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Michael Pusler ist Markt- und Medienforscher in leitender Funktion. Er beschäftigt sich primär mit grundlegenden Fragen zum Mediennutzungs- und Verbraucherverhalten sowie zur Markenführung von Medienmarken. Zunehmend spielen dabei auch neue Erkenntnisse aus den Neurowissenschaften sowie der Sozialforschung eine wichtige Rolle.
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08.12.08 · 20:20 Uhr
Jugend und Medien - "gruscheln" und telefonieren
Kategorie: Geistes- & Sozialwissenschaften·Technik · Kommentare: 6

Die aktuelle JIM-Studie des medienpädagogischen Forschungsverbundes Südwest (www.mpfs.de) fördert recht viel Interessantes, aber nicht unbedingt Spektakuläres zutage. Den Medien-Alltag Jugendlicher prägen virtuelle und reale peer-Foren, PC und Telefon liefern die Basis-Ausstattung.
Hier eine Zusammenfassung der Ergebnisse zur Mediennutzung (ins. Online und Print) in Stichworten:
Starke Verbreitung von Internet im Vergleich zu Print-Medien, Zunahme seit 2007
• Internet im Haushalt bei 96% der Jugendlichen,
Platz 4 nach Handy, Computer und Fernseher,
Anteil deutlich höher als Tageszeitungs- bzw. Zeitschriftenabo im Haushalt (zw. 43 und 65% je nach Bildungsniveau, höchste Anteile bei Gymnasiasten);
• eigener Computer mit Internetzugang im Zimmer 51%
→ eigener Computer mit Internetzugang + 6PP (Prozent Punkte)im Vgl. zu 2007
→ „Ein Anstieg in der Medienausstattung der Jugendlichen ist inzwischen nur noch bei digitalen Geräten zu verzeichnen".
→ aber auch Zeitschriften- und Tageszeitungsanteile „deutlich höher" im Zeitvergleich
Zunehmend große Bedeutung von Internet als Freizeitbeschäftigung, Bedeutungsverlust für Zeitungen
• 97% nutzen Internet zumindest selten
→ 2007 93% mindestens selten
• Internet mit 84% mindestens mehrmaliger Nutzung pro Woche auf Platz 4 der Freizeitbeschäftigungen nach Fernsehen, Computer allg. und Handy;
→ Veränderungen in Nutzung täglich/ mehrmals pro Woche im Vgl. zu 2007: Internet + 7 PP, Zeitungen - 5 PP.
• Bei Zeitungen und Zeitschriften haben die Print-Ausgaben größeren Stellenwert.
Mit höherer formaler Bildung deutlich häufiger Internet, Tageszeitungen und Bücher als Freizeitbeschäftigung angegeben, Jugendliche mit niedrigerem Bildungsniveau lesen eher die Onlineausgaben von Tageszeitungen und Zeitschriften.
Zeitungen (46% J, 41% M), Online-Zeitungen (14% J, 10% J) und -Zeitschriften (14% J, 7% M) werden zu größeren Anteilen von Jungen gelesen, während Mädchen die Print-Ausgaben von Zeitschriften/ Magazinen (30%M, 29% J) und vor allem Bücher (48% M, 32% J) präferieren.
Das Internet als unverzichtbares Medium für Jugendliche
• Internet ist das Medium, auf das mit 29% der größte Anteil der Jugendlichen nicht verzichten kann
→ Zunahme um +7PP im Vgl. zu 2007
• Werte für Zeitschriften und Zeitungen nur jeweils 3% (hier vermutlich aber nur auf Print bezogen)
Internet wird von Jugendlichen als Informations- und Kommunikationsmedium vielfältig genutzt, Zeitschriften/ Zeitungen (online) nicht explizit genannt
• Am meisten werden Suchmaschinen im Internet benutzt, aber auch Online-Communities, Instant Messaging und Emails sind eine wichtige Funktion
• Zeitungen/Zeitschriften fließen vermutlich indirekt bei Nachrichten/Aktuelles oder auch Infos ein
Online-Communities nehmen einen großen Stellenwert für regelmäßige Kontakte zu Freuden ein, nach wie vor überwiegen face-to-face-Kontakte
• Kontakte zu Freunden (mindesten mehrmals pro Woche): am meisten über face-to-face (91%); Internetcommunities mit 71% fast gleichwertig mit Festnetztelefon (72%); emails 22%;
Chats werden von nur 29% „regelmäßig" besucht, wobei die Unterscheidung zwischen einem Chat, einer Online-Community und einem Messenger offensichtlich schwerfällt (20% nennen Communities auf offene Frage nach genutzten Chat-Räumen).
