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17.07.11 · 00:03 Uhr
Menschenrechte für Affen!
Kategorie: Technik · Kommentare: 12
Auch beim Copyright?

Dieses Bild ist ein Selbstporträt: der abgebildete Makake hat es selbst aufgenommen, wie die Daily Mail am 5.7. berichtete.
Und dieses Bild hat jetzt zu einem bizarren Copyright-Streit geführt: nachdem Tech Dirt das Foto am 7.7. für einen Artikel Monkey Business: Can A Monkey License Its Copyrights To A News Agency? verwendete, erhielt der Autor eine Mitteilung der Caters News Agency, die die Interessen des Fotografen vertritt, mit der Aufforderung, die Fotos sofort zu löschen. Es gab dann noch einiges Hin und Her, den Verlauf der Geschichte kann man im Detail in diesem Artikel vom monkey-see,-monkey-do,-monkey-sue? dept nachlesen.
Der Mathematiker denkt bei dieser Geschichte natürlich sofort an das Infinite Monkey Theorem, einen populären Spezialfall des Borel-Cantelli-Lemmas. Das Borel-Cantelli-Lemma sagt:
Sei Pn eine Folge von (unabhängigen) Wahrscheinlichkeiten dafür, daß zum Zeitpunkt n ein bestimmtes Ereignis stattfindet. Wenn die Summe der Pn unendlich ist, dann wird dieses Ereignis mit Wahrscheinlichkeit 1 mindestens einmal (und sogar unendlich oft) stattfinden.
Wenn man also einen Affen zufällig auf einer Schreibmaschine tippen läßt, wird er früher oder später jeden sinnvollen (und auch jeden sinnlosen) Text produzieren. (Mit Makaken durchgeführte Experimente legen allerdings nahe, daß die Annahme der Unabhängigkeit der Wahrscheinlichkeiten vielleicht nicht zutrifft, man das Borel-Cantelli-Lemma also nicht anweden kann.)
Das selbe gilt natürlich auch für mathematische Theoreme - zwar bevorzugen Mathematiker Tinkering statt zufälligen Probierens, aber trotzdem gilt natürlich das Borel-Cantelli-Lemma. Und da stellt sich dann natürlich auch die Frage nach dem Urheberrecht.
Autor: Thilo· 12 Kommentare· Permalink· Trackback-URL
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Kommentare (12)
Dagmar Behrendt·
17.07.11 · 07:04 Uhr
Sind Sie Kreationist? Oder Anhänger des Intelligent Design?Was fuer eine faszinierend absonderliche Frage. Koennen Sie naeher ausfuehren, weswegen sie sich stellt?
Wer ist der Urheber einer sinnvollen Zeichenkette, wenn sie mit dem Borel-Cantelli-Lemma erklärt werden kann? Der Affe oder der Zufall? So wie man sich fragen kann, ob der Affe Subjekt eines Rechts sein kann, das normalerweise nur im sozialen bzw. geschäftlichen Miteinander von Menschen Sinn macht, also ein typisch menschliches Recht ist (der Terminus "Menschenrechte" ist in seiner gängigen Verwendungsweise hier wohl nicht einschlägig), stellt sich diese Frage erst recht beim Zufall. Der Zufall als Rechtssubjekt? Vermutlich sträuben sich da den Juristen die Haare. Aber mal weiter gefragt: Stellt sich ein vergleichbares Problem nicht auch schon bei Menschen. Wenn Menschen nur Naturgesetze in einer etwas komplexen Weise zum Ausdruck bringen, sind auch der obige Blog und sein Autor letztlich nur Ausdruck einer komplexen Verkettung von kausalen Abläufen. Kann sich daraus ein Urheberrecht ableiten? Können komplexe Verkettungen von Naturgesetzen Inhaber von Rechten und Pflichten sein? In der Diskussion um die Konsequenzen der Hirnforschung für die Willensfreiheit und die Schuldfähigkeit ist das durchaus ein Thema.
Ansonsten muss man sagen: Das Bild wirkt, als ob der Affe zu dieser Diskussion auch etwas zu sagen hätte.
... kurzer Nachtrag: Ob man vor diesem Hintergrund auch die Geschichte der Plagiate der Guttenbergs/Koch-Mehrins etc. neu schreiben muss ? ;-)
In diesem Fall liegt ja kein Ergebnis des Lemmas vor. So oft wurde einem Fotografen noch nicht die Kamera von einem Affen gestohlen.
Dennoch, interessante Überlegung.
