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Ludmila Carone ist Planetologin an der Universität zu Köln in der Abteilung Planetenforschung des Rheinischen Instituts für Umweltforschung.
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18.01.09 · 19:27 Uhr
The winner takes it all
Kategorie: Kultur·Naturwissenschaften · Kommentare: 7
Nach der Methangeschichte auf dem Mars bietet es sich förmlich an, mal zu fragen: Wie bestimmt man in der Wissenschaft eigentlich, wer der erste ist? Und ist das überhaupt wichtig?
Die NASA-Meldung gestern hieß "NASA-Forscher haben
erste definitive Methanmessungen auf dem Methan vorgenommen."
Wenn man sich an den genauen Wortlaut hält, dann ist das durchaus richtig. Michael Mumma hatte 2003 als allererster mit einem Instrument etwas gemessen, von dem wir heute, 2009, definitiv wissen, dass es Methan war und das hat eine ganze Reihe weiterer interessanter Implikationen. Es könnte beispielsweise ein Zeugnis von Leben auf dem Mars sein. Und sei es nur in Form von Marsmikroben und man kann sogar anhand der Messdaten Gebiete eingrenzen, die für eine nähere Untersuchung interessant sind.
Aber gilt dadurch automatisch die Gruppe um Mumma als Erstendecker von Methan auf dem Mars?
Ab wann gilt: "Ich war der erste?"
Ab Zeitpunkt der Datennahme?
Selbst wenn die Daten 10 Jahre irgendwo verstauben und der Wissenschaftler erst durch die Arbeit einer anderen Gruppe darauf aufmerksam gemacht wird, auf was für einem Schatz er sitzt? Hat er dann das Recht der anderen Gruppe den Erstentdecker-Status streitig zu machen, nur weil er die Daten früher hatte, aber damit nichts anfangen konnte?
Diese Punkt ist auch bei der Methangeschichte nicht zu unterschätzen. Daten sind heutzutage derart komplex und mit Rauschen behaftet, dass man schon genau wissen muss, wonach man sucht. Und selbst dann kann es sehr schwierig werden das Signal herauszukitzeln. Selbst Herr Rauchhaupt, der der Ansicht ist, Mumma gebührt der Status Erstentdecker hat in den Kommentaren zugegeben, dass das mit der Auswertung von Spektraldaten schwierig ist und dauern kann.
Oder gilt es erst, wenn die ersten Ergebnisse vorliegen und diese mehr oder weniger informell auf Tagungen diskutiert werden?
Das Problem dabei ist allerdings, selbst wenn man von seinen Ergebnissen überzeugt ist, letztendlich besteht immer die Gefahr, dass der Wunsch Vater des Gedanken ist. Störsignale könnten echte Signale imitieren. Datenauswertung ist nun mal schwierig. Deswegen würde ich persönlich Diskussionen innerhalb der Fachkollegen und mit Journalisten nicht einfach so zählen lassen und wenn der Entdecker selbst noch so überzeugt von seinen Daten zu sein scheint.
Peter van Kamp ging u.a. deswegen in die Wissenschaftsgeschichte ein, weil er davon überzeugt war, als allererster extrasolare Planeten um Barnards Stern entdeckt zu haben. Das Ergebnis wurde jahre-, jahrzehntelang diskutiert. Inzwischen ist man sich ziemlich sicher, dass van Kamps Messungen in Wahrheit durch Instrumentenfehler verfälscht worden waren.
Im Rahmen der Methangeschichte muss auch gesagt werden, dass die Entdeckung im Jahr 2004 nicht unumstritten war. Eben weil es in den Jahren 2003/2004 drei voneinander unabhängige Messungen von Methan auf dem Mars gegeben hat, kann Michael Mumma heute mit solcher Zuversicht seine Ergebnisse präsentieren, weil diese Messungen sich gegenseitig bestätigen. Die "erste" Messung wird immer misstrauisch beäugt, wenn sich diese nicht reproduzieren bzw. bestätigen lässt.
Zählt die Pressemitteilung?
Mit einer Pressemitteilung lehnt man sich ziemlich weit aus dem Fenster, d.h. die gibt man raus, wenn man sich ziemlich sicher über seine Ergebnisse ist und sicher gehen will, dass nicht jemand anders einem zuvorkommt.
Oder zählt die erste peer reviewed Veröffentlichung?
