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18.03.09 · 01:11 Uhr
Gehirn als Störfall
Kategorie: Kultur · Kommentare: 5
"Das Wuchern des Gehirns könnte durch eine lange Periode der Vorgeschichte hindurch ebenso Hindernis wie Hilfe für die Vorfahren des homo sapiens gewesen sein." - zum Geburtstag von Christa Wolf.
'Unsere Christa hat wieder die schönste Erzählung geschrieben', so oder ähnlich kommentierte Thomas Brussig in 'Helden wie wir' viele ihrer Bücher.
Zum heutigen runden Geburtstag der bekannten deutschen Schriftstellerin ein paar Zitate aus ihrer einzigen allgemein-verständlich geschriebenen Erzählung "Störfall":
"Kein Chirurg könnte in den Gehirnen der Männer, die sich die Verfahren zur sogenannten friedlichen Nutzung der Kernenergie ausgedacht haben, zu jener Gruppe neuronaler Verbindungen vordringen, die keine Ruhe gab. Deren Dauerregung nur zu stillen war durch die Arbeit an ausgerechnet den Problemen, die das ungebändigte Atom seinen Bändigern stellte. Ohne dieses Ziel, vermute ich versuchsweise, hätten sie nichts mit sich anzufangen gewußt; hätten maßlos unter ihrer überentwickelten Gehirntätigkeit leiden müssen -
[...]
Was sie kennen, diese halben Kinder mit den hochtrainierten Gehirnen, mit ihrer ruhelosen, Tag und Nacht fieberhaft arbeitenden linken Gehirnhälfte - was sie kennen, ist ihre Maschine. Ihr lieber geliebter Computer. An den sie gebunden, gefesselt sind, wie nur je ein Sklave an seine Galeere. Ernährung: Erdnußbutterbrote. Hamburgers mit Tomatenketchup. Cola aus dem Kühlschrank. Was sie kennen, ist das Ziel, den atomgetriebenen Röntgenlaser zu konstruieren, das Kernstück jener Phantasie von einem total sicheren Amerika durch die Verlegung künftiger Atomwaffenschlachten in den Weltraum.
[...]
Das Wuchern des Gehirns könnte durch eine lange Periode der Vorgeschichte hindurch ebenso Hindernis wie Hilfe für die Vorfahren des homo sapiens gewesen sein."
Christa Wolf ist, sicher zu Recht, häufig vorgeworfen worden, ihre Texte und Romane so verschwurbelt zu formulieren, daß eventuelle politische Kritik nur von Eingeweihten und nicht von den Kritisierten verstanden und gehört werden konnte.
Schon erstaunlich, daß ihre einzige Erzählung, dessen Aussage unverschlüsselt und für jeden verständlich daherkommt, eben der "Störfall", sich nicht mit Politik, sondern mit Wissenschaft und Technik beschäftigt.
Und so bleibt dann der Eindruck, daß hier schlicht die eigentlichen (politischen) Hintergründe der Tschernobyl-Katastrophe (vor deren Hintergrund der Roman spielt) verdrängt werden sollen.
Oder wie Richard Herzinger gestern in der WELT schreibt
"Lebte die sozialistische Ideologie stets von der Überzeugung, Fortschritt und Zukunft auf ihrer Seite zu haben, wird bei kritisch-loyalen Schriftstellern und Intellektuellen in der DDR jetzt [in den 70er/80er Jahren] Scheitern und Rückständigkeit zum Ausweis dafür, mit der nichtkapitalistischen zumindest doch die weniger zerstörerische Seite im Kampf der Systeme gewählt zu haben.
Der Rückgriff auf die Zivilisationskritik erlaubte es, Kritik an den eigenen Verhältnissen in der Abstraktion letzter Menschheitsfragen aufzulösen. In "Störfall" räsoniert Christa Wolf, nach Tschernobyl, allgemein über das Verhängnis entfesselter Wissenschaft und Technik, ohne die fehlende öffentliche Kontrolle im totalitären Sozialismus anzusprechen, die das Betreiben veralteter Atomkraftwerke möglich machte. Ein solches vom Typ Tschernobyl stand auch in Greifswald. "
Autor: Thilo· 5 Kommentare· Permalink· Trackback-URL
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Kommentare (5)
Die herrschende Politik als den eigentlichen Hintergrund der Katastrophe von Tschernobyl zu bezeichnen, greift zu kurz. Denn Christa Wolf schreibt ja eben genau über homo faber. Jener ist der Überzeugung, die Welt mittels Technik kontrollieren zu können. Zur Umsetzung dieser Vorstellung schafft er sich die politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen. Katastrophen werden billigend in Kauf genommen, denn aus Fehlern lernt man ja.
Beide Gesellschaftssysteme bieten(boten) dem homo faber ideale Bedingungen. Denn beide benötigen für ihre Entwicklung den technischen Fortschritt. Ob Tschernobyl oder Harrisburg, beide Katastrophen sind ursächlich entstanden weil eine suboptimale Maschine gebaut wurde und nicht aus der Tatsache, dass es eine bestimmte Politik oder Wirtschaft gab.
@remei:
1. Der "Homo faber" ist eine fiktive Person. Ein Romancharakter.
2.
Weil er Gott ist und kein anderer Mensch weit und breit, der mit ihm darum konkurriert oder Einhalt gebietet? Und meinen Sie ernsthaft, dass Techniker und Wissenschaftler politische Macht haben? Wann waren Sie das letzte Mal an einer deutschen Uni? Wenn das wahr wäre, dann sähen unsere Unis nicht so heruntergekommen aus, dass man sich für sie schämen muss. So sieht das nämlich aus mit der angeblich großen Macht. Die reicht noch nicht mal aus, um für Arbeitssicherheit zu sorgen.
