Archiv August 2008

31. August 2008

Nervenzellen auf Jobsuche - wie das Gehirn sich nach Unfällen erholt

Kategorie: Medizin  ·  Kommentare: 1

Sie kennen das: Da geht man arglos aus dem Haus und rutscht auf einer Bananenschale aus. Oder nassen Blättern. Oder ähnlichem. Und schwupps ist das Knie aufgeschürft oder die Handinnenfläche um ein paar Hautschichten ärmer. Es tut ein bißchen weh.

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Autor: Jessica Riccò· 31.08.08 · 19:00 Uhr· 1 Kommentar

29. August 2008

Possierlicher Tierschutz: Briten bauen Brücken gegen Inzucht unter Eichhörnchen

Kategorie: Naturwissenschaften  ·  Kommentare: 1

Eichhrnchen__im_Garten230.jpgWieso das Huhn die Straße überquerte, werden wir wohl nie erfahren. Aber warum, warum nur überqueren Eichhörnchen viel befahrene Straßen? Wenn es doch so gefährlich ist! Eine Gruppe britischer Biologen nahm sich nun dem Problem des Kleintiermatsches auf Autobahnen an - mit einem sehr niedlichen Versuchsaufbau.

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Autor: Jessica Riccò· 29.08.08 · 12:33 Uhr· 1 Kommentar

27. August 2008

Weisheit der Bremer siegt über Experten

Kategorie: Naturwissenschaften

Bremer_Stadtmusikanten_200.jpgSpäter als erwartet aber dafür keinen Deut weniger spannend nun das Ergebnis des Bremer Experiments zur "Weisheit der Vielen". Und gleich mal eine Ankündigung: Die süffisante Anspielung "Drei Mal ist Bremer Recht..." auf das angeblich schlichte Gemüt der Bremer, sollten sich Leser dieser Zeilen von nun an sparen. Denn Bremer sind ziemlich schlau - vor allem in Massen.

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Autor: Jessica Riccò· 27.08.08 · 18:25 Uhr· 0 Kommentare

Alkohol ist doch harmlos und Helicobacter Pylori erst recht - wie Krebsrisiken weltweit falsch eingeschätzt werden

Kategorie: Medizin  ·  Kommentare: 1

Im Jahr 1978 provozierte die US-amerikanische Autorin Susan Sontag noch mit der These, Krebs werde unbewusst für eine durch unterdrückte Gefühle ausgelöste Krankheit gehalten und verurteilte die Annahme bösartige Tumore könnten so "selbst verschuldet" sein. Heute wissen wir natürlich mehr.

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Autor: Jessica Riccò· 27.08.08 · 10:01 Uhr· 1 Kommentar

25. August 2008

Schwarmintelligenz und die Weisheit der Vielen: Riesenexperiment in Bremen

Kategorie: Naturwissenschaften  ·  Kommentare: 1

In größeren Gruppen jede noch so kleine Entscheidung im Konsens zu treffen kann sehr nervenzehrend sein und ist vermutlich deswegen auch eine überholte Vorstellung der Basisdemokratie. Dennoch steckt vermutlich genügend Mutter Natur in uns, damit wir in Massen mit kollektiver Intelligenz entscheiden können. Ähnlich einem Fischschwarm etwa.

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Autor: Jessica Riccò· 25.08.08 · 15:54 Uhr· 1 Kommentar

Verkannte Sportart: Cheerleading ist Risikosport Nummer 1

Kategorie: Kultur

Sie interessieren sich für eine Sportart, in der atemberaubende Akrobatik, waghalsige Stunts und perfekte Körperbeherrschung gefordert sind? Vielleicht sollten Sie es mal mit "Cheerleading" versuchen - wobei: möglicherweise ist das kein so guter Rat, denn Cheerleading ist einfach zu gefährlich...

Die Spiele von Peking sind vorüber. Höchste Zeit, um sich wieder den wirklich relevanten sportlichen Herausforderungen zuzuwenden - dem Cheerleading beispielsweise. Denn diese Sportart, die turnerische und tänzerische Elemente vereint, hat sich längst zu einer ernsthaften sportlichen Disziplin entwickelt. Und gehört - wie jüngste Statistiken zeigen - zu den riskantesten Sportarten überhaupt!

Cheerleading ist weit mehr als Rumgehopse und Anfeuerung

Wer glaubt, Cheerleading erschöpfe sich in rhythmischen Anfeuerungsrufen am Spielfeldrand und dem Winken mit bunten Puscheln (die in Wirklichkeit Pompons heißen!), der irrt. Denn die jungen Mädchen, die am Spielfeldrand die Teams anfeuern und in den Pausen von Rugby- oder Baseballspielen die Zuschauer unterhalten, übertreffen sich mit ihren Darbietungen gegenseitig: hier werden aufsehenerregende Hebe- und Wurffiguren gezeigt, Salti geschlagen und akrobatische Kabinettstückchen vollführt.
Cheerleading01.jpg
Doch die verschiedenen Elemente (die in der Fachterminologie "Liberty", "Toe-Touch", "Pike" oder "Basket Toss" heißen) des Cheerleadings sind nicht ungefährlich. Die University von North Carolina hat nun eine Statistik schwerster Sportverletzungen vorgelegt.

Basis sind die gemeldeten Fälle an US-amerikanischen High Schools und Colleges. Das Ergebnis: bei den weiblichen Athletinnen gehen 66.7% aller schweren Verletzungen auf das Konto des Cheerleadings! (Weit abgeschlagen landen Basketball oder Feld-Hockey.)

Schwere Stürze aus mehreren Metern Höhe sind die Hauptursache für komplizierte Frakturen und Wirbelverletzungen, die im Extremfall zu bleibenden Schäden führen.

Keine andere Sportart kann hier mithalten. Prof. Frederick O. Mueller, der Direktor des Instituts für Sportwissenschaften der Uni North Carolina erklärt:

"Der Hauptgrund für die Zunahme dieser schweren Unfälle ist die Veränderung des Cheerleadens, das inzwischen gymnastische Stunts beinhaltet. Wenn diese Übungen nicht durch kompetente Trainer gelehrt werden und die Tendenz so weitergeht, daß immer schwierigere Elemente eingebaut werden, dann werden katastrophale Unfälle weiterhin ein Bestandteil des Cheerleading-Sports bleiben."

Eine klare Aussage. Und vielleicht sollten wir diese Sportart (von der böse Zungen behaupten, die Mädchen seien sowieso nur daran interessiert, die Aufmerksamkeit des smarten Team-Spielführers zu gewinnen) künftig mit anderen Augen sehen.

Cheerleading gefährlicher als Bungee-Jumping?!

Und vielleicht war die Aussage "Sport ist Mord!" (egal, wem sie zuzuschreiben ist. Winston Churchill war es nicht!) ja sogar auf das Cheerleading gemünzt? Und sollten hiesige Krankenkassen vielleicht umdenken und Paragliding, Bungee-Jumping und andere riskante Freizeitunternehmungen aus ihrem Katalog riskanter Sportarten streichen und stattdessen...?


Link:



Autor: Marc Scheloske· 25.08.08 · 13:30 Uhr· 0 Kommentare

23. August 2008

Krebs stinkt! Wie der Geruch von Tumorzellen für Diagnosen genutzt werden kann

Kategorie: Medizin

Hautkrebs lässt sich eventuell in Zukunft leichter diagnostizieren, denn Hautkrebs kann man riechen. Zu dem Schluss kommt eine Studie des Monell Chemical Senses Center in Philadelphia.

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Autor: Jessica Riccò· 23.08.08 · 09:35 Uhr· 0 Kommentare

22. August 2008

Kinder des Olymp: Wie alt sind die chinesischen Turnerinnen wirklich?

Kategorie: Themenwoche

Ob die Chinesin He Kexin, die bei den Olympischen Spielen bereits zwei Goldmedaillen am Stufenbarren holte, tatsächlich schon 16 ist, interessiert nunmehr nicht nur Blogger weltweit, sondern auch das IOC.

