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Michael Pusler ist Markt- und Medienforscher in leitender Funktion. Er beschäftigt sich primär mit grundlegenden Fragen zum Mediennutzungs- und Verbraucherverhalten sowie zur Markenführung von Medienmarken. Zunehmend spielen dabei auch neue Erkenntnisse aus den Neurowissenschaften sowie der Sozialforschung eine wichtige Rolle.
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05.08.08 · 22:36 Uhr
Sommertheater - oder - Bretter, die die Welt bedeuten
Kategorie: Geistes- & Sozialwissenschaften·Kultur·ScienceBlogs Kategorien · Kommentare: 3

Hier zeigt der Autor dieses Blogs, was ihm in der Sommerzeit sonst noch so umtreibt - nein, nicht die sprichwörtliche "Ente" im journalistischen Sommerloch - das "Sommertheater" ist ganz wörtlich zu nehmen.
Als probierfreudiger Mensch, der sich viel mit dem Thema "Neurowissenschaften" beschäftigt, macht es viel Freude, sich neben der rationalen Seite des eigenen Schaffens auch mal neuen Herausforderungen zu stellen und dabei andere Areale im Gehirn aktiv zu beanspruchen. Das Erlernen von Theatertexten und die künstlerische Umsetzung im Rahmen der Inszenierung stellt so eine Herausforderung dar.
Wir wissen zwar, dass eine Hemisphärenzuordnung nach linker Seite = Sprache Ratio und rechter Seite = Bildhaftigkeit nicht mehr zeitgemäß, die ganz eigene "empirische" Erfahrung am eigen Leib liefert hierzu aber viel eingängigere Erlebnisse.
Wer sich der Erfahrung des Theaterspielens - als Ausgleich zu überwiegend geistiger Tätigkeit - gerne mal stellen möchte, dem kann ich nur zuraten. Für Anregungen oder einen Erfahrungsaustausch bin ich offen und lade Euch herzlich dazu ein...
Autor: Michael Pusler· 3 Kommentare· Permalink· Trackback-URL
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Kommentare (3)
Will nicht selbst Theaterspielen, würde aber gerne mal zusehen. Wo und wann hat Euer Sommertheater denn Auftritte? Wie heißt das Stück? Spielst Du einen Advokaten im schwarzen Talar?
Die Spielzeit ist leider schon wieder zu Ende: ja - der Advokat - den durfte ich verkörpern. Mehr zur Theatertruppe (in München) findet sich unter www.artanos.de
Für all diejenigen, die noch mehr über Gogol erfahren möchten:
Nikolaj Gogol: ein unruhiger und rastloser Geist
Nikolaj Gogols Seelenleben war stets äußerst bewegt und teilweise auch sehr bewegend. Er hat sich sehr intensiv mit sich, seiner Identität und seiner Rolle in der Gesellschaft beschäftigt und sich dabei immer wieder auch selbst in Frage gestellt. Eine eigene Form tiefer Religiösität lies ihn zunehmend unruhiger werden. Um diese Unruhe zu kanalisieren und die Frage nach dem Sinn seiner Existenz zu klären, hat er große psychische und körperliche Anstrengungen auf sich genommen, ferne Länder bereist und vielerlei Eindrücke gesammelt. Es zieht ihn dabei immer wieder an die Stätten des Christentums (Rom, Jerusalem und Palästina), an denen er die Nähe zu Christus sucht.
Ausdruck fanden seine Gemütsbewegungen dementsprechend auch in seinen Werken. So weit er aber auch reist, prägend für ihn als Dichter bleiben die russischen „Wurzeln“ (auch wenn Gogol aus der Ukraine stammt) und insbesondere St. Petersburg. Anschaulich vermittelt wird dies in dem sich eng an überlieferte Fakten orientierenden historischen Roman von Kjell Johansson „Gogols Welt“ (Claasen Verlag, 2000, S. 106 f.), der in der folgenden Passage prägende Eindrücke des jungen, des frühen Dichters Gogol aufzeigt und zugleich die Gabe des Künstlers als einem begnadeten Chronisten seiner Zeit andeutet:
„…Im Märchen begegnet der kleine Junge, der in die Welt hinauszieht, immer einem Helfer. Ich war zweien begegnet, Dichtern noch dazu. Im Sommer 1831 sah ich sie so gut wie täglich, Puschkin und Schukowski. Wir machten zusammen Spaziergänge, und selbst der Himmel über St. Petersburg war hell und hoch. Wir tranken Tee und aßen zu Mittag. Wir sprachen über die Kunst. Ich war zweiundzwanzig, Puschkin zweiunddreißig und Schukowski achtundvierzig Jahre alt. Schukowski war wie ein Vater für mich, Puschkin wie Vater und Bruder. Wir kamen einander sehr nahe. Ich hatte beide sehr gern, aber Puschkin liebte ich.
