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Jürgen Schönstein ist Diplom-Geograph (TU München, 1984) aus Berufung und Journalist von Beruf. Nach rund zwei Jahrzehnten als "fester" Korrespondent für deutsche Publikationen in New York, arbeitet er nun als freier Journalist in Cambridge, Massachusetts - und wird damit auch weiterhin ein besonders waches Auge auf alles Neue aus Wissenschaft, Forschung und Technik halten. Daneben bringt er als Dozent am Massachusetts Institute of Technology (MIT) den Studenten das Schreiben bei.

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Archiv Februar 2012

28. Februar 2012

Schrödingers Diagnostik

Kategorie: Medizin  ·  Kommentare: 38

Das Thema, ob Früherkennungs-Untersuchungen sinnvoll sind oder ob sie mehr schaden als nützen, beschäftigt mich ja immer wieder mal, Gerade erst hatte ich darüber gepostet, dass der Nutzen der Darmspiegelung, der in Diskussionen ja durchaus umstritten ist, sich zumindest statistisch nun belegen lässt. Aber natürlich gibt es auch sehr begründete und ernst zu nehmende Gegenpositionen, eine davon in der Dienstagausgabe der New York Times, die von Gilbert Welch verfasst wurde, der als Professor für Medizin am Dartmouth Institute for Health Policy and Clinical Practice lehrt und der sich auch als Buchautor mit dem Thema Überdiagnose befasst hat. Seine These ist:

The basic strategy behind early diagnosis is to encourage the well to get examined -- to determine if they are not, in fact, sick. But is looking hard for things to be wrong a good way to promote health?The truth is, the fastest way to get heart disease, autism, glaucoma, diabetes, vascular problems, osteoporosis or cancer ... is to be screened for it. In other words, the problem is overdiagnosis and overtreatment. (...) This process doesn't promote health; it promotes disease.
Mit anderen Worten: Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß. Und das ist, so trivial es klingt, durchaus plausibel, auch wenn ich persönlich das Wissen vorziehe. Ist halt wie mit Schrödingers Katze: Letztlich ist es (in diesem Gedankenexperiment, zu dem ich ansonsten auch eine etwas andere Meinung habe), nicht der radioaktive Zerfall, der der Katze den Schaden zufügen wird, sondern unsere Neugier - so lange die Kiste zu bleibt, ist alles (scheinbar?) in Ordnung.


Ich würde diese Überlegung gerne zur Diskussion stellen. Wer hat eine (andere) Meinung zu dieser Schrödinger-Diagnose?


Autor: Jürgen Schönstein· 28.02.12 · 20:20 Uhr· 38 Kommentare

26. Februar 2012

Was an der Gentechnik schlecht ist

Kategorie: Naturwissenschaften·Politik  ·  Kommentare: 67

Dies sollte eigentlich ein viel längerer, polemischer Text werden, in dem ich eine Gegenposition zum Beitrag meines SB-Kollegen Christian Reinboth über grüne Gentechnik in Sachsen-Anhalt beziehen wollte. Die Gegenposition bleibt, nur die lange Polemik habe ich wieder gestrichen, nachdem ich mich eben aus aktuellem Grund noch viel mehr über American Airlines und deren tief verankerte Abneigung gegen die Leute, die sich in ihre Flugzeuge setzen wollen, geärgert habe. Ich hab' einfach nicht die Luft für zwei Tiraden.

Was an der Gentechnik schlecht ist, lässt sich in zwei Wörtchen sagen: ihr Image. Und daran ist niemand sonst schuld als "die Gentechnik" selbst. Das hätte ich zwar gerne differenziert nach gentechnische Forschung und gentechnische Produktion und Vermarktung, und dann die Schuld allein auf Letztere geschoben - aber mit dieser gemeinsamen Erklärung der großen deutschen Forschungsinstitute ist diese Trennung leider längst aufgehoben worden: Angst um den Standort Deutschland, weil ein von Verbrauchern abgelehntes Produkt nicht angebaut werden darf? Lasst mal stecken.

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Autor: Jürgen Schönstein· 26.02.12 · 02:20 Uhr· 67 Kommentare

23. Februar 2012

Der wirklich kleine Unterschied: das Y-Chromosom

Kategorie: Naturwissenschaften  ·  Kommentare: 6

Nur ein kurzer Denkanstoß, denn dann muss ich mich wieder anderen (bezahlten) Tätigkeiten widmen: Eines der Merkmale, durch die Männer sich als Männer definiert fühlen, ist ja das geschlechtsspezifische Chromosom, das - ob seiner Form - als Y-Chromosom bezeichnet wird und dessen Gene ausschließlich über die männliche Linie weiter gegeben werden. Wie hier schon mal (im Interview) angesprochen wurde, scheint sich dieses Chromosom in evolutiver Auflösung zu befinden: Seit "Erfindung" der Männer vor etwa 320 Millionen Jahren hat es, laut diesem Beitrag in der aktuellen New York Times, über 98 Prozent seiner Gene eingebüßt, ist also nur noch ein Schatten seiner selbst. Was die (im oben verlinkten Interview auch angeschnittene) Frage aufwirft: Sterben Männer langsam aus?

