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20.07.08 · 10:57 Uhr
Humboldt in den Zeiten des Turboabiturs
Kategorie: Geistes- & Sozialwissenschaften·Kultur · Kommentare: 3
Am 17. und 18.7. fand in Berlin die Masterkonferenz 2008 statt.
Ein Forum für Hochschule und Wirtschaft sollte es darstellen. Die Universität soll ihre Absolventen besser an die Bedürfnisse der freien Wirtschaft anpassen, hieß es in den Medienberichten. Das passt zudem, was ich letztens in der Tageszeitung las: Ein Turboabitur ist vonnöten, weil unsere Absolventen angeblich zu alt sind.
Den Stellenanzeigen nach zu urteilen sieht der Traumabsolvent so aus: Unter 30 Jahre alt, mit Auslandsaufenthalt und Berufserfahrung. (Hmm, wenn jeder Berufserfahrung für die Einstellung voraussetzt...Wo soll der Absolvent eigentlich die Berufserfahrung sammeln?)
Aber die allergrößte Frage, die sich mir stellt, bei diesem Trimmen der Hochschule an die Bedürfnisse der freien Wirtschaft: Wo bleibt dabei eigentlich Humboldt?
Ich meine damit nicht Alexander von Humboldt, den Popstar unter den Forschungsreisenden. Ich meine seinen Bruder Wilhelm, der zwar nicht so weit reiste, der sich aber darum nicht weniger um die deutsche Bildung und Forschung verdient gemacht hat. Wilhelm von Humboldt ist der Namensgeber des humboldtschen Bildungsideals. Dahinter steht die Idee, dass eine umfassende Bildung möglichst jedem freistehen sollte und dass sie einen Wert an sich darstellt und zu mehr gut ist, als die Chancen zu erhöhen, einmal später einen schicken Dienstwagen zu fahren.
Steht die Bildungsidee Humboldts wirklich den Bedürfnissen der Wirtschaft entgegen und sollte auf den Müllberg der Geschichte geworfen werden?
Wollen die Konzerne nicht junge intelligente Leute, die "out of the box" denken? Wie soll das gehen, wenn nur auf eine möglichst schnelle Ausbildung geschielt wird? Wenn das Wissen dabei möglichst praxis- bzw. wirtschaftsnah sein soll? Wie soll so das "Schauen über den Tellerrand" gefördert werden?
Ach ja, und haben wir nicht bereits Institutionen, die eine praxisnahe akademische Bildung für die Wirtschaft leisten? Die Fachhochschulen?
Ich gebe zu, ich bin eine romantische Anhängerin der Bildungsidee. Auch wenn uns das nicht vor Hitlers Machtergreifung geschützt hat und leider nur allzu viele Gelehrte im "Dritten Reich" den Verlockungen der NS-Ideologie verfielen. Nicht wenige Menschen sind wahrscheinlich nur deswegen nicht rechtzeitig vor den Nazis geflohen, weil sie nicht glauben konnten, dass die Gräuelberichte aus dem Land der Dichter und Denker der Wahrheit entsprachen.
Bin ich naiv, wenn ich dennoch an der humanistischen Bildungsphilosophie festhalte?
Autor: Ludmila Carone· 3 Kommentare· Permalink· Trackback-URL
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Kommentare (3)
Das Bildungsideal wurde wohl in Bologna geopfert. Hauptsache schnell durch, ich kenne jedenfalls nur gehetzte Bachelorstudenten, die von einer Prüfung zur nächsten Huschen und keine Zeit mehr für eine vernünftige Reflexion ihres Wissens haben. Praxisnah ist das Wissen aber trotzdem nicht. Ich würde ja eine Besinnung auf Qualität fordern, doch da alle peinlich darauf achten, dass auch die entsprechende Arbeitsleistung für die Credit-Points erbracht wird, werden Prüfungen zum Selbstzweck.
Ist ja schon viel drüber geschrieben und sinniert worden. Ich habe ja noch die Hoffnung, dass man sich noch besinnt und zusammen mit den Studenten vernünftige Studiengänge konzipiert und das dabei noch ein bischen von Humboldt übrig bleibt.
Nein, sei versichert: Du bist nicht naiv, allerhöchstens ein wenig unzeitgemäß. Das aber im besten Sinne. ;-)
Auch ich kann keine Naivität entdecken ;)
Wenn ich mir die wachsenden Zahlen der Seniorstudenten vor allem in den Geisteswissenschaften ansehe, scheint es doch wohl mehr als Wirtschaft zu geben. Auch aus persönlichen Gesprächen mit einigen dieser erfahrenen Menschen (oft aus Industrie und Wirtschaft) kann ich sagen, dass die humboldtsche Bildungsidee zumindest mit steigendem Alter an Bedeutung gewinnt.