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28.03.08 · 00:00 Uhr

Alexander Grothendieck 80

Kategorie: Kultur  ·  Kommentare: 3

Um wohl kaum einen lebenden Wissenschaftler ranken sich so viele biographische Legenden wie um Grothendieck, der in den 60er Jahren viele Gebiete der modernen Mathematik revolutionierte, später aber eher mit anarchistisch-religiösen und radikal-ökologischen Texten auffiel.

Der folgende Abschnitt ist einem Vortragsskript von Winfried Scharlau entnommen.
Alexander Grothendieck (geb.1928) ist einer der bedeutendsten Mathematiker des 20. Jahrhunderts. Er hat vor allem die Algebraische Geometrie revolutioniert. Das Werk vieler berühmter Mathematiker (z.B. von Faltings oder Wiles) wäre ohne seine Vorarbeiten überhaupt nicht denkbar. Über seinem Leben liegt jedoch ein geradezu mysteriöses Dunkel. Viele biographische Angaben in Literatur, Presse oder Internet sind zweifelhaft, falsch, oft frei erfunden. Sein Vater war ein russisch-jüdischer Anarchist, der an vielen sozialistischen, anarchistischen und kommunistischen Revolutionen von 1905 bis 1936 teilgenommen hat. Seinen Lebensunterhalt verdiente er lange Zeit als Straßenfotograf, obwohl er eigentlich Schriftsteller werden wollte. Er ist in einem deutschen KZ ums Leben gekommen. Grothendiecks Mutter entstammte einer Hamburger Familie. Schon früh widersetzte sie sich allen Konventionen der bürgerlichen Gesellschaft. Sie stand anarchistischen Kreisen nahe, redigierte zeitweise (noch „minderjährig") eine Wochenzeitung für Hamburger Prostituierte, sie wirkte als Schauspielerin in dem expressionistischen Experimentaltheater „Die Kampfbühne", und auch sie wollte eigentlich Schriftstellerin werden. [...] Grothendiecks Jugend wurde geprägt durch Menschen, die nicht den kleinsten Kompromiss kannten. Von 1950 bis 1970 stand Grothendieck ganz im Zentrum der modernen Mathematik. Dann zog er sich zunehmend aus dem Wissenschaftsbetrieb und der bürgerlichen Welt zurück. Seit vielen Jahren hat er alle Kontakte zu ehemaligen Kollegen, Schülern und Verwandten abgebrochen. Er lebt als „Aussteiger" in einem nur ganz wenigen Eingeweihten bekannten Dörfchen in Südfrankreich.


Grothendieck ist der Begründer vieler der in der modernen Mathematik zentralen Theorien: der K-Theorie, der Theorie der Motive (Homologietheorie für Varietäten über beliebigen Körpern), Schemata in der Algebraischen Geometrie, 'Standardvermutungen' über Algebraische Zykel, l-adische Kohomologie, kristalline Kohomologie, Theorie der 'Dessins des Enfants' (über die absolute Galoisgruppe),...

Bei Wikipedia findet man folgende Würdigung: Grothendieck ist ein Theorien-Erbauer par excellence. Er drängt stets zu größtmöglicher Abstraktion unter Verwendung der homologischen Algebra, macht sie dann aber für den Beweis von Theoremen auch fruchtbar. Ein Beispiel ist sein Beweis seiner Version des Riemann-Roch Theorems in den 1950er Jahren. Grothendieck selbst hatte von vielen Bereichen der klassischen Mathematik (selbst in der algebraischen Geometrie), wie er selbst zugibt, nur geringe Kenntnisse, holte sich die notwendigen Informationen aber in Diskussionen von Freunden wie Jean-Pierre Serre. Das Fernziel seiner Entwicklungen der algebraischen Geometrie, die er solange abstrahierte, bis sie auf gleicher Stufe wie die Zahlentheorie handhabbar war, war der Beweis der Weil-Vermutungen, worin erst sein Schüler und Mitarbeiter Pierre Deligne 1974 erfolgreich war.