Wenn man den wirklich von seinen Daten überzeugt ist, dann legt man seine Daten für die gesamte wissenschaftliche Community nachvollziehbar schriftlich nieder und stellt sich der Peer Review in einem möglichst renommierten Fachjournal ein. So läuft das nämlich in der Wissenschaft und keiner kann mir was anderes erzählen. Das ist schlicht unrealistisch. Insbesondere wenn der betreffende Wissenschaftler 2003 wissen musste, dass es da noch andere Gruppen gibt und eine Raumsonde unterwegs war, die demnächst viel bessere Daten liefern wird.
Und wenn die Peer Review gilt, welcher Zeitpunkt ist das entscheidend?
Der Zeitpunkt, zu dem der Artikel eingereicht wurde? Der Zeitpunkt, zu dem der Artikel akzeptiert wurde? Der Zeitpunkt der Veröffentlichung?
Wie jeder Wissenschaftler aus eigener Erfahrung weiß, kann es unter Umständen extrem lange dauern, bis die Peer Review abgeschlossen wurde. Allerdings wird dieser Prozess bei spannenden Ergebnissen schon mal beschleunigt. Genau dafür ist ja Science Express da.
Aber ist das jetzt so wichtig, welche von drei unabhängig voneinander agierenden Gruppen als erste Methan nachgewiesen hat?
Wenn diese Frage gänzlich unwichtig wäre, warum hat die NASA dann gerade diesen Punkt als ersten Satz in ihre Pressemitteilung gepackt? Die NASA-PR kennt ihre Pappenheimer und weiß genau, dass "Wissenschaftler finden als erste xyz" sich immer gut verkauft. Aus dem selben Grund, aus dem sich die Öffentlichkeit für Olympiagewinner interessiert. Wie war das noch? Wer war noch mal neben Michael Phelps im Wasser? Man muss für diese Nachricht noch nicht einmal besondere Fachkenntnisse haben, um daraus eine Nachricht zu stricken.
Seien wir doch mal ehrlich! Für die meisten Menschen gilt, der zweite ist "nur" der beste Verlierer. Genauso verhält es sich auch beim Buhlen von Forschungsinstituten weltweit um die Gunst der Öffentlichkeit. Denn wer es schafft, sich in die Herzen und das Gedächtnis zu graben, der hat natürlich auch höhere Chance auf finanzielle Förderung.
So kommt es, dass die große Gefahr besteht, dass im Fahrwasser des NASA-Budenzaubers aus einer herausragenden Forschungsleistung eine "qualitative Bestätigung" wird. Den ehemals gefeierten Wissenschaftstars wird heute über das Köpflein gestreichelt und ihnen gesagt: "Ihr habt unsere Ergebnisse bestätigt. Habt Ihr fein gemacht."
Tja und genau deswegen blicken viele europäische Planetenforscher auf die geballte NASA-PR-Maschinerie mit einer Mischung aus Angst, Frustration, Neid und - ja, ich gebe es offen zu - auch mit Missgunst. Genau in diesem Kontext muss man auch meinen Beitrag vom Freitag sehen. Da brach enorme Frustration aus mir heraus, die sich seit Jahren in mir aufgestaut hat und das Gefühl, dass wir von vornherein zum Scheitern verurteilt sind und es eigentlich gleich lassen können.
Weil wir dagegen kaum etwas ausrichten können. Denn auf dieser Seite des Atlantiks ist PR immer noch etwas, das von Doktoranden und Diplomanden gewuppt wird. Weil entweder kein oder kaum Geld dafür da ist oder es schlicht als unwichtig erachtet wird.
Der Kommentator Hendrik hat es in einem Kommentar zu einem meiner LEO-Beiträge wunderbar zusammengefasst:
- Weil es kein Geld gibt, gibt es keine PR
- Weil es keine PR gibt, gibt es keine öffentliche Unterstützung/Interesse.
- Weil es keine öffentliche Unterstützung/Interesse gibt, wird es als unwichtig betrachtet.
- Weil es als unwichtig betrachtet wird, gibt es kein Geld.
Ich bin gespannt wie das ausgeht.
Ich auch - weil davon meine berufliche Zukunft abhängt.
