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Martin Bäker ist Physiker.
Er hat in Hamburg studiert und über die Simulation von Elementarteilchenprozessen promoviert. Seit 1996 erforscht er an der TU Braunschweig das mechanische Verhalten moderner Werkstoffe.
Wie Cäsar über sich in der dritten Person zu schreiben, findet er ein wenig seltsam.

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09.06.11 · 21:15 Uhr

Buchtipp: Zen und die Kunst, ein Motorrad zu warten

Kategorie: Kultur  ·  Kommentare: 23

Manche Bücher kann man immer und immer wieder lesen, und jedesmal faszinieren sie aufs Neue und man entdeckt neue Seiten an ihnen, neue Ideen und findet neue Inspiration. Ein solches Buch ist Robert M. Pirsigs "Zen und die Kunst, ein Motorrad zu warten".

Der Roman (1974 erschienen) spielt auf mehreren eng miteinander verwobenen Ebenen. Vordergründig ist es die Geschichte des Erzählers (Pirsig selbst), der mit seinem elfjährigen Sohn Chris und zwei Freunden eine Motorradtour durch die USA macht. Sie erleben dabei eher alltägliche Dinge, die für sich allein genommen zunächst nicht besonders interessant sein dürften.

Während der Motorradtour, auf der der Erzähler viel Zeit hat, denkt er nach. Er beginnt mit einer einfachen Beobachtung: Während er selbst es liebt und wichtig findet, sein Motorrad zu warten, überlässt sein Freund John die gesamte Wartung erfahrenen Mechanikern und verlässt sich ansonsten darauf, dass während einer Tour nichts mit seiner Maschine schief geht. Dieser scheinbar kleine Mentalitätsunterschied weitet sich in der Betrachtung immer weiter aus, bis er zu einer gewaltigen Kluft wird, die sich mitten durch unsere Gesellschaft und unser Denken zieht: Die Kluft zwischen dem "romantischen" und dem "klassischen" Denken. Unter "Romantik" versteht Pirsig dabei - sehr grob gesprochen - eine Sichtweise, die die Welt direkt so annimmt, wie sie erscheint, während die klassische Sichtweise versucht, die Welt zu analysieren und die Dinge als das zu sehen, was sie bedeuten.

Pirsig veranschaulicht diese Unterscheidung durch ein Erlebnis, dass er mit dem "romantischen" John hatte: Er wollte für John eine Kleinigkeit an seinem Motorrad reparieren - dafür brauchte er ein dünnes aber gut verformbares Stück nichtrostenden Blechs. Die Bierdose in seiner Hand schien ihm ideal, aber als er John vorschlug, ein Stück aus der Dose herauszuschneiden, machte dieser Ausflüchte und verschwand schließlich, ohne dass sein Motorrad repariert worden wäre. Für John war die Bierdose eine Bierdose, letztlich nichts als ein Stück Abfall, für Pirsig dagegen war die Bierdose ein Stück hochduktiles Aluminiumblech, das für den Anwendungszweck ideal geeignet war.

Diese kleine Geschichte ist typisch für das Buch: Abstrakte Ideen wie der Unterschied zwischen "klassisch" und "romantisch" werden am konkreten Beispiel erzählt und veranschaulicht, so dass Pirsig nie die Bodenhaftung verliert. Und so erfährt man am Beispiel des Motorrads etwas über die Denkweise von Aristoteles, Hume, Kant, Einstein und anderer großer Denker.

Doch es gibt noch eine dritte, düstere Ebene in diesem Buch. Beim Nachdenken merkt Pirsig, dass seine Gedanken sich immer mehr denen eines anderen annähern, eines Geistes aus seiner Vergangenheit, den er Phaidros nennt und der vor langer Zeit an dem Versuch, die Welt durch philosophisches Nachdenken zu verstehen, scheiterte. (In welcher Beziehung Pirsig tatsächlich zu Phaidros steht, will ich hier nicht verraten.) Mehr und mehr vermischen sich die Gedankenwelt von Pirsig und von Phaidros und Pirsig wird mehr und mehr von dieser fremden (?) Gedankenwelt vereinnahmt.