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Autor: Jessica Riccò· 22.08.08 · 15:20 Uhr· 0 Kommentare

Nostalgische Chemie: Knallgasreaktion à la Joseph Priestley

Kategorie: Naturwissenschaften  ·  Kommentare: 1

Gestern ging in Philadelphia die Jahrestagung der "American Chemical Society" (ACS) zu Ende. Und am Rande der vier Tage dauernden Mammutveranstaltung, konnte man sich auch in die Welt der Chemie des 18. Jahrhunderts entführen lassen.

Frei nach dem (inoffiziellen) chemischen Motto: "Chemie ist, wenn es kracht und stinkt." schlüpfte der pensionierte Chemielehrer Ronald Blatchley in die Rolle von Joseph Priestley und das Publikum wurde Augen- und Ohrenzeuge einer sympathisch-nostalgischen Demonstration.

Hommage an den Entdecker des Sauerstoff: Joseph Priestley

Der Naturwissenschaftler, Philosoph und Theologe Joseph Priestley sorgte in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts für einige wichtige Entdeckungen auf dem Feld der Chemie. Eine seiner wesentlichsten Entdeckungen ist der Sauerstoff, den er 1774 als Erster isolierte. (Allerdings bezeichnete Priestley das geruchlose Gas als "dephlogisticated air", was freilich dadurch zu erklären ist, daß er der Phlogiston-Theorie anhing.)

Bei der ACS-Tagung begeisterte Ronald Blatchley seine Zuseher, indem er in das Kostüm von Priestley schlüpfte und eine chemische Demonstration auf der Basis des damaligen Wissens vorführte. Höhepunkt seiner Präsentation war schließlich die bekannte Knallgasreaktion, die Blatchley wirklich mustergültig vorexerziert.

Die exotherme Reaktion von zwei Teilen Wasserstoff und einem Teil Sauerstoff wird von Blatchley auf eine effektvolle Weise demonstriert. Und wie schön, daß wir uns hier nicht damit begnügen müssen, die bloße Reaktionsformel aufzuschreiben. (Die da bekanntermaßen lautet: 2H2 + O2 --> 2H20)

Denn Carmen Drahl hat - wie man im Wired-Blog nachlesen kann - die Vorführung gefilmt und das folgende Video zur Verfügung gestellt:



Die Frage, die sich nun stellt: sind bei Tagungen europäischer und deutscher Chemiker ähnliche Vorführungen zu bewundern?



Autor: Marc Scheloske· 22.08.08 · 14:15 Uhr· 1 Kommentar

Interview mit Nobel-Faces-Fotograf Peter Badge

Kategorie: Kultur

Die "Nobel Faces" gibt es in täglichen Portionen auf ScienceBlogs zu sehen - Peter Badge, Fotograf der Serie reiste dafür neun Jahre lang um die Welt, um alle noch lebenden Nobelpreisträger zu fotografieren.

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Autor: Jessica Riccò· 22.08.08 · 10:10 Uhr· 0 Kommentare

21. August 2008

"Souvenaid™": Der probiotische Joghurt für Fortgeschrittene verzögert Alzheimer

Kategorie: Medizin  ·  Kommentare: 3

Functional Food ist eine tolle Sache. Es hält den Körper an irgendeiner Baustelle fit und gut schmecken tut es auch. Danone plant nun einen Coup, der gesunde Ernährung revolutionieren dürfte: Einen Drink, der das Fortschreiten von Alzheimer verzögert.

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Autor: Jessica Riccò· 21.08.08 · 20:36 Uhr· 3 Kommentare

Pferdedoping: Es muß nicht immer Capsaicin sein

Kategorie: Themenwoche  ·  Kommentare: 4

Der internationale Reitsport steht vor einem Scherbenhaufen: Vier Reiter wurden heute von der Teilnahme am olympischen Springwettbewerb in Hong Kong ausgeschlossen. Bei ihren Pferden war die verbotene Substanz Capsaicin gefunden worden, das auf der Dopingliste steht. Capsaicin wird vermutlich verabreicht, um die Pferde zu höheren Sprüngen zu motivieren.

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Außer dem deutschen Springreiter Christian Ahlmann, dessen Wallach Cöster positiv getestet worden war, wurden zwischenzeitlich (vorbehaltlich der B-Probe) drei weitere Springer mit ihren Pferden überführt. Alle Tiere hatten Capsaicin im Blut.

Heu macht müde Pferde munter

Möglicherweise hätte sich der Pferdesport diesen Image-Super-GAU ersparen können, wenn Reiter und Betreuer die jüngste Studie von Jan Bowman gekannt hätten - die Befunde des Pferde-Ernährungsexperten lassen sich kurz und prägnant zusammenfassen: Heu macht müde Pferde munter!

Üblicherweise werden künftige Sportpferde mit einem bestimmten Spezialmix gefüttert. Dieser besteht aus Hafer, Gerste, Getreidekörnern und (Zucker-)Sirupbestandteilen. Aber ausgerechnet die süßen Körner führten - wie die Untersuchung der Montana State University zeigt - dazu, daß die Pferde in der Trainingsphase ängstlicher, unruhiger und ungehorsamer waren. Alles Faktoren, die ein effektives Training eher behindern.

Der erfahrene Pferdexperte Bowman hatte für seine Studie insgesamt 12 junge Pferde in zwei Gruppen aufgeteilt. Die eine bekam das konventionelle Futter mit den süßen Bestandteilen, die andere musste mit einer reinen Heudiät vorlieb nehmen.

Drei Wochen lang trainierte er die Pferde, ohne selbst zu wissen, ob diese nun die Schmalspurkost oder das süße Programm erhielten. Die Pferde wurden währenddessen kontinuierlich in Bezug auf ihren Gesundheits- und Leistungszustandzustand getestet und ihre Verhaltensweisen und Lernfortschritte protokolliert.

Bowman stellt klar:

"Wir wollen nicht den Eindruck erwecken, daß die Pferde hungern müssen, um sie zu besserer Leistung zu bringen. Das ist nicht der Punkt."

Aber wie Mitautor Wade Black in der Studie, die zur Veröffentlichung im "Journal of Animal Science" eingereicht ist, schreibt:


"Unsere Ergebnisse legen nahe, daß Trainer ihre Trainingseffektivität vor allem während früher, grundlegender Phasen steigern können, wenn sie auf das energiereiche, süße Futter verzichten."

Kein Heu, dafür perfide Tricksereien mit Capsaicin

Vielleicht hätte man das den Reitern Christian Ahlmann, Denis Lynch (Irland), Tony Andre Hansen (Norwegen) und Bernardo Alves (Brasilien) sagen sollen. Sie haben ganz offensichtlich in ihrem übersteigerten Ehrgeiz zu Capsaicin gegriffen, um - so steht zu vermuten - etwa die Vorderhufe damit zu behandeln.
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Denn der reizende Stoff Capsaicin (der auch Chilis ihre Schärfe gibt) erhöht die Durchblutung im betreffenden Gewebe und auch die Schmerzsensibilität. Wenn das Pferd gegen die Hindernisstange stößt, ist diese Berührung noch schmerzhafter und wird das Pferd motivieren das nächste Mal noch höher zu springen...

Wie gesagt: wie schön wäre es, wenn die olympischen Pferde tatsächlich nur Heu zu fressen bekämen. Da dem nicht so ist, kann man die Reiter auch kaum bedauern - und
Peter Hofmann, dem Vorsitzenden des Springausschusses bei der Deutschen Reiterlichen Vereinigung (FN) kann man nur beipflichten, wenn er den Agenturen heute sagte:

"So etwas ist der Super-Gau für unseren Sport. Da muss man sich sicherlich auch Gedanken darüber machen, ob unser Sport weiter eine Chance hat, zur olympischen Famile zu gehören."

