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Vom 28.9. - 1.10.2010 fand in Berlin der 48. Deutsche Historikertag statt. Der größte geisteswissen-schaftliche Kongress Europas mit rund 4000 Teilnehmern stand in diesem Jahr unter dem inhaltlichen Motto „Über Grenzen".
In diesem Blog berichtet ein Autorenteam aktuell von der Tagung. Das Blog dient zugleich auch als offizielles Presse-Informationsportal.
Ausserdem gibt es hier Impressionen der Tagung, einen Pressespiegel und kurze Buchrezensionen.
Letzte Einträge
- Grenzen der antiken Gewalt0 Kommentare· 30.12.10
- Grenzen des Rechts und der individuellen Freiheit im Nationalstaat0 Kommentare· 17.10.10
- Spaziergang durch eine dunkle Epoche der deutschen Geschichte0 Kommentare· 16.10.10
- Grenzräume. Dimensionen der Berliner Mauer (1961-2010)0 Kommentare· 15.10.10
- Zionismus: der bessere Nationalismus?0 Kommentare· 15.10.10
Kommentare
- geciktirici sprey · 25.05.12 · 14:19 Uhr Ökonomien der Aufmerksamkeit im 20. Jahrhundert. Eine transnationale Perspektive auf Techniken der Messung, Vermarktung und Generierung von Aufmerksamkeit
- Johannes Franke · 16.03.12 · 00:02 Uhr Genealogie der Menschenrechte
- Porte blindate · 04.01.12 · 09:36 Uhr Hinter den Panzertüren des Auswärtigen Amtes
- Thilo · 29.03.11 · 13:30 Uhr Clan-Strukturen als Faktor sozialistischer Führungspolitik
- Oliver Auge · 06.01.11 · 10:11 Uhr Die „Zukunftsmusik" des Mittelalters. Geschichte hat Zukunft
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Buchnotizen
Spannende Neuerscheinungen und andere geschichtliche Lese-Empfehlungen. Vorgestellt und kommentiert von den Blogautoren des Historikertags:
Eintauchen in die Globalgeschichte des 19. Jahrhunderts
„Die Verwandlung der Welt" - so der verheißungsvolle Titel der gewaltigen und vielbeachteten Monographie von Jürgen Osterhammel. Auf über 1500 Seiten nähert sich der renommierte Konstanzer Historiker der Geschichte des 19. Jahrhunderts aus globaler Perspektive. Grundlegend und spannend soll die Darstellung sein, die im letzten Jahr erschien und jetzt bereits in der fünften Auflage zu kaufen ist.
Wie schon das Inhaltsverzeichnis verrät, geht Osterhammel ausführlich auf den Raum- und Zeitrahmen ein, greift Bereiche wie Lebensstandards, Städte und Religionen ebenso auf wie Staatsformen, Mächtesysteme und Revolutionen. Die Bandbreite an Themen und Analysen, das wird schnell deutlich, stoppt vor keiner Grenze, weder im nationalstaatlichen Sinn noch als wissenschaftliche Tradition. Auch wenn Osterhammel selbst nicht auf dem Historikertag sein kann, seine Globalgeschichte des 19. Jahrhunderts begleitet die Veranstaltungen wie nur wenige andere Publikationen. Schließlich zeigt die Resonanz auf seine Veröffentlichung, dass es an der Zeit ist, Geschichte global zu begreifen.
„Über Grenzen" ist der Titel des Kongresses in Berlin. Wenn man den begeisterten Lesern des Buches glauben darf, so scheint Osterhammel vielen seiner Kollegen den Weg aufzuzeigen, diesen Leitgedanken in die Praxis historischer Wissenschaft umzusetzen. Auch wenn das Buch wegen seines Gewichtes zunächst abschreckend wirkt: Die auf dem Cover abgebildete Lokomotive des bekannten Turnerbildes „Rain, Steam and Speed, The Great Western Railway" lädt ein, einfach einzusteigen und in den Zauber der Geschichte einzutauchen.
- Osterhammel, Jürgen: Die Verwandlung der Welt. Eine Geschichte des 19. Jahrhunderts. München 52010, Erstausgabe 2009.
| Philipp Meller hat Geschichte und Religionswissenschaft in Heidelberg studiert und beginnt in Kürze ein Masterstudium in Geschichte. |
"Erschossen in Moskau ..." Die deutschen Opfer des Stalinismus auf dem Moskauer Friedhof Donskoje 1950 - 1953
Mit der Öffnung des Eisernen Vorhangs vor 20 Jahren wurden über Nacht zahllose Archive und Tonnen an Dokumenten zugänglich, die während des Kalten Krieges von den Ostblock-Staaten unter Verschluss gehalten worden waren. Mit der Auswertung des Materials beschäftigen sich seitdem hunderte von Forschern und Wissenschaftlern weltweit. Doch eine umfassende Aufarbeitung konnte bis heute nicht geleistet werden.
