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15.08.08 · 13:15 Uhr
Die unterbrochene vergoldete Nacht
Kategorie: Kultur·Themenwoche·Themenwoche · Kommentare: 6
Ok, das war eine kurze Nacht. Gegen 5 Uhr morgens stand ich senkrecht im Bett: "Ja,JA, JAAAAAA!", schallte es aus dem Wohnzimmer.
"Britta Steffen?", rief ich schlaftrunken.
Da kam mein Mann freudestrahlend ins Schlafzimmer gestürmt:
"Sie hat's geschafft! Sie hat's geschafft! Gold für 100 Meter Freistil. War das spannend! Sie schwamm auf einer der Außenbahnen und beim Start kam sie schon nicht so gut weg. Da war sie vorletzte. Dann hat sie sich ein bisschen herangekämpft, aber die Wende war nicht so toll. Da ist sie wieder ein Stück zurückgefallen. Aber dann hat sie angezogen! Einfach nur toll!"
Wow! Der Start und die Wende gehören mit zu den wichtigsten Punkten beim Schwimmen, wenn man da nicht so gut wegkommt, kann man es eigentlich gleich vergessen. Auf den letzten Metern das Ruder derart herumzureißen, das ist wirklich eine herausragende Leistung. Insbesondere unter dem hohen Druck und der Kritik, denen derzeit die deutschen Schwimmer ausgesetzt sind und die gerade reihenweise einknicken.
Das erste olympische Gold seit 16 Jahren im Bereich Schwimmen geht also an Britta Steffen. Ich gönn es ihr von Herzen und verzeihe meinem Mann die nächtliche Ruhestörung - und dass ich danach nicht so Recht schlafen konnte (*gähn*).
Heute morgen mittag erzählte mir mein Mann beim Zähneputzen, dass er von den Kommentatoren ein weiteres interessantes Detail zum Thema Schwimmen und neue Trainingsmethoden erfuhr. Die Amerikaner gehen nach dem Training zur Regeneration ins Eisbecken und in die Sauna. Den Deutschen ist diese Methode auch bekannt. Sie wird nur im deutschen Sport noch nicht überall angewandt, getreu nach Artikel 6 des kölschen Grundgesetzes: "Kenne mer nit, bruche mer nit, fott domet." Wobei mich das schon sehr verwundert, denn so neu und weltbewegend ist diese Erkenntnis auch wieder nicht. Genausowenig verstehe ich, wieso der DSV das Höhentraining nicht schon längst eingeführt hat, das in anderen Disziplinen seit vielen Jahren betrieben wird.
Aber selbst ein Jürgen Klinsmann wurde vor ein paar Jahren dafür belächelt, dass er seinen Leuten zur Regeneration einen Wellnesspark hinstellen ließ.
Autor: Ludmila Carone· 6 Kommentare· Permalink· Trackback-URL
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Kommentare (6)
Wo ist denn der olympische Geist vom "Dabei sein ist Alles" hin, wenn man kritisiert wird, wenn man keine Medallien gewinnt?
@Kil: Na komm! Ohne Sieger und Konkurrenz wäre Sport ja mal ziemlich langweilig, oder?
Wenn der DSV die Zeichen der Zeit jetzt nicht erkennt, dann ist es auch mit dem "dabei sein" vorbei. Um nämlich überhaupt dabei zu sein, muss man erst einmal die Qualifikationszeiten für Olympia schaffen und die werden von den Leistungen der Weltelite bestimmt.
Der deutsche Schwimmverband und die Schwimmer werden vor allem deswegen kritisiert, weil sie eine absehbare Entwicklung verschlafen haben. Das äußert sich natürlich auch in fehlenden Medaillen. Aber soll ich jetzt Beifall klatschen und "gut gemacht" rufen, wenn selbst ich als kleine Kampfrichterin auf Bezirksebene sehe, dass nicht das Optimale aus den Leuten rausgeholt wird, weil man zu sehr in der Vergangenheit verhaftet ist? Das ist doch auch unfair den Schwimmern gegenüber.
Und, Ludmila wurdest Du beim zweiten Gold von Britta Steffen wieder mitten in der Nacht geweckt oder warst Du selbst live mit dabei? War ja immerhin Wochenende.
@Marc: Ich war zu müde, deswegen hab ich mich hingelegt. Außerdem mussten wir am Sonntag relativ früh raus, wegen dem traditionellen Wandern mit dem Schwimmverein. Und 50 Meter Freistil ist ja sowieso nicht die Paradestrecke von Frau Steffen. Umso überraschter war ich dann, als mein Mann mich wiederum mitten in der Nacht durch seine Jubelschreie aufweckte. Er war übrigens dann völlig fertig, als wir dann raus mussten.
Tja, das ist echte Hingabe an seinen Sport.
Gerade nach dem Sieg über 50m frage ich mich, ob das Hauptproblem der Schwimmer nicht eher die Psyche war? In den ersten Läufen sind ja einige teils Sekunden über der eigenen Bestzeit geblieben, das kann man ja fast nicht anders erklären, wenn man annimmt, dass das Training auf die Olympiade ausgerichtet war, und sie eigentlich körperlich in Topform sein müssten.
Und nachdem Britta Steffen über 100m gewonnen hat, waren doch (ihren eigenen Worten nach?) die 50m nur noch "Zugabe" - psychischen Druck sollte sie da wohl nicht mehr gespürt haben => sie schwimmt ein weiteres Mal zur Goldmedaille und sagt doch noch direkt nach dem Rennen etwas in Richtung "da sieht man mal wieder, was die Psyche alles ausmacht".
Ach ja. Michael Phelps hört direkt vor dem Schwimmen immer Musik - nur ein "dummes Ritual" also ein Placebo (das ja auch psychologische Wirksamkeit hat) oder kann Musik uns nicht auch aufpuschen, lockern oder beruhigen, je nachdem was der einzelne eben vor dem Start am meisten braucht?
Bieten also andere Länder ihren Schwimmern vielleicht auch bessere psychologische Betreuung?
@matthias: Ich stimme Dir da zu, dass die Psychologie da eine große Rolle spielt. Wenn einem die Rekorde um die Ohren fliegen, dann schüchtert das schon ziemlich ein.
Das mit der Musik ist z.B. im Boxen längst ein alter Hut. Da wird die Einmarschmusik schon lange verwendet, um sich und die Fans heiß zu machen.