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27. Januar 2009
DLD: Die Komplexität unseres Gehirns und einfache Lösungen
Kategorie: Geistes- & Sozialwissenschaften·Naturwissenschaften · Kommentare: 3
Unser Leben ist komplex. Egal ob uns die Krise des Wirtschafts- und Finanzsystems vor Augen führt, daß alle theoretischen Modelle und alles ökonomische Expertenwissen nicht ausreicht, um Fehlentwicklungen rechtzeitig zu erkennen. Egal ob das komplexe Klimasystem die schnellsten Superrechner ins Schwitzen bringt, um auch nur grobschlächtige Szenarien zu berechnen: unsere Wirklichkeit ist geprägt durch eine Vielfalt unterschiedlicher Systemzustände, die als Komplexität eine stete Herausforderung darstellen.
Mit Antworten auf komplexe Herausforderungen beschäftigte man sich auch auf der soeben zu Ende gegangenen DLD-Konferenz. "Simplicity" lautete der Titel der Podiumsdiskussion, die von Adam Bly, dem Gründer von SEED-Media und ScienceBlogs, moderiert wurde. Und da uns Komplexität in den verschiedensten Feldern begegnet, war die Zusammensetzung des Panels entsprechend breit gefächert.

Gorden Wagener, verantwortlicher Designer bei Mercedes Benz, skizzierte einige Trends aus dem Bereich der Automobilbranche. Carlo Ratti vom MIT verblüffte mit interessanten Darstellungsformen hochkomplexer Kommunikationsströme und zeigte etwa, wie am Abend des Fußballendspiels der Weltmeisterschaft 2006 in der Stadt Rom im Spielverlauf die Handygespräche lokal verteilt waren. Und Jeff Hayzlett von Kodak konnte mit einer großen Portion Selbstironie viele Sympathiepunkte einheimsen.
Komplexe Simplizitätsmaschine "Gehirn"
Aus wissenschaftlicher Sicht war natürlich vor allem der kurze Vortrag des Hirnforschers Gerhard Roth interessant. Nun ist das DLD keine wissenschaftliche Konferenz, aber Roths Thesen in Sachen Komplexität waren dennoch kurzweilig und spannend.
Einer der Hauptpunkte in Roths Ausführungen: das Gehirn ist das komplexeste System, das wir kennen. Mit rund 1 Billiarde Synapsen kann das menschliche Gehirn, so Roth, ca. 10150 verschiedene Zustände annehmen. Die Gesamtzahl aller Teilchen im Universum beträgt angesichts dessen gerade einmal bescheidene 1080.
Und dieses wahnsinnig komplexe System - so führte Roth weiter aus - operiere auf der Ergebnisseite fast ausschließlich als Simplifizierungsmaschine. Alle Informationen werden fortwährend im Hinblick auf einfache, plausible Muster "durchsucht" und solchermaßen in handhabbare und ressourcensparende kognitive Sinneinheiten transformiert.

Daß diese Arbeitsweise unseres Gehirns hocheffektiv ist, aber im Einzelfall auch zu inadäquaten Ergebnissen führen kann, illustrierte Roth etwa an der bekannten visuellen "kanisza illusion". Hier "sehen" wir zwei übereinander liegende Dreiecke und verdeckte Scheiben. Doch: was sehen wir hier wirklich, welche geometrischen Formen sind tatsächlich vorhanden und was ergänzen wir - als geübte Mustererkenner - ganz unwillkürlich?
Am Ende hatte Gerhard Roth zumindest zwei Empfehlungen parat, wenn es um Entscheidungen (in komplexen Situationen) geht:
- Erstens solle man im Affekt bzw. emotional aufgebrachter Stimmung keine (vorschnellen) Entscheidungen treffen. Hier werde die quasi-intuitive Fähigkeit zur adäquaten Situationsanalyse und Abwägung beeinträchtigt.
- Zweitens solle man nach Möglichkeit eine gewisse Zeit verstreichen lassen, bevor man eine wichtige Entscheidung fällt. Mindestens 2 Stunden seien zu empfehlen, in denen man sich mit anderen Dingen beschäftigen solle und das Gehirn "im Hintergrund" die Abwägungsprozesse durchführe; am besten - und hier zeigt sich, daß moderne Hirnforschung oftmals auch keine anderen Empfehlungen liefert, als landläufige Ratschläge - man schlafe erstmal eine Nacht, um dann das Problem (unter Rückgriff auf die im Schlaf vollzogenen neuronalen Resultate) zu lösen.
Autor: Marc Scheloske· 27.01.09 · 23:45 Uhr· 3 Kommentare
26. Januar 2009
Unverbesserlich irrational: Dan Ariely zerstört eine Illusion
Kategorie: Geistes- & Sozialwissenschaften · Kommentare: 2
Jeder von uns hat schon Dummheiten gemacht. Wir haben in einer Weise gehandelt, ohne zuvor vernünftig und in Ruhe nachzudenken. Ohne abzuwägen und die Handlungsoptionen zu prüfen. Gut, Fehler passieren - aber im Allgemeinen handeln wir vernünftig, so dürfte jedenfalls die Selbsteinschätzung der meisten Menschen sein.
