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Jürgen Schönstein ist Diplom-Geograph (TU München, 1984) aus Berufung und Journalist von Beruf. Nach rund zwei Jahrzehnten als "fester" Korrespondent für deutsche Publikationen in New York, arbeitet er nun als freier Journalist in Cambridge, Massachusetts - und wird damit auch weiterhin ein besonders waches Auge auf alles Neue aus Wissenschaft, Forschung und Technik halten. Daneben bringt er als Dozent am Massachusetts Institute of Technology (MIT) den Studenten das Schreiben bei.
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23.02.12 · 16:45 Uhr
Der wirklich kleine Unterschied: das Y-Chromosom
Kategorie: Naturwissenschaften · Kommentare: 6
Nur ein kurzer Denkanstoß, denn dann muss ich mich wieder anderen (bezahlten) Tätigkeiten widmen: Eines der Merkmale, durch die Männer sich als Männer definiert fühlen, ist ja das geschlechtsspezifische Chromosom, das - ob seiner Form - als Y-Chromosom bezeichnet wird und dessen Gene ausschließlich über die männliche Linie weiter gegeben werden. Wie hier schon mal (im Interview) angesprochen wurde, scheint sich dieses Chromosom in evolutiver Auflösung zu befinden: Seit "Erfindung" der Männer vor etwa 320 Millionen Jahren hat es, laut diesem Beitrag in der aktuellen New York Times, über 98 Prozent seiner Gene eingebüßt, ist also nur noch ein Schatten seiner selbst. Was die (im oben verlinkten Interview auch angeschnittene) Frage aufwirft: Sterben Männer langsam aus?
Die gute (aus männlicher Sicht jedenfalls) Nachricht: Offenbar nein! Davon abgesehen, dass Männlichkeit in der Natur nicht unbedingt nur durch ein eigenes Chromosom etabliert wird - Insektenmännchen zeichnen sich beispielsweise dadurch aus, dass sie nur den halben Chromosomensatz der Weibchen besitzem - scheint der Schrumpfungsprozess des Y-Chromosoms zum Stillstand gekommen zu sein. Mit anderen Worten: Weniger als das, was jetzt schon da ist, wird es voraussichtlich nicht geben. Mehr dazu in der aktuellen Ausgabe von nature; zumindest dieser Beitrag ist auch nicht-Abonnenten frei zugänglich.
Doch auf eines sollte man auch an dieser Stelle hinweisen: Auf dem männlichen Chromosom finden sich nur noch bescheidene 19 Gene. Na gut, wird sich der eingefleischte Sexist sagen, das beweist ja nur, dass man selbst mit so einem Bisschen an genetischem "Startkapital" eine überlegene Position erreichen kann. Doch die vermutlich realistischere Sichtweise wäre: Das, was uns Maennern so wichtig und definitiv erscheint, ist ganz offenbar nur eine genetisch abgekupferte Variante dessen, was Frauen entwickelt haben. Das Y-Chromosom mag für Männer charakteristisch sein, aber ohne das beigegebene X-Chromosom wären wir - nichts.
Autor: Jürgen Schönstein· 6 Kommentare· Permalink· Trackback-URL
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Kommentare (6)
Naja, Frauen haben das Gen SRY nicht. (Sex determing region of Y) Das lag zwar vorher auf dem X, aber nichtsdestotrotz ...
Und Frauen komplett ohne Xe wären auch - nichts.
(Frauen mit nur einem X sind auch weiterhin Frauen, zugegebenermaßen. Immerhin wird standardmäßig bei Frauen in jeder Körperzelle zufällig eines der Xe ausgeschaltet.)
"Abgekupfert" ist eine sehr antropromorphisierende Bezeichnung des Vorganges.
Der genetische "Default" beim Menschen scheint die Frau zu sein.
(D.h. man braucht einen Zusatzfaktor, damit aus einem Embryo eine Frau wird)
Bei Insekten ist das anders - da ist das Fehlen eines Chromosomes das Signal für "Männchen". (Naja, zumindest bei Drosophila. Bei Bienen fehlt gleich ein ganzer Chromosomensatz - Drohnen sind haploid.)
Bei Vögeln auch - da haben wenigstens einige ein sogenanntes WZ-System, d.h. Weibchen haben das verkürzte Chromosom.