Ich hatte kein Geld. Sie halfen mir. Ich fand Privatschüler, fand eine Stellung an einer Mädchenschule, dem Patriotischen Institut. Die Türen zu den Redaktionen der literarischen Zeitschriften öffneten sich mir, und ich konnte einige Erzählungen verkaufen.
Schilderungen aus dem Leben des einfachen Volkes, das wollten die Leute. Ich schrieb an Mutter und bat sie, mir umgehend alles zu schicken, was sie über Leben und Sitten der Bauern (erste größere Erfolge erlangte Gogol mit „Die Abende auf dem Weiler bei Dikanka“ 1831; Anm. des Autors), ihre Redeweise, ihre Gewohnheiten und ihren Aberglauben wusste und finden konnte. Dinge, die sich ereignet hatten, lustige oder unschöne – her damit! Ich selbst las alte Sagen, erforschte volkstümliche Wörter und Ausdrücke und bastelte aus alledem und dem, was ich selbst gehört hatte, ein paar Erzählungen zusammen und verdiente ein gutes Stück Geld. …“
Gogol schreibt seinen „Revisor“ 1835 in einer Zeit beginnender Umwälzungen in der russischen Gesellschaft. Der Dekabristenaufstand von 1825 war auch für Gogol politisch prägend. Es war ein erster, wenngleich zaghafter (und letztlich gescheiterter) Versuch, die seinerzeit gottgegebene feudalistische Weltordnung unter dem Eindruck einsetzender liberaler Tendenzen nach der französischen Revolution in Frage zu stellen. Erfolglos bleib er, weil liberale Bestrebungen in Europa nach Beendigung der napoleonischen Kriege in einer Phase der sog. „Restauration“ seitens der Machthaber dramatisch eingeschränkt wurden. Gogols selbst war kein Revolutionär, kein Mann der Tat sondern der Worte. Die herrschende Ordnung hat er trotz sensibler Kritik an gesellschaftlichen Zuständen in ihren Grundfesten nie ernsthaft in Frage gestellt. Das Zarentum war für ihn Ausdruck göttlicher Ordnung. Ohnehin galt sein Interesse eher geistigen denn weltlichen Dingen. Und in gesellschaftskritischer Hinsicht ging es ihm wohl eher um die menschlichen Schwächen seiner Untertanen.
In einem solchen restriktiven politischen Klima wird die Arbeit des Dichters als dem Chronisten gesellschaftlicher Zustände dennoch manchmal zu einem Wagnis. Um einem breiten Publikum eine – so wird er es vermutlich gesehen haben - korrupte, moralisch niederträchtige und nur ihrem eigenen Wohl dienende lokale Führungskaste vor Augen zu führen, wählt Gogol im Revisor daher die Form der Komödie. Deren Wesensmerkmal ist die Überzeichnung der Charaktere. Hierin offenbart sich aber gerade auch Gogols Stärke, Personen psychografisch zu entziffern und ihre Schwächen und Lebensillusionen schonungslos aufzudecken.
„… Soweit ist Gogols Komödie eine Gesellschaftskomödie, die erste wirkliche in der russischen Literatur. Ihre bleibende, über den Rahmen der russischen Literatur hinausgehende Bedeutung gewinnt sie jedoch erst dadurch, dass sie letztlich zu einer Komödie der menschlichen Existenz wird.
Gogol nutzte das alte Verwechslungsschema, das er nicht wie üblich als kleine Ereigniseinheit verwendete, sondern der Gesamtstruktur seines Stückes zugrunde legte, um zu demonstrieren, wie der Mensch immer wieder dem Schein verfällt. Er verfällt dem Schein, weil der Schein für Gogol das innerste Weltgesetz bildet. ….“ (Nachwort zu N. Gogol; der Revisor, Reclam Bibliothek Nr. 837, 1996, S. 184)
Charakteristisch für die Komödie ist ihr Humor. Ausdruck findet der Humor im Lachen, dem bei Gogol eine wichtige, ja eine ganz besondere Funktion zukommt. Kjell Johansson beschreibt die Premiere des Revisor 1836 u. A. mit folgenden Bild (S. 132f.):
„… Auf die Bühne mit der Schlechtigkeit, hatte ich gedacht. Soll ganz Russland es sehen, und lachen. Wer vor nichts in der Welt Angst hat, fürchtet sich doch vor dem Lachen. Wenn das Lachen so viel Macht hat, warum es nicht ausnutzen?
Alle sollten daraus lernen und gut werden. Sie sollten lachen, aber das Lachen sollte reinigend sein….“