Der Mensch begreift sich - spätestens seit Aristoteles Zeiten - als animal rationale. Und unterliegt damit einer riesengroßen Selbsttäuschung. Dieser Meinung ist zumindest Dan Ariely.
Ariely, der als Professor an der Duke-University in den USA lehrt, ist ein Grenzgänger zwischen der Psychologie und den Wirtschaftswissenschaften. Und Ariely hat in den letzten Jahren in vielen kleinen Detailstudien und vielgelesenen Sachbuchbestsellern illustriert: die Idee des logisch handelnden, rationalen Menschen ist kaum mehr als eine Illusion.
Die Selektivität unserer Wahrnehmung
Arielys gestriger Vortrag war einer der Höhepunkt der diesjährigen DLD-Konferenz. Ariely führte den interessierten Zuhörern vor Augen, wie täuschungsanfällig wir alle sind. Wie leicht wir die offensichtlichsten Dinge übersehen und wie selektiv unser Wahrnehmungsapparat arbeitet.
Das sind für sich genommen alles keine bahnbrechend neuen Erkenntnisse, aber Ariely bündelt die Erkenntnisse verschiedener Disziplinen auf plausible Weise zu seiner Spielart einer Verhaltensökonomie und sorgte bei seinem Vortrag immer wieder für ungläubiges Kopfschütteln beim Publikum.
Für die größte Verblüffung sorgte er mit dem bekannten Gorilla-Video. Ariely stellte dem Publikum eine kleine Aufgabe: bei einem Basketballspiel sollen alle Pässe eines bestimmten Teams gezählt werden. Nach 50 Sekunden endet das Video, Ariely fragt das Ergebnis ab. Wie oft wurde der Ball gepasst? 16, 17 oder 18 mal? Und wie oft wechselte der Ball bis zu dem Zeitpunkt als der Gorilla durchs Bild lief? - Ein erstaunt-ungläubiges "Oh!" ist zu hören - denn tatsächlich: nach etwa 20 Sekunden spaziert ein Mann im Gorillakostüm mitten durchs Spiel- und Blickfeld.
Hoffnungslos irrational
Viele DLD-Besucher zählten aber ganz offensichtlich so konzentriert die Ballwechsel, so daß sie diesen zusätzlichen Akteur im Video komplett übersehen hatten. Wie passiert es also - so eine der Kernfragen von Ariely - daß wir die offensichtlichsten Sachverhalte nicht (richtig) sehen. Wie passiert es nur, daß wir immer wieder hoffnungslos irrational entscheiden?
Ariely hat selbst keine Patentrezepte, wie wir uns gegen die Tendenz zur Irrationalität wappnen können, die - das war Ariely wichtig - Experten (ungeachtet ihrer Erfahrung) genauso betrifft, wie Laien. Eines sollte aber den Zuhörern klargeworden sein: wir sind unverbesserlich irrational. Und es schadet nicht, sich dessen bewußt zu sein.
Links und Literaturtipps:
- Website von Dan Ariely
- Das Gorilla-Basketball-Video
- Dan Ariely: Denken hilft zwar, nützt aber nichts
- Gerd Gigerenzer: Bauchentscheidungen. Die Intelligenz des Unbewussten.
Autor: Marc Scheloske· 26.01.09 · 11:00 Uhr· 2 Kommentare
25. Januar 2009
DLD: Zeitreise im Deutschen Museum
Kategorie: Kultur
Seit wenigen Stunden läuft die fünfte DLD-Konferenz. Über 800 Teilnehmer aus aller Welt haben sich in München eingefunden, um gemeinsam über Trends und Zukunftsperspektiven in Medien, Wirtschaft, Kultur und Wissenschaft zu reden und nachzudenken. In den nächsten Tagen wird sich auch das ScienceBlogs-Team immer wieder mit kurzen Notizen direkt vom DLD melden.
Das offizielle Programm startete heute nachmittag. Für die Frühaufsteher unter den Teilnehmern gab es aber die Möglichkeit an spannenden Führungen hier in München teilzunehmen. Für ScienceBlogs war es natürlich keine Frage, welches Angebot am attraktivsten ist: wo anders sind Wissenschaftler besser aufgehoben, als im größten Technikmuseum der Welt?
Für die etwa 30 Teilnehmer glich die Tour durch das Deutsche Museum einer kleinen Zeitreise: sie führte von den Anfängen unserer Industriegesellschaft, den ersten Dampfmaschinen über die verschiedenen Typen der Verbrennungsmotoren (in ihrer Diesel-, Otto- und Wankelvariante) bis zu aktuellen Technologien wie dem allgegenwärtigen Audiokompressionsformat MP3 oder den LEDs, die uns künftig "erleuchten" werden.