Seit 2004 wurden im Rahmen des Projektes „Erschossen in Moskau ... Die deutschen Opfer des Stalinismus auf dem Moskauer Friedhof Donskoje 1950-1953" die Biografien von nahezu 1.000 Deutschen recherchiert, die zwischen 1950 und 1953 vom obersten Militärtribunal der sowjetischen Besatzungstruppen in der DDR zum Tode verurteilt und in Moskau erschossen wurden.
Dem Historischen Forschungsinstitut Facts & Files mit Sitz in Berlin gelang es damals zusammen mit der „Memorial International", Gesellschaft für Menschenrechte Moskau, bislang völlig unbekannte oder unter Verschluss gehaltene Akten sowohl in russischen als auch in deutschen Archiven erstmals einzusehen und auszuwerten.
Namentlich bekannt sind nunmehr 927 deutsche Opfer aus der ehemaligen DDR, West-Berlin und der BRD, die in geheimen Verhandlungen wegen "Spionage", "antisowjetischer Agitation und Propaganda" oder "illegalem Waffenbesitz" nach § 58 des Strafgesetzbuchs der UdSSR zum Tode verurteilt wurden. Nach den Prozessen wurden die Verurteilten in das Gefängnis Berlin-Lichtenberg gebracht und anschließend vom sowjetischen Geheimdienst in getarnten Eisenbahnwaggons nach Moskau verschleppt, wo man sie im Keller des Gefängnisses Butyrka erschoss. Noch in der gleichen Nacht ließ der sowjetische Geheimdienst die Toten im einzigen Krematorium der Stadt auf dem Friedhof Donskoje einäschern. Ihre Asche wurde im Umfeld des Krematoriums in Massengräbern verscharrt. Memorial schätzt die Zahl aller auf dem Friedhof Donskoje bestatteten Opfer des Ministeriums für innere Angelegenheiten der Sowjetunion (MWD) auf mehr als 7.000 Personen.
Ergänzt durch detailreiche Hintergrundtexte wurden die Biografien im Herbst 2005 in einem Totenbuch publiziert. Die vollständig überarbeitete 3. Ausgabe erschien im Oktober 2008. Sie umfasst zwei neue Aufsätze und eine Reihe bisher nicht veröffentlichter Fotos.
- Roginskij, Arsenij, Jörg Rudolph, Frank Drauschke und Anne Kaminsky (Hrsg.): "Erschossen in Moskau ..." Die deutschen Opfer des Stalinismus auf dem Moskauer Friedhof Donskoje 1950-1953, Berlin 2008.
| Christine Buch studiert Europäische Kunstgeschichte, sowie Mittlere und Neuere Geschichte mit Schwerpunkt Medizingeschichte an der Universität Heidelberg. |
Zwischen Tanzboden und Bordell
Das ist natürlich ein Titel, an dem man beinahe zwangsläufig hängen bleibt. Der Pfarrer Alfred Ragotzky befragte im Jahr 1869 in Berlin 100 inhaftierte Frauen, die eines gemeinsam hatten: sie waren wegen Prostitution verhaftet worden. Und dieser Gefängnispfarrer wollte nun wissen, warum die Frauen Prostituierte geworden waren, er fragte sie deshalb nach Elternhaus und Familie, nach Ausbildung und Arbeitsstätten, nach Wohnsituation und Freizeitbeschäftigungen, nach ihren ersten Begegnungen mit Männern und wann und warum die Frauen mit der Prostitution begonnen hatten. Ihm war aber auch wichtig, wie die Prostituierten aktuell lebten, was sie verdienten und ob sie Schulden hatten, ob sie unter Geschlechtskrankheiten litten und schon einmal schwanger gewesen waren, wie ihr Verhältnis zu Zuhältern, Kolleginnen und Vermietern war und welche Zukunftspläne sie hatten.
Ragotzkys Zusammenfassungen dieser 100 Gespräche sind - von Michael Häusler bearbeitet und mit Anmerkungen versehen - im Buch „Zwischen Tanzboden und Bordell" komplett versammelt. Eingeleitet werden sie von einer ausführlichen Spurensuche der Historikerin Bettina Hitzer, die sich unter anderem mit dem Gefängnispfarrer selbst und der kirchlichen Seelsorge der Zeit, dem gesetzlichen Rahmen der Prostitution, der Sittlichkeitsbewegung und den Lebensbedingungen der Prostituierten beschäftigt. Eine wichtige Rolle spielen dabei auch die Orte in Berlin, Vergnügungsorte und gleichzeitig Arbeitsstellen für die Prostituierten, außerdem die Wohnorte der Frauen; alle Orte sind auf Karten verzeichnet und werden durch zeitgenössische Abbildungen präsent. Außerdem enthält der Band auch die Petition „Die öffentliche Sittenlosigkeit" des Central-Ausschusses für Innere Mission aus dem Jahr 1869. Die Innere Mission forderte einerseits, dass die Gesetze gegen Prostitution verschärft würden, andererseits wollte sie den Frauen aber auch helfen: sie vor der Prostitution bewahren oder sie später beim Ausstieg unterstützen.