Bei ScienceBlogs zum selben Thema:


Autor: Marc Scheloske· 21.08.08 · 18:35 Uhr· 4 Kommentare

"Cöster" liebt es scharf: Springreiter Christian Ahlmann nach Capsaicin-Befund von Olympia suspendiert

Kategorie: Themenwoche  ·  Kommentare: 13

Es ist nicht überliefert, ob der Wallach Cöster aus südamerikanischer Zucht stammt und deshalb in seinen Hafer auch Chilischoten gemischt werden. Bestätigt ist allerdings, daß beim Springpferd von Christian Ahlmann die verbotene Substanz Capsaicin festgestellt wurde. Der positive Dopingbefund sorgt für Aufregung im deutschen Olympiateam.

Schimmel01.jpg
Bei einer Dopingkontrolle am 17. August wurde - wie die Internationale Reiterliche Vereinigung (FEI) heute der Deutschen Reiterlichen Vereinigung mitteilte - beim Springpferd von Christian Ahlmann das durchblutungsfördernde Capsaicin nachgewiesen.

Der Europameister von 2003 wurde daraufhin mit sofortiger Wirkung von den Olympischen Spielen ausgeschlossen und darf folglich auch nicht am Finalspringen am heutigen Donnerstag teilnehmen.

Dopingsünder auf vier Hufen: Springpferd Cöster

Diese Nachricht ist natürlich ein Schock für die deutsche Olympiamannschaft, die statt Dopingschlagzeilen viel lieber Medaillennachrichten hören würde. Medaillen gab es für den 33-jährigen Springreiter Christian Ahlmann aus Marl/Westfalen in der Vergangenheit reichlich.

Mit seinem Schimmel Cöster, der sich nun in die Liste der Dopingsünder einreihen muß, hatte er bei den Olympischen Spielen von Athen die Bronzemedaille in der Mannschaft geholt. Und 2003 war er gar im Einzelwettbewerb Europameister geworden. Am vergangenen Montag kam das Duo mit der deutschen Equipe auf den fünften Platz.

Ein erfolgreiches Duo also, weshalb griff man offensichtlich nun nach verbotenen Substanzen? Und welche Effekte hat dieses Capsaicin überhaupt?

Das Geheimnis des Capsaicin

Capsaicin ist, soviel vorweg, der Stoff, der die Chilischoten so teuflisch scharf macht. Es ist das Alkaloid der Paprikagewächse, das antibakteriell und fungizid wirkt und den bekannten Hitze- und Schmerzeffekt hervorruft. Und das keineswegs nur im Mund- und Rachenraum.

Das Capsaicin reizt die Nervenenden der sogenannten Nozizeptoren, egal ob diese auf Schleimhäuten oder auf sensibler Haut sitzen. Und - hier wird es in Sachen Leistungsmanipulation interessant - Capsaicin hat eine ausgeprägt durchblutungsfördernde Wirkung: die eigentlich irreführende Hitze- und Schmerzempfindung durch den Reiz von Capsaicin führt dazu, daß das betroffene Gewebe stärker durchblutet wird, um die Wärme abzuleiten.

Hitze- und Schmerzreaktion führt zur Durchblutungssteigerung

Im Grunde ist diese Reaktion also eine Fehlinterpreation des Organismus. Allerdings nutzt man diesen Effekt auch in Wärmepflastern und anderen durchblutungsfördernden Substanzen. Und die durchblutungsfördernde Wirkung scheint offensichtlich auch der Grund zu sein, weshalb Springpferde (verbotenerweise) mit capsaicinhaltigen Medikamenten behandelt werden.

Zielsetzung dieser Behandlung mit Capsaicin kann also einerseits schlicht die Verbesserung der muskulären Leistungsfähigkeit des Springpferdes sein. Andererseits ist nicht auszuschließen, daß man auf einen anderen Effekt abzielte: nämlich die Steigerung des Schmerzempfindens an den Beinen - denn durch die starke Durchblutung steigt auch die Sensibilität. Wenn das Pferd an die Stangen stößt, ist das noch schmerzhafter...

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Ob der gute Cöster das Capsaicin oral aufgenommen hat oder ob der Stoff über großflächige Salbenanwendungen in seinen Körper gelangt ist, wird man möglicherweise noch erfahren. Die Ausrede, daß der Schimmel aus Versehen am Chili-Eintopf genascht habe, wird die Dopingwächter in diesem Fall wohl kaum besänftigen. Und die Erklärung, der Stoff habe über die Zahnpasta den Weg in den Körper des Delinquenten gefunden, ist in diesem Fall auch wenig glaubwürdig...


P.S.: Im ScienceBlogs-Spezial "Olympia" finden sich noch viele weitere Randnotizen zu den Olympischen Spielen von Peking.


Inzwischen sind noch weitere Fälle unerlaubten Capsaicindopings im Reitsport bekannt geworden: auch beim Pferd des Norwegers Tony Andre Hansen wurde Capsaicin gefunden. Hansen muß nun den Verlust der Bronzemedaille für die norwegische Mannschaft befürchten.

Und ganz offenbar erfreut sich das Chili-Extrakt auch bei weiteren Reitern großer Beliebtheit. Denn auch beim Pferd "Lantinus" des Iren Denis Lynch und bei "Chupa Chup" von Bernardo Alves aus Brasilien wurde Capsaicin festgestellt - das grenzt ja schon an eine Epidemie...

Autor: Marc Scheloske· 21.08.08 · 11:40 Uhr· 13 Kommentare

20. August 2008

Verhaltenspsychologie: Der Gewinn falscher Erinnerungen

Kategorie: Geistes- & Sozialwissenschaften  ·  Kommentare: 1

Sich selbst etwas vorzumachen, kann mitunter ganz heilsam sein. Das zumindest verspricht eine Studie der Universität St. Andrews in Schottland. Denn wer seine Erinnerungen nachträglich bewusst "türkt", kann damit auch sein Verhalten in der Gegenwart ändern.

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Autor: Jessica Riccò· 20.08.08 · 15:45 Uhr· 1 Kommentar

Wissenschaft auf dem Prüfstand: Die Anti-Doping-Agentur für die Forscher

Kategorie: Politik

Gleich könnte er Gold holen, Gold bei Olympia. Dass der Marathonläufer vorher noch etwas Sibutramin zu sich nimmt, das wird schon niemand merken. Wenn jetzt nur niemand von der WADA mehr spontan zur Dopingkontrolle kurz vor dem Wettkampf reinschaut, hoffentlich, hoffentlich...

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Autor: Jessica Riccò· 20.08.08 · 11:55 Uhr· 0 Kommentare

19. August 2008

Betablocker und Antidepressiva - die ungewöhnlichen Dopingmittel der Schützen und Skifahrer

Kategorie: Medizin·Themenwoche  ·  Kommentare: 1

Sieben Dopingfälle sind bei den Olympsichen Spielen nun schon bekannt geworden. In Blutproben der bulgarische Mittelstreckenläuferin Daniela Jordanowa fand man Spuren eines Testosteronpräparats. Der taiwanesische Baseballer Tai-Shan Chang wurde von der Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA) positiv auf verbotene Substanzen getestet.

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Autor: Jessica Riccò· 19.08.08 · 16:04 Uhr· 1 Kommentar

"Akademische Helden" glauben an das Gute im Menschen - die Psychologie des Schummelns

Kategorie: Geistes- & Sozialwissenschaften  ·  Kommentare: 5

Sind Sie im Einklang mit sich und der Welt und glauben an das Gute im Menschen? Oder kultuvieren Sie lieber Ihre Misanthropie frei nach Brecht: Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral?

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Autor: Jessica Riccò· 19.08.08 · 12:15 Uhr· 5 Kommentare

Ist uns Mathematik in die Wiege gelegt? Neue Studie zu Raum- und Mengenkonzepten von Aborigines-Kindern

Kategorie: Geistes- & Sozialwissenschaften·Kultur  ·  Kommentare: 9

Welche Bedeutung hat unsere Sprache für unser Weltverständnis? Wäre die Wahrnehmung unserer Umwelt vielleicht ganz anders, wenn unsere Sprache eine andere Struktur hätte? Und hängt unser mathematisches Verständnis, unser Verhältnis zu Größen und Mengen am Ende auch davon ab, welche Zahlwörter wir haben?

