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07.09.10 · 08:36 Uhr
Durchfall und Intelligenz
Kategorie: Medizin · Kommentare: 15
In den letzten Tagen wird viel diskutiert über allerlei mehr oder weniger (wohl eher weniger) seriös interpretierte Studien zur Intelligenz, über Basken-Gene, Vererbung und Schlümpfe.
Es gibt aber auch noch Statistiken zur Intelligenz, die bisher gar nicht diskutiert wurden. Der folgende Screenshot stammt aus der Arbeit Niehaus et al.: "EARLY CHILDHOOD DIARRHEA IS ASSOCIATED WITH DIMINISHED COGNITIVE FUNCTION", die 2003 in Am. J. Trop. Med. Hyg veröffentlicht wurde.

In eine ähnliche Richtung geht eine vor wenigen Wochen veröffentlichte Arbeit: Eppig, Fincher, Thornhill: "PARASITE PREVALENCE AND THE WORLDWIDE DISTRIBUTION OF COGNITIVE ABILITY". Dort wird der Zusammenhang zwischen Infektionskrankheiten und Intelligenz diskutiert.
Using three measures of average national intelligence quotient (IQ), we found that the zero-order correlation between average IQ and parasite stress ranges from r = -0.76 to r = -0.82 (p < 0.0001).heißt es im Abstrakt.
Begründet wird der Zusammenhang in beiden Fällen damit, daß die Immunabwehr gegen Bakterien und Viren sehr energieintensiv sei und deshalb zu Lasten der Gehirn-Entwicklung gehe.
Mich würde mal die Meinung der Fachleute interessieren. Wie plausibel sind solche Erklärungen? Gibt es für den Zusammenhang zwischen Infektionskrankheiten und Intelligenz wirklich medizinische Evidenz oder ist das nur wieder mal ein Fall von "Korrelation, keine Kausalität"? (Es soll ja auch Korrelationen zwischen hohem IQ und Asthma geben?)
Autor: Thilo· 15 Kommentare· Permalink· Trackback-URL
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Kommentare (15)
Bin kein Fachmann, aber Iist doch bei Korrelationen immer dasselbe. Haben die die Konfounder rausgerechnet wie Bildung, Einkommen usw.?
Wer dreißig Diarrhoen in 48 Monaten durchzustehen hat, naja, der liegt wohl mehr im Bett als seine non-verbvale Intelligenz zu schulen. Der hat aber wahrscheinlich noch ganz andere Probleme.
Und dieser nationale IQ, da ist ja immer auch die Frage wie die von Land zu Land erhoben wurden, das ist ja eigentlich genau das, was Sarrazin gerne verhindern wollte, dass der nationale IQ fällt, aber aber auch wieder der Versuch so etwas vielschichtiges wie Intelligenz in einer Zahl auszudrücken. Da gibts auch Korrelation mit wirtschaftlichen Kennzahlen usw.
Man kann sicher immer plausibel klingende Erklärungen finden. Um Marcus Erklärung aufzugreifen, kann man das auf das Asthma-Beispiel übertragen und damit erklären, dass Asthmatiker nicht/weniger am Sport(unterricht) teilnehmen und mehr Zeit zum Lernen bzw. andere Hobbys haben.
Das Niehaus paper aus der Gruppe RL Guerrant erwähnt leider nicht ob die Kinder mit Durchfall auch mangelernährt sind.
Schwerer Proteinmangel kann sehr wohl die kognitiven Funktionen beinträchtigen.
Guerrant hat aber inzwischen einige weitere Arbeiten aus solchen settings beschrieben.
Die zweite Arbeit von Eppig hab ich vor ca 8 Wochen mal gelesen. Ist recht interessant, er schreibt, dass das Gehirn eines Neugeborenen 87% des metabolischen Budgets verbraucht (27% für Erwachsene) - und parasitäre Erkrankungen zapfen dieses Budget an- virale Infektionen mit Fieber natürlich auch.
Es gibt ja auch virale Infektionen, bei denen ein pathologisches EEG sehr häufig ist (zB Mumps, auch aseptische Meningitis 1:400)- es ist die Frage ob solche Infektionen Langzeit kognitive Auswirkungen haben.
1-2 Enzephalitisfälle pro 1000 Masernfälle, von denen sehr viele schwere Folgen haben, fallen natürlich in solchen Studien der Statistik zum Opfer, da ja die anderen 998 offenbar keine Beeinträchtigungen zeigen, als Komplikationen existieren diese Kinder natürlich trotzdem.
