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Neues in der Kategorie Themenwoche
22. August 2008
Kinder des Olymp: Wie alt sind die chinesischen Turnerinnen wirklich?
Kategorie: Themenwoche
Ob die Chinesin He Kexin, die bei den Olympischen Spielen bereits zwei Goldmedaillen am Stufenbarren holte, tatsächlich schon 16 ist, interessiert nunmehr nicht nur Blogger weltweit, sondern auch das IOC.
Autor: Jessica Riccò· 22.08.08 · 15:20 Uhr· 0 Kommentare
21. August 2008
Pferdedoping: Es muß nicht immer Capsaicin sein
Kategorie: Themenwoche · Kommentare: 4
Der internationale Reitsport steht vor einem Scherbenhaufen: Vier Reiter wurden heute von der Teilnahme am olympischen Springwettbewerb in Hong Kong ausgeschlossen. Bei ihren Pferden war die verbotene Substanz Capsaicin gefunden worden, das auf der Dopingliste steht. Capsaicin wird vermutlich verabreicht, um die Pferde zu höheren Sprüngen zu motivieren.

Außer dem deutschen Springreiter Christian Ahlmann, dessen Wallach Cöster positiv getestet worden war, wurden zwischenzeitlich (vorbehaltlich der B-Probe) drei weitere Springer mit ihren Pferden überführt. Alle Tiere hatten Capsaicin im Blut.
Heu macht müde Pferde munter
Möglicherweise hätte sich der Pferdesport diesen Image-Super-GAU ersparen können, wenn Reiter und Betreuer die jüngste Studie von Jan Bowman gekannt hätten - die Befunde des Pferde-Ernährungsexperten lassen sich kurz und prägnant zusammenfassen: Heu macht müde Pferde munter!
Üblicherweise werden künftige Sportpferde mit einem bestimmten Spezialmix gefüttert. Dieser besteht aus Hafer, Gerste, Getreidekörnern und (Zucker-)Sirupbestandteilen. Aber ausgerechnet die süßen Körner führten - wie die Untersuchung der Montana State University zeigt - dazu, daß die Pferde in der Trainingsphase ängstlicher, unruhiger und ungehorsamer waren. Alles Faktoren, die ein effektives Training eher behindern.
Der erfahrene Pferdexperte Bowman hatte für seine Studie insgesamt 12 junge Pferde in zwei Gruppen aufgeteilt. Die eine bekam das konventionelle Futter mit den süßen Bestandteilen, die andere musste mit einer reinen Heudiät vorlieb nehmen.
Drei Wochen lang trainierte er die Pferde, ohne selbst zu wissen, ob diese nun die Schmalspurkost oder das süße Programm erhielten. Die Pferde wurden währenddessen kontinuierlich in Bezug auf ihren Gesundheits- und Leistungszustandzustand getestet und ihre Verhaltensweisen und Lernfortschritte protokolliert.
Bowman stellt klar:
"Wir wollen nicht den Eindruck erwecken, daß die Pferde hungern müssen, um sie zu besserer Leistung zu bringen. Das ist nicht der Punkt."
Aber wie Mitautor Wade Black in der Studie, die zur Veröffentlichung im "Journal of Animal Science" eingereicht ist, schreibt:
"Unsere Ergebnisse legen nahe, daß Trainer ihre Trainingseffektivität vor allem während früher, grundlegender Phasen steigern können, wenn sie auf das energiereiche, süße Futter verzichten."
Kein Heu, dafür perfide Tricksereien mit Capsaicin
Vielleicht hätte man das den Reitern Christian Ahlmann, Denis Lynch (Irland), Tony Andre Hansen (Norwegen) und Bernardo Alves (Brasilien) sagen sollen. Sie haben ganz offensichtlich in ihrem übersteigerten Ehrgeiz zu Capsaicin gegriffen, um - so steht zu vermuten - etwa die Vorderhufe damit zu behandeln.

Denn der reizende Stoff Capsaicin (der auch Chilis ihre Schärfe gibt) erhöht die Durchblutung im betreffenden Gewebe und auch die Schmerzsensibilität. Wenn das Pferd gegen die Hindernisstange stößt, ist diese Berührung noch schmerzhafter und wird das Pferd motivieren das nächste Mal noch höher zu springen...
