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Jürgen Schönstein ist Diplom-Geograph (TU München, 1984) aus Berufung und Journalist von Beruf. Nach rund zwei Jahrzehnten als "fester" Korrespondent für deutsche Publikationen in New York, arbeitet er nun als freier Journalist in Cambridge, Massachusetts - und wird damit auch weiterhin ein besonders waches Auge auf alles Neue aus Wissenschaft, Forschung und Technik halten. Daneben bringt er als Dozent am Massachusetts Institute of Technology (MIT) den Studenten das Schreiben bei.
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20.02.12 · 17:49 Uhr
Was ich meinen Lesern schon immer mal sagen wollte
Kategorie: Politik · Kommentare: 19
Liebe Geograffitico-Leserinnen und -Leser,Das war ironisch gemeint, weshalb ich es auch in eine Zitatform gesetzt habe. Und nur zur Sicherheit noch einmal: Jawohl, das war ironisch gemeint. Aber Politiker oder solche, die es werden wollen, scheinen tatsächlich ernsthaft so zu denken. Wenn also irgend einer der republikanischen Präsidentschaftsbewerber in den USA etwas Dämliches sagt - stellvertretend sei hier Mitt Romney zitiert: ... also wenn irgend eine dämliche Äußerung dann nach hinten losgeht, wenn Joachim Gauck beispielsweise Anerkennung fuer Thilo Sarrazins Positionen zeigt und dafür kritisiert wird, dann waren's selbstverständlich mal wieder nur die Medien, die alles aus dem Zusammenhang gerissen haben. Klar?
wenn etwas von dem, was ich hier schreibe, missverständlich oder gar irreführend rüberkommt, dann ist das selbstverständlich Eure Schuld. Denn es ist, ebenso selbstverständlich, Eure Aufgabe, im Voraus zu wissen, was ich gemeint haben könnte. Und gemeint ist natürlich immer nur das, was mir letztlich am wenigsten schadet. Okay?
Komisch. Irgendwie dachte ich, dass die Verwantwortung für das, was ich sage und schreibe, und ebenso dafür, wie es dann verstanden wird, erst mal bei mir liegen müsste. Missverständnisse sind im Leben nie völlig zu vermeiden, und wer-weiß-wieviele Ehe- und Beziehungskrisen beruhen allein darauf, dass A etwas anderes gemeint als B dann daraus verstanden hat. Aber der Unterschied zwischen "normalen" Menschen und Kommunikatoren - zu denen Politiker eindeutig zu zählen sind: wer nicht kommunizieren kann, hat in der Politik nichts zu suchen - besteht halt darin, dass Letztere darin geübt sein sollten, potenzielle Missverständlichkeiten vorauszusehen und sich dementsprechend klarer auszudrücken. Und wenn's dann doch mal schief geht, wie ein Profi die Verantwortung dafür zu übernehmen und die Klärung nachzuliefern. Wobei hier wirklich Klärung gemeint ist, und nicht das Spuren verwischende Spin-Doctoring.
Und wenn das jetzt irgendwie missverständlich rüber kam, dann ist ... na klar, Eure Schuld!
Autor: Jürgen Schönstein· 19 Kommentare· Permalink· Trackback-URL
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Kommentare (19)
Immer ich :-(
Moment, wie ging das noch damals? Ach ja: Nee, Onkel, dä do hinge woor dat!
"wie es dann verstanden wird"
Der Autor hat nur begrenzt Einfluss darauf, wie ein Leser ihn versteht. Natürlich muss er größtmögliche Klarheit seines Textes anstreben. Aber es kann zum Beispiel passieren, dass ein "harmloses" Wort beim Leser Emotionen auslöst, den Leser rot sehen lässt. Von da an liegt der Text für den Leser in einer gewissen Schublade und wird nicht mehr sachlich analysiert. Die emotionale Antwort löst bei anderen Emotionen aus. Der "flame-war" geht los.