Und ein Kind mit häufiger Diarrhoe welches kurze Zeit später zB schwerer an Masern erkrankt und stirbt, das wird natürlich nicht 4 Jahre später in eine Studie eingeschlossen- also auch ein Bias, der es erschwert valide Daten zu erheben.
Bin zwar vom Fach, aber kein Fachmann... ;)
Auf Anhieb kann ich dazu keine Studien aus dem Hut zaubern und an den Artikel über Infektionskrankheiten und IQ komme ich auch über das Uni-Netz nicht ran. Deswegen weiß ich nicht, welche Infektionskrankheiten genau dort eingeschlossen wurden, in welchem Alter, wie chronisch, wie schwer, etc. So ist die Korrelation ja erstmal nicht sonderlich aussagekräftig. Vorstellen kann ich mir allerdings schon, dass dort ein Zusammenhang bestehen könnte. Ist in meinen Augen plausibel.
Was die Korrelation Durchfallerkrankungen und IQ angeht, ist erstmal zu bemängeln, dass die Autoren nicht aufführen, ob die Erkrankungen in ihrer Stichprobe zu Durchfall führen, gleichrangige andere Auswirkungen auf die Entwicklung haben können (bin kein Mediziner).
Eine mögliche Erklärung für den negativen Zusammenhang zwischen Durchfallerkrankungen und IQ könnte sein, dass solche Kinder zu geschwächt sind, um regelmäßig am sozialen Leben teilzunehmen und so ihren IQ gemäß gesunden Kindern zu entwickeln.
Die Autoren untersuchen allerdings nur Kinder in Slumsiedlungen, finden nur einen negativen Zusammenhang in Arbeitsgedächtnisaufgaben und einem nonverbalen IQ-Test, den ich nicht kenne, der aber anscheinend extra für diese Untersuchung "neuskaliert" wurde, und nehmen nur einen Querschnitt.
Gerade die eingeschränkte Stichprobe (nur Slum) nebst den Querschnittdaten finde ich sehr kritisch.
Mein Fazit: Es könnte einen Zusammenhang geben, möglicherweise vermittelt durch fehlende soziale Teilhabe, aber bevor das nicht weiter an heterogenen Stichproben untersucht wurde, ist das Ergebnis bestenfalls eine bessere Hypothese.
@Julia: Du willst doch nicht sagen, dass Sport (oder gar Sportunterricht) dumm macht?
Ok, Fußballer ziehe ich hier ab (duckundwech, bevor einer das unnötig hochsterilisiert), aber gerade in der Leichtathletik wimmelt es ja von Studenten bis zur Medizin (jetzt nur als Maßstab für die Abinote gebraucht, nicht als "fähigere Menschen", das wäre wieder zu pauschal).
Nee, mW ist genau das Gegenteil der Fall. Höchstens wendet ein körperlich Unterlegener einfach mehr Ehrgeiz darauf, jetzt den Sportler auf anderem Gebiet zu schlagen. Und Intelligenz bzw das Abschneiden in einem entsprechenden Test hat offensichtlich viel mehr mit der Beschäftigung mit der Materie zu tun als mit angeborenen Fähigkeiten. Siehe Flynn.
BreitSide, das wollte ich genau nicht sagen. Es ging nur um eine plausibel klingende Erklärung, die man ohne weitere Untersuchungen und Überlegungen akzeptieren könnte.
Wer oder was ist Flynn?
Im Radsport z.B. gibt es auch viele Pharmazeuten.... ;-)))
Julia hat nicht gesagt, dass Sportunterricht dumm mache, das ist eine unzulässige Verdrehung des Arguments. Sie hat gesagt, dass jemand, der nicht am Sportunterricht teilnehme, mehr Lernzeit für die restlichen Fächer aufwende. Ein ähnliches Modell gibt es durchaus, nämlich Carrolls Modell des Lernerfolgs, der den Quotienten aus aufgewendeter und benötigter Lernzeit darstellt. Mehr aufgewendete Lernzeit bei gleichbleibender benötigter Lernzeit -> mehr Lernerfolg (ich vereinfache hier massiv und gehe auch gar nicht auf die Kritik an diesem simplen Modell ein).