• die mit Abstand bekannteste und am häufigsten genutzte Online-Community ist „schülerVZ": von 45 % auf offene Frage als ,schon mal besucht' genannt, dann „studiVZ" 12 %, „MySpace" 10 %, „ICQ" 7 %.
• Nutzungsfrequenz Online-Communities: 57% täglich/mehrmals pro Woche, 7% einmal/Woche bis einmal/14 Tage, 9% einmal/Monat bis seltener 27% nie
• 48% der im Internet verbrachten Zeit werden zur Kommunikation verwendet, jeweils 16 bis 18 % für Spiele, Informationssuche oder Unterhaltung
• Bedeutung des Web 2.0 („aktive" Online-Tätigkeiten wie „in Newsgroups schreiben", Musik/Sound einstellen", „Weblogs schreiben", „Fotos/Videos einstellen" und „Online-Communities nutzen" zusammengefasst):
84% machen überhaupt, 62% täglich/ mehrmals die Woche;
Jugendliche vertrauen vor allem den Aussagen von Tageszeitungen, Internet trotz häufiger Nutzung vergleichsweise geringe Glaubwürdigkeit
• Glaubwürdigstes Medium ist für die Jugendlichen die Tageszeitung, gefolgt vom Internet
→ Im Vergleich mit 2008 zeigt sich in der Tendenz eine Stärkung der klassischen Medien (Tageszeitung von 42% auf 44%; Fernsehen von 28% auf 31%; Radio von 10% auf 13%; Internet von 16% auf 12%).
• Beträchtliche Unterschiede bezüglich Alter und formaler Schulbildung (wobei das wohl zusammenhängt)
Zur Medienkonvergenz: Bei Fernsehen und Internetnutzung Dominanz der klassischen Zugangswege, Internet wird auch zum Radio- und Musikhören genutzt
• Stellenwert Internet fürs Musikhören: 40% hören mind. mehrmals pro Woche im Internet Musik, jeder Fünfte täglich.
→ +22PP im Vgl. zu 2007
• 28 Prozent der Internetnutzer hören zumindest selten Radio via Internet, 8 Prozent mindestens mehrmals pro Woche.
14% der Radiohörer nutzen Radio via Internet.
• Ferngesehen über Fernsehgerät 100% vs. 5% übers Internet
• Zugang ins Internet mit dem Computer 100% vs. 4% übers Handy.
• Fernsehen via Internet sowie Internet über Handy und Spielkonsole werden ansatzweise genutzt.
• In Interaktion mit dem Fernsehen: 54 % haben schon einmal die Homepage eines Senders besucht. Gewinnspiele 17 % oder Meinungsäußerungen jedweder Art 11 %
• Onlineangebot von Radioanbietern: 40% haben sich schon einmal auf der Homepage eines Radioveranstalters umgesehen, nur 5% machen dies mindestens einmal pro Woche.
Studiensteckbrief:
Grundgesamtheit: 7 Mio. zw. 12 und 19 Jahren; Stichprobe: 1.208 Jugendliche, Gewichtung;
telefonische Befragung zw. 14. Mai und 16. Juni 2008 durch ENIGMA GfK in Wiesbaden;
zusätzlich 106 Personen aus der Stichprobe der JIM-Studie zufällig ausgewählt und in einer Nachbefragung („JIMplus") gezielt zu einzelnen Themen vertiefend interviewt (ausführlichere Ergebnisse unter www.mpfs.de)
Autor: Michael Pusler· 6 Kommentare· Permalink· Trackback-URL
JIM-Studie; "JIM"· Jugend und Medien· Mediennutzung bei Jugendlichen· social communities· Web2.0
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Kommentare (6)
Statt "Prozent Punkte" hätte man in der veralteten Rechtschreibung möglicherweise "Prozentpunkte" geschrieben, was den "Punkte"-Teil auch nicht erklärt. Heißt "20% + 5PP" nun 25% oder 21% ? Oder noch was ganz anderes?
Die Veränderungen ("+ 5 PP") beziehen sich auf die Vorjahresuntersuchung. Die genannten Werte sind aus 2008, folglich waren es - im genannten Bsp. - im Vorjahr 15%.
Die Auflistung von Internet, Handy, Computer, Fernseher in einer Rangfolge ist m.E. etwas unglücklich, da das Internet eine Übertragungstechnologie ist und die anderen drei genannten Begriffe in der Liste Endegeräte sind, die alle einen Zugang zum Internet (oder einen Anschluss an das Internet) ermöglichen. Aber ich denke es ist trotzdem klar was hiermit gemeint ist.