Insgesamt klingt also nicht nur der Titel des Buches verlockend, sondern der Band bietet wirklich einen höchst spannenden, fast schon intimen und oft genug bedrückenden Einblick in das Leben von Berliner Prostituierten des Jahres 1869. Die vielen zeitgenössischen Abbildungen tragen dazu bei, dem Leser die Lebensgeschichten dieser Unterschichtenfrauen eindrücklich nahe zu bringen.
- Häusler, Michael und Bettina Hitzer (Hrsg.): Zwischen Tanzboden und Bordell. Lebensbilder Berliner Prostituierter aus dem Jahr 1869, Berlin 2010.
| Kaya Presser ist Historikerin und Germanistin in München. |
Blick auf das einflussreiche Medium Fotografie - Kleine Geschichte der Fotografie
Angefangen bei der frühneuzeitlichen Entstehung der Fotografie verfolgt der Autor auf knapp 300 Seiten deren Kleine Geschichte hinsichtlich ihrer gesellschaftlichen Bedeutung und Funktion. Die vorgestellten Arbeiten bedeutender Persönlichkeiten der letzten zweihundert Jahre beleuchten anekdotenreich die wichtigsten Entwicklungsphasen und geben einen Überblick über die verschiedenen kunsthistorischen Stile.
Das bei Reclam erschienene Buch verpasst jedoch einen mutigen und kontroversen Umgang mit dem Thema, insbesondere mit Blick auf die problematische Seite der Fotografie. Im einzigen diesbezüglichen Kapitel „Fotografie und Propaganda" wurden geradezu ängstlich einschlägige Abbildungen vermieden. Ebenfalls wurden vollkommen die Ikonen des 20. Jahrhunderts und ihre paradigmatische Wirkung auf die Gesellschaft ausgelassen. Mit dem Anspruch, die weitreichende gesellschaftliche Bedeutung der Fotografie „erstmals" darstellen zu wollen, kann jedoch ausdrücklich diese konstruierende Funktion des Mediums nicht ausgespart werden.
- von Brauchitsch, Boris: Kleine Geschichte der Fotografie, Stuttgart 2002.
| Nicole Güther ist Magisterstudentin der Geschichte und Kunstgeschichte an der Universität Heidelberg. |
Im Namen der Wahrheit
„Im Namen der Wahrheit - Folter in Deutschland vom Mittelalter bis heute", ist ein Buch, das die Geschichte der Folterungen in Deutschland thematisiert und anhand von zahlreichen Beispielen die Entwicklung dieser Thematik darstellt.
Angefangen beim Mittelalter und der damals verbreiteten Maßnahme, durch Folter Geständnisse und Beichten zu erwirken, über die vermeintliche Abschaffung der Folter im 18. und 19. Jahrhundert bis hin zur staatliche Willkür in deutschen Gefängnissen im 20. Jahrhundert versucht dieses Buch eine Art von Chronologie der Folter in der Geschichte zu verfassen.
Ist Folter ein Mittel, um gegen Straftäter vorzugehen und inwiefern hat sich die Folter über die Jahre hinweg entwickelt? Auf diese Fragen versucht dieses Buch Antwort zu geben.
- Zagolla, Robert: Im Namen der Wahrheit - Folter in Deutschland vom Mittelalter bis heute, Berlin 2006.
Die Bielefelder Sozialgeschichte
Am 30. Oktober 2008 wurde Hans-Ulrich Wehlers fünfter Band der Deutschen Gesellschaftsgeschichte in besonderer Weise im Fernsehen thematisiert. Der Historiker Wehler, der von 1971 bis 1996 Professor für Allgemeine Geschichte des 19./20. Jahrhunderts an der Universität Bielefeld war, gilt als einer der bedeutendsten Vertreter der Sozialgeschichte.
Harald Schmidt und sein Sidekick Oliver Pocher spielten mit Hilfe von Playmobilfiguren den Band nach. Dabei sprach Schmidt wie selbstverständlich von einer Bielefelder Schule. Dabei ist es, wie Thomas Welskopp betont, gar nicht so leicht zu beantworten, was die Bielefelder Schule ist. In einem Interview des transcript Verlags führt er fort: „Ich würde darunter eine Form von Sozialgeschichte verstehen, die versucht, politische Ereignisse oder politische Prozesse aus der Gesellschaft her, aus gesellschaftlichen Strömungen und Entwicklungen her zu erklären."
Gemeinsam mit Thomas Welskopp hat Bettina Hitzer nun einen Reader über ‚Die Bielefelder Sozialgeschichte - Klassische Texte zu einem geschichtswissenschaftlichen Programm und seinen Kontroversen' herausgegeben. Hierbei wurden Texte aus nunmehr über vierzig Jahren zusammengestellt - von den programmatischen Aufbrüchen bis hin zur ‚neuen Kulturgeschichte'. „Ziel der Edition ist es", so schreiben die Herausgeber in der Einführung, „auf der einen Seite die Konturen dieser einflussreichen Strömung der bundesrepublikanischen Geschichtswissenschaft nach 1945 in ihren eigenen Stellungsnahmen sichtbar zu machen und auf der anderen Seite eine kritische Einordnung und Bewertung durch eine behutsam geführte Lektüre anzuregen". Dies ist sicherlich ein Unterfangen, das zur Historisierung und Kontextualisierung dieser Schule beitragen wird, von der wichtige Impulse für die sozialgeschichtliche Reflexion ausgingen.