Auch in diesem späteren Teil des Buches steht das Philosophieren im Vordergrund - dabei liegt der Fokus auf der Frage nach der Bedeutung der "Qualität". Was ist "Qualität"? Wann hat etwas "Qualität"? Ist "Qualität" subjektiv oder objektiv? Um diese Frage zu lösen, kehrt Pirsig letztlich sein gesamtes Denken um, der scheinbar harmlose Begriff "Qualität" gewinnt mehr und mehr an Bedeutung bis er zum Zentrum von Pirsigs (oder Phaidros'?) Metaphysik wird. Dabei verschmelzen die drei Handlungsebenen und Pirsig selbst gerät dadurch in höchste Gefahr.

Wie es sich für ein brillantes und außergewöhnliches Buch gehört, wurde auch dieses übrigens zunächst von vielen Verlegern abgelehnt - nicht acht Mal, wie Harry Potter, sondern 121 Mal.

Der Roman zieht zumindest mich jedesmal wieder in seinen Bann (vermutlich habe ich ihn inzwischen so acht oder zehn Mal gelesen). Wer gern in andere Gedankenwelten abtaucht, für den ist dieses Buch genau das Richtige. Dadurch, dass auch die abstraktesten Gedanken (bis hin zu Kants "Ding an sich") mit dem konkreten Alltagsgegenstand "Motorrad" in Verbindung gebracht werden, hat man beim Lesen immer das Gefühl, sozusagen ein Bein fest auf dem Boden zu haben. Die um die philosophischen Gedanken herumgewobenen anderen Ebenen geben dem Roman zusätzlich Spannung.
Vermutlich ist es unmöglich, diesem Buch in einer Rezension gerecht zu werden oder einen wirklichen Eindruck davon zu geben. Deshalb: Selber lesen!

Zwei Nachbemerkungen:

Pirsig hat noch ein zweites Buch mit dem Titel "Lila" geschrieben, das stilistisch an "Zen und die Kunst...." anknüpft. Obwohl er darin neue und durchaus interessante Gedanken entwickelt, ist es in meinen Augen kein Vergleich.

Falls sich jemand übrigens an das Buch "Sophies Welt" erinnert fühlt - ja, die beiden Bücher haben ein paar Gemeinsamkeiten in der Grundidee, ansonsten verhalten sie sich zueinander etwa wie "Teletubbies" zum "Herrn der Ringe"...

 

Autor: MartinB· 23 Kommentare· Permalink· Trackback-URL

Tags: · · · · · ·

Kommentare (23)

Kommentar-Direktlink rnlf· 09.06.11 · 22:39 Uhr

Das Buch hat mein Informatiklehrer uns schon vor neun Jahren in der Schule empfohlen. Wird wohl Zeit, dass ich es wirklich mal kaufe und selber lese ;-)

Kommentar-Direktlink KommentarAbo· 09.06.11 · 23:18 Uhr

...

Kommentar-Direktlink Theres· 09.06.11 · 23:40 Uhr

Ein empfehlenswertes Buch, nicht nur für Motorradfahrer (das hilft aber), und ich könnte es wirklich mal wieder lesen. Mich verstörte allerdings die reale Tragik im Leben seines Sohnes ...

Kommentar-Direktlink Roland· 10.06.11 · 00:43 Uhr

Scheint mir, als solle ich das doch mal lesen - vor vielen Jahrzehnten, als es Kult wurde, dachte ich mir: Zen interessiert mich nicht wirklich, Motorräder interessieren mich mangels Kofferraum überhaupt nicht, und mit der damit - möglicherweise fälschlich - verknüpften Easy-Rider-Kultur konnte ich (obwohl ich den Film toll fand) auch nichts anfangen.

Kommentar-Direktlink eddy· 10.06.11 · 00:55 Uhr

Ist nun in meinem Amazon Warenkorb :) Da bin ich mal gespannt!