Wie gesagt: wie schön wäre es, wenn die olympischen Pferde tatsächlich nur Heu zu fressen bekämen. Da dem nicht so ist, kann man die Reiter auch kaum bedauern - und
Peter Hofmann, dem Vorsitzenden des Springausschusses bei der Deutschen Reiterlichen Vereinigung (FN) kann man nur beipflichten, wenn er den Agenturen heute sagte:
"So etwas ist der Super-Gau für unseren Sport. Da muss man sich sicherlich auch Gedanken darüber machen, ob unser Sport weiter eine Chance hat, zur olympischen Famile zu gehören."
Bei ScienceBlogs zum selben Thema:
- "Cöster" liebt es scharf: Springreiter Christian Ahlmann nach Capsaicin-Befund von Olympia suspendiert, Neurons, 21.8.2008
Autor: Marc Scheloske· 21.08.08 · 18:35 Uhr· 4 Kommentare
"Cöster" liebt es scharf: Springreiter Christian Ahlmann nach Capsaicin-Befund von Olympia suspendiert
Kategorie: Themenwoche · Kommentare: 13
Es ist nicht überliefert, ob der Wallach Cöster aus südamerikanischer Zucht stammt und deshalb in seinen Hafer auch Chilischoten gemischt werden. Bestätigt ist allerdings, daß beim Springpferd von Christian Ahlmann die verbotene Substanz Capsaicin festgestellt wurde. Der positive Dopingbefund sorgt für Aufregung im deutschen Olympiateam.

Bei einer Dopingkontrolle am 17. August wurde - wie die Internationale Reiterliche Vereinigung (FEI) heute der Deutschen Reiterlichen Vereinigung mitteilte - beim Springpferd von Christian Ahlmann das durchblutungsfördernde Capsaicin nachgewiesen.
Der Europameister von 2003 wurde daraufhin mit sofortiger Wirkung von den Olympischen Spielen ausgeschlossen und darf folglich auch nicht am Finalspringen am heutigen Donnerstag teilnehmen.
Dopingsünder auf vier Hufen: Springpferd Cöster
Diese Nachricht ist natürlich ein Schock für die deutsche Olympiamannschaft, die statt Dopingschlagzeilen viel lieber Medaillennachrichten hören würde. Medaillen gab es für den 33-jährigen Springreiter Christian Ahlmann aus Marl/Westfalen in der Vergangenheit reichlich.
Mit seinem Schimmel Cöster, der sich nun in die Liste der Dopingsünder einreihen muß, hatte er bei den Olympischen Spielen von Athen die Bronzemedaille in der Mannschaft geholt. Und 2003 war er gar im Einzelwettbewerb Europameister geworden. Am vergangenen Montag kam das Duo mit der deutschen Equipe auf den fünften Platz.
Ein erfolgreiches Duo also, weshalb griff man offensichtlich nun nach verbotenen Substanzen? Und welche Effekte hat dieses Capsaicin überhaupt?
Das Geheimnis des Capsaicin
Capsaicin ist, soviel vorweg, der Stoff, der die Chilischoten so teuflisch scharf macht. Es ist das Alkaloid der Paprikagewächse, das antibakteriell und fungizid wirkt und den bekannten Hitze- und Schmerzeffekt hervorruft. Und das keineswegs nur im Mund- und Rachenraum.
Das Capsaicin reizt die Nervenenden der sogenannten Nozizeptoren, egal ob diese auf Schleimhäuten oder auf sensibler Haut sitzen. Und - hier wird es in Sachen Leistungsmanipulation interessant - Capsaicin hat eine ausgeprägt durchblutungsfördernde Wirkung: die eigentlich irreführende Hitze- und Schmerzempfindung durch den Reiz von Capsaicin führt dazu, daß das betroffene Gewebe stärker durchblutet wird, um die Wärme abzuleiten.