- Bettina Hitzer, Thomas Welskopp (Hg.): Die Bielefelder Sozialgeschichte, Klassische Texte zu einem geschichtswissenschaftlichen Programm und seinen Kontroversen, Bielefeld 2010
| Martin Stallmann ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Historischen Seminar der Universität Heidelberg. |
Verdrängter Terror - Geschichte und Wahrnehmung sowjetischer Speziallager in Deutschland
Das Buch behandelt ein bisher kaum beachtetes Thema: Die Geschichte und die Wahrnehmung sowjetischer Speziallager in Deutschland. Schätzungsweise 154.000 Deutsche wurden seit 1945 in der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) und frühen DDR in Speziallagern des sowjetischen Geheimdienstes inhaftiert. Die Bedingungen waren so schlecht, dass ein Drittel der Gefangenen diesen Aufenthalt nicht überlebte. Die Autorin Bettina Greiner nutzt ein bisher weitgehend unbekanntes Thema der deutschen Geschichte, um eine brilliant formulierte Arbeit zu verfassen. Sie greift auf bis dato in der Forschung nicht genutzte Quellenbestände zurück. Darunter findet sich neben einer umfassenden Literatur, die die Erinnerungsberichte ehemaliger Häftlinge behandelt, auch Unterlagen der Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit aus dem Bundesarchiv und Zeitzeugenmaterialien.
Das Buch ist 2010 im Hamburger Edition Verlag als gebundene Ausgabe erschienen. Ich habe dieses Buch gewählt, da es ein sehr spannendes, bisher noch nicht erforschtes Thema behandelt. Es zeigt, dass die Geschichte der SBZ und der DDR noch immer nicht in all ihren Facetten bekannt und aufgearbeitet ist. Um diesen dunklen Punkt in der deutschen Nachkriegszeit besser kennen zu lernen, ist „Verdrängter Terror - Geschichte und Wahrnehmung sowjetischer Speziallager in Deutschland" sehr empfehlenswert.
- Greiner, Bettina: Verdrängter Terror - Geschichte und Wahrnehmung sowjetischer Speziallager in Deutschland, Hamburg 2010.
| Maximilian Schell studiert Geschichte, Geographie und Biologie auf Lehramt an der Universität Heidelberg. |
Spitfire, Gedichte und Beate Uhse: Quellen mal anders
Beim Spazieren durch die Verlagsausstellung, die auf sechs Stockwerken über 100 Verlagen und Stiftungen Platz bietet, fielen mir zwar einige interessante Bücher ins Auge. Zu einem Buch kehrten meine Gedanken jedoch immer wieder zurück - wohl auch wegen des Werbebanners, demzufolge "Historiker ihre Lieblingsquellen" vorstellen würden. Dieses Konzept geisterte durch meinen Kopf, eine geniale Idee, wie ich fand, um auch Nicht-Historiker an die Bedeutung von Quellen für die Geschichtswissenschaft heranzuführen.
"Meine Quelle. Ein Lesebuch zur deutschen Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts" ist bei "b|d Edition" erschienen, einem Imprint des Wochenschau-Verlags. Herausgegeben von Gerhard Schneider versammelt es 17 Quellen mit begleitenden Texten von Historikern aus ganz Deutschland.
Thematisch sehr breit gefächert werden Gedichte, ein Gerichtsurteil, Karikaturen oder ein Brief an Beate Uhse aus der DDR präsentiert. Neben ernsthaften, sogar tragischen Quellen, wie einer Liste mit Vermögenswerten, die Juden vor dem Abtransport ins Warschauer Ghetto abgenommen wurden, stehen Betrachtungen über den Zweiten Weltkrieg im Gedächtnis der Briten anhand der Werbeplakate der englischen Biermarke „Spitfire".
Die Texte sind flüssig geschrieben, dabei immer wissenschaftlich: Ein Fußnotenapparat gehört zu jedem Bericht dazu. Aufgrund ihrer Kürze - meist 10 bis 20 Seiten - kann man sie gut zwischendurch lesen und die Artikel bietet einen schönen Einblick in die Arbeit eines Historikers.
- Schneider, Gerhard (Hrsg.): Meine Quelle. Ein Lesebuch zur deutschen Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts, Schwalbach/Ts. 2008.
Fluchtpunkt 1941 - Kontinuitäten der deutschen Geschichte
1941 begann der systematische Massenmord an den europäischen Juden. Dieses Jahr markiert somit eine fundamentale Zäsur - einen entscheidenden Fluchtpunkt.
Der sich bis dahin stetig verschärfende Antisemitismus erhielt im nationalsozialistischen Deutschland ein neues Ventil, das es ermöglichte, die zum Feind stilisierte jüdische Bevölkerung physisch gänzlich zu vernichten. Gerade weil diese Bewegung und die mit ihr einhergehende Gewaltbereitschaft zum einen nur schwer nachvollziehbar und zum anderen äußerst komplex erscheint, ruft sie immer neue Erklärungsversuche hervor.