Ich gebe mich jetzt gepflegt dem Blues hin und untermale das Ganze mit ABBA. Ich bin zwar nicht so der ABBA-Fan, aber heute habe ich einfach Lust drauf ;-)
Autor: Ludmila Carone· 7 Kommentare· Permalink· Trackback-URL
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Kommentare (7)
Als Nicht-Wissenschaftler kann ich zur "Erster!" Diskussion wenig beitragen. Aber ich habe vielleicht eine heitere (sarkastischere?) Alternative zum YouTube-Film: http://www.youtube.com/watch?v=2vPjjciw_6E
Zur "Erster Frage" würde ich gnaz naiv sagen, im Zweifelsfall das Datum der Enreichung, Auswertung, Aufbereitung und Darstellung der Ergebnisse gehören m.E. zur wissenschaftlichen Arbeit dazu. Pressemitteilungen würde ich mir erst dann wünschen, wenn ein Paper durch das Review durch ist, das ist aber naive Wunschträumerei ... und ich denke es geht nicht nur um die Gunst der Öffentlichkeit, sondern ziemlich direkt um die Bewilligung von Geldern.
In der guten alten Zeit, als man noch über Briefe miteinander kommunizierte, die von der Post zu ihrem Empfänger gebracht wurden, entwickelte sich bei manchen Wissenschaftlern eine clevere Methode, um ihre Priorität zu sichern:
Selbst wenn die Daten noch nicht alle zusammen waren, und auch ein sicheres Ergebnis noch in der Zukunft lag, schrieben moralisch nicht so gehemmte Personen einfach mehrere Paper, in denen sie jeweils eines der möglichen Ergebnisse durchdiskutierten. Je ein Paper landete in einem Umschlag mit der Anweisung an den Verlag, ihn nicht zu öffnen. Dann hat man in Ruhe weitergeforscht, und wenn das Ergebnis vorlag, brauchte man nur noch beim Verlag anrufen und den richtigen Umschlag öffnen lassen. So war man auf jeden Fall schneller als der Konkurrent, der nach Vorliegen der Ergebnisse erst anfing, das Paper zu verfassen.
So ein Verhalten ist heutzutage glücklicherweise nicht mehr erlaubt, und wird durch das heute übliche digitale Einreichen von Manuskripten eh erschwert. Es zeigt aber, wie wichtig die Erstveröffentlichung in der Wissenschaft ist, dass ein solches Verhalten daraus resultiert!
Mhm, gute Fragen. Das könnte vielleicht ein Wissenschaftshistoriker beantworten.
In der Zeit vom 8.1.09 deutet sich da auch
ein "Streit" an im Interview mit Craig Venter:
http://www.zeit.de/2009/03/Klein-Venter
Stefan Klein: Herr Venter, Sie haben vor ein paar Monaten als einer der ersten Menschen Ihr ganzes eigenes Genom kennengelernt.
Craig Venter: Wieso »einer der ersten«? Ich war der erste.
Klein: Ihr alter Rivale James Watson, der die Struktur der Erbsubstanz DNA entdeckte, war schneller.
Venter: Von wegen, er kam nur mit seiner Pressemitteilung ein paar Tage früher heraus.
Naiv wie ich bin würde ich sagen: Erster ist, wer es als erster öffentlich behauptet. Es kommt also nicht so sehr auf das Medium an oder ob das nun eine PR, Tagung oder Paper ist, sondern auf die öffentliche Zugänglichkeit. Nur dann kann die Öffentlichkeit auch gegen den vorschnellen, vorlauten "Entdecker" vorgehen.
@Stefan: Aber dann kann sich ja jeder hinstellen und alles behaupten. Ich würde auf jeden Fall auf die Nachprüfbarkeit pochen und dazu müssen die Daten und Schlussfolgerungen irgendwo schriftlich fixiert sein. Daher neige ich persönlich zur peer reviewed publication als Entscheidungskriterium.
@Ludmila: Du schreibst "Aber dann kann sich ja jeder hinstellen und alles behaupten". Ja, aber damit muss man leben. Im Zeitalter des Internets ja sowieso. Faktisch passiert das ja auch andauernd und daher ist Medienkompetenz so wichtig. Ich lese im Internet, dass die Nasa etwas entdeckt hat und ich lese wiederum im Internet bei Dir, dass es sich so einfach mit "die Nasa hat entdeckt" nicht verhält. Das ist doch wunderbar transparent und auch unterhaltsam. Außerdem ist der Feedback ja eingebaut. Ich würde beispielsweise nie einen Blog oder ein Online-Nachrichtenmagazin lesen, das keine Kommentarfunktion hat. Das finde ich übrigens bei focus-online vorbildlich. Hier kann jeder schnell und ohne aufwendiges Login kommentieren.
Dass Du in Deiner Profession "peer reviewed publication als Entscheidungskriterium" bevorzugst ist mir klar, aber Laien (und das sind auch die meisten Journalisten) wären damit überfordert und müssen in Astronomiedingen sowieso nichts entscheiden.