Hitze- und Schmerzreaktion führt zur Durchblutungssteigerung
Im Grunde ist diese Reaktion also eine Fehlinterpreation des Organismus. Allerdings nutzt man diesen Effekt auch in Wärmepflastern und anderen durchblutungsfördernden Substanzen. Und die durchblutungsfördernde Wirkung scheint offensichtlich auch der Grund zu sein, weshalb Springpferde (verbotenerweise) mit capsaicinhaltigen Medikamenten behandelt werden.
Zielsetzung dieser Behandlung mit Capsaicin kann also einerseits schlicht die Verbesserung der muskulären Leistungsfähigkeit des Springpferdes sein. Andererseits ist nicht auszuschließen, daß man auf einen anderen Effekt abzielte: nämlich die Steigerung des Schmerzempfindens an den Beinen - denn durch die starke Durchblutung steigt auch die Sensibilität. Wenn das Pferd an die Stangen stößt, ist das noch schmerzhafter...
Ob der gute Cöster das Capsaicin oral aufgenommen hat oder ob der Stoff über großflächige Salbenanwendungen in seinen Körper gelangt ist, wird man möglicherweise noch erfahren. Die Ausrede, daß der Schimmel aus Versehen am Chili-Eintopf genascht habe, wird die Dopingwächter in diesem Fall wohl kaum besänftigen. Und die Erklärung, der Stoff habe über die Zahnpasta den Weg in den Körper des Delinquenten gefunden, ist in diesem Fall auch wenig glaubwürdig...
P.S.: Im ScienceBlogs-Spezial "Olympia" finden sich noch viele weitere Randnotizen zu den Olympischen Spielen von Peking.
Inzwischen sind noch weitere Fälle unerlaubten Capsaicindopings im Reitsport bekannt geworden: auch beim Pferd des Norwegers Tony Andre Hansen wurde Capsaicin gefunden. Hansen muß nun den Verlust der Bronzemedaille für die norwegische Mannschaft befürchten.
Und ganz offenbar erfreut sich das Chili-Extrakt auch bei weiteren Reitern großer Beliebtheit. Denn auch beim Pferd "Lantinus" des Iren Denis Lynch und bei "Chupa Chup" von Bernardo Alves aus Brasilien wurde Capsaicin festgestellt - das grenzt ja schon an eine Epidemie...
Autor: Marc Scheloske· 21.08.08 · 11:40 Uhr· 13 Kommentare
19. August 2008
Betablocker und Antidepressiva - die ungewöhnlichen Dopingmittel der Schützen und Skifahrer
Kategorie: Medizin·Themenwoche · Kommentare: 1
Sieben Dopingfälle sind bei den Olympsichen Spielen nun schon bekannt geworden. In Blutproben der bulgarische Mittelstreckenläuferin Daniela Jordanowa fand man Spuren eines Testosteronpräparats. Der taiwanesische Baseballer Tai-Shan Chang wurde von der Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA) positiv auf verbotene Substanzen getestet.
Autor: Jessica Riccò· 19.08.08 · 16:04 Uhr· 1 Kommentar
18. August 2008
Bello è impossibile - Olympia schafft schlechte PR
Kategorie: Politik·Themenwoche
Ein Nachtrag zu meinem Artikel von letztem Mittwoch: Offenbar kann die Olympiade per se das Ansehen des Gastgeberländer nachhaltig schädigen. Das zumindest besagt eine Studie der Wirtschaftshochschule Handelshøyskolen in Oslo.
Für die Studie wurden insgesamt 430 Studenten in zwei Gruppen zu ihren Einschätzungen zu England und Italien befragt - eine vor, eine im Anschluss an die Olympischen Winterspiele. Die Olympiade wurde in der Umfrage nicht erwähnt. Jedoch wurden die Studenten gebeten, ihr generelles Interesse an Sport mitzuteilen. Dadurch sollte eingeschätzt werden können, welche Teilnehmer die Olympischen Spiele aktiv mitverfolgen und welche nicht.
Während die Meinungen zu England sich im Laufe der Zeit änderten, ließ sich bei den sportbegeisterten Befragten ein rasanter Abstieg ihrer Italien-Liebe beobachten: Nach den Winterspielen waren sie weniger bereit, italienische Produkte zu kaufen, in Italien Urlaub zu machen und schätzten auch Italiener als generell unsympathische, schlechte Organisatoren ein.
