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28.07.08 · 21:42 Uhr
Nicht die Mathematik erscheint pervers ...
Kategorie: Naturwissenschaften · Kommentare: 6
sondern die Situation, in der sie entsteht, so lautet der einprägsame Titel eines aktuellen Beitrags auf "Begrenzte Wissenschaft". Und, wie der Zufall so spielt, auch im Editorial der DMV-Mitteilungen geht es heute (wieder einmal) um das Bild der Mathematik in der Gesellschaft.
Kamenin's Artikel auf "Begrenzte Wissenschaft" kann (und sollte) man hier lesen. Man lernt zum Beispiel (im Ernst) was sprechende Barbie-Puppen zur Mathematik zu sagen haben, und vieles mehr
Ein kurzer Auszug: "Die negative Einschätzung von Mathematikern und Wissenschaftlern kommt von Schülern und Studenten der Geisteswissenschaft. Vielleicht brauchen einige ja auch nur einen Vorwand, um die eigene inzwischen zur Unfähigkeit ausgewachsene Unlust an Mathematik an etwas festzumachen. Homöopathie und die abseitigsten Theorien der Alternativmedizin sind ja auch darum wahr, weil Mediziner arrogante Bastarde sind, die sich nicht für ihre Patienten interessieren; ganz zu schweigen von der internationalen Verschwörung der Evolutionsbiologen gegen eine Wahrheit, die so offensichtlich ist, dass sie jedes Kind versteht; oder die moralische Verkommenheit von Borussia-Dortmund-Fans, die nun wirklich nicht mal mehr anekdotischen Belegs bedarf. Das, was man nicht mag, aber auch nicht ignorieren kann, verknüpft man immer mit Zerrbildern derjenigen, die es vertreten."
[...] "Was natürlich nicht heißen soll, dass Mathematiker und Naturwissenschaftler nicht manchmal seltsam sind (Notiz an die Außenwelt: ihr auch)" [...]
Was den Autor wirklich umtreibt, wird allerdings erst durch einen Link im letzten Absatz deutlich und ist wie immer recht banal: wie der verlinkte Zeitungsausschnitt zeigt, geht es ihm um den schlechten Ruf seines Berufsstands bei einer bestimmten Zielgruppe :-)

Na ja. Ich enthalte mich eines Kommentars.
(Kleiner Wink in Richtung meines Lieblingsbloggers: Atheist UND Physiker zu sein ist offenbar besonders reproduktionshemmend.)
Auch in den "Mitteilungen der Deutschen Mathematiker-Vereinigung", deren neueste Ausgabe ich gerade im Briefkasten fand, geht es heute um das Bild der Mathematik in der Öffentlichkeit. Der Text ist nicht so lustig wie der von Kamenin, aber (um diesem Beitrag jetzt eine völlig überraschende Wende ins Ernsthafte zu geben) enthält einige bedenkenswerte Kommentare zur G8-Reform, vom DMV-Präsidenten Günter Ziegler. (Das paßt jetzt nicht wirklich zur Überschrift, aber ich möchte es trotzdem hier unterbringen.)
"Die Probleme ergeben sich in der Umsetzung der Reform. So sieht das etwa im Vorzeigebundesland Bayern aus:
Bisher: [...] 9-jähriges Gymnasium, mathematisch-naturwissenschaftlicher Zweig, 39 Wochenstunden in der Schulzeit bei Wahl des Mathematik-Leistungskurses
Neu: 8-jähriges Gymnasium: 30 Wochenstunden in der Schulzeit für alle Schülerinnen und Schüler
[...] Das ist ein erschreckender Befund, der die inhaltliche Reichweite dessen, was bayerische Gymnasiasten lernen können, substantiell erodiert. Wenn die Bayern politisch falsch agieren, sind bekanntlich die Nachahmer nie weit hinterher. Die negativen Effekte kann man natürlich erst ein oder zwei Wahlperioden nach der Reform erkennen, was die Politik zu solcher Leichtfertigkeit einlädt. [...]
Politisch läuft dies auch dem aktuellen Diskurs völlig entgegen: Es ist ja bekannt und Konsens, dass wir dem Ingenieurmangel nachhaltig entgegen arbeiten müssen, dass die MINT-Bildung unserer Schülerinnen und Schüler ein Schlüsselfaktor für die langfristige Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft und Industrie ist. [...]"
Autor: Thilo· 6 Kommentare· Permalink· Trackback-URL
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Kommentare (6)
Die negative Einschätzung von Mathematikern und Wissenschaftlern kommt von Schülern und Studenten der Geisteswissenschaft.
Es ist wohl logisch, dass Studenten der Naturwissenschaften ihre Fächer besser einschätzen ;-))
Solange Schülern die Mathematik als eine rein abstrakte,oft lebensabgewandte Materie präsentiert wird und dort nur die Begabtesten, die scharfen Logiker und wie wissenschaftliche Studien belegen, im Durchschnitt die Leute mit dem höchsten IQ sich dort tummeln, fühlen sich weniger Begabte, weniger scharfe Logiker nicht wohl.