Der Autor kann niemals alle möglichen, eventuell irrationalen Reaktionen voraussehen. Daher sehe ich seine Verantwortung auch nur in diesen Grenzen.
(Alles gilt natürlich auch für Autorinnen und Leserinnen.)
@Jpeelen
Stimmt schon, es ist nicht immer vorhersehbar, wie's am Ende verstanden wird. Aber es geht ja nicht nur darum Missverstaendnisse zu vermeiden, sondern - wenn sie dann geschehen - die Verantwortung zu akzpetieren. Und diese nicht kategorisch auf die anderen abzuwaelzen.
http://www.sueddeutsche.de/politik/umstrittene-aeusserungen-ueber-occupy-und-sarrazin-was-gauck-wirklich-gesagt-hat-1.1288683
Aber immer wieder schön zu sehen, wie und von was Reflexe ausgelöst werden.
Einfach mal das SZ-Interview im Original lesen:
SZ: Herr Gauck, Sie sagen, mutige Politiker seien Ihnen lieber. Ist Thilo Sarrazin mutig?
Gauck: Er ist mutig und er ist natürlich auch einer, der mit der Öffentlichkeit sein Spiel macht, aber das gehört dazu. Er setzt sich dem Missbehagen von Intellektuellen und von Genossen seiner Partei auseinander - darunter werden viele sein, deren Missbilligung er eigentlich nicht möchte. Nicht mutig ist er, wenn er genau wusste, einen Punkt zu benennen, bei dem er sehr viel Zustimmung bekommen wird.
SZ: Wie würden Sie das deutsche Integrationsproblem beschreiben?
Gauck: Es besteht nicht darin, dass es Ausländer oder Muslime gibt - sondern es betrifft die Abgehängten dieser Gesellschaft. Darum erscheint es notwendig, und das ist meine Kritik an Sarrazin, genauer zu differenzieren und nicht mit einem einzigen biologischen Schlüssel alles erklären zu wollen. Und plötzlich wird aus einem Hype eine nüchterne Debatte.
Dr. Webbaer·
21.02.12 · 10:04 Uhr
Die Gaucksche Anerkennung erfolgte für die Positionierung an sich, nicht für die Positionen Sarrazins. So hat's jedenfalls der Schreiber dieser Zeilen verstanden und er wäre auch für den richtigen Transport dieser Anerkennung dankbar - wie vermutlich auch Gauck selbst...MFG
Dr. Webbaer (der den nun langsam aufkommenden bedrückten Gefühlen unter Linken bezüglich der Gauck-Nominierung amüsiert folgt; Gauck wird sicherlich auch zukünftig als Vertreter der Freiheit den einen oder anderen Linken verärgern...)
BTW, das Vid, auf das Dr. W jetzt doch einmal geklickt hat, beweist das aus Sicht des geschätzten Inhaltemeisters Lügerei auf Seiten Romney's?
MFG
Dr. Webbaer (der jetzt http://americanlp.org/about-us/ auf seine Whitelist setzen sollte?)
Schönstein schrieb
Und wie weit reicht die Verantwortung? Muss ich mit jedem mutwilligen (oder einfach nur igoranten) Verkürzen, aus dem Zusammenhang reißen, Verdrehen usw. rechnen? Dann darf man sich auch nicht wundern, wenn sich Politiker immer so verquast und unscharf zu Wort melden.Ansonsten kann ich mir wie der Webbär (mit dem ich sonst nicht oft einer Meinung bin) ein Schmunzeln über die deutsche linke Netzgemeinde nicht verkneifen.
Wb auch immer darauf achten Positionen vorzustellen oder deren Vorstellung zu verteidigen, auch wenn die Kongruenz nicht immer gegeben ist. Wichtich ist halt, dass der Diskurs mit seinen Pros und Contras stattfindet, in Doitschland bekanntlich keine Selbstverständlichkeit, auch weil das Konsensuelle dem Deutschen irgendwie eigen scheint.