"Der Wandel könnte auch am schlechten Abschneiden des norwegischen Teams liegen," schätzt der Marketingprofessor und Leiter der Studie Geir Gripsrud ein.
Armes China, das vor der Olympiade ja auch nicht die Reputation eines Urlaubslandes Nr 1 hatte... denn wie der Kölner Stadt-Anzeiger nun berichtet, leidet die Börse in Shanghai bereits am "Olympia-Fluch": Der Shanghai Composite Index steht dort so tief wie seit 19 Monaten nicht mehr. Das sei oft während der Olympischen Spiele der Fall, erklärt Philip Wyatt, Analyst für die Schweizer Großbank UBS in Hongkong.
Autor: Jessica Riccò· 18.08.08 · 09:19 Uhr· 0 Kommentare
16. August 2008
Athleten mit großem Herz: Das Geheimnis der Ruderer
Kategorie: Medizin·Themenwoche
Sie sind groß, stark, zupackend, ausdauernd und haben ein großes Herz. Wer sich in Peking auf die Suche nach den Olympioniken mit den leistungsfähigsten und größten Herzen begibt, der wird bei den Ruderern fündig.
Kein Wunder: Rudern zählt zu den härtesten Disziplinen im olympischen Programm. Und die Ausdauerleistung, die die Athleten vollbringen, ist maßgeblich von der Herzkapazität abhängig. Ein Herz eines Weltklasseruderers kann im Einzelfall die doppelte Größe eines normalen Herzens erreichen. Wie ein aktuelle Studie zeigt, ist dafür vermutlich das insulinähnliche Wachstumshormon IGF-1 verantwortlich.
Extrembelastung Rudern: Ausdauer + Kraft
Wer die Ruderwettbewerbe aufmerksam verfolgt, der weiß, daß die Athleten bis an ihre absoluten Leistungsgrenzen gehen. Nicht selten sind im Ziel sogar die Sieger zu erschöpft und ausgepumpt, um großartige Jubelregungen zu zeigen. In den 5-8 Minuten, die ein Ruderwettbewerb durchschnittlich dauert, wird den Sportlern eine beispiellose Ausdauer- und Kraftleistung abverlangt.
Natürlich sind es vordergründig solche Parameter wie Schlagfrequenz, Kraftentwicklung pro Zug und die Rudertechnik, die über Sieg und Niederlage entscheiden. Doch hinter diesen sichtbaren Effekten steckt etwas anderes: der entscheidende physiologische Leistungsfaktor ist die maximale Sauerstoffaufnahme. Und diese hängt maßgeblich von der Herzleistungsfähigkeit ab.
Rudern: Sieger der Herzen
Insofern kann man durchaus behaupten, daß im Rudern die Athleten mit den größten Herzen gewinnen!
Zum Vergleich: die Herzgröße einer Normalperson liegt etwa bei 750 bis 800 ml liegen. Bei Top-Ruderathleten findet man aber Herzgrößen zwischen 1200 und 1500 ml. Diese Kapazität erlaubt es, daß von diesem Hohlmuskel die maximale Blutmenge von 40 l/min gepumpt wird. Ein gesunder, junger Mann ohne extensives Rudertraining bringt es gerade auf die Hälfte: mehr als 20 l/min schafft die Pumpe bei Nichtsportlern nicht.
Eine Studie von Giovanni Vitale und Gaetano Lombardi (Uni Mailand bzw. Neapel) zeigt aktuell, worin das Geheimnis dieser außergewöhnlichen Leistungsfähigkeit liegt: die Mediziner untersuchten 19 Ruderer und stellten dabei fest, daß diese deutlich erhöhte Werte des anabolen Hormons IGF-1 aufwiesen.
Das körpereigene, anabol wirkende Hormon IGF-1 (Insulin-like-Growth Factor 1) wird in der Leber hergestellt. Und seit einigen Jahren ist bekannt, daß IGF-1 erstens Nährstoffe (Glukose, Aminosäuren) in die Muskelzellen einschleust und zweitens zur Bildung von Muskelzellen beiträgt.