Kommentar-Direktlink rolak· 10.06.11 · 00:56 Uhr

'76 lieh mir mein damaliger Deutschlehrer (ja, ich hatte auch gute Lehrer ;-) ein Buch mit den Worten 'Könnte Dich interessieren'. Das traf derart zu, daß es ich binnen Kürzestem, noch vor dem Fertiglesen selber kaufte, daß es die bis heute ungebrochene (mittlerweile ausgebaut und strukturierter) Tradition begründete, interessante und aus anderen Gründen zu merkende Stellen vorne auf dem ersten freien Blatt zu indizieren [der Gilb der fast 40 Jahre...], daß es zum von mir aus immer wieder neuen Motiven heraus längstfristig und meistverschenkten Buch wurde - und sogar praktische Auswirkungen zeigte, da die Anekdote mit dem Roller, der nur im Stehen, nicht aber im Fahren lief, fast 1:1 im RL auftauchte und entsprechend leicht gelöst werden konnte.
Es ist nur aus einem einzigen Grund nicht uneingeschränkt zu empfehlen: Es sind mir einige Menschen bekannt, die mit ihm rein überhaupt nichts anfangen können.

Kommentar-Direktlink Theres· 10.06.11 · 01:15 Uhr

@rolak
Nein ... bei mir gibt es auch so einen Index, aber seit '86 nicht mehr im Buch, weil ich es schon zweimal nachkaufen musste, nach dem, äh, Ausleihen. Indirektes Verschenken geht auch :-)

Kommentar-Direktlink rolak· 10.06.11 · 01:25 Uhr

Das 'Original' habe ich nie verliehen, Theres - auch jetzt stehen noch zwei '98er Ausgaben just für den Fall neben ihm im Regal. Doch worauf bezieht sich Dein 'Nein'?

Was mich im Moment wundert, ist der Grund fürs eben von mir verzapfte Yodaische "daß es ich binnen", sehr dubios^^

Kommentar-Direktlink Theres· 10.06.11 · 02:11 Uhr

@rolak
Darauf, dass ich nicht die einzige bin, die solche Indizes anlegt. Hab es bei Freunden noch nie gesehen, auch bei ausgeliehenen Bücher nicht ^_^.

Kommentar-Direktlink rolak· 10.06.11 · 02:35 Uhr

Aaah, ein Erstauntes! Das hör ich beim Lesen so schlecht, Theres ;-)

Kommentar-Direktlink Theres· 10.06.11 · 02:44 Uhr

Das Emoticon hab ich noch nicht gefunden. Cool kenne ich ja 8-) Immerhin bekomme ich wegen meiner Notizen ab und an noch vermisste Bücher wieder. Zen ... aber nie.

Kommentar-Direktlink nihil jie· 10.06.11 · 13:00 Uhr

ein hervorragender Buchtipp... kann ich nur unterschreiben. Und ich denke ich lese es auch noch mal ;)

Kommentar-Direktlink Redfox· 10.06.11 · 13:18 Uhr

Klingt interessant, ist das so eine Art Anti-"Homo Faber"?

Kommentar-Direktlink Monod· 10.06.11 · 13:35 Uhr

Es ist schon wieder über 10 Jahre her, dass ich das Buch gelesen habe. Ich kann mich noch daran erinnern, dass es ein zentrales Anliegen von Phaidros war, Aristoteles zu widerlegen. Der Absturz kam dann, weil die Art und Weise der Behandlung von Aristoteles-Texten im universitären Kontext eines Seminars nicht in der erhofften Weise erfolgte, sod ass Phaidros mit seinem Anliegen nicht zum Zuge kam. Das Scheitern des philosophierenden Phaidros hat unmittelbar damit zu tun, dass im Innern der Universität eben nicht mehr philosophiert wird, sondern eine sterile Atmosphäre herrscht, die das Philosophieren abtötet - und damit auch Phaidros abtötet. Da Phaidros alles auf diese eine Karte gesetzt hat - ja nur noch aus dem Streben danach lebte, Aristoteles zu widerlegen um die "Qualität" des Daseins (seines Daseins) zu retten, war der Absturz die notwendige Folge. Mehr möchte ich an dieser Stelle auch nicht verraten. Aber ich denke, es ist mal wieder an der Zeit, das Buch zu lesen.

Kommentar-Direktlink MartinB· 10.06.11 · 14:50 Uhr

@Redfox
Homo Faber fand ich als Buch furchtbar, langweilig und philosophisch gesehen wenig ergiebig - aber ich bin da vermutlich durch einen massiven Max-Frisch-Overload in der Schule vorbelastet. Dieses Buch ist anders, soviel steht fest.

@Monod
Ja, das war ein Kern des Problems.

Kommentar-Direktlink CHP· 10.06.11 · 19:49 Uhr

Danke für den Buchtipp.
Ist es vom Schwierigkeitsgrad empfehlenswerter die deutsche Übersetzung zu lesen?