Abhilfe schaffen könnte hier eine frühzeitige Essayisierung und Pflege der Debattierkunst, bereits aus den Bildungssystemen heraus; in anderen Ländern erfolgt durchaus eine diesbezügliche Pflege, Dr. W, der sich hier nicht erheben möchte, kennt natürlich die unterschiedlichen Mentalitäten und weiß um deren Bestimmung.
MFG
Dr. Webbaer
q.e.d. Womit bewiesen ist, dass Missverstaendnisse immer moeglich sind. Denn ueber die Qualifikation Joachim Gaucks, oder zumindest meine Haltung zu ihm, habe ich nicht ein Woertchen verloren - trotzdem wird es aus den Woertchen, die da stehen, rausgelesen. Und ja, die Verantwortung dafuer trage ausschliesslich ich. Ist halt so, wenn man die Klappe aufmacht ...
Erst mal zu Gauck: Meine einzige Begegnung mit ihm ist so an die 16 Jahre her, als er damals einen Redaktionsbesuch bei der WELT in Berlin machte. Und ich empfand ihn als einen ernsthaften, zutiefst moralischen Menschen. Ob der Besitz von Moral nun eine gute oder eine schlechte Eigenschaft fuer einen Politiker ist, darueber mag man (leider) streiten), ich selbst ziehe Menschen, die mit einer ethisch soliden Grundausstattung kommen, jeglichen Opportunisten und "Machterhaltern um jeden Preis" vor. Und was immer man gegen ihn sagen koennte: schlechter als seine Vorgaenger wird er dieses farblose Amt kaum verrichten koennen.
Nun aber zum konkreten Gegenstand meines Beitrags. Soundbites - also jene kurzen, scheinbar aus dem Zusammenhang gerissenen Zitate - sind schon seit Jahrzehnten (ich erinnere an Kennedys "Ich bin ein Berliner") das Kleingeld im politischen Geschaeft: schnell zur Hand, nicht wirklich fuer jede Transaktion geeignet, aber fuer jeden erschwinglich. Wiegen manchmal schwerer als ihr wahrer Nennwert, werden aber - und das ist nunmal eine Tatsache - fuer die sprichwoertliche "bare Muenze" genommen, weil sie so (scheinbar?) spontan ausgeteilt werden.
Von Luege war nirgendwo die Rede. Aber wenn der Multimillionaer Romney, beispielsweise, in einer der schwersten Wirtschaftskrisen seit Generationen, die Millionen von Arbeitsplaetzen vernichtet und Millionen von Menschen in Armut getrieben hat, ans Mikrophon tritt und Saetze wie "Ich schmeisse gerne Leute raus" oder "mir sind die Armen wurscht" absondert, dann ist das unsensibel und ungeschickt. Hat er anders gemeint? Vermutlich. Aber nicht anders gesagt. Und wenn es ihm bereits bei solchen Dingen (siehe dazu meine Anmerkung zu Politik und Kommunikation) am Feingefuehl fehlt, dann ist das eine Diskussion wert. Und wenn Gauck dem ehemaligen Berliner Senator Sarrazin "Mut" bescheinigt, dann ist dies eine Form der Anerkennung, egal wie sehr er diese Anerkennung dann einschraenkt. Ich sage nicht, dass Anerkennung fuer Sarrazin automatisch und kategorisch tabu sein muss - aber wer sie ausspricht, muss wissen, dass er damit eine Diskussion anzettelt - und sich zu selbiger bekennen. Ein "Hab-ich-nicht-so-gemeint" ist nie ein Zeichen von Souveraenitaet. (Und ich sage nicht, dass Gauck sich dieser Diskussion nicht stellt - ich lehne nur ab, dass die Diskussion an sich nur die Schuld der Missversteher und damit generell unangebracht sei.) Vor allem, wenn er sich um das Amt des Bundespraesidenten bewirbt, dessen "Macht" ausschliesslich im geschickten Gebrauch der Worte liegt.