Das Interessante an den Studienergebnissen, die in der Augustnummer der "Clinical Endocrinology" publiziert werden: die Bildung von IGF-1 scheint durch intensives Ausdauer- und Krafttraining stimuliert zu werden. Dr. Giovanni Vitale berichtete: "Je höher der IGF1-Spiegel im Blut, desto höher war die Herzleistung."
Und er fährt fort:
"Unsere Ergebnisse zeigen, daß die Herzen der Ruderer insgesamt größer sind und im Vergleich zur Kontrollgruppe eine höhere Kapazität aufweisen. Die Ursachen für diese besondere Leistungsfähigkeit des Herzmuskels dieser Sportler ist nicht vollständig bekannt. Die vermehrte Produktion von Wachstumsfaktoren wie IGF1 durch das Leistungstraining könnte aber eine Erklärung sein."
Es stellt sich freilich die Frage, ob wirklich allein das harte Training für diese hohen IGF1-Werte zuständig ist, die wiederum zur bemerkenswerten Herzkapazität der Ruderer führen. Denn von IGF1 ist schon seit einiger Zeit bekannt, daß es generell die Zellvermehrung anregt und zur erhöhten Produktion von roten Blutkörperchen führt. Und diese resultiert wieder in besseren Ausdauereigenschaften.
Saubere Probanden oder dopinginfizierte Ruderer?
Oder anders gesagt: Haben Dr. Vitale und seine Kollegen wirklich nur IGF-Werte gemessen, die auf natürliche Weise zustande gekommen sind? Denn das Peptidhormon IGF1 lässt sich auch synthetisch herstellen und steht nicht umsonst auf der Liste verbotener Substanzen.
Und es müßte nicht einmal künstlich hergestelltes IGF1 sein: auch die Einnahme von Wachstumshormonen (Somatotropin bzw. HGH) regt indirekt die IGF1-Produktion in der Leber an.
Wir müssen also noch ein wenig warten, bis die Dopinganalytik weiter ist und natürliches von synthetischem IGF sicher unterscheiden kann bzw. bis diese Analysen auch wirklich flächendeckend eingesetzt werden.
Vielleicht werden wir dann erfahren, ob die Rudersportler, die sich so beeindruckend quälen, diese Leistung wirklich nur durch hartes Training erbringen oder ob sie ihre Herzen mit IGF1 & Co. künstlich aufputschen.
Oder sind es nochmals andere Substanzen, die zu den beeindruckenden Leistungen führen? Möglicherweise weckt auch ein spezielles Medikament, das derzeit an Herzpatienten erprobt wird, die Begehrlichkeiten der Sportler - weiß der Sportmediziner Prof. Dr. Bloch im Interview mit Hanno Charisius!
Lesenswert:
Charisius, Hanno: Muskeln, die nicht ermüden. Interview mit Prof. Dr. Wilhelm Bloch von der Sporthochschule Köln, 14.8.2008
Autor: Marc Scheloske· 16.08.08 · 18:00 Uhr· 0 Kommentare
"Komm, lass' es alles raus. Wir lachen auch nicht." - Emotionen bei Olympia
Kategorie: Geistes- & Sozialwissenschaften·Themenwoche

Es ist ja fast schon selbstverständlich, heutzutage Bescheid zu wissen, was zum guten Ton im Ausland gehört. Wie man sich verhalten sollte - und wie eben nicht. Kulturelle Unterschiede finden sich in den kuriosesten Bereichen.
"Interkulturelle Kompetenz" nennt sich dieses Gebiet, und in Peking ist die momentan ein großes Thema. Anstatt aufzudecken, was Sportler verschiedener Kulturen unterscheidet, fasste sich die Psychologin Jessica Tracy von der University of British Columbia ein Herz und untersuchte im Rahmen einer Studie den Schlüssel zur Völkerverständigung: Was eint uns eigentlich?
Bei Sieg und Niederlage sind wir alle gleich
Siege und Niederlagen, meint Jessica Tracy. Für ihre Studie verglich Tracy das Verhalten, sowohl von Sehenden, als auch von Geburt an blinden Judokas bei den Olympischen Spielen 2004 in Athen. Dabei stellte sie fest, dass sowohl die sehenden Sportler unterschiedlicher Kulturen, wie etwa Algerien, Taiwan, der Ukraine und den USA, als auch blinde Sportler, die ihr Verhalten nicht als Kind "abgeschaut" haben können, bei Siegen die Brust rausstrecken und die Arme in die Luft reissen. Ebenso scheinen sich frischgebackene Verlierer zu "verkriechen" - sie beugen sich, "verstecken" den Brustkorb und schlagen die Hände vors Gesicht.