Helmut Walser Smith hat im vergangenen Jahr ein Buch vorgelegt, das Antworten auf die Frage anbietet, wie der Antisemitismus Teil des deutschen Selbstverständnisses werden konnte und in der Konsequenz dessen, warum der Holocaust möglich war und von so vielen Menschen mitgetragen und unterstützt wurde. Dabei argumentiert der Autor vorwiegend chronologisch und zeichnet die kontinuierliche Geschichte des europäischen und insbesondere deutschen Antisemitismus nach.
Seine Ausführungen setzen beim Antisemitismus beziehungsweise Antijudaismus in der vornationalstaatlichen Zeit an. Im darauf folgenden Abschnitt fasst Smith religiöse Motive, die ebenfalls Anlass für Gewalt gegen die jüdische Bevölkerung boten, zusammen und illustriert diese am Beispiel des Dreißigjährigen Krieges. Daran anschließend zeichnet er die zunehmende Systematisierung antisemitischer Konzeptionen im ausgehenden 19. Jahrhundert und in der Zeit des Kaiserreichs nach. Die Chronologie endet in der Katastrophe des „eliminatorischen Rassismus" im Nationalsozialismus.
Smith stellt die Entwicklung des Antisemitismus in der deutschen Gesellschaft als kontinuierlichen Prozess dar, der zunehmend negative Dynamiken ausbildete.
Der tradierte Antisemitismus mit seinen ganz unterschiedlichen Zugängen (Religion, Wirtschaft, Biologie etc.) formte dabei nicht nur Kontinuitätslinien, sondern führte mit der Shoa letztlich in eine verheerende Eskalation.
Der 326-seitige Band von Helmut Walser Smith fragt dabei ganz gezielt nach den Möglichkeiten und Methoden, die es grundsätzlich ermöglichten, Antisemitismus zu etablieren und die Tötungsbereitschaft innerhalb der deutschen Bevölkerung beziehungsweise deren Akzeptanz zu vermehren. Smith gelingt es, Kontinuitätslinien über einen langen Zeitraum nachzuweisen, deshalb treten die Brüche innerhalb dieser Entwicklung umso mehr hervor, die ebenfalls zur Radikalisierung beigetragen haben.
Auf dem Historikertag wirbt Herr Smith derweil schon für sein neuestes Projekt - The Oxford Handbook of Modern German History -, das in thematisch sehr unterschiedlichen Beiträgen versucht, die deutsche Nationalgeschichte in einem breiten, transnationalen Rahmen einzuordnen.
- Helmut Walser Smith: Fluchtpunkt 1941 - Kontinuitäten der deutschen Geschichte. Reclam Verlag, Stuttgart 2009.
Das Auschwitz Album - Die Geschichte eines Transports
Dieses Buch ist schon seit 2005 auf dem Markt und wird vom Wallstein-Verlag aus Göttingen vertrieben. Dieses Buch stellt ein einzigartiges Dokument dar. Es zeigt aus der Perspektive eines Täters einen Tag ungarischer Juden im Mai 1944 im Lager Auschwitz. Von der Ankunft der Transporte bis zum Gang in die Gaskammern hält der Fotograf alles emotionslos fest. Diese Aufnahmen stellt er zu einem Album zusammen. Über die wunderbare Rettung des Buches durch Lilli Jacob, eine Überlebende der Transporte, ist schon viel geschrieben worden. 1980 übergibt sie das Buch der jüdischen Gedenkstätte Yad Vashem.
Weshalb dieses Buch? Für mich gibt es in seiner Nüchternheit und damit in einer unüberbietbaren Eindringlichkeit das Geschehen vor 70 Jahren wieder. In einer Zeit der schnelllebigen Bilder im Internet, der um sich greifenden Geschichts-vergessenheit breiter Teile der Bevölkerung ist das ERINNERN unverzichtbar. Das leistet das Buch in unüberbietbarer Weise. Es bietet damit ein Instrument sich mit Geschichte auseinanderzusetzen und für heutige Verirrungen gewappnet zu sein.
- Das Auschwitz-Album - Die Geschichte eines Transports, Hg. i. A. der Gedenkstätte Yad Vashem von Israel Gutman und Bella Gutterman, Göttingen 2005.
| Bernhard Schell ist Oberstudienrat für die Fächer Geschichte und Religion am Hohenstaufen-Gymnasium Eberbach. |
Antikatholizismus. Deutschland und Italien im Zeitalter der europäischen Kulturkämpfe
Beim Gang von Verlagsstand zu Verlagsstand stößt man am Stand des Verlags Vandenhoek und Ruprecht auf ein umfangreiches Buch mit dem Titel „Antikatholizismus. Deutschland und Italien im Zeitalter der europäischen Kulturkämpfe". Es handelt sich um die Dissertationsschrift Manuel Boruttas, die im Frühjahr 2010 in der Reihe „Bürgertum Neue Folge" erschienen ist.
Borutta weitet den Blick auf den Kulturkampf, der zumindest im deutschsprachigen Raum bisher vor allem als nationales Phänomen begriffen wurde. Mit seinem komparatistischen Ansatz gelingt es dem Autor, transnationale Gesichtspunkte herauszuarbeiten.