Ich kenne hierzu zwar nur "alte" Studien aus der Schulforschung, welche belegten, dass der Erfolg des Mathematikunterrichts von der Methodik und Didaktik des Faches abhinge....dass Frauen im Durchschnitt Mathematik den Mädchen besser beibringen könnten und umgekehrt Männer im Durchschnitt für die Jungs die besseren Lehrer seien...und dass der Mythos "Das weibliche Geschlecht sei für die Mathematik nicht geeignet" in den Köpfen vieler Lehrkräfte herrschte, wobei dann logischerweise die selffullfilling-prophecy natürlich nicht weit war und Mädchen mit ihren "schlechteren" Leistungen die Existenz des angeblichen Mathematik-Unfähigkeits-Gens der Mädchen empirisch bestätigte......
In der ehemaligen DDR wurden z.B. im Vergleich zur alten BRD zahlenmässig deutlich mehr Mathematikerinnen ausgebildet und auch Professuren mit Frauen versehen....
In der Regel prägt "Schule" generell die Einstellungen gegenüber den einzelnen Fächern. So weiß man auch aus der Schulforschung, dass jene Fächer geliebt werden, in welchen man gute Leistungen erzielt.....
Ich weiß, das ist jetzt ein Einzelfallbeispiel, passt aber zum "Prägungscharakter" der Schule: Mein Sohn war in seiner Grundschulzeit ein Mathe-Freak. Er liebte das Fach über alles, bekam auf seine Bitte hin ständig Zusatzaufgaben.....Die zweite Hälfte des 4. Schuljahrs musste er - umzugsbedingt - auf eine andere Grundschule wechseln. Das "Gekritzel" in seinem Matheheft störte die Lehrerin sehr, so dass er Aufgaben zur Strafe mehrfach schreiben musste, bis die Lehrerin mit seinem "Gekritzel" einverstanden war. In Mathematikarbeiten wurden bis ins einzelne aufgeschlüsselte Rechenschritte verlangt, was meinen Sohn gewaltig unterforderte und seinen Widerstand auslöste. Ergebnis: Weil Rechenschritte fehlten und dies zu drastischen Punktabzügen führte, "rutschte" er in Mathematik - trotz durchgehend richtiger Lösungen - auf eine vier. Er verlor seine Freude und das Interesse am Fach. Das hielt die gesamte Gymnasialzeit an. In seiner jetztigen Ausbildung beginnt er sich wieder für mathematische Zusammenhänge zu begeistern........
Meine Mathematikerfahrung (anno 1971): Wir wurden während unserer ersten Gymnasialjahre ständig an die Tafel gerufen und mussten dort Rechenaufgaben lösen. Brauchten wir zu lange zum Nachdenken, schrie uns der Lehrer an und/oder wir wurden mit dem Rohrstock auf die Finger geschlagen. Mädchen waren aus Sicht des Lehrers für Mathematik überhaupt nicht geeignet.....Selbst unser Mathe-Klassenprimus wurde so drangsaliert........
Ich halte es da ganz offen mit Freud. Jede Produktivität ist auch irgendwo umgeleiteter Sexualtrieb. Oder so ähnlich.
Über Reproduktionshemmer hat er da, glaube ich, nichts gesagt. Bin ich trotzdem auch ein großer Freund von!
@ Monika:
Ist das wirklich wahr, daß 1971 noch mit dem Rohrstock geschlagen wurde?
In der DDR gab es übrigens, soweit ich weiß, nur zwei Mathematik-Professorinnen (Helga Bunke und Roswitha März). Richtig ist, daß Lehrer, auch in naturwissenschaftlichen Fächern, fast ausschließlich Frauen waren. Wäre sicher auch mal ein interessantes Thema für eine Studie. (Vielleicht gibt es die ja auch schon irgendwo und Kamenin kann sie für uns kommentieren.)
@ Kamenin:
Sorry, daß ich aus Deinem langen Text jetzt gerade die etwas lustigeren Teile ausgewählt habe. Ich werde vielleicht morgen nochmal einen zweiten Beitrag zum Thema schreiben.
Hab gar nichts auszusetzen.
Die nicht so seriösen Abschnitte machen auch beim Schreiben mehr Spaß, warum soll das dann nicht auch fürs Lesen gelten ;-)
"Ist das wirklich wahr, daß 1971 noch mit dem Rohrstock geschlagen wurde?"
Offiziell war die Prügelstrafe in der Schule verboten, was jedoch - wie man sieht - vereinzelt manche pädagogisch unfähigen Lehrkräfte nicht davon abhielt. Jener Lehrer schaffte es sogar den Eltern Furcht einzuflösen, denn diese hatten seinerzeit große Sorge, dass ein Protest über diesen Lehrer zu massiven Benachteiligungen von uns führen könnte....da hatten sie vermutlich recht......
Übrigens war das Gesetz nur für die Schule....erst viel später kam das offizielle Prügelverbot auch für Eltern.....
Aber auch heute noch gibt es Alki-Lehrer, welche trotz fortgeschrittener Erkrankung nicht aus dem Unterricht genommen werden. Solange die Schulleitung und Eltern sich nicht trauen etwas zu unternehmen, müssen Schüler auch den Unterricht von sichtlich angetrunkenen Lehrern "ertragen".....
Tja, schätze, dass das Fach mit dem Alki-Lehrer auch zu den Unbeliebten zählen wird...