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Vom 28.9. - 1.10.2010 fand in Berlin der 48. Deutsche Historikertag statt. Der größte geisteswissen-schaftliche Kongress Europas mit rund 4000 Teilnehmern stand in diesem Jahr unter dem inhaltlichen Motto „Über Grenzen".
In diesem Blog berichtet ein Autorenteam aktuell von der Tagung. Das Blog dient zugleich auch als offizielles Presse-Informationsportal.
Ausserdem gibt es hier Impressionen der Tagung, einen Pressespiegel und kurze Buchrezensionen.
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03.10.10 · 20:00 Uhr
Über eine virtuelle Grenze und reale Empörung im Jubiläumsjahr „20 Jahre Deutsche Einheit"
Kategorie: Am Rande·Deutsche Postings
Der hagere Mann sieht gestresst aus. Lächelnd nähert er sich. Es ist Dr. Axel Klausmeier, Direktor der Stiftung „Gedenkstätte Berliner Mauer" - und er hat an diesem frühen Nachmittag bereits fünf Pressetermine hinter sich. So etwas kann passieren. Gestern noch war die Welt in Ordnung. Zumindest hier im Besucherzentrum in der Bernauer Straße, am Arbeitsplatz des Kunsthistorikers. Ein ruhiger Arbeitstag in der Gedenkstätte Berliner Mauer.
Von Christine Buch
Herr Klausmeier ist sich wohl bewusst, dass jener 1,3 Kilometer lange und 4,4 Hektar umfassende Streifen an der Bernauer Straße, auf dem sich das letzte Stück Mauer befindet, das in seiner kompletten Tiefenstaffelung erhalten geblieben ist, eine gewisse politische Brisanz birgt. Dies hat er schon am eigenen Leib erfahren. Die Stiftung, die er betreut, wird zur Hälfte vom Land, zur Hälfte vom Bund getragen. Da stoßen schon mal rot-rote und schwarz-gelbe Interessen aufeinander. Politik ist nicht einfach.
Leidvoll musste er auch Auseinandersetzungen ertragen, die ganz anderer Natur waren. Lange wurde - mit Beteiligung der Familienangehörigen - zum Beispiel über die Frage diskutiert, ob die acht an der Mauer erschossenen DDR-Grenzer Opfer oder Täter waren, ob ihre Fotos und Geburts- wie Sterbedaten zusammen mit den 136 Opfern, die in Berlin an der Mauer starben, ins „Fenster des Gedenkens" eingegliedert werden könnten. Hier gab es ebenfalls unterschiedliche Meinungen.
Aber heute ist etwas ganz anderes passiert. Nicht hier. Nicht in Berlin - in Baden-Württemberg, weit weg. Aber mit einem Mal steht das Telefon nicht mehr still und Berlin rückt mitten ins Geschehen.
Computerspiel „1378 (km)" spielt in den 1970ern an der deutsch-deutschen Grenze
An der Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe hatte Jens M. Stober, 23 Jahre alt, Student der Medienkunst im 6. Semester, ein selbst entwickeltes Computerspiel als Diplomarbeit abgegeben. Nach Medienberichten (BZ) bekam er die Note 1 für sein Ego-Shooter-Spiel „1378 (km)" - 1378 km, die Zahl, die für die Länge der innerdeutschen Grenze steht, für menschliches Leid, Trennung, Verletzte und über 1000 Tote. * Der Screenshot oben rechts zeigt einen Ausschnitt des Trailers zum Videospiel.
Akteure des Spiels: Republikflüchtlinge und DDR-Grenzer. Schießbefehl inklusive.Im Spiel schlüpft man entweder in die Rolle von Republikflüchtlingen oder in die eines DDR-Grenzpostens - der die unbewaffnete Spielfigur „Flüchtling" töten kann. Mit einem Maschinengewehr. Dafür bekommt der Spieler Punkte und Orden.
Nach der Pressevorstellung des Computerspiels hatte es heftige Kritik gegeben - und schon stand das Telefon von Axel Klausmeier nicht mehr still. „Dieses Spiel ist geschmacklos und auf Effekthascherei ausgelegt. Es gibt genug Zeitzeugen, die noch unter den Folgen dieser grausamen Teilung leiden", so Klausmeier. Und damit steht er nicht allein da.
Kritik und Empörung über "Ballerspiel"
Heftige Kritik gab es auch von Gabriele Hiller, medienpolitische Sprecherin der Linken, die das Ballerspiel als „zynisch und perfide" bezeichnete. Michael Braun, kulturpolitischer Sprecher der CDU kommentierte: „Ein besonders geschmackloser Tabubruch" und die Union der Opferverbände kommunistischer Gewaltherrschaft (UOKG) kritisierte das Spiel als einen „Beitrag zur Enthemmung und Brutalisierung der Gesellschaft", das niedere Instinkte bediene. Die Union sandte ein Protestschreiben an den Rektor der Hochschule, Peter Sloterdijk. (Quellen: BZ, dpa)
Stober verteidigte sich in einem Interview mit der BZ: „Ich möchte jungen Menschen damit die deutsche Geschichte nahe bringen." In der dpa-Meldung wird ebenfalls bestätigt, die Hochschule wolle mit dem Projekt Jugendliche für das Thema interessieren. Das blutige Kapitel der deutschen Teilung als Ego-Shooter - kann das lehrreich sein?Das blutige Kapitel der deutschen Teilung als Ego-Shooter - kann das lehrreich sein?
In das Spiel sind zahlreiche Informationstexte eingebaut. Auch „wahlloses Schießen erlaubt das Spiel nicht. Wenn der Soldat mehr als dreimal schießt, wird er aus dem Spiel genommen und muss sich in einem Mauerschützenprozess verantworten". (Quelle: dpa)
Veröffentlichung auf Dezember verschoben
Große Kritik erntete die Hochschule auch deshalb, weil das Computerspiel ausgerechnet am 3. Oktober, dem 20. Jahrestag der Deutschen Einheit, öffentlich gezeigt werden sollte. Diese Präsentation ist nun kurzfristig abgesagt worden, wie der Südwestrundfunk berichtete und die Hochschule für Gestaltung am Donnerstag bestätigte. Ein Sprecher der HfG begründete die Entscheidung mit den Worten: „Wir wollten den Druck aus der Diskussion rausnehmen. Mit dieser Debatte werden wir weder dem Spiel noch den Opfern gerecht", so eine dpa-Meldung. Das Spiel solle nun voraussichtlich Anfang Dezember im Rahmen einer Podiumsdiskussion zum Thema präsentiert werden.
Das Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst Baden-Württemberg teilte mit: „Wir begrüßen die Entscheidung der Hochschule für Gestaltung. Es ist richtig, die am 3. Oktober geplante öffentliche Präsentation des Spiels abzusagen, um auf die berechtigten Belange der Opfer an der innerdeutschen Grenze oder ihrer Angehörigen Rücksicht zu nehmen."
Klausmeier blickt auf die Uhr. „Die Mauer und die Grenze - das ist ein hochpolitisches Thema. Auch heute noch, genau 20 Jahre nach der Wiedervereinigung." Er nickt entschuldigend. Er hat heute noch einen Termin.
| Christine Buch studiert Europäische Kunstgeschichte, sowie Mittlere und Neuere Geschichte mit Schwerpunkt Medizingeschichte an der Universität Heidelberg. |
(Redaktion: KP/MS)
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