Stolz und Niederlage wurden nach Jessica Tracys Angaben zuvor nie als für die Verhaltensforschung relevante Emotionen untersucht: "Dabei kann Stolz als angeborenes. biologisches Verhalten des Menschen Aussagen über die menschliche Sozialdynamik machen." Bisher habe die Forschung andere Gefühle wie Angst, Ärger oder Freude untersucht. "Unsere Erkenntnisse unterstützen die Evolutionsthesen, dass Stolz und Schamgefühl leistungsstarke Mittel sind, um den eigenen sozialen Status zu stärken oder auch zu schwächen," erklärt die Psychologin.
Siegerfreude ist erlaubt, Verliererfrust manchmal unerwünscht
In der Studie wird leider nicht darauf eingegangen, ob nicht auch blinde Sportler - aus Beschreibungen, Radiokommentaren etwa - sehr genau wissen, wie sich andere Athleten bei Sieg oder Niederlage verhalten. Dafür stellten sie jedoch eine feine Abweichung bei den Sehenden fest: Sportler aus Nationen, in denen besonders großer Wert und damit auch Druck auf das Individuum gelegt wird - in der Studie etwa die USA und Länder Westeuropas - schämen sich öffentlich weniger. "Fare bella figura" scheint dort vorderrangig zu sein, oder auch "gute Miene zum bösen Spiel".
Unterdrückte Gefühle bei Olympia? Geht es dort nicht um Leidenschaft beim Sport? Sie müssen sich ja nicht gleich auf die Suche nach dem inneren Kind machen. Aber, meine lieben Westeuropäer, wenn in Peking einer weinen muss, dann werden wir ihn in Gedanken zumindest umarmen. Und nicht lachen oder zur Disziplin mahnen. Okay?
Autor: Jessica Riccò· 16.08.08 · 14:10 Uhr· 0 Kommentare
13. August 2008
Peking, 1936: Eine Olympiade und ihre Metaphern
Kategorie: Politik·Themenwoche
War das heutige China eigentlich schon vor den Olympischen Spielen gleichbedeutend mit dem Dritten Reich? Ich hatte es als - sicher menschenrechtsverletzenden und totalitären - eigenständigen Staat in Erinnerung. Aber jetzt, da die Welt genauer nach Peking schaut, sprudeln die Metaphern in Massen durch die Medien.
Autor: Jessica Riccò· 13.08.08 · 20:05 Uhr· 0 Kommentare
12. August 2008
Nix vergessen, an alles gedacht - das Olympische Dorf
Kategorie: Themenwoche·Umwelt · Kommentare: 1
Doping und Menschenrechtsverletzungen sind das Letzte, keine Frage. Aber genug gemeckert, es gibt auch mal Positives aus Peking zu berichten: Ein Olympisches Dorf, dass man der Volksrepublik so umweltbewusst gar nicht zugetraut hätte.
Autor: Jessica Riccò· 12.08.08 · 17:12 Uhr· 1 Kommentar
11. August 2008
Michael Phelps & Co: Wie man Rekorde jagt und Glaubwürdigkeit zerstört
Kategorie: Themenwoche · Kommentare: 18
Das Aquatic Center von Peking ist derzeit Ort eines beinahe unwirklichen Schauspiels: allein die ersten beiden Tage der olympischen Schwimmwettbewerbe brachten sieben neue Weltrekorde.
Die Gesichter der jubelnden Sieger sind euphorisch, sucht man nach Antworten auf diese wahnsinnigen Leistungssprünge, blickt man allerdings meist in ziemlich ratlose Mienen.
Allein der US-Schwimm-Superstar Michael Phelps war an zwei neuen Weltrekorden beteiligt, die einigermaßen fabelhaft anmuten. Gestern verbesserte der Modellathlet seine eigene Bestmarke über die 400-m-Lagen-Distanz ganz nebenbei um stattliche 1,41 Sekunden. Und wohlgemerkt: 1,41 Sekunden sind im Schwimmsport der Durchbruch in eine andere Dimension!