@ Dagmar Behrendt:
Wer die Evolution mit dem Borel-Cantelli-Lemma erklären wollte, wäre wohl kein Anhänger des Intelligent Design, sondern eher der Multiversums-Theorie. Bin ich aber auch nicht.
... noch eine (durch Tinkering entstandene?) Frage: Wenn der Affe den Sinn einer von ihm zufällig hergestellten sinnvollen Zeichenkette (oder die Schönheit seines zufällig entstandenen Bildes) gar nicht erkennen kann, kann er dann trotzdem als "Urheber" für etwas gelten, was einen urheberrechtlich relevanten Wert nur dadurch hat, dass man es als solches auch wahrnimmt? Ist der Inhaber des Urheberrechts derjenige, der den Sinn der Zeichenkette erkennt? Nach dieser Logik argumentieren z.B. Pharmakonzerne, die sich Wirkstoffe aus Urwaldpflanzen patentieren lassen.
Die Frage wäre auch hier wiederum in Richtung auf physikalistische Erklärungen menschlichen Handelns zu variieren (=Tinkering?): Was ist, wenn an die Stelle des Zufalls eine in Sachen Normen bzw. Rechte ebenso blinde Kausalität tritt, z.B. unsere Hirnphysiologie? Der Affe auf dem Bild grinst, als ob er die Antwort wüsste.
Nachdem wir soviel darüber gehört haben, welche Geschichten Journalisten erfinden, um eine Story interessanter zu machen, drängt sich aber vielleicht der Verdacht auf, daß es sich so gar nicht zugetragen hat, sondern der Fotograf selbst das Bild geschossen hat. Nur Affenbilder gibt es täglich schon soviele (unsere Politik eingeschlossen :-) ), daß sie unverkäuflich wären. Stellt sich jetzt aber die Frage nach dem Recht am persönlichen Bild für diesen Primaten.
eher unwahrscheinlich, daß der Affe den Fotografen so dicht an sich heranließe
Wie dicht war der Fotograf denn dran? Woran erkennt man das?
Auch mir sträubt sich was, wenn Copyright mit Menschenrechten vermengt wird, nur um eine ganz andere Diskussion mit anklingen zu lassen. Das kann man machen, aber anders. Z.B.: "Nach Menschenrechten auch Urheberrechte?"
Hier fehlt die Unendlichkeit. Entweder unendlich viel Zeit, oder unendlich viele Affen. Von Affen selbst, die sich daran versuchen wird zur Sicherheit meist beides aufgeführt: Unendlich viele Affen mit unendlich viel Zeit, was natürlich unendlich affig ist. Tja, wenn man die Welt auf Naturgesetze reduziert, dann sind ja Rechte und Pflichten auch nur Ausdruck von Naturgesetzen, also Ausdruck der Naturgesetze sind Ausdruck von Naturgesetzen - wo sollen wir da bitte einen Widerspruch entdecken - zumal das auch nur Ausdruck der Naturgesetze ist, wenn man Widersprüche entdeckt - nicht wahr?Fragen Sie Ihre Tante!
@ StefanW: "Unendlich viele Affen mit unendlich viel Zeit": Da zwar die Zeit keine abzählbare Menge ist, aber die Zahl der Tippversuche in der Zeit abzählbar ist, macht die Kombination aus unendlich vielen Affen mit unendlich viel Zeit den Cantorschen Braten auch nicht fetter. Es sei denn, die Mathematiker sehen das anders ;-)
"Wenn man die Welt auf Naturgesetze reduziert ... ": Dieser Satz leitet eine petitio principii ein. Zudem verlieren Begriffe wie "Rechte" und "Pflichten" bzw. die damit formulierten Sätze ihren spezifisch normativen Charakter, wenn man sie als Ausdruck von Naturgesetzen deutet. Naturgesetze beschreiben, was ist, nicht was sein soll, das zweite aus dem ersten abzuleiten, wäre ein naturalistischer Fehlschluss (nachzulesen z.B. bei Hume oder Moore). Auch "Widersprüche" können übrigens nicht Ausdruck von Naturgesetzen sein, sonst könnten sie nicht zur Theorienselektion durch empirische Forschung dienen. Fragen Sie mal Ihre Tante!
Der naturalistische Fehlschluß. Den hab ich früher auch oft bemüht. Aber mittlerweile habe ich so viel Kritik am naturalistischen Fehlschluß gelesen, dass ich ganz verwirrt bin bezüglich seines Aussagengehaltes.