Nach der Wende hat er in den Wirren es geschafft, sich Equipment zu besorgen und die Anlage mit einem Streulichtfilter soweit zu verbessern, dass sie auch bei Tag Satelliten anpeilen kann, soweit sie weit genug von der Sonne weg sind. Das war wohl nicht ganz trivial. Als ich das gehört habe, war ich ziemlich beeindruckt.
Zu der Reportage, dem Fazit kann ich nur zustimmen. "Superteuer", Nasa und Lichtgeschwindigkeit schön und gut - aber wozu?
Was die Wissenschaft macht ist sowieso schon schwer zu verstehen. Vermutlich trägt auch das dazu bei, dass man in einigen Teilen der Bevölkerung eine recht niedrige Meinung von unserer Zunft hat. Die Wissenschaft schafft nix und kostet nur Geld. Leider macht es da ein populärwissenschaftlicher Bericht nicht besser, bei dem das «Warum» gänzlich fehlt.
@Florian W.: Ja, das ist klar. Da muss man Abstriche machen. Hier wurde aber das Warum und die Wissenschaft völlig unter den Tisch fallen gelassen. Es wurde nicht mal in einem Nebensatz erwähnt, wozu das gut sein soll. Ich meine: Hallo? Da beschießt jemand Satelliten mit Lasern? Wie witzig ist das denn? Stattdessen wurde die Story auf "ehemaliger Gärtner verwendet teure NASA-Gerätschsaften" reduziert.
heißt der Genitiv von "der mars" wirklich: "des marses"? habe ich noch nie drübe rnachgedacht, aber auch noch nie gehört.
@Ludmilla: Wir empfinden neue Informationen dann als interessant, wenn sie bereits existierendes Wissen bestätigen oder sonst in unserem Gedächtnis einen (hoffentlich positiven) "Wiederhall" erzeugen.
Was hätten wir also hier an Information?
Mann arbeitet sich hoch - Vom Tellerwäscher zum Millionär=cool
Mann arbeitet mit teuren Technikkram - Spielen mit XBox 360=cool
Mann ballert mit Laser auf Satellliten - Star wars=cool
Mann vermisst die Position von Satelliten - Ödes Schulpraktikum=uncool
Tja... Dann ist wohl klar, was weggelassen wird und was nicht.
Wenn man den Beitrag für Wissenschaftler gemacht hätte, wäre er wohl etwas anders ausgefallen. Nicht umsonst redet man bei den Medien sogern von der Zielgruppe.
Wenn man sich z.B. Alpha-Centauri mit Harald Lesch anschaut, dann ist er sehr darauf bedacht, dem Bestätigen von Theorien eine coolnes zu gegen. Anders würde man wohl einschlafen, wenn es dann darum geht, die ART dadurch nachzuweisen, dass man ein Signal zur Sonne schicken und empfangen kann und dies länger braucht, wenn dies knapp an der Venus vorbei geht (sofern ich mich recht entsinne).
@Florian:
Das "warum" sollte eigentlich so instinktiv aus Journalisten herausgeschossen kommen, daß sie es sich gar nicht verkneifen könnten. Wenn es wirklich Journalisten sind.
Ich kann mir die Sache nur so vorstellen, daß ein Redakteur den Teil hinterher rausgeschnitten hat, weil er ihn für nebensächlich hielt oder für zu kompliziert hielt oder was weiß ich.
Wie paßt das zu einer Generation, die mit der Sendung mit der Maus, Pusteblume und Löwenzahn aufgewachsen ist? Ich meine, bei Peter Lustig und Armin Maiwald erwartet jeder sofort ein: "... und wofür ist das gut?"