Zahlen_01a.jpg

Mit solchen und ähnliche Fragen, befassen sich seit vielen Generationen Linguisten, Psychologen, Ethnologen und Philosophen. Eine neue Studie eines britisch-australischen Forscherteams wirft einige wissenschaftliche Grundannahmen über den Haufen: die Studie mit Ureinwohnern des Amazonasgebietes zeigt, daß grundlegende mathematische Fähigkeiten vollkommen unabhängig von der Sprache existieren.

Hatten Ludwig Wittgenstein und Benjamin Lee Whorf nicht recht?

Damit stellt diese aktuelle Studie, die in den Proceedings of the National Academy of Sciences publiziert ist, eine Provokation für weite Teile der wissenschaftlichen Gemeinde dar. Denn noch immer gilt die Sapir-Whorf-Hypothese, die besagt, daß Denken die Sprache formt und nicht umgekehrt, als Fixpunkt der Diskussion. Oder, mit Ludwig Wittgenstein formuliert:

"Die Grenzen unserer Sprache sind die Grenzen unserer Welt."

Die Notwendigkeit von Zahlwörtern für ein mathematisches Verständnis war zuletzt durch die aufsehenerregenden Studien des Biologen und Verhaltensforschers Peter Gordon bestätigt worden. Gordon untersuchte die Indianer des Piraha-Stammes aus dem Amazonas-Gebiet. Und das Basisvokabular der Piraha kennt keine differenzierten Zahl- und Mengenangaben. Außer Wörtern für "eins", "zwei" und "viele" benötigen die Indianer keine Vokabeln.

Gordon fand heraus, daß die Piraha bei der Einschätzung von Mengen, die größer als 4 sind große schwierigkeiten haben und offenbar Schwierigkeiten mit dem Zählen haben.

Zählen ohne Zahlen!

Ganz anders klingen nun die Ergebnisse von Brian Butterworth vom Institute of Cognitive Neuroscience (University College London) und seinen Kollegen. Die Forscher hatten 45 Kinder von zwei Eingeborerenstämmen in Australien untersucht.

Sie verglichen die mathematischen Kompetenzen von Kindern, die nur die Sprachen der Warlpiri oder Anindilyakawa sprechen mit den Fähigkeiten von Aborigines-Kindern, die in Melbourne mit Englisch aufgewachsen waren. Das Ergebnis: es gibt kaum bzw. keine Unterschiede was die Beurteilung von Mengen und Größenverhältnissen angeht.

Mathematisches Grundverständnis angeboren

Mitautor Bob Reeve, von der School of Behavioural Science (Uni Melbourne), erklärt:

"Die Studie zeigt, daß die Fähigkeit zu zählen nicht einfach nur von der Kultur oder der Sprache abhängt."

Wenn man den Ergebnissen traut, dann ist uns Menschen ganz offensichtlich ein basales mathematisches Grundverständnis angeboren. Wir benötigen also nicht zwingendermaßen Zahlwörter, um Mengen zu strukturieren und einfache Aufgaben zu lösen.

Oder, wie es Brian Butterworth von der Uni London formuliert:


"Our study of aboriginal children suggests that we have an innate system for recognizing and representing numerosities - the number of objects in a set - and that the lack of a number vocabulary should not prevent us from doing numerical tasks that do not require number words."

Auch Fische können "rechnen"

Wobei, unter uns: inzwischen weiß man auch von Fischen, daß diese nicht nur ficken, sondern auch zählen können. Und die Behauptung, daß wir ohne Sprache möglicherweise im Mathetest schlechter abschneiden sollten als Mosquito-Fische, wäre dann doch etwas erklärungsbedürftig...

Links:

  • B. Butterworth, R. Reeve, F. Reynolds and D. Lloyd: Numerical thought with and without words: Evidence from indigenous Australian children

  • Gordon, Peter (2004): Numerical Cognition Without Words: Evidence from Amazonia, in: Science, Vol. 306, pp. 496-499; www.sciencemag.org/cgi/content/full/1094492/DC1 [Download als PDF]

  • Mehr Mathematikunterricht für Meeresbewohner! » Über zählende Fische und die Bedeutung der Sprache für unser Zahl- und Weltverständnis, Wissenswerkstatt, 29.2.2008



Autor: Marc Scheloske· 19.08.08 · 12:00 Uhr· 9 Kommentare

18. August 2008

Gedächtniskünstler Immunsystem: Überlebende der Spanischen Grippe noch heute geschützt

Kategorie: Medizin  ·  Kommentare: 3

Unser Immunsystem ist ein Gedächtniskünstler: im Blut von Überlebenden der verheerenden Grippe-Epidemie von 1918 fanden US-Mediziner nun Immunzellen, die seit nunmehr fast 90 Jahren auf eine erneute Attacke des Influenzavirus warten.

Der Forschergruppe um James Crowe Jr. ist es mit Hilfe der Immunzellen (B-Lymphozyten) sogar gelungen, größere Mengen von hocheffektiven Antikörpern herzustellen, die (zumindest bei Mäusen) eine Infektion mit dem hochaggressiven H1N1-Virus verhinderten.

Daß ein so schlagkräftiger Immunschutz über so lange Zeiträume möglich ist, war bislang nicht bekannt. Die Wissenschaftler erhoffen sich nun weitere Erkenntnisse über die Mechanismen der spezifischen Immunabwehr und möglicherweise gar die Entwicklung von Impfstoffen gegen Viren, die dem Erreger von 1918 ähnlich sind.

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Spanische Grippe: Verheerendste Epidemie seit der Pest

Seit den großen Pest-Epidemien des 14. Jahrhunderts hatte keine Krankheit mehr so gewütet: zwischen 1918 und 1920 forderte die Spanische Grippe weit über 25 Millionen, manche Schätzungen sprechen sogar von bis zu 100 Millionen Menschenleben.

Die damals weltweit grassierende Variante des Influenzavirus (Subtyp A/H1N1) war hochinfektiös und sorgte irritierenderweise gerade in der Altersgruppe der 20-40 Jährigen für die höchsten Todesraten. (Üblicherweise sind kleine Kinder und ältere Menschen besonders anfällig für Influenzaerreger.)

James Crowe vom Vanderbilt University Medical Center in Nashville (Tennessee) und seinen Mitarbeitern ist es gelungen, insgesamt 32 Überlebende der damaligen Pandemie zu finden. In deren Blut konnten die Wissenschaftler nun Antikörper gegen diesen ursprünglichen Erregertyp nachweisen.

Leistungsfähiger Immunschutz noch nach 90 Jahren

Außerdem gelang es den Forschern - wie sie in einem Nature-Online-Artikel schreiben - in insgesamt 7 von 8 Proben diejenigen B-Lymphozyten zu isolieren, die als Gedächtniszellen im Falle einer erneuten Infektion bereitstehen. Die auf diese Weise gewonnen Antikörper schützen die damit behandelten Mäuse vor einer Infektion.

Dr. Eric Altschuler, einer der Studienautoren, äußerte sich gegenüber USAToday euphorisch:

"Es ist unglaublich! Der Herrgott hat uns mit Antikörpern gesegnet, die ein ganzes Leben lang wirken. Es stimmt tatsächlich: Was uns nicht umbringt, macht uns stärker."

Die Ergebnisse sind tatsächlich überaus spannend. Nicht weil uns etwa ein erneuter Ausbruch des damaligen Erregers bevorstünde. Dieser Original-Erreger wurde ohnehin erst 2005 aus tiefgefrorenen Leichen isoliert und rekonstruiert und lagert seitdem im Hochsicherheitslabor des CDC (Center for Disease Control and Prevention) in Atlanta.