Und politische und wirtschaftliche Rahmenbedingungen werden immer aus der Gemeinschaft heraus geschaffen. Und schon mal unter den Lobbyisten in der Bundespolitik Wissenschaftler gesehen? Die werden zwar gerne als Experten bzw. als Berater genommen, aber Macht steckt da nicht hinter.
Dieser Vorwurf ist konstruiert und geht völlig an der Realität vorbei.
3.
Das impliziert, dass es irgendwo eine optimale bzw. perfekte Maschine gibt. In welcher Welt leben Sie?
In dieser Welt und Realität ist man sich bewusst, dass es nie eine perfekte Lösung und perfekte Menschen gibt. Deswegen muss es Kontrollen und Beobachtungen dafür geben. Beides fehlte in Tchernobyl. Wegen dem herrschenden Gesellschaftssystem, das zum einen autokratisch und zum anderen her auch nicht auf transparente Kontrollen ausgerichtet war. Ja, Widerspruch und Kritik waren in diesem System unerwünscht. Das ist der Feind einer jeden unabhängigen Kontrolle.
Denn wer bezahlt diese Maschinen? Der Ingenieur? Der Wissenschaftler? Meinen Sie so einen Atommeiler zahlt man aus der Westentasche? Nein, die Gesellschaft bzw. die Regierung. Und meinen Sie so ein Atommeiler fällt nicht auf und die vielen tausend Leute, die da arbeiteten, waren alle doof?
Wenn es eine freie Presse gegeben hätte, dann wäre vielleicht vorher aufgeflogen, dass da was nicht stimmt. Da aber eine freie Presse politisch nicht erwünscht war, fehlte diese wichtige Kontrollinstanz.
Die Katastrophe von Tchernobyl ist auch und ursächlich eine Katastrophe des sowjetischen Systems.
Aber Wissenschaftler und Techniker machen natürlich als Sündenböcke immer gut was her. Wenn man denen das in die Schuhe schiebt, dann ist das natürlich sehr bequem. Dann können alle die Verantwortung schön weit von sich wegschieben.
@Ludmila Carone: Sie haben vollkommen Recht mit der Aussage, dass keine Maschine optimal sein kann insofern ist eine "suboptimale Maschine" eine Tautologie. Nur hätte die Aussage "…beide Katastrophen sind ursächlich entstanden weil eine Maschine gebaut wurde…" verschleiert worum es mir ging.
Ich folge Ihren Ausführungen leider überhaupt nicht, weil ich schon einen erheblichen Unterschied zwischen Technikern und Wissenschaftlern mache. Ich stimme mit Ihnen darin überein, dass Wissenschaftler keinen großen Einfluss auf unsere Gesellschaft haben. Techniker haben jedoch einen erheblichen Einfluss auf die Entwicklung unserer Gesellschaft.
Mir ist bekannt, dass homo faber eine fiktive Figur ist. Das ändert auch nichts an meiner Aussage, dass wir in einer Gesellschaft leben in der die Technik Vorrang vor anderen Aspekten des Zusammenlebens hat.
Mir ist darüber hinaus ebenfalls bekannt, dass ich in einer anderen Welt lebe als Sie. In meiner Welt ist es jedoch tatsächlich so, dass die Technik einen sehr großen Einfluss auf das Zusammenleben hat. Immerhin bin ich als Techniker massiv an der Veränderung der Gesellschaft beteiligt.
Das ist nicht der Punkt. Daß Technik in der Gesellschaft eine große Rolle spielt, heißt nicht, daß Techniker großen Einfluß haben.
Ob Kernkraftwerke gebaut werden und welche Sicherheitsstandards sie haben, entscheiden nicht die Techniker, sondern die Wähler (bzw. in Diktaturen die Politiker).
Tschernobyl wurde nicht deshalb gebaut, weil ein paar verspielte Physiker und Ingenieure mal was ausprobieren wollten, sondern weil die Kernenergie (jedenfalls damals in den 60er/70er Jahren) sehr populär war und als Wunderwaffe zur Lösung aller ökonomschen Probleme angesehen wurde. (Auch von Christa Wolf sind mir aus dieser Zeit keine Anti-Atomkraft-Aktivitäten bekannt. Erst im Nachhinein, nach Tschernobyl, hatte es dann natürlich jeder schon immer gewußt.)
Es scheint sich um ein Henne-Ei-Problem zu handeln. Ohne Techniker würde es allerdings keine Politiker und/oder Herrscher geben, die meinen mit Technik gesellschaftliche Probleme lösen zu können. Die Techniker müssen also mit ihrem Tun einen wesentlichen Einfluss auf die Gesellschaft haben. Dies wird besonders deutlich, wenn man sich einige der bestimmenden Themen des öffentlichen Diskurses betrachtet: Gentechnik, Killerspiele, Überwachung und Datenschutz. Bei allen diesen Themen, werden eigentlich unschuldige technische Entwicklungen von Politikern genutzt um die Gesellschaft nach ihren Vorstellungen und zu ihrem Gunsten umzugestalten.
Obwohl ich Christa Wolf schon vor 1986 kannte, kann ich mich heute nicht mehr erinnern, ob sie sich gegen Atomkraft ausgesprochen hat (zumindest im 'geteilten Himmel' gibt es jedoch auch technikkritische Elemente). Tatsächlich gab es auch in der DDR eine Bewegung gegen Atomkraft. Dass diese nicht mit den Demonstrationen in Brockdorff vergleichbar waren versteht sich von selbst.