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Autor: Jürgen Schönstein· 23.02.12 · 16:45 Uhr· 6 Kommentare

Neue Studie: Vorsorgeuntersuchung hilft

Kategorie: Medizin  ·  Kommentare: 36

Das Thema Vorsorgeuntersuchung hat mich (mag ein altersspezifisches Phänomen sein) hier bereits mehrfach beschäftigt, und dabei ganz speziell der Aspekt, den man als Vorsorge-Dilemma bezeichnen kann: Bei Brust- und Prostatakrebs wird oft kein nennenswerter statistischer Zusammenhang zwischen den empfohlenen Vorsorgeuntersuchungen und dem tatsächlichen Krankheits- und Sterbensrisiko entdeckt, obwohl der individuelle Zusammenhang durch zahlreiche Einzelfälle und common sense belegbar scheint. Zumindest für die Darmkrebs-Vorsorgeuntersuchung scheint dieses Dilemma nun gelöst: Ein Paper im aktuellen New England Journal of Medicine kommt - von mir hier auf eine einzige Ziffer verkürzt - nach einer Langzeitstudie (20 Jahre) zu dem Ergebnis, dass eine Darmspiegelung (Koloskopie), bei der riskante Darmpolypen nicht nur entdeckt, sondern gleichzeitig auch entfernt werden können, das Risiko, an Darmkrebs zu sterben, um 53 Prozent reduziert.

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Autor: Jürgen Schönstein· 23.02.12 · 16:03 Uhr· 36 Kommentare

Arbeitsplatz eines MIT-Wirkenden

Kategorie: Umwelt  ·  Kommentare: 8

Thilo Küssner hatte hier ja angeregt (und vorgeführt), die Serie "Mein Arbeitsplatz" mal wieder zu aktualisieren. Und da mir zum Bloggen gerade wenig Zeit bleibt (muss bis zum Wochenende 50 Studentenarbeiten benoten, kommentieren, Kommentare und Beurteilungsblatt als pdf abspeichern und dann jedes einzeln auf die Kurs-Website hochladen - allein für letzteres wird mindestens ein halber Tag draufgehen), zeige ich Euch einfach mal ein paar Bilder von meinem Arbeitsplatz am Massachusetts Institute of Technology:
Arbeitsplatz1.jpgDies ist mein tatsächlicher Arbeitsplatz beim MIT - ziemlich gewöhnlich, und da dies erst mal eine Teilzeit-Stelle ist, auch noch nicht sonderlich personalisiert.

Die Umgebung ist da schon großartiger:
Arbeitsplatz2.jpgDas Hauptgebäude an der Massachusetts Avenue trägt die Hausnummer 77; der neoklassizisische Komplex wurde 1913 von dem US-Architekten William Bosworth (selbst ein MIT-Absolvent) gestaltet. Die weiße, filigran anmutende Skulptur links im Bild trägt den Titel Alchemist; sie ist das neueste von zahlreichen Kunstobjekten, die über den MIT-Campus verstreut sind.

Ein Kunstwerk für sich ist das Ray and Maria Stata Center (in dem unter anderem die Computerwissenschaften untergebracht sind, mit deren Studenten ich gerade arbeite):
Arbeitsplatz3.jpgDoch leider war dieses 2004 eröffnete Gebäude des amerikanische Star-Architekten Frank Gehry erst mal mehr Schein als Sein: Die Räume sind bei weitem nicht so funktional, wie man sich erhofft hatte; in manchen Hörsälen und Seminarräumen sind die Wände gerade schief genug, den Orientierungssin der Studenten so weit aus der Senkrechten zu werfen, dass sie sich gelegentlich über Symptome beklagen, die der Seekrankheit ähneln. Außerdem wurde beim Bau geschlampt, weshalb es schließlich zum (außergerichtlich beigelegten) Rechtsstreit zwischen dem MIT und Gehry.

Der bunte Terrazzo-Boden in diesem Atrium des Hauptgebäudes wurde von dem amerikanischen Künstler Sol LeWitt gestaltet:
Arbeitsplatz4.jpg
Diese Kunst wird zwar mit den Füßen getreten - aber sehr schonend: Obwohl sich dieses Atrium unmittelbar neben dem "endlosen Gang" (Infinite Hallway - so heißt der Hauptgang, der sich durch rund ein Dutzend MIT-Gebäude zieht und auf dem fast so viel los ist wie in der Münchner Fußgängerzone), verschlägt es kaum jemanden hierher. Und wenn ich mal ein paar stille Minuten brauche, dann bin ich hier genau richtig.

So, das war ein kleiner Eindruck der Umgebung, in der ich arbeite. Zumindest in meiner Eigenschaft als Dozent für Schreiben am MIT. ScienceBlogs.de und Geograffitico werden hier jedoch nicht gemacht; da mache ich eine deutliche Trennung. Für letzteres habe ich einen kleinen Schreibtisch in einer Ecke meiner Wohnung reserviert:
Arbeitsplatz5.jpg


Autor: Jürgen Schönstein· 23.02.12 · 05:36 Uhr· 8 Kommentare

20. Februar 2012

Was ich meinen Lesern schon immer mal sagen wollte

Kategorie: Politik  ·  Kommentare: 19

Liebe Geograffitico-Leserinnen und -Leser,
wenn etwas von dem, was ich hier schreibe, missverständlich oder gar irreführend rüberkommt, dann ist das selbstverständlich Eure Schuld. Denn es ist, ebenso selbstverständlich, Eure Aufgabe, im Voraus zu wissen, was ich gemeint haben könnte. Und gