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23.01.08 · 12:12 Uhr
Weisheit oder doch eher Desinformation?
Kategorie: Kultur
Ich war dann doch neugierig und hab am Sonntag in dieses so genannte Live-Experiment auf RTL reingezappt: "Die Weisheit der Vielen".
Die erste Stunde habe ich verpasst und kann daher nur etwas über die zweite Stunde aussagen. Es war leider genauso schlimm, wie ich mir das vorgestellt habe. Versteht mich nicht falsch! Es war sicherlich eine unterhaltsame Show. Ich habe auch nichts gegen Edutainment.
Aber ich darf ja wohl überprüfen, wie gut der "Edu-Teil" also die Wissensvermittlung war. Die Sendung wurde schließlich - auch von Herrn Jauch - als Experiment verkauft und daher als wissenschaftlich. Verzeiht mir, wenn ich es mir als Wissenschaftler erlaube, kritisch diesen Anspruch zu hinterfragen. Denn auch das muss sich jedes wissenschaftliche Experiment gefallen lassen.
Was sollte da also nochmal getestet werden? Wissen oder gar Weisheit auf unterschiedlichen Gebieten? Experte gegen Publikum? Warum waren dann die meisten Dinge, die ich da gesehen habe, reine Glücksspiele?
Als "Wissenstest" wurde u.a. verlangt, die Temperatur auf dem Kölner Dom 1 1/2 Wochen im vorraus vorherzusagen. Das Blöde ist nur, das geht einfach nicht. Die Unsicherheiten sind so groß, dass eine solche Vorhersage ein reines Glücksspiel ist und Glücksspiele haben mit Wissen nun mal gar nichts zu tun. (1) Leider haben das die Meteorologen (2) aber erst nach dem Test erklärt, was in so einem Fall stark nach Rechtfertigung roch, weil die Experten mehr als 5 Grad unter dem wahren Wert lagen. Aber immer noch waren sie näher dran als das Publikum und der "Wetterbauer", der als dritter "Experte" herangekarrt wurde. Dazu muss ich jetzt nichts sagen, oder?
Dann sollte die Ministerin von der Leyen die Anzahl der Geburten in Deutschland am Tag der Ausstrahlung bis 22 Uhr vorhersagen. Auch das ist ein reines Glücksspiel und als Wissenstest so aussagekräftig, wie zu verlangen, die nächste Zahl beim Würfeln vorherzusagen. Außerdem bei allem Respekt! Frau von der Leyen ist eigentlich ausgebildete Medizinerin und derzeit Politikerin. Als Expertin für Demographie, d.h. für die Wissenschaft über die Entwicklung menschlicher Bevölkerungen, ist sie nur bedingt geeignet. Dafür hat sie hoffentlich Fachreferenten im Ministerium.
Der nächste Test hieß: "Ordne diese Frau dem richtigen Mann zu!" Dieser wurde mit heiteren Klischees begründet, wie "Partner werden sich mit den Jahren immer ähnlicher". Ja, ist klar und "Scherben bringen Glück".
Als so genannte Experten wurden dann zwei RTL-Moderatoren aus Kuppelshows ausgewählt, die zu meiner Schadenfreude ziemlich versagten. Aber von Selbstkritik keine Spur. ("Na, wenn es 2 nicht ist, dann ist es 8 und wenn es der nicht ist, dann kann es nur die 6 sein.") Super Leistung! Wir haben gerade den Zuschauern demonstriert, wie man Misserfolge einfach übergeht und sogar als Erfolge verkauft.
Das einzige, was ich als echten Wissenstest durchgehen lassen würde, war die Aufgabe, die Anzahl der Münzen in einem Plexiglas-Behälter zu schätzen. Als Experte trat ein wahrhaftiger Mathematikprofessor aus Bonn an, der außerdem solche Aufgaben trainiert hatte und im eingespielten Beitrag mehrfach demonstrierte, dass er das auch recht gut kann. Auch im Publikumstest schnitt er nicht schlecht ab. Er lag etwa 50 Münzen daneben. Im Behälter waren knapp 1500 Münzen. Das Publikum war auch nur 100 Münzen weit weg. Gar nicht mal so schlecht.
Interessant wäre es jetzt gewesen, das gesamte Experiment 10mal mit unterschiedlichen Gefäßen und Inhalten zu wiederholen, um festzustellen, ob das Publikum immer so nahe dran liegt und der Experte zwischendurch versagt. In der Wissenschaft ist nämlich "einmal = keinmal". Es kann auch einfach ein Zufall gewesen sein.
Mein Fazit: Eine gute Show, aber diese Sendung erfüllte bei weitem nicht die Anforderungen eines Experimentes. Es war eine ziemliche Mogelpackung, die zudem für einen Laien nicht als solche erkennbar war. Da machten schließlich Professoren, Ministerinnen und der Jauch mit. Und das verursacht wieder mal Bauchschmerzen bei mir. Denn hier wird den Menschen ein völlig falsches Bild davon vermittelt, wie Wissenschaft funktioniert. Nicht aus bösem Willen, sondern einfach nur aus Unwissenheit. Und vielleicht auch Desinteresse?
Also sorry. RTL kann es nicht. Selbst SAT1 hat mit der Sendung "clever!" eine halbwegs ansehnliche Wissenssendung am Start. Auch wenn die Idee bei der "Knoff-Hoff-Show" geklaut wurde. Aber besser gut geklaut, als schlecht erfunden. Zumindest im Bereich Edutainment.
----------------
(1) Wetter ist nicht das gleiche wie Klima. Für die Leute, die den Unterschied nicht kennen und die nicht verstehen, warum sich das eine über längere Zeiträume berechnen lässt und das andere nicht. Hier ein Link zu einem alten Beitrag von mir.
Aber kurz lässt es sich so erklären: Den nächsten Würfelwurf kann kein Mensch vorhersagen. Man kann aber dennoch vorhersagen, dass nach 1000 Würfen die Zahlen 1-6 gleich häufig geworfen werden. Wenn das nicht der Fall ist, dann wundert Euch nicht, wenn auf einmal finstere Gestalten neben dem Spieltisch auftauchen und diese Würfel mal genauer ansehen wollen ;-)
(2) Nur so mal als Hinweis. Meteorologie ist ein naturwissenschaftliches Fach, das man auch studieren kann. In der Regel sind die Wetterfeen diplomierte Meteorologen. Das schreibe ich für meine Kollegin, die während ihres Studiums sich mehrfach anhören musste: "Meteorologie? Das kann man studieren?"
Autor: Ludmila Carone· 0 Kommentare· Permalink· Trackback-URL
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