Doch auch in Sachen Ideengeschichte lässt Borutta enge Grenzen hinter sich. So fasst er im Gegensatz zur bisherigen Meistererzählung den Kulturkampf nicht mehr als zeitlich begrenzten Konflikt zwischen Staat und Kirche in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts auf, sondern zeigt, dass es sich um ein grundsätzliches Charakteristikum der Moderne handelt. Die Säkularisierungstheorie ist für Borutta folgerichtig nicht mehr Erklärungsmodell für die verschiedenen Kulturkämpfe, sondern eines ihrer Produkte.
Weitere „moderne" Kennzeichen des Kulturkampf-Zeitalters wie die zeitgenössische mediale Aufbereitung oder die Mobilisierung und Politisierung von Bevölkerungsschichten, die zuvor eher passiv an gesellschaftlichen Entwicklungen teilhatten, arbeitet Borutta stets quellennah heraus. Dieser Quellenbezug ist es, der das Buch an die Geschichtswissenschaft rückbindet. Deshalb kommt es in diesem Fall nicht zu gut klingender Schaumschlägerei, die lediglich vermeintlich angesagte Schlagwörter aneinanderreiht, sondern es handelt sich um echte Innovation.
Die zahlreichen positiven Besprechungen des Buches in den Fachorganen, aber auch in großen, überregionalen Tageszeitungen lassen hoffen, dass der Geschichtswissenschaft das Überschreiten von Grenzen immer so gut gelingt wie in Manuel Boruttas Buch.
- BORUTTA, MANUEL: Antikatholizismus. Deutschland und Italien im Zeitalter der europäischen Kulturkämpfe, Göttingen 2010.
| Carlos A. Haas, Student an der Universität Heidelberg (Musikwissenschaft, Mittlere und Neuere Geschichte). |
Erinnert dich das an etwas? - Die DDR gibt es nicht mehr, aber im Gedächtnis lebt sie weiter, als Schreckensort einer Diktatur.
An vielen Stellen unserer wieder geeinigten Bundeshauptstadt Berlin erinnern wir uns bewusst und unbewusst an die DDR zurück. Natürlich an den Überbleibseln der Berliner Mauer, am Checkpoint Charly oder an der Gedenkstätte in der Bernauer Straße.
Auch am Alexanderplatz erinnert uns weiterhin vieles an die DDR-Zeit. Nur der Palast der Republik, der sich seit einer gefühlten Ewigkeit im Abriss befindet, wird bald nicht mehr zu den uns ins Auge stechenden Großbauten des ehemaligen Ostberlin gehören.
Dennoch gibt es viele Orte, die mittlerweile zum Landschaftsbild gehören und an denen der „ostalgische"-Flair der DDR weiterlebt. Der Berliner Fernsehturm, einst ein großes Prestigeprojekt der DDR, um den technischen Fortschritt und Wissenstand zu demonstrieren, ist heute noch das höchste Gebäude Deutschlands und aus dem Berliner Stadtbild nicht mehr wegzudenken.
Allerdings zeugen nicht nur Bauwerke von der alten Lebensart in Ostdeutschland. Zum Beispiel ist das Sandmännchen, ein Ostprodukt, zum wichtigen Bestandteil des Kinderunterhaltungsprogramms der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten geworden und hat längst Kultstatus erreicht.
Im Buch „Erinnerungsorte der DDR" werden von knapp fünfzig Publizisten und Zeithistorikern die wichtigsten Bezugspunkte der Erinnerung an ein gescheitertes Land präsentiert und mit Abbildungen veranschaulicht.
- Sabrow, Martin (Hrsg.): Erinnerungsorte der DDR, München 2009.
Wie die Madonna auf den Mond kam
Wir schreiben das Jahr 1957. Mit den Römischen Verträgen wird der bedeutendste Grundstein für die europäische Einigung gelegt und die USA verkündet, mit allen Mitteln gegen den Kommunismus vorgehen zu wollen.
In dem kleinen, verschlafenen Dorf Baja Luna in den Karpaten erfährt man als einzige Neuigkeit, dass nun ab dem 6. November 1957 der Sputnik im All piept. Im Dorf kommt es zu Unruhen. Einige Tage nach dem Geburtstag des Großvaters des fünfzehnjährigen Pavel Botev verschwindet dessen Lehrerin und der Dorfpfarrer wird mit durchgeschnittener Kehle aufgefunden. Der Gipfel der Unruhen in Baja Luna ist der Diebstahl der Madonna.
Pavel versucht zu verstehen, was geschehen ist, doch erst viele Jahre später, als der Sozialismus zu Grunde geht, gelingt es Pavel, Gerechtigkeit für seine Lehrerin zu erlangen.
Das Buch über Osteuropa und die Verbindung von den Anfängen des Kalten Kriegs mit einer fiktionalen Geschichte hat mein Interesse geweckt. Der Roman von Rolf Bauerdick sei „ein großes Stück Literatur im Zeichen einer Groteske, wie man sie kaum deftiger und lustiger inszenieren könnte", so die Welt.