Allerdings lassen sich diese neuen Erkenntnisse u.U. in der Impfstoffentwicklung einsetzen. Denn auch der gefürchtete Vogelgrippevirus H5N1 gehört zu den Influenza-A-Viren und ist insofern eng mit dem Virus von 1918 verwandt.

Und schließlich ist die Erkenntnis, daß unser Immunystem bestimmte Informationen über viele Jahrzehnte abspeichert, ja auch schon etwas wert. Oder, wie die Autoren selbst schreiben:

"[...] these studies demonstrate that survivors of the 1918 influenza pandemic possess highly functional, virus-neutralizing antibodies to this uniquely virulent virus, and that humans can sustain circulating B memory cells to viruses for many decades after exposure--well into the tenth decade of life."


Autor: Marc Scheloske· 18.08.08 · 18:15 Uhr· 3 Kommentare

Himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt - und das sogar laut DNA

Kategorie: Medizin  ·  Kommentare: 1

Auch wenn bipolare Störungen eine meist sehr individuelle Ursache haben: Die genetische Veranlagung dazu haben Psychologen des Stanley Center for Psychiatric Research in Washington nun scheinbar aufgeschlüsselt.

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Autor: Jessica Riccò· 18.08.08 · 17:00 Uhr· 1 Kommentar

Bello è impossibile - Olympia schafft schlechte PR

Kategorie: Politik·Themenwoche

Ein Nachtrag zu meinem Artikel von letztem Mittwoch: Offenbar kann die Olympiade per se das Ansehen des Gastgeberländer nachhaltig schädigen. Das zumindest besagt eine Studie der Wirtschaftshochschule Handelshøyskolen in Oslo.

Für die Studie wurden insgesamt 430 Studenten in zwei Gruppen zu ihren Einschätzungen zu England und Italien befragt - eine vor, eine im Anschluss an die Olympischen Winterspiele. Die Olympiade wurde in der Umfrage nicht erwähnt. Jedoch wurden die Studenten gebeten, ihr generelles Interesse an Sport mitzuteilen. Dadurch sollte eingeschätzt werden können, welche Teilnehmer die Olympischen Spiele aktiv mitverfolgen und welche nicht.

rom270.jpgWährend die Meinungen zu England sich im Laufe der Zeit änderten, ließ sich bei den sportbegeisterten Befragten ein rasanter Abstieg ihrer Italien-Liebe beobachten: Nach den Winterspielen waren sie weniger bereit, italienische Produkte zu kaufen, in Italien Urlaub zu machen und schätzten auch Italiener als generell unsympathische, schlechte Organisatoren ein.

"Der Wandel könnte auch am schlechten Abschneiden des norwegischen Teams liegen," schätzt der Marketingprofessor und Leiter der Studie Geir Gripsrud ein.

Armes China, das vor der Olympiade ja auch nicht die Reputation eines Urlaubslandes Nr 1 hatte... denn wie der Kölner Stadt-Anzeiger nun berichtet, leidet die Börse in Shanghai bereits am "Olympia-Fluch": Der Shanghai Composite Index steht dort so tief wie seit 19 Monaten nicht mehr. Das sei oft während der Olympischen Spiele der Fall, erklärt Philip Wyatt, Analyst für die Schweizer Großbank UBS in Hongkong.


Autor: Jessica Riccò· 18.08.08 · 09:19 Uhr· 0 Kommentare

16. August 2008

Athleten mit großem Herz: Das Geheimnis der Ruderer

Kategorie: Medizin·Themenwoche

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Sie sind groß, stark, zupackend, ausdauernd und haben ein großes Herz. Wer sich in Peking auf die Suche nach den Olympioniken mit den leistungsfähigsten und größten Herzen begibt, der wird bei den Ruderern fündig.

Kein Wunder: Rudern zählt zu den härtesten Disziplinen im olympischen Programm. Und die Ausdauerleistung, die die Athleten vollbringen, ist maßgeblich von der Herzkapazität abhängig. Ein Herz eines Weltklasseruderers kann im Einzelfall die doppelte Größe eines normalen Herzens erreichen. Wie ein aktuelle Studie zeigt, ist dafür vermutlich das insulinähnliche Wachstumshormon IGF-1 verantwortlich.

Extrembelastung Rudern: Ausdauer + Kraft

Wer die Ruderwettbewerbe aufmerksam verfolgt, der weiß, daß die Athleten bis an ihre absoluten Leistungsgrenzen gehen. Nicht selten sind im Ziel sogar die Sieger zu erschöpft und ausgepumpt, um großartige Jubelregungen zu zeigen. In den 5-8 Minuten, die ein Ruderwettbewerb durchschnittlich dauert, wird den Sportlern eine beispiellose Ausdauer- und Kraftleistung abverlangt.

Natürlich sind es vordergründig solche Parameter wie Schlagfrequenz, Kraftentwicklung pro Zug und die Rudertechnik, die über Sieg und Niederlage entscheiden. Doch hinter diesen sichtbaren Effekten steckt etwas anderes: der entscheidende physiologische Leistungsfaktor ist die maximale Sauerstoffaufnahme. Und diese hängt maßgeblich von der Herzleistungsfähigkeit ab.

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Rudern: Sieger der Herzen

Insofern kann man durchaus behaupten, daß im Rudern die Athleten mit den größten Herzen gewinnen!

Zum Vergleich: die Herzgröße einer Normalperson liegt etwa bei 750 bis 800 ml liegen. Bei Top-Ruderathleten findet man aber Herzgrößen zwischen 1200 und 1500 ml. Diese Kapazität erlaubt es, daß von diesem Hohlmuskel die maximale Blutmenge von 40 l/min gepumpt wird. Ein gesunder, junger Mann ohne extensives Rudertraining bringt es gerade auf die Hälfte: mehr als 20 l/min schafft die Pumpe bei Nichtsportlern nicht.

Eine Studie von Giovanni Vitale und Gaetano Lombardi (Uni Mailand bzw. Neapel) zeigt aktuell, worin das Geheimnis dieser außergewöhnlichen Leistungsfähigkeit liegt: die Mediziner untersuchten 19 Ruderer und stellten dabei fest, daß diese deutlich erhöhte Werte des anabolen Hormons IGF-1 aufwiesen.

Das körpereigene, anabol wirkende Hormon IGF-1 (Insulin-like-Growth Factor 1) wird in der Leber hergestellt. Und seit einigen Jahren ist bekannt, daß IGF-1 erstens Nährstoffe (Glukose, Aminosäuren) in die Muskelzellen einschleust und zweitens zur Bildung von Muskelzellen beiträgt.

Das Interessante an den Studienergebnissen, die in der Augustnummer der "Clinical Endocrinology" publiziert werden: die Bildung von IGF-1 scheint durch intensives Ausdauer- und Krafttraining stimuliert zu werden. Dr. Giovanni Vitale berichtete: "Je höher der IGF1-Spiegel im Blut, desto höher war die Herzleistung."

Und er fährt fort:

"Unsere Ergebnisse zeigen, daß die Herzen der Ruderer insgesamt größer sind und im Vergleich zur Kontrollgruppe eine höhere Kapazität aufweisen. Die Ursachen für diese besondere Leistungsfähigkeit des Herzmuskels dieser Sportler ist nicht vollständig bekannt. Die vermehrte Produktion von Wachstumsfaktoren wie IGF1 durch das Leistungstraining könnte aber eine Erklärung sein."

Es stellt sich freilich die Frage, ob wirklich allein das harte Training für diese hohen IGF1-Werte zuständig ist, die wiederum zur bemerkenswerten Herzkapazität der Ruderer führen. Denn von IGF1 ist schon seit einiger Zeit bekannt, daß es generell die Zellvermehrung anregt und zur erhöhten Produktion von roten Blutkörperchen führt. Und diese resultiert wieder in besseren Ausdauereigenschaften.

Saubere Probanden oder dopinginfizierte Ruderer?

