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Vom 28.9. - 1.10.2010 fand in Berlin der 48. Deutsche Historikertag statt. Der größte geisteswissen-schaftliche Kongress Europas mit rund 4000 Teilnehmern stand in diesem Jahr unter dem inhaltlichen Motto „Über Grenzen".
In diesem Blog berichtet ein Autorenteam aktuell von der Tagung. Das Blog dient zugleich auch als offizielles Presse-Informationsportal.
Ausserdem gibt es hier Impressionen der Tagung, einen Pressespiegel und kurze Buchrezensionen.
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02.10.10 · 20:30 Uhr
Wie viel Theorie braucht die Geschichtswissenschaft?
Kategorie: Deutsche Postings·Epochenübergreifende Sektion
Die gut besuchte, von Rüdiger Graf (Bochum) und Kim Christian Priemel (Berlin) organisierte und von Willibald Steinmetz (Bielefeld) moderierte Sektion zum Thema „Zeitgeschichtliche Forschung über Fächergrenzen und die Grenzen des Fachs" stellte die kritische Frage nach dem Einfluss von in anderen Disziplinen entwickelten Theorien auf die Zeitgeschichtsschreibung.
Von Sebastian Gehrig
Rüdiger Graf diskutierte in seinem Beitrag zum Einstieg in das Thema der Sektion die direkte Übernahme von Theorien der Internationalen Beziehungen in die Geschichtswissenschaft am Beispiel der Universität Harvard. Dabei wurde deutlich, dass die einfache Übernahme theoretischer gesellschaftlicher Selbstbeschreibungen ohne deren Entstehung historisiert zu haben zu einem unkritischen Gebrauch historisch nur unzureichend hinterfragter Konzepte in die Zeitgeschichte führen kann.
Die schon von Graf angedeutete Problematik spitzte Benjamin Ziemann (Sheffield) in seinem Vortrag weiter zu. Anhand von Datensätzen, die der empirischen Sozialforschung zur Beschreibung des katholischen Milieus entstammten, argumentierte Ziemann, dass sozialwissenschaftliche Untersuchungen dieser Art nur als Quelle, nicht auch als Darstellung von Zeithistorikern genutzt werden sollten. Denn die in diesen sozialwissenschaftlichen Untersuchungen generierten Datensätze spiegelten eben in ihrem Erkenntnisinteresse nur eine spezifische Weltsicht und subjektive Fachansätze wider.
Während Ziemann also der Übernahme von Theorien der empirischen Sozialwissenschaften, wie deren Ergebnissen äußerst kritisch gegenüberstand, versuchte Christina von Hodenberg (London) Wege der Nutzbarmachung von medienwissenschaftlichen Theorien für die Zeitgeschichte aufzuzeigen.
Wie können Ansätze anderer Disziplinen für die Geschichtswissenschaft erschlossen werden?
Während die meisten Historiker Medien nur als Funktionselemente unter vielen betrachteten, bliebe eine kritische Rezeption medienwissenschaftlichen Arbeitens zumeist auf der Strecke. Hodenberg schlug eine Synthese verschiedener Theorien und ein „Gegen-den-Strich-Lesen" medienwissenschaftlicher Studien als Quellen für den Zeithistoriker als fruchtbare Arbeitsperspektive vor. Dabei könne eine besondere Stärke der Zeitgeschichte sein, die Rolle des historischen Akteurs, diachrone Betrachtungsweisen und Untersuchungen über lange Zeiträume in die Betrachtung der Entwicklung von Medien einbringen zu können.
Im abschließenden Vortrag zeigte Kim Christian Priemel (Berlin) den Eingang des Begriffs „Strukturwandel" in die Geschichtsschreibung als dominantes Erklärungsmuster der historischen Entwicklung in den 1970er und 1980er Jahren auf. Priemel argumentierte, dass es sich bei diesem Begriff lediglich um eine Anamnese, nicht um eine Diagnose der historischen Entwicklung handele. Daher wiederholte er die schon in den vorangegangenen Vorträgen aufgestellte Forderung, dass sozial- und politikwissenschaftliche Theorien in ihrer Entwicklung historisiert werden müssten und erst nach kritischer Betrachtung Eingang in die Benutzung als Handwerkszeug des Zeithistorikers in die Geschichtswissenschaft haben dürften.
In seinem zusammenfassenden Kommentar der Vorträge stellte Andreas Wirsching (Augsburg) die Frage, inwieweit die Zeitgeschichte nun theoriefähig sei. Was bliebe nach der Dekonstruktion von Theorien für ein Nutzwert für die Zeitgeschichte übrig? Wirsching fragte, ob man nicht zwischen verschiedenen Arten von Studien und auch fragestellungsabhängig den Quellen- und Darstellungswert von Theorien für die Zeitgeschichte ermessen müsse. Daneben hob er die Bedeutung der Chronologie und von diachronen Vergleichen, die Akteursgebundenheit und die Offenheit der Geschichte als wichtige Bestandteile der Zeitgeschichtsschreibung hervor, mit der sie sich von theoriegeleiteten Ansätzen der Sozialwissenschaften abheben könne. Die kontrovers geführte Diskussion zeigte, dass die Dekonstruktion von Großbegriffen der gesellschaftlichen Selbstbeschreibung, die aus theoriegeleiteten Ansätzen entstanden, als Chance begriffen werde, sich jedoch auch die Zeitgeschichte in der Wahl und Rolle ihrer Forschungsperspektiven kritisch hinterfragen muss.
- Link zur Sektionsseite: Zeitgeschichtliche Forschungen über Fächergrenzen und die Grenzen des Fachs
| Sebastian Gehrig ist Historiker und Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Heidelberg. |
(Redaktion: KP/MS)
Autor: ScienceBlogs-Redaktion· 0 Kommentare· Permalink· Trackback-URL
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