Grothendieck hat sich später auch in vielen philosophischen (oder besser esoterischen) Fragen als Theorien-Erbauer betätigt, zum Beispiel in 'Der Schlüssel der Träume' (hier findet man eine englische Zusammenfassung von Leila Schneps) oder dem darauf aufbauenden anarchistisch-religiösen Text 'Die Mutanten' (hier eine detaillierte deutsche Erklärung von Winfried Scharlau). In 'Die Mutanten' diskutiert er (historisch reale) Persönlichkeiten, die "von einem Wissensdurst getrieben sind, die eigene Psyche bzw. „Seele" und deren Beziehung zu Gott (oder dem Tao, oder dem All, oder wie man Ihn oder Es nennen mag) kennenzulernen", u.a. Darwin und Riemann, aber auch weniger bekannte Wissenschaftler.

Eine ausführliche Biographie (mit einer detaillerten Würdigung seiner wissenschaftlichen und einer kurzen und wertungsfreien Darstellung seiner philosophischen Arbeiten) erschien vor einigen Jahren in den Notices der AMS (Teil 1, Teil 2).

 

Autor: Thilo· 3 Kommentare· Permalink· Trackback-URL

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Kommentare (3)

Kommentar-Direktlink Guido Albers· 28.03.08 · 18:56 Uhr

Hallo,

durch eine Heise-Meldung bin ich auf Grothendieck aufmerksam geworden. MIr als mathematikferner Mensch war er ein unbekannter, dennoch hat mich sein Lebensweg, so wie ich bisher aus den Quellen des Internet nachlesen konnte, fasziniert. Seine mathematischen Leistungen vermag ich nicht so recht abzuschätzen (könnt ihr Mathematiker nicht sowas auch mal für normalos mal wenigsten anähernd verständlich erklären?) Die Tatsache das er aus seiner Haltung heraus auch entsprechend konsequent gelebt hat (er hat wohl große Preise abgelehnt, hat die Mathematik aufgegeben für andere Ziele) macht ihn für mich sehr interessant.

Es ist schon bitter das er nun scheinbar das Leben eines Einsiedlers lebt und dazu auch noch unter einer psychischen Erkrankung zu leiden hat :-(

Author Profile Page Thilo Kuessner· 28.03.08 · 19:52 Uhr

Wie ja auch in der Heise-Meldung gesagt wurde, ist es tatsächlich fast unmöglich, einem Außenstehenden Grothendieck's Theorien zu erklären.
Ein recht schöner Vergleich, den ich mal irgendwo gelesen habe, war, daß er Nüsse nicht knackte, indem er draufschlug, sondern indem er sie jahrelang aufweichte, bis sie leicht aufgingen. Soll heißen: er hat selten mathematische Probleme gelöst, sondern in einer enormen Fleißarbeit viele (meist sehr abstrakte und für den Laien recht abstrus aussehende) Theorien entwickelt, mit denen meist andere Wissenschaftler dann als aussichtslos geltende Probleme lösen konnten.
Ein recht bekanntes Beispiel ist Andrew Wiles' Lösung des Fermat-Problems, die ja seinerzeit einiges mediale Aufsehen erregte (und natürlich auch noch auf den Arbeiten anderer Mathematiker neben Grothendieck aufbaut). Das ist aber nur ein (zufällig recht bekanntes) von sehr vielen Beispielen.

Kommentar-Direktlink Kurt Behnke· 27.02.11 · 19:44 Uhr

Ich habe heute beruflich nichts mehr mit Mathematik (jedenfalls nicht direkt) zu tun. Die Meldung hat mich allerdings 3-4 Jahrzehnte zurückversetzt. Als ich Anfang der 70er mit dem Mathematik-Studium begann, wurde der Name Grothendieck auch von älteren Semestern nur mit einem gewissen Raunen ausgesprochen. Dabei war das schon die Zeit nach seinem mathematischen Wirken, das von ca. 1950 bis 1970 reichte und vermutlich mit einem klassischen Burn Out endete. Die Kontroversen mit Siegel über "homologische Mathematik" - Siegel war einer der profiliertesten Mathematiker der ersten Hälfte des 20 Jahrhunderts, und der Nestor des Göttinger Instituts - die legendäre Arbeitswut und unendliche Produktivität, seine Marotten, und und und.

Später, im Zusammenhang mit meiner Dissertation habe ich dann Elements de Geometrie I-IV, die Seminaires und viele Arbeiten seiner Schüler verschlungen. Mathematik vor und nach Grothendieck war nicht dieselbe. Das gilt für mich und das gilt für die Community im Allgemeinen. Was mehr kann man über das Werk eines Wissenschaftlers sagen?

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