- Bauerdick, Rolf. Wie die Madonna auf den Mond kam, München 2010.
Alison des Forges: Kein Zeuge darf überleben
Der Völkermord in Ruanda sowie seine Folgen für angrenzende Nachbarstaaten wie die demokratische Republik Kongo und die daraus neu entstandenen Konflikte bleiben immer noch weitgehend von der Weltpresse unbemerkt.
Auch deshalb berichtet Alison des Forges in ihrem Buch sehr detailliert und genau über den Völkermord überwiegend an der Minderheit der Tutsis und gemäßigten Hutus 1994 in Ruanda. Deutlich zeigt sie anhand von zahlreichen Quellen sowie noch unveröffentlichten Verwaltungsdokumenten, dass dieser Genozid kein spontaner Ausbruch bestialischer, wilder Gewalt oder „alter Stammesfehden" war, wie einige Tageszeitungen titelten, sondern vielmehr politisches Kalkül einer modernen ruandischen Elite, die ihre Macht sichern wollte. Ihr Buch umfasst zahlreiche Interviews mit Tätern sowie Überlebenden und erhält dadurch eine umfassende Perspektive und verschiedene Blickwinkel auf die Situation in Ruanda. Ihren Schwerpunkt legt des Forges auf das Versagen der Vereinigten Nationen, in diesen Konflikt zu intervenieren, und die Machtlosigkeit von Kommandeur Romeo Dallaire und seiner Blauhelmsoldaten, das Töten zu beenden. Präzise belegt sie, dass Frankreich, Belgien und die Vereinigten Staaten Amerikas von dem geplanten Genozid wussten und bewusst nicht eingegriffen haben.
Für mich persönlich leistet dieses Buch wie kein anderes in deutscher Sprache einen wichtigen Beitrag für die Aufklärung, wie und warum es zu diesem Genozid kam, welche Handlungsspielräume alle Akteure national und international hatten und was man für Konsequenzen aus dem Versagen der Vereinigten Nationen für die Zukunft ziehen muss.
- Des Forges, Alison: Kein Zeuge darf überleben. Der Genozid aus Ruanda, Hamburg 2002.
| Gina Fuhrich studiert Mittlere und Neuere und Neueste Geschichte und Ethnologie an der Universität Heidelberg. |
Das Werkzeug des Historikers von A bis W
Im Hörsaal einer deutschen Universität rutschen die Studierenden unruhig auf ihren Plätzen herum. Seit über einer Stunde hört das Plenum mehr oder weniger interessiert den Worten des Dozierenden zu. Einige haben bereits seit vielen Minuten den roten Faden des Vortrags verloren und versuchen nun, diesen wieder aufzunehmen. Der Dozierende wiederum kann nicht verstehen, warum der entscheidende Funke nicht so recht überspringt. Dies mag durchaus eine alltägliche Situation sein, die - mehr oder minder - zu Frustrationen auf beiden Seiten des Rednerpults führen kann.
Dennoch, so Michael Wildt, „lieben die Professoren die Vorlesung, bietet sie doch in der eiligen Kommunikationsgesellschaft die seltene Gelegenheit, Menschen über eine Stunde lang zum Zuhören zu verpflichten. Während SMS, Blogs und Twitter Formen der Alltagskommunikation geworden sind und Wortbeiträge im Radio und Fernsehen nicht länger als neunzig Sekunden dauern dürfen, haben Hochschullehrer die heute schier unglaubliche Möglichkeit, ungestört mindestens eine Stunde und dreißig Minuten ihre Sicht der Welt auszubreiten".
Wildts Ausführungen über die Vorlesung als alltägliche Unterrichtsform an Universitäten sind nur ein Aspekt in dem jüngst von Anne Kwaschik und Mario Wimmer herausgegebenen Band. Im Sammelband „Von der Arbeit des Historikers - Ein Wörterbuch zu Theorie und Praxis der Geschichtswissenschaft", der im Bielefelder transcript Verlag erschienen ist, setzen sich 40 Autoren mit dem wissenschaftlichen Handwerk eines Historikers auseinander. Dabei reicht dieses Wörterbuch von A wie Archivar über G wie Gutachten bis W wie Wahrheit. Im Zentrum dieses Buches steht das gemeinsame Nachdenken über ‚Geschichte als Beruf'. Mit teilweise ironischem Blick thematisieren die Beiträge den wissenschaftlichen Alltag und gewähren zugleich einen Einblick in die Berufspraxis. Der Band richtet sich sowohl an Geschichtsinteressierte als auch an Studierende der Geschichtswissenschaft.
Am Donnerstag um 13.15 Uhr werden die Herausgeberin Anne Kwaschik und einige der Autoren am Verlagsstand anwesend sein.