Letztens bin ich fast vom Stuhl gefallen, als ich in einem übersetzten Buch das Wort Palmenhände gelesen habe ...

Kommentar-Direktlink rolak· 10.06.11 · 20:12 Uhr

Zum Original kann ich leider nichts sagen, CHP, aber die deutsche Variante las sich sehr angenehm.

Im Gegensatz dazu werden in meinem, bzw einem meiner aktuellen Bücher wieder mal Katzenfische gefangen...

Kommentar-Direktlink FlorianW· 11.06.11 · 03:42 Uhr

Ich finde das Buch ebenfalls interessant - ebenso wie Deine Zusammenfassung und Interpretation - die von meiner abweicht ;-).


Wie bewertest Du z.B. seine Kritik an der wissenschaftlich Methode?

Kommentar-Direktlink MartinB· 11.06.11 · 09:43 Uhr

@CHP
Ich habe es bisher immer auf deutsch, diesmal auf englisch gelesen und muss sagen, die deutsche Übersetzung ist exzellent - lediglich einige Wortspiele etc. gehen in der Übersetzung unter und einige Begriffe haben leicht andere Konnotationen.

@FlorianW
Welche Kritik meinst du? Er kritisiert ja verschiedene Dinge. Nicht so gut nachvollziehen kann ichPhaidros' Aussage, es sei immer leicht, neue Hypothesen zu generieren, das kann ich aus eigener Erfahrung so nicht bestätigen.
Die anderen Dinge brauchen sicher eine ausführlichere Diskussion, aber ich bin gerade auf dem Sprung in den Pfingsturlaub ohne Internetzugriff. Vielleicht greife ich demnächst noch ein paar Aspekte heraus, ansonsten können wir hier ab Dienstag wieder diksutieren.

@rolak
Ja, sowas ist immer furchtbar - besonders wenn z.B. aus eventually eventuell wird oder, wie in der deutschen Übersetzung des Festkörper-Kittel: "Die Elektronen würden sich undefiniert an einem Punkt ansammeln." Da denkt man ne weile nach, dann übersetzt man zurück und landet bei "indefinitely"...

Kommentar-Direktlink rolak· 11.06.11 · 10:47 Uhr

Tja, MartinB, ohne zu wissen, wie alt der Kittel ist: Ob ich kritischer bzw aufmerksamer geworden bin oder die Übersetzungen schlechter - die Menge der Fehlereinträge (mittlerweile ein eigenständiger Unterpunkt der oben schon erwähnten Indices) wächst seit Jahren ~kontinuierlich an. Allerdings lese ich auch (nach Stückzahl) hauptsächlich SciFi.

Und neben herausragenden Leistungen Einzelner piesacken vor allem sich einbürgernde Dauerbrenner wie silicon→Silikon (banane), shotgun→Schrotflinte (Pleonasmus), a.p.o.t→'ein paar Hosen' (nützen mehr als eine?) oder die sm-igen, einfach nur schlechten chain-gun→Kettengewehr, chain-glass→Kettenglas.

Doch wie schon gesagt, beim Pirsig ist mir bisher nichts unangenehm aufgefallen.

Kommentar-Direktlink Klaus Krebs· 11.06.11 · 23:53 Uhr

Das ist wirklich faszinierend, wie lange dieses Buch tatsächlich begeisterte Leser findet. In der Zeit in der ich anfing zu studieren,war es ein Underground Tipp, dann ein Dauerbremmer und jetzt scheint es ein Geheimtipp (der wiedergefundene Schatz) zu sein.

Wie auch immer, meine Empfehlung ist das englische Original, da die Stimmung noch ein Tick besser rüberkommt als in der passablen deutschen Übersetzung.

Kommentar-Direktlink MartinB· 13.06.11 · 20:53 Uhr

@FlorianW
Nochmal nachgefragt: Wo habe ich denn etwas "interpretiert", was du anders siehst - eigentlich gebe ich doch eine Inhaltsangabe.

Kommentar-Direktlink Jacob· 29.07.11 · 09:39 Uhr

Das klingt wirklich sehr interessant. Danke für den Tipp, werde mir das Buch im nächsten Urlaub zur Brust nehmen!

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