Außerdem denke ich, dass neben der Frage ob das Internet genutzt wird es viel interessanter ist zu fragen wie das Internet genutzt wird. Darauf wurde zwar oben schon ganz gut eingegangen, jedoch könnte dies noch etwas tiefgehender geschehen. Außerdem wäre es interessant zu erfahren welche Art der Nutzung des Internets als positiv (z.B. Zugang zu wichtigen Informationen, Lernen, Aufrechterhaltung sozialer Kontakte über Distanz, usw.) angesehen wird und welche als negativ (z.B. Zeitverschwendung, soziale Verarmung durch fehlende face-to-face Kontakte, mangelnde körperliche Betätigung usw.).
Aber Danke fürs posten dieser Studie.
Zur bevorzugten Nutzung des Internets - bzw. zu Qualitäten der Mediennutzung im digitalen Zeitalter - las ich bereits vor einiger Zeit (hat sicher nichts von seiner Gültigkeit verloren) einen Beitrag in der Süddeutschen Zeitung, der auf eine Studie zur Mediennutzung bei Jugwendlichen in GB (Uni Sheffiled) verweist. Er zeigt, dass sich im peer-Verhalten der Jugendlichen - trotz technologischer Innovationen - grundsätzlich doch wohl nich allzu viel geändert hat. In der Ausg. vom 24.4.08 heisst es da unter dem Titel "Die digitale Eisdiele" u.a. "Überhaupt ist das Interesse der Teenager an neuen Technologien eher begrenzt. Ganze 20 Prozent der Jugendlichen klassifizierte die Studie als " digitale Dissidenten" ...". Etwas später: "... Die einzigen Seiten, die Teenager häufig nutzen, sind soziale Netzwerke wie Facebook oder MySpace...". Anm. meinerseits: In D´SchuelerVZ/wer-kennt-wen/StudieVZ
Schliesslich etwas pointiert: " ... Der schlichte analoge Vergleich wäre der, dass die Jugend früher ihre Nachmittage auch lieber in der Eisdiele als in der Bibliothek verbrachte. .." was zu folgendem resumee führt: " ... Die digitale Bildung allerdings hinkt noch weit hinter den Wunschträumen und Verheißungen vom digitalen zeitalter als Ära des demokratisierten Wissens hinterher". (Quelle SZ; 24.4.08)
Danke für den Kommentar!
Ich frage mich abseits vom deskriptiven Ansatz welche Art der Nutzung des Internets unter normativen Gesichtspunkten als positiv und welche als negativ angesehen werden und welche positiven und negativen Effekte dadurch jeweils ausgelöst werden.
Ich persönlich behaupte, dass ich durch die Nutzung des Internets mehr lernen konnte und mehr wünschenswerte soziale Kontakte aufrechterhalten konnte, als es mir ohne die Nutzung des Internets möglich gewesen wäre.
Ich finde diese deskriptiven Studien gut und wichtig, aber ich würde mal gerne von einem Menschen, der mehr Erfahrung als ich hat gerne mehr zu normativen Gesichtspunkten hören.
Mit den normativen Aspekten ist das so eine Sache. Das Internet ermöglicht es jedem Einzelnen, vom Botschaftsempfänger zum Sender zu werden und im Austausch mit Anderen an eine Vielzahl an Informationen heranzukommen. Es trägt somit auch zu einer Art "Befreiung" von normativen, vorgefertigten Meinungen bei, was gerade auch seine Macht oder Gefahr z. B. für Regime in undemokratischen Gesellschaften ausmacht.
Auch wenn jeder geschulte, intelligente Nutzer sogleich eine Vielzahl an Bereicherungen durch das Internet auflisten kann, können anderesreits auch unliebsame Kräfte (z. B. extremistische Inhalte) nur schwer bis gar nicht kontrolliert oder unterbunden werden. D. h., der normative Aspekt mag mit dem Medium "Internet" eng verbunden sein, ist dann aber vielleicht weniger ein Aspekt der (technischen) Möglichkeiten des Internets als vielmehr des gezielten, ´sinnstiftenden´ Umgangs damit. Es liegt folglich an jedem Einzelnen, was er daraus macht (oder: auch eine Bibliothek mag einen hohen normativen Anspruch genügen, wird aber dennoch nur von vergleichsweise wenigen Menschen aufgesucht).