Und heute ließ es Phelps mit seinen Staffelkameraden der 4 x 100-Meter-Freistilstaffel nochmal richtig krachen: das Quartett verbesserte seine eigene Weltbestmarke (die erst im Vorlauf - dort war noch Cullen Jones mit dabei - aufgestellt wurde!) um weitere 3,99 Sekunden. Manche Kommentatoren sprechen von einer Sternstunde des Schwimmsports - bei anderen Beobachtern wachsen die Zweifel, ob hier alles mit rechten Dingen zugeht. (Und natürlich werden die Rekorde auch in der (Sport-)Blogosphäre diskutiert.)
Leistungsexplosionen, die Fragen aufwerfen
Denn die irrwitzigen Leistungen, die wir im Moment erleben, gehen keineswegs allein auf das Konto des Wunderkinds Michael Phelps. Seine US-Teamkameraden sorgen ja genauso für Fabelzeiten, wie Schwimmer aus Australien oder Frankreich. Und die letzten Rekorde gehen auf das Konto des Japaners Kosuke Kitajima (100 m Brust) oder der Italienerin Federica Pellegrini, die in einem Vorlauf (!) mit 1:55,45 den Weltrekord über 200m Freistil aufstellte.
Diese Rekordflut von Peking passt freilich ins Bild: allein im Jahr 2008 gab es im Schwimmsport 51 neue Weltrekorde. Wie kann das sein? Ist es plausibel, daß die Schwimmstars früher Tage soviel weniger Talent, soviel weniger Ehrgeiz und soviel weniger Trainingsdisziplin hatten?
Nur ein Beispiel: der deutsche Ausnahmeschwimmer Michael Groß (mit einer Körperlänge von über 2m und einer entsprechenden Armspannweite geradezu prädestiniert für den Schwimmsport) holte sich 1984 bei den Olympischen Spielen von Los Angeles u.a. die Goldmedaille über die 200-m-Freistil-Strecke. Seine Zeit damals: 01:47,44 min - Weltrekord!
Wie gesagt: Groß war der beste Schwimmer seiner Zeit, verfügte über hervorragende physische Ausgangsbedingungen und man darf sicher sein, daß er nach ausgetüftelten Trainingsplänen arbeitete. Michael Phelps - das zum Vergleich - schlug im März 2007 nach 01:43,86 min an. Er war damit fast 4 Sekunden schneller als Groß!

Ist der erfolgreichste Olympionike auch ein großer Sportler?
Sicher: Phelps wird in die Geschichte des Schwimmsports und der olympischen Sommerspiele eingehen. Denn der 23-jährige Athlet (mit einem Gardemaß von 1,93m und mit einer Armspannweite von 2,03m) wird bis zum Ende dieser XIX. Olympischen Sommerspiele mehr Medaillien eingesammelt haben, als irgendein Sportler zuvor.
Aber wie ist es zu erklären, daß die Zeiten eines Michael Groß, der respektvoll "Albatros" genannt wurde, im Vergleich zu Phelps so abfallen? In einem direkten Rennen würde Groß heute so weit hinter Michael Phelps zurückliegen, daß er vermutlich resigniert an den Beckenrand schwimmen würde, um sich schnell unter die Duschen zu verziehen...
Was ist das Geheminis von Phelps und Co.?
Nun könnte man einwenden, daß Phelps eben ein Jahrhundert- oder gar ein Jahrtausendtalent ist. Das Argument ist ein wenig schief, denn es ist ja (wie oben angedeutet) keineswegs nur Superstar Phelps, der die Rekordmarken purzeln lässt. Ihm tut es eine ganze Garde junger, muskelbepackter Schwimmer gleich, die allesamt mehrere Sekunden schneller unterwegs sind, als die Spitzenschwimmer von vor 15 Jahren. (Nur ein Beispiel: Beim Staffelwettbewerb von heute blieben gleich 5 Staffeln unter dem alten Weltrekord... eine Farce?!)