"wenn etwas von dem, was ich hier schreibe, missverständlich oder gar irreführend rüberkommt, dann ist das selbstverständlich Eure Schuld. Denn es ist, ebenso selbstverständlich, Eure Aufgabe, im Voraus zu wissen, was ich gemeint haben könnte. Und gemeint ist natürlich immer nur das, was mir letztlich am wenigsten schadet. Okay?" Das merke ich mir, das ist gut, es gibt tatsächlich Personen, die genau so denken.
rolak·
21.02.12 · 18:39 Uhr
Mist, meinetwegen hätte die Blase auch noch weiter aufgepustet werden können. Das platzt dann nachher umso schöner...:-)))
Benachrichtigung funzt natürlich wieder nicht;-(
Bei Georg Hoffmann auch nicht:-(((. Bei allen anderen schon.
Hier eine thematisch passende Betrachtung eines anderen Webbaeren:
'Die deutschsprachige, digitale Öffentlichkeit - Netzgemeinde wie Online-Medien - muss sich in Teilen einen Vorwurf machen lassen, den sie mit Vorliebe Dritten vorhält: mangelnde Online-Kompetenz.' (Quelle)
MFG
Dr. Webbaer (der die bekannten Probleme der doitschsprachigen, digitalen Öffentlichkeit i.p. Gauck abweichend von SL weniger in der Quellenarbeit sieht, sondern eher darin, dass Gauck tatsächlich inakzeptabel ist für strenge Linke [1])
[1] Die doitsche LINKSPARTEI spricht's offen aus, Kommentar: Irgendwie haben sich Gabriel und Trittin (angeblich der "Gauck-Macher") hier keinen Gefallen getan - egal wie sauer Mutti im Moment auch ist.
> Hier eine thematisch passende Betrachtung ein
"thematisch passend" ? SoSo.
Dr. Webbaer·
22.02.12 · 00:33 Uhr
Das ist ein interessanter Punkt. Wie Sascha Lobo in seiner weiter oben verlinkten Analyse betont, sorgen die modernen Medien, gemeint immer: das Web, für einen Hinzubau an Komplexität und die Quellenarbeit wird erforderlich und geht mit dem Verstehen auch anspruchsvollerer Texte Hand in Hand. - Sicherlich wurde in der Politik oft einem ochlokratischen Konzept gefolgt, das sich in etwa wie folgt zusammenfassen lässt: 'Sage nie etwas, das falsch verstanden werden kann, Ironie ist bis zum Geht-Nicht-Mehr tabu, und am besten sagst Du inhaltlich nichts, was vom breiten Konsens abweicht - sage etwas, das nicht so klingt, als hättest Du nichts gesagt, orientiere Dich aber am Nichts.' - Im Web kommt man allerdings damit nicht mehr durch.MFG
Dr. Webbaer (der sowas hier denn auch eher als Zielgruppen angepasstes Relikt einstuft)
zu beachten vielleicht noch diese Personalisierung:
http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/joachim-gauck-liebhaber-der-freiheit-11656449.html
Gauck nennt sich also 'einen linken, liberalen Konservativen', vermutlich liegen hierin einige Missverständnisse begründet...
MFG
Dr. Webbaer (auch links btw)
Hier noch eine TAZ-Meinung, lol:
http://www.taz.de/1/archiv/digitaz/artikel/?ressort=tz&dig=2012%2F02%2F21%2Fa0133&cHash=7afd487b0c
MFG
Dr. Webbaer, der sich nun - nicht ohne sich für das Aufgreifen dieses Themas zu bedanken - ausklinkt
Eine simple Auslassung, sehr offensichtlich warum: Georg Schramm, die Welt und Bildblog.
Diese Leute müssten gewillt sein, auch die ganze Wahrheit zu berichten.