Oder anders gesagt: Haben Dr. Vitale und seine Kollegen wirklich nur IGF-Werte gemessen, die auf natürliche Weise zustande gekommen sind? Denn das Peptidhormon IGF1 lässt sich auch synthetisch herstellen und steht nicht umsonst auf der Liste verbotener Substanzen.

Und es müßte nicht einmal künstlich hergestelltes IGF1 sein: auch die Einnahme von Wachstumshormonen (Somatotropin bzw. HGH) regt indirekt die IGF1-Produktion in der Leber an.

Wir müssen also noch ein wenig warten, bis die Dopinganalytik weiter ist und natürliches von synthetischem IGF sicher unterscheiden kann bzw. bis diese Analysen auch wirklich flächendeckend eingesetzt werden.

Vielleicht werden wir dann erfahren, ob die Rudersportler, die sich so beeindruckend quälen, diese Leistung wirklich nur durch hartes Training erbringen oder ob sie ihre Herzen mit IGF1 & Co. künstlich aufputschen.

Oder sind es nochmals andere Substanzen, die zu den beeindruckenden Leistungen führen? Möglicherweise weckt auch ein spezielles Medikament, das derzeit an Herzpatienten erprobt wird, die Begehrlichkeiten der Sportler - weiß der Sportmediziner Prof. Dr. Bloch im Interview mit Hanno Charisius!


Lesenswert:

Charisius, Hanno: Muskeln, die nicht ermüden. Interview mit Prof. Dr. Wilhelm Bloch von der Sporthochschule Köln, 14.8.2008



Autor: Marc Scheloske· 16.08.08 · 18:00 Uhr· 0 Kommentare

"Komm, lass' es alles raus. Wir lachen auch nicht." - Emotionen bei Olympia

Kategorie: Geistes- & Sozialwissenschaften·Themenwoche

SB_OlympischeSpiele_03.jpg

Es ist ja fast schon selbstverständlich, heutzutage Bescheid zu wissen, was zum guten Ton im Ausland gehört. Wie man sich verhalten sollte - und wie eben nicht. Kulturelle Unterschiede finden sich in den kuriosesten Bereichen.

"Interkulturelle Kompetenz" nennt sich dieses Gebiet, und in Peking ist die momentan ein großes Thema. Anstatt aufzudecken, was Sportler verschiedener Kulturen unterscheidet, fasste sich die Psychologin Jessica Tracy von der University of British Columbia ein Herz und untersuchte im Rahmen einer Studie den Schlüssel zur Völkerverständigung: Was eint uns eigentlich?

Bei Sieg und Niederlage sind wir alle gleich

Siege und Niederlagen, meint Jessica Tracy. Für ihre Studie verglich Tracy das Verhalten, sowohl von Sehenden, als auch von Geburt an blinden Judokas bei den Olympischen Spielen 2004 in Athen. Dabei stellte sie fest, dass sowohl die sehenden Sportler unterschiedlicher Kulturen, wie etwa Algerien, Taiwan, der Ukraine und den USA, als auch blinde Sportler, die ihr Verhalten nicht als Kind "abgeschaut" haben können, bei Siegen die Brust rausstrecken und die Arme in die Luft reissen. Ebenso scheinen sich frischgebackene Verlierer zu "verkriechen" - sie beugen sich, "verstecken" den Brustkorb und schlagen die Hände vors Gesicht.

Stolz und Niederlage wurden nach Jessica Tracys Angaben zuvor nie als für die Verhaltensforschung relevante Emotionen untersucht: "Dabei kann Stolz als angeborenes. biologisches Verhalten des Menschen Aussagen über die menschliche Sozialdynamik machen." Bisher habe die Forschung andere Gefühle wie Angst, Ärger oder Freude untersucht. "Unsere Erkenntnisse unterstützen die Evolutionsthesen, dass Stolz und Schamgefühl leistungsstarke Mittel sind, um den eigenen sozialen Status zu stärken oder auch zu schwächen," erklärt die Psychologin.

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Siegerfreude ist erlaubt, Verliererfrust manchmal unerwünscht

In der Studie wird leider nicht darauf eingegangen, ob nicht auch blinde Sportler - aus Beschreibungen, Radiokommentaren etwa - sehr genau wissen, wie sich andere Athleten bei Sieg oder Niederlage verhalten. Dafür stellten sie jedoch eine feine Abweichung bei den Sehenden fest: Sportler aus Nationen, in denen besonders großer Wert und damit auch Druck auf das Individuum gelegt wird - in der Studie etwa die USA und Länder Westeuropas - schämen sich öffentlich weniger. "Fare bella figura" scheint dort vorderrangig zu sein, oder auch "gute Miene zum bösen Spiel".

Unterdrückte Gefühle bei Olympia? Geht es dort nicht um Leidenschaft beim Sport? Sie müssen sich ja nicht gleich auf die Suche nach dem inneren Kind machen. Aber, meine lieben Westeuropäer, wenn in Peking einer weinen muss, dann werden wir ihn in Gedanken zumindest umarmen. Und nicht lachen oder zur Disziplin mahnen. Okay?



Autor: Jessica Riccò· 16.08.08 · 14:10 Uhr· 0 Kommentare

14. August 2008

Der Tag, an dem Kermit der Frosch einen Herzinfarkt auslöste

Kategorie: Medizin  ·  Kommentare: 3

Schlapp-klack, schlapp-klack, schlapp-klack. So klingen Krankenhausflure, wenn nicht so viel los ist. Früher, als Birkenstocksandalen noch die Nummer eins bei Pflegepersonal und Ärzten waren, fehlte das "Klack"-Element. Dann kamen Crocs.

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Autor: Jessica Riccò· 14.08.08 · 14:05 Uhr· 3 Kommentare

Die Pille, der Geruch und die Partnerwahl: Über die Verführungskraft frecher Schlagzeilen

Kategorie: Medizin  ·  Kommentare: 6

Wenn sich Studienergebnisse mit der eigenen Erwartungshaltung decken, dann ist das wunderbar. Noch besser ist es, wenn sich auf dieser Basis freche Schlagzeilen basteln lassen. Dumm ist es allerdings - wie ein aktueller Fall zeigt -, wenn man die Studie nur halb gelesen oder nicht verstanden hat.

Der deutsche Wissenschaftsjournalismus illustriert erneut, daß er viel zu häufig leichtgläubig am Agenturtropf hängt und zu bequem für eigene Recherchen ist...

Wenn sich zwei Menschen besonders "gut riechen" können

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Menschen, die sich mögen, können sich "gut riechen". Diese Redewendung verrät mehr über die Art und Weise, wie wir unsere Sympathien verteilen, als wir üblicherweise ahnen.

Denn die Gerüche unserer Mitmenschen, die feinen olfaktorischen Nuancen, bestimmen auf subtile Weise, mit welchen Menschen wir uns gut und mit welchen wir uns weniger verstehen. Klar, daß die olfaktorische Komponente auch bei der Partnerwahl (wenn sich potentielle Liebespartner "beschnuppern") ins Spiel kommt.

Fremde Düfte sind attraktiv

Dieser Zusammenhang ist altbekannt. Denn über den Geruch können wir offensichtlich unbewußt feststellen, ob das genetische Profil des künftigen Partners "günstig" ist. Und günstig heißt schlicht: anders. Wenn die genetische Ausstattung der Eltern eine größere Variation aufweist, dann ist das - so die gängige Lehrmeinung - ein evolutionärer Vorteil.

Eine aktuelle Studie, die von Wissenschaftlern der Universität Liverpool durchgeführt wurde, ist nun der Frage nachgegangen, ob die Einnahme der Anti-Babypille dieses olfaktorische Partnerwahlsensorium beeinflusst. Und wenn man all den Artikeln in der Tages- und Onlinepresse glauben darf, dann krempelt die Pille die Geruchsvorlieben der partnersuchenden Frauen gehörig um.