- Kwaschik, Anne und Mario Wimmer (Hg.): Von der Arbeit des Historikers. Ein Wörterbuch zu Theorie und Praxis der Geschichtswissenschaft, Bielefeld 2010.
| Martin Stallmann ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Historischen Seminar der Universität Heidelberg. |
Der Ausstieg einer Mafia-Chefin
Giuseppina Vitale, die Buchautorin selbst, wurde 1972 in eine Familie der sizilianischen Mafia hineingeboren. Bereits in ihrer Kindheit wird sie mit den kriminellen Machenschaften des Milieus konfrontiert und wird später als „First-Mafia-Lady" die einflussreichste Chefin des Clans.
1998 wird sie verhaftet und von ihrem Sohn im Gefängnis mit der Frage konfrontiert: „Mama, was ist eigentlich die Mafia?". In diesem Schicksalsbericht geht Giuseppina Vitale dieser Frage auf den Grund.
Dieser sehr persönliche Zeitzeugenbericht hat mein Interesse geweckt. Die Neuerscheinung gibt zum einen unmittelbare Einblicke in die Machtstrukturen der Cosa Nostra und erzählt zum anderen, wie die Autorin den Ausstieg aus der brutalen, männerdominierenden Welt des Terrorismus geschafft hat.
- Vitale, Giuseppina (mit Camilla Costanzo): Ich war eine Mafia-Chefin. Mein Leben für die Cosa Nostra. München 2010
| Julia Naßutt ist Studienrätin für die Fächer Englisch und Geographie am Hohenstaufen-Gymnasium Eberbach. | ![]() |
Europäische Dekolonisationsprozesse - Afrika im Fokus der Geistes- und Sozialwissenschaften
In seiner neu erschienenen Dissertationsschrift analysiert Felix Brahm das Verhältnis wissenschaftlicher Positionen und Praktiken zum politischen Dekolonisationsprozess Afrikas. Hierzu nimmt er sechs Universitätsstandorte in Frankreich und Deutschland über einen Zeitraum von 40 Jahren in den Blick. Besonders bemerkenswert dabei ist, dass Brahm die Frage nach der Dekolonisation der Wissenschaft selbst stellt, von den Kolonialwissenschaften bis hin zu den area studies.
Der Band zeigt zudem auf, dass nicht von der französischen oder der deutschen Wissenschaft gesprochen werden kann. Vielmehr ist die nationale Zugehörigkeit nur ein Faktor von vielen, der beeinflussend auf die akademische Beschäftigung mit Afrika einwirkte: So wiesen Bordeaux und Hamburg als Handels- und Hafenstädte andere Wissensordnungen auf als die Hauptstädte Berlin und Paris.
Die Verbindung eines standortorientierten, transnationalen Vergleichs mit postkolonialen und wissenschaftshistorischen Fragestellungen liefert einen seltenen Einblick in die personellen, institutionellen und paradigmatischen Wandlungsprozesse im europäischen Wissenschaftsdiskurs über die Weltregion Afrika.
- Brahm, Felix: Wissenschaft und Dekolonisation. Paradigmenwechsel und institutioneller Wandel in der akademischen Beschäftigung mit Afrika in Deutschland und Frankreich, 1930-1970, Stuttgart 2010.
Die öffentliche Durchsetzung der „Sozialen Marktwirtschaft"
Die „soziale Marktwirtschaft" ist mittlerweile zu einem der grundlegenden Identifikationsmuster der alten Bundesrepublik und des wiedervereinigten Deutschlands geworden. Wie sich dieses Konzept in den Jahren unmittelbar nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs innerhalb der Öffentlichkeit der westlichen Besatzungszonen durchsetzen konnte, war bisher jedoch nur in Teilen bekannt. Dabei war der Weg der „sozialen Marktwirtschaft" zur Leitidee der westdeutschen Wirtschaftsordnung keineswegs vorgezeichnet.
Während noch 1946 verschiedenste Varianten von sozialistischen Wirtschaftskonzepten die politischen Debatten dominierten, schafften es Netzwerke in Politik und Wissenschaft, die „soziale Marktwirtschaft" zunächst zu popularisieren und bis 1949 gegen sozialistische Konzeptionen durchzusetzen. In seiner 2010 erschienenen Dissertation untersucht Christian L. Glossner die öffentliche Vermittlung der Idee einer „Sozialen Marktwirtschaft" von den Anfängen des Konzepts bis zur öffentlichen Durchsetzung als ökonomische Leitidee, die sich vor allem mit dem Namen Ludwig Erhards verknüpft.
Das Buch zeigt auf interessante Weise die Rolle westdeutscher politischer Eliten im Prozess der Gründung der Bundesrepublik. Während die westlichen Alliierten zwar die politischen Rahmenbedingungen der Staatsgründung vorgaben, fand die konkrete Ausformung der bundesrepublikanischen Demokratie und Wirtschaftsordnung schon früh zu großen Teilen innerhalb der westdeutschen Öffentlichkeit statt.
- GLOSSNER, CHRISTIAN L.: The Making of the German Post-War Economy. Political Communication and Public Reception of the Social Market Economy after World War Two (London: I.B.Tauris Publishers, 2010).
| Der Rezensent Sebastian Gehrig ist Historiker und Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Heidelberg. |
Hinweis: Die einzelnen Buchtitel sind teilweise mit den jeweiligen Amazon-Buchseiten oder Seiten der Verlage verlinkt.
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