Die leistungsbestimmenden Faktoren sind über die Jahre gleichgeblieben. Die Leistungsentwicklung eines Schwimmers wird durch ein komplexes Wechselspiel von physischen, psychischen und technischen Aspekten bestimmt.
Oder anders formuliert: bei maximal effizienter Technik muß unter Wettkampfbedingungen (Stress!) eine maximal hohe Bewegungsfrequenz möglichst lange (Ermüdung!) aufrechterhalten werden. Und wer dieses Anforderungsprofil am besten erfüllt, wird als Sieger aus dem Becken steigen.
Nur: an welchen Stellschrauben kann wirklich nennenswert gedreht werden, wenn man die Regeln des fairen Sports (Doping!) nicht brechen will?
Leistungsfaktoren: Physis, Psyche und Technik
1. Die Physis: die körperliche Grundausstattung ist einerseits vom Zufall bestimmt. Wir erinnern uns an den australischen Schwimmstar Ian Thorpe, der mit der Schuhgröße 52 ideale "Paddel" von Mutter Natur spendiert bekam. (Gut, die Gerüchte, ob Thorpe doch mit Wachstumshormonen experimentiert hat, wurden niemals 100% entkräftet... und Phelps ist mit Größe 48 auch ganz gut versorgt...). Andererseits lassen sich Maximalkraft, Kraftausdauer und Schnelligkeitsausdauer natürlich trainieren.
Die offene Frage: gab es in den letzten 3-4 Jahren neue Erkenntnisse in der Trainingslehre, die "intelligentere" Wettkampfvorbreitungen ermöglichen? (Nebenfrage: Wieso haben sich diese neuen Erkenntnisse noch nicht bis zu den deutschen Schwimmern rumgesprochen?!)
2. Die Psyche: die Wettkampfsituation bedeutet Stress. Viele Athleten drehen unter diesem Druck erst richtig auf - andere "verkrampfen" unter solchen Bedingungen.
Die offene Frage: Wurden auf diesem Feld neue Techniken entwickelt, um zum Wettkampfhöhepunkt auch wirklich alle Leistungsreserven abzurufen?
3. Die Technik: allein die physischen Fertigkeiten garantieren keinen Erfolg - denn natürlich ist es notwendig, die Arm- und Beinbewegungen maximal effizient und koordiniert einzusetzen und in Geschwindigkeit umzusetzen.
Die offene Frage: Gab es hier eine Neuentdeckung, was die Biomechanik des Schwimmsports angeht? Sind Mark Spitz, Michael Groß und die Stars der Vergangenheit alle "falsch" geschwommen?
Was bleibt als Erklärung für die Leistungsexplosion?
Nach meiner Beobachtung lassen sich alle drei Fragen mit einem klaren "Nein" beantworten.
Die Grundprinzipien des Schwimmsports sind identisch geblieben und auch die vielbeschworenen Schwimmanzüge rechtfertigen die Leistungssprünge nicht - zumal etwa Phelps bei seinem gestrigen Rekord mit blankem Oberkörper zu Gange war. Er benötigte also offensichtlich die tollen Eigenschaften der "aquadynamischen" Anzüge erst gar nicht.
Der Schlußschwimmer der Weltrekordstaffel von heute früh, der US-Athlet Jason Lezak gab übrigens - der FAZ zufolge - folgende Auskunft:
„Es liegt nicht am Pool. Wer die Entwicklung der letzten Monate über 50 und 100 Meter Freistil gesehen hat, wusste, dass hier der Weltrekord fällt", sagte Lezak.
Gut, daß es am Pool oder der Schwimmhalle gelegen haben könnte, hätte ich auch nicht gedacht. Aber wenn es weder an den Anzügen, noch am Pool liegt, woran liegt es dann?
In einem nächsten Beitrag sehe ich mir diese neueste Rekordflut und die Entwicklung der Bestmarken im Schwimmsport einmal genauer an.
Empfehlenswerte Beiträge zum Thema:
- FAZ: Die Armada hört nur Andeutungen, 11.8.2008
- Fischer, Lars: Rekorde, Rekorde - alles nur Zufall?, 10.8.2008
Autor: Marc Scheloske· 11.08.08 · 18:50 Uhr· 18 Kommentare
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