Bei SpiegelOnline konnte man gestern lesen: "Pille lässt Frauen auf falsche Männer fliegen" und Welt-Online titelte zwar noch zurückhaltend mit: "Antibabypille beeinflusst die Partnerwahl" klärt die neugierigen Leser und Leserinnen dann aber folgendermaßen auf:

Doch durch die Pille suche sich eine Frau eher genetisch ähnliche Partner aus, berichteten britische Forscher in Studie der Universität Liverpool. Diese „Störung" der instinktiven Partnerwahl könne zu einem höheren Risiko von Fehlgeburten, Empfängnisproblemen und längeren Abständen zwischen Schwangerschaften führen.

Und auch das Immunsystem des Nachwuchses sei möglicherweise durch die Pille beeinträchtigt.

Das Problem: die Studie lässt solche Schlußfolgerungen strenggenommen gar nicht zu! Und von wegen "Die Pille lässt Frauen auf falsche Männer fliegen"... - der Fall illustriert allenfalls, daß auch in der Sommerpause höchst schlampig recherchiert wird und man es scheut, den Originalartikel in die Hand zu nehmen.

Wie Christoph Larssen bereits notiert hat, ist Nina Bublitz mit ihrem Text bei stern-online eine löbliche Ausnahme. Sie schreibt:

In der zugehörigen Studie, auf die sich die steile These stützt, fehlt der Beweis dafür.

Und Nina Bublitz liegt mit ihrer Bemerkung ganz richtig. Denn die Ergebnisse von Craig Roberts und seinem Team sind eher ernüchternd. Die Forscher hatten rund hundert Frauen vor und nach der Einnahme der Pille zum Schnuppertest gebeten.

Zweimal zum Schnuppertest

Die Probandinnen sollten an sechs T-Shirts von unterschiedlichen Männern riechen. Darunter waren jeweils drei Männer mit einem ähnlichen und drei Männer mit einem möglichst von der schnuppernden Kandidatin unterschiedlichen Genprofil. Gradmesser war dabei der „Major Histocompatibility Complex (MHC)". Ein Proteinkomplex, der innerhalb des Immunsystems eine Rolle spielt, über Hautbakterien aber auch für die Duftnote mitverantwortlich ist.

Die Frauen sollten bewerten, welcher Geruch ihnen angenehm oder unangenehm ist. Doch nach dem ersten Schnupperdurchgang waren die Ergebnisse mehr als ernüchternd. Weder die Düfte der ähnlichen, noch der genetisch unähnlichen Mannsbilder wurden meßbar bevorzugt.

In der Originalstudie kann man lesen:

Although several studies have reported significant effects of MHC dissimilarity on women's preferences for male body odour, we were unable to replicate this on our main sample of women...

Erstaunlich, denn in unzähligen Meldungen vom gestrigen Tag liest sich das deutlich anders. Und die Forscher beichten keineswegs nur an einer Stelle, daß ihre Ergebnisse nicht sehr eindeutig sind - sie notieren weiter:

To our surprise, we found no significant effect of MHC dissimilarity on odour pleasantness or desirability scores in session 1, where no women were using the pill [...] Across all ratings, there was no correlation between allele sharing and either odour
pleasantness, partner desirability or intensity.
In session 2, where some women were using the pill, we again found no significant differences in any comparison...

Zusammengefasst: Weder vor noch nach der Pilleneinnahme ließen sich konsistente Präferenzen für bestimmte Gerüche (und damit korrelierte Genprofile) feststellen!

Die Thesen von Spiegel, Welt und Co. sind schlicht Blödsinn

Die knackigen Thesen, daß die Pille darüber entscheide, welcher "Typ" Mann bevorzugt wird, sind also vollkommener Blödsinn!

Die einzige Erklärung (nicht Entschuldigung!) für das vorschnelle Geplapper des etablierten Journalismus, der der Pille auch noch gleich das Etikett des "Beziehungskillers" verpasst, liegt übrigens in einem kleinen Taschenspielertrick der Studienautoren.

Da sich (wie oben gesagt) anhand der Grundgesamtheit keine signifikanten Effekte ableiten ließen, strich man kurzerhand rund 25% der Teilnehmerinnen aus der Stichprobe. Unter dieser Einschränkung ließen sich dann gewisse, statistisch auch haltbare Korrelationen zeigen.

Doch auch nach diesen "Tricks" kommen die Forscher zum Schluß:

We do not know whether the change in preferences related to pill use is sufficiently strong to influence partner choice, but it could do so if odour plays a significant role in actual human mate choice.

Sie wissen es also nicht, ob die bevorzugten Gerüche sich tatsächlich durch die Einnahme der Pille verschieben. Das ist immerhin ehrlich - allerdings lassen sich mit einem solchen "Vielleicht, vielleicht auch nicht..." keine guten Schlagzeilen machen.

Das können dann die Journalisten von Spiegel, Welt oder Süddeutscher Zeitung doch besser... und wenn es um Partnerwahl oder Sex geht, dann gibt es im Sommerloch ohnehin kein Halten.


Lesenswert:


Und hier die Originalstudie:



Autor: Marc Scheloske· 14.08.08 · 06:15 Uhr· 6 Kommentare

13. August 2008

Peking, 1936: Eine Olympiade und ihre Metaphern

Kategorie: Politik·Themenwoche

War das heutige China eigentlich schon vor den Olympischen Spielen gleichbedeutend mit dem Dritten Reich? Ich hatte es als - sicher menschenrechtsverletzenden und totalitären - eigenständigen Staat in Erinnerung. Aber jetzt, da die Welt genauer nach Peking schaut, sprudeln die Metaphern in Massen durch die Medien.

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Autor: Jessica Riccò· 13.08.08 · 20:05 Uhr· 0 Kommentare

Faszinierende Bilder der Forschung

Kategorie: Kultur·Naturwissenschaften

Seifenblase210.jpgSchon zum vierten Mal wird das schönste Foto beim Wettbewerb "Bilder der Forschung" ermittelt - und auf Focus Online können sie selbst mit abstimmen, welches Bild die Auszeichnung erhält.

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Autor: Jessica Riccò· 13.08.08 · 15:33 Uhr· 0 Kommentare

12. August 2008

Nix vergessen, an alles gedacht - das Olympische Dorf

Kategorie: Themenwoche·Umwelt  ·  Kommentare: 1

Doping und Menschenrechtsverletzungen sind das Letzte, keine Frage. Aber genug gemeckert, es gibt auch mal Positives aus Peking zu berichten: Ein Olympisches Dorf, dass man der Volksrepublik so umweltbewusst gar nicht zugetraut hätte.

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Autor: Jessica Riccò· 12.08.08 · 17:12 Uhr· 1 Kommentar

Die Sache mit der Tarnkappe

Kategorie: Technik  ·  Kommentare: 1

Unsichtbar sein - das wäre nicht nur direkt nach dem Betreten eines Fettnäpfchens nützlich, sondern vor allem der heimliche Wunsch der Rüstungsindustrie. Und wenn man dem Tenor der gestrigen Tageszeitungen Glauben schenkt, ist es gar nicht mehr so weit hin mit der Tarnkappe.

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Autor: Jessica Riccò· 12.08.08 · 14:10 Uhr· 1 Kommentar

11. August 2008

Michael Phelps & Co: Wie man Rekorde jagt und Glaubwürdigkeit zerstört

Kategorie: Themenwoche  ·  Kommentare: 18

SB_OlympischeSpiele_03.jpgDas Aquatic Center von Peking ist derzeit Ort eines beinahe unwirklichen Schauspiels: allein die ersten beiden Tage der olympischen Schwimmwettbewerbe brachten sieben neue Weltrekorde.

Die Gesichter der jubelnden Sieger sind euphorisch, sucht man nach Antworten auf diese wahnsinnigen Leistungssprünge, blickt man allerdings meist in ziemlich ratlose Mienen.

Allein der US-Schwimm-Superstar Michael Phelps war an zwei neuen Weltrekorden beteiligt, die einigermaßen fabelhaft anmuten. Gestern verbesserte der Modellathlet seine eigene Bestmarke über die 400-m-Lagen-Distanz ganz nebenbei um stattliche 1,41 Sekunden. Und wohlgemerkt: 1,41 Sekunden sind im Schwimmsport der Durchbruch in eine andere Dimension!