Und am Ende der Führung ging es dann für die Teilnehmer (darunter viele, viele aus der Medienbranche) wieder ganz weit zurück. Nämlich gewissermaßen bis zur Wiege des Print- und Mediengeschäfts, das letztlich ja doch untrennbar mit der Erfindung des Buchdrucks durch Johannes Gutenberg verknüpft ist.
Ein guter Start für das diesjährige DLD - und hier einige Impressionen der interessanten Tour.



Aktuelle Berichterstattung vom DLD in Blogform gibt es übrigens hier.
Autor: Marc Scheloske· 25.01.09 · 18:40 Uhr· 0 Kommentare
20. Januar 2009
Wahlkampf und Politik 2.0: DLD-Studie zeigt Potential des Online-Wahlkampfs
Kategorie: Politik
Es muß lange her sein, daß Gerhard Schröder Kanzler war. "Zum Regieren brauche ich nur BILD, BamS und Glotze", gab der Basta-Kanzler zu Protokoll und erscheint damit heute wie ein Relikt aus längst vergangener Zeit. Innerhalb weniger Jahre hat sich der Schlüssel zum politischen Erfolg digitalisiert. Heute wäre für Schröder mit seiner damaligen Haltung kaum mehr als eine Karriere in der niedersächsischen Provinzpolitik denkbar.
Die Möglichkeiten der politischen Kommunikation und Mobilisierung von Wählern im und durch das Internet sind riesengroß - das belegt auch die aktuelle Internet-Politics-Studie, die nun im Vorfeld des DLD veröffentlicht wurde.

Barack Obama, der charismatische Menschenfischer, hat es vorgemacht: er hat den Wahlkampf geradezu mustergültig auf das Internet ausgeweitet. Zur Motivation seiner Anhänger und Wahlhelfer, zur Akquise von Spenden und zur Popularisierung seiner Botschaften nutzte Barack Obama ein ganzes Arsenal an Online-Tools. Egal ob Facebook, Twitter, Flickr, YouTube oder MySpace - Barack Obamas Team setzte von Beginn auf Online-Informationskanäle. Am Ende hatte Obama etwa bei Facebook rund 3,8 Millionen Unterstützer - John McCain sah auch hier mit seinen gerade einmal 600.000 Fans alt aus.
Dort hingehen, wo die Wähler sind
Es wäre vermessen, wenn man für den erfolgreichen Wahlkampf von Barack Obama allein die (richtige!) Nutzung des Internets verantwortlich machte. Noch werden Wahlkämpfe nicht allein im Netz gewonnen, aber man kann hier entscheidenden Boden und Sympathien verlieren. Das Internet spielt - sowohl wenn es um die Diskurshoheit im politischen Gefecht, als auch den kleinteiligen Dialog mit den einzelnen Wählern geht - eine immer größere Rolle.
Zu diesem Ergebnis kommt auch die DLD-Studie, die auf Initiative von Dr. Marcel Reichart erstellt wurde. Der zurückliegende US-Wahlkampf wurde analysiert und das Potential des Online-Wahlkampf für Deutschland ausgelotet. Das Autorenteam um Marcel Reichart kommt für die Bundestagswahl zum Schluß:
Wer die Wahl 2009 gewinnen will, muss cybergen sein und sich in die Herzen der Wähler surfen, bloggen, SMSen und twittern.
Eine These, die jüngst durch die Landstagswahl in Hessen durchaus Bestätigung fand. Die überzeugende Internetkampagne von SPD-Kandidat Thorsten Schäfer-Gümbel bewahrte die SPD vor einem noch schmerzhafteren Absturz. Und Schäfer-Gümbel - der sich als "TSG" in kürzester Frist viele Sympathien erarbeitet - setzte explizit auf seine Internetkampagne. Und er illustrierte damit, daß auch in Deutschland der Dialog mit den Wahlbürgern über Twitter, Blogs und Social Networks gelingen kann.
Der politische Dialog wird online geführt
Es sind also im wesentlichen zwei Aspekte, die eine Trendwende für die politische Kommunikation markieren. Erstens ist das Internet inzwischen zum wichtigsten Informationsmedium avanciert. Und zweitens hat sich die Erwartungshaltung der Bürgerinnen an die Politiker in den letzten Jahren deutlich verändert: heute ist tatsächliche Dialogfähigkeit gefragt. Und wo sollte die anders stattfinden, als im Social Web?
Es wird also spannend, wie sich die Internet-Aktivitäten der Parteien im Vorfeld der Bundestagswahl weiter entwickeln. Klar ist, daß sich die Wahlkämpfer kaum erlauben können, die Möglichkeiten des Internet nicht zu nutzen.
Weitere Details und eine Analyse der Online-Aktivitäten der deutschen Parteien finden sich in der DLD-Studie (Download als PDF), oder hier:
.Autor: Marc Scheloske· 20.01.09 · 23:35 Uhr· 0 Kommentare
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