Was man festhalten kann (und bei der Wikipedia auch so steht) ist das es anscheinend nützlich ist, die Geschlechtsbestimmung von einem speziellen Chromosom abhängig zu machen, was dann auch ruhig verkürzt oder nichtvorhanden sein darf.
Welches Geschlecht das verkürzte/fehlende Chromosom hat, ist komplett irrelevant.
(Siehe Vögel/Menschen im Vergleich)
Das ist die evolutionäre Lehre, die ich daraus ziehe.
(Über das Zusammenleben von Männern und Frauen sagt die schiere Genanzahl auf einzelnen Chromosomen - nichts. Wobei, Y haben da einen entscheidenden Vorteil, den auch der Feminismus nicht wegdiskutieren kann - Männer können ohne Hilfsmittel im stehen Pinkeln.)
Dass das Y-Chromosom in der letzten 320 Millionen Jahren kleiner geworden ist wusste ich bislang nicht, ändert aber mein Bild des Verhältnis der Geschlechter nicht. Statt zu sagen, dass wir ohne das X-Chromosom nichts wären könnte Mann aber auch behaupten, dass wir im Gegensatz zu Frauen, bei denen ein X-Chromosom deaktiviert ist, tatsächlich zwei aktive Chromosomen, das X- und das Y-Chromosom, haben und wir deshalb tatsächlich mehr nutzen als das schwache, starke, oder was auch immer Geschlecht :p
Ich glaube der "reine" männliche Sexist würde sich freuen, wenn es ein paar Konkurrenten weniger geben würde.
Man stelle sich mal vor auf einen Mann kämen 1.000 Frauen. Das reinste Sexparadies ;) abgesehen von all den Problemen die auftauchen...
bitte nicht zu ernst nehmen :)
@Philipp G.:
"Wobei, Y haben da einen entscheidenden Vorteil, den auch der Feminismus nicht wegdiskutieren kann - Männer können ohne Hilfsmittel im stehen Pinkeln."
Das brauch "der Feminismus" auch gar nicht, es ist nämlich Quark (Achtung: Wikipedia-Link NSFW): "Herodot berichtet aus dem antiken Ägypten, dass „...die Weiber ihren Harn im Stehen lassen und die Männer im Sitzen.“ Auch in verschiedenen anderen Kulturkreisen, beispielsweise bei einigen afrikanischen Ethnien, ist es für Frauen üblich, im Stehen zu urinieren. Diese kulturellen Unterschiede sowie die Tatsache, dass spezielle Techniken zum „Stehpinkeln“ für Frauen erlernbar sind, zeigt eine starke kulturelle Prägung der Körperhaltung und dass es sich dabei um erlernte Verhaltensweisen handelt."
S.a.: http://thesocietypages.org/socimages/2011/08/23/to-sit-or-not-to-sit-gendering-how-we-pee/
sind ja 200 und nicht nur 19 Gene. Ansonsten haben Männer sogar mehr Gene als Frauen. Bei Frauen sind wie beim Mann die gleiche Anzahl von X-Chromosomen aktiv. Stichwort Dosiskompensation.
Da gibt es zwar den Vorteil der Variabilität, Stichwort Farbenblindheit. Aber beim Mann sind es halt die 200 Gene die er mehr hat. So gesehen finde ich die Diskussion um das "mangelhafte Y-Chromosom für reines Gendermainstream Geschwaffel.
Double X ist die Default Version und XY halt eine andere Version.
Die Anzahl an Genen ist auch irrelevant. Ein Gen kann schon dramatische Auswirkungen haben.
Die ganze Diskussion erinnert mich an meinen Bio Unterricht zu Abizeit als die Erbkrankheiten durchgegangen wurden, und die Mädels bei männlichen Erbkrankheiten gejubelt haben, weil sie sich für Überlegen fühlten.
@ Philipp G.:
@jitpleecheep:
Um zu sehen, dass Frauen bzw. Mädchen im Stehen urinieren können, muss man gar nicht erst ethnologische Feldforschung in Afrika betreiben, da genügt auch das Hinschauen hierzulande (in D), da können es die Mädels auch, zumindest die kleinen, und spezieller Techniken bedarf es eigentlich nicht. Dass es die Erwachsenen nicht mehr tun, hat sicher kulturelle und v.a. kleidungsbedingte praktische Gründe. Da man aber inzwischen auch die Männer anhält, sich (im Haus) dabei zu setzen, verschwimmen die Unterschiede immer mehr ;).