Und heute ließ es Phelps mit seinen Staffelkameraden der 4 x 100-Meter-Freistilstaffel nochmal richtig krachen: das Quartett verbesserte seine eigene Weltbestmarke (die erst im Vorlauf - dort war noch Cullen Jones mit dabei - aufgestellt wurde!) um weitere 3,99 Sekunden. Manche Kommentatoren sprechen von einer Sternstunde des Schwimmsports - bei anderen Beobachtern wachsen die Zweifel, ob hier alles mit rechten Dingen zugeht. (Und natürlich werden die Rekorde auch in der (Sport-)Blogosphäre diskutiert.)

Leistungsexplosionen, die Fragen aufwerfen

Denn die irrwitzigen Leistungen, die wir im Moment erleben, gehen keineswegs allein auf das Konto des Wunderkinds Michael Phelps. Seine US-Teamkameraden sorgen ja genauso für Fabelzeiten, wie Schwimmer aus Australien oder Frankreich. Und die letzten Rekorde gehen auf das Konto des Japaners Kosuke Kitajima (100 m Brust) oder der Italienerin Federica Pellegrini, die in einem Vorlauf (!) mit 1:55,45 den Weltrekord über 200m Freistil aufstellte.

Diese Rekordflut von Peking passt freilich ins Bild: allein im Jahr 2008 gab es im Schwimmsport 51 neue Weltrekorde. Wie kann das sein? Ist es plausibel, daß die Schwimmstars früher Tage soviel weniger Talent, soviel weniger Ehrgeiz und soviel weniger Trainingsdisziplin hatten?

Nur ein Beispiel: der deutsche Ausnahmeschwimmer Michael Groß (mit einer Körperlänge von über 2m und einer entsprechenden Armspannweite geradezu prädestiniert für den Schwimmsport) holte sich 1984 bei den Olympischen Spielen von Los Angeles u.a. die Goldmedaille über die 200-m-Freistil-Strecke. Seine Zeit damals: 01:47,44 min - Weltrekord!

Wie gesagt: Groß war der beste Schwimmer seiner Zeit, verfügte über hervorragende physische Ausgangsbedingungen und man darf sicher sein, daß er nach ausgetüftelten Trainingsplänen arbeitete. Michael Phelps - das zum Vergleich - schlug im März 2007 nach 01:43,86 min an. Er war damit fast 4 Sekunden schneller als Groß!

Michael_Phelps01.jpg

Ist der erfolgreichste Olympionike auch ein großer Sportler?

Sicher: Phelps wird in die Geschichte des Schwimmsports und der olympischen Sommerspiele eingehen. Denn der 23-jährige Athlet (mit einem Gardemaß von 1,93m und mit einer Armspannweite von 2,03m) wird bis zum Ende dieser XIX. Olympischen Sommerspiele mehr Medaillien eingesammelt haben, als irgendein Sportler zuvor.

Aber wie ist es zu erklären, daß die Zeiten eines Michael Groß, der respektvoll "Albatros" genannt wurde, im Vergleich zu Phelps so abfallen? In einem direkten Rennen würde Groß heute so weit hinter Michael Phelps zurückliegen, daß er vermutlich resigniert an den Beckenrand schwimmen würde, um sich schnell unter die Duschen zu verziehen...

Was ist das Geheminis von Phelps und Co.?

Nun könnte man einwenden, daß Phelps eben ein Jahrhundert- oder gar ein Jahrtausendtalent ist. Das Argument ist ein wenig schief, denn es ist ja (wie oben angedeutet) keineswegs nur Superstar Phelps, der die Rekordmarken purzeln lässt. Ihm tut es eine ganze Garde junger, muskelbepackter Schwimmer gleich, die allesamt mehrere Sekunden schneller unterwegs sind, als die Spitzenschwimmer von vor 15 Jahren. (Nur ein Beispiel: Beim Staffelwettbewerb von heute blieben gleich 5 Staffeln unter dem alten Weltrekord... eine Farce?!)

Die leistungsbestimmenden Faktoren sind über die Jahre gleichgeblieben. Die Leistungsentwicklung eines Schwimmers wird durch ein komplexes Wechselspiel von physischen, psychischen und technischen Aspekten bestimmt.

Oder anders formuliert: bei maximal effizienter Technik muß unter Wettkampfbedingungen (Stress!) eine maximal hohe Bewegungsfrequenz möglichst lange (Ermüdung!) aufrechterhalten werden. Und wer dieses Anforderungsprofil am besten erfüllt, wird als Sieger aus dem Becken steigen.

Nur: an welchen Stellschrauben kann wirklich nennenswert gedreht werden, wenn man die Regeln des fairen Sports (Doping!) nicht brechen will?

Leistungsfaktoren: Physis, Psyche und Technik

1. Die Physis: die körperliche Grundausstattung ist einerseits vom Zufall bestimmt. Wir erinnern uns an den australischen Schwimmstar Ian Thorpe, der mit der Schuhgröße 52 ideale "Paddel" von Mutter Natur spendiert bekam. (Gut, die Gerüchte, ob Thorpe doch mit Wachstumshormonen experimentiert hat, wurden niemals 100% entkräftet... und Phelps ist mit Größe 48 auch ganz gut versorgt...). Andererseits lassen sich Maximalkraft, Kraftausdauer und Schnelligkeitsausdauer natürlich trainieren.

Die offene Frage: gab es in den letzten 3-4 Jahren neue Erkenntnisse in der Trainingslehre, die "intelligentere" Wettkampfvorbreitungen ermöglichen? (Nebenfrage: Wieso haben sich diese neuen Erkenntnisse noch nicht bis zu den deutschen Schwimmern rumgesprochen?!)

2. Die Psyche: die Wettkampfsituation bedeutet Stress. Viele Athleten drehen unter diesem Druck erst richtig auf - andere "verkrampfen" unter solchen Bedingungen.

Die offene Frage: Wurden auf diesem Feld neue Techniken entwickelt, um zum Wettkampfhöhepunkt auch wirklich alle Leistungsreserven abzurufen?

3. Die Technik: allein die physischen Fertigkeiten garantieren keinen Erfolg - denn natürlich ist es notwendig, die Arm- und Beinbewegungen maximal effizient und koordiniert einzusetzen und in Geschwindigkeit umzusetzen.

Die offene Frage: Gab es hier eine Neuentdeckung, was die Biomechanik des Schwimmsports angeht? Sind Mark Spitz, Michael Groß und die Stars der Vergangenheit alle "falsch" geschwommen?

Was bleibt als Erklärung für die Leistungsexplosion?

Nach meiner Beobachtung lassen sich alle drei Fragen mit einem klaren "Nein" beantworten.

Die Grundprinzipien des Schwimmsports sind identisch geblieben und auch die vielbeschworenen Schwimmanzüge rechtfertigen die Leistungssprünge nicht - zumal etwa Phelps bei seinem gestrigen Rekord mit blankem Oberkörper zu Gange war. Er benötigte also offensichtlich die tollen Eigenschaften der "aquadynamischen" Anzüge erst gar nicht.

Der Schlußschwimmer der Weltrekordstaffel von heute früh, der US-Athlet Jason Lezak gab übrigens - der FAZ zufolge - folgende Auskunft:

„Es liegt nicht am Pool. Wer die Entwicklung der letzten Monate über 50 und 100 Meter Freistil gesehen hat, wusste, dass hier der Weltrekord fällt", sagte Lezak.

Gut, daß es am Pool oder der Schwimmhalle gelegen haben könnte, hätte ich auch nicht gedacht. Aber wenn es weder an den Anzügen, noch am Pool liegt, woran liegt es dann?

In einem nächsten Beitrag sehe ich mir diese neueste Rekordflut und die Entwicklung der Bestmarken im Schwimmsport einmal genauer an.


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