Aber ich glaube, dass das nicht zutrifft, auch wenn ich nur anekdotische Belege bringen kann: Wer vom Sportunterricht befreit ist, freut sich über zusätzliche Freizeit, aber verbringt die nicht über Büchern. :-)
Der Flynn-Effekt in der Intelligenzforschung.
http://de.wikipedia.org/wiki/Flynn-Effekt
Braucht's dazu Fachleute? Eine Statistik liefert ohne Einbettung in einen Satz Theorien selten eine brauchbre Aussage. Es gibt einfachzu viele blödsinnige Fragen und blödsinnnige Varianten guter Fragen. Man stelle sich vor, jemand führe ohne Kenntnisse der Aerodynamik, der Gravitationstheorie und der Luftfahrt zum nächsten Flughafen und studierte dort das Verhalten von Objekten. Sicher fände er allerlei interessante Korrelationen mit plausiblen Erklärungen: dass fast alle Maschinen, die landen, sich auch wieder in die Luft erheben; dass große und laute Maschinen häufiger in den Himmel steigen als kleine leise; dass die Räder eine Fahrzeuges häufig verschwinden, nachdem es sich in die Luft erhoben hat; dass Fluggäste kollektiv abergläubisch sind und Wert darauf legen, ohne Nagelscheren und Wasserflaschen zum Gate zu gehen; oder dass der Flughafen seine Flugzeuge hungern lässt, indem er jene Vögel verscheucht, die sie zum Fressen gerne haben, weil Flugzeuge nach dem Fressen faul werden und nicht fliegen wollen. Diese Feststellungen wären alle sogar richtig, nur kann man in dieser Form wenig damit anfangen, solange man nicht weiß, welche Mechanismen und Gesetze dahinter stecken.
Heute ist zum Thema Genetik, Kultur und Intelligenz ein ganz brauchbarer Artikel in der FaZ:
http://www.faz.net/s/Rub9B4326FE2669456BAC0CF17E0C7E9105/Doc~EBFC72F0534A149BE84CA714A883B6B5C~ATpl~Ecommon~Scontent.html
Was für eine Wohltat nach dem hysterischen Gekreische letzter Woche...
Ohne den Artikel im Detail durchzugehen, ich finde es schon interessant, dass es bei so einer starken Streuung und bei so wenig Daten in der rechten Ecke (also bei den besonders vielen Durchfällen) überhaupt was aussagekräftiges rauskommen soll. Ich halte die Stichprobe für zu klein.
Ansonsten kann es schon sein, dass Kinder, die viel Bauch-krank sind eine Art Mangelernährung haben und somit (Flynn-Effekt, wer hat's schon erwähnt?) tatsächlich einen niedrigeren IQ haben könnten.
Die abgebildete Grafik scheint mir eher in die Kategorie Ausgleichgerade durch den Sternenhimmel zu gehören, da würde ich nicht viel drauf geben.
Parasiten und Intelligenz spezifisch nicht, aber Parasiten (speziell mehrere) und Entwicklungsstörungen bei Kleinkindern definitiv.
"Bakterien und Viren" und "Parasiten" sind aber auch zwei paar Schuhe in diesem Kontext - transiente vs. chronische infektion.
Ohne die Studie gelesen zu haben: Wie Marcus Anhäuser würde mich interessieren, welche Drittvariablen kontrolliert wurden. Möglicherweise besteht ja eine Scheinkorrelation aus diesem möglichen Grund: Gut gebildete Eltern wissen mehr über Hygiene und gute Ernährung, wodurch ihre Kinder seltener an Durchfallerkrankungen leiden. Gelichzeitig können gebildete Eltern auch ein besseres Lernumfeld für ihre Kinder bieten, die der Intelligenzentwicklung zuträglich ist.
Es ist so, daß alle 46 Kinder aus dem 'shantytown' (ich nehme an, die deutsche Übersetzung wäre 'Armenviertel') einer brasilianischen Großstadt kommen, also vielleicht vergleichbare äußere Lebensumstände haben. (Nur 15% der Eltern haben einen Primärschulabschluß, fast die Hälfte verdient weniger als 100$ im Monat.) Die Autoren der Studie gehen wohl davon aus, daß aufgrund dieses gemeinsamen Hintergrunds andere Einflüsse eine vernachlässigbare Rolle spielen. Trotzdem würde ich bei einer solch geringen Datenbasis (vor allem im rechten Teil des Diagramms) die Aussagekraft der Statistik bezweifeln.
46 Kinder sind natürlich eine minimale Datenbasis, aber eine gewisse Plausibilität ist doch erkennbar.
Die Arbeit von C Eppig ist da schon viel aufschlussreicher. Er verwendet auch DALYs (diability-adjusted life year lost) die Infektionen zuzuordnen sind (Tetanus,Malaria,TBC, Hepatitis, Syphilis und Leishmaniasis). Und die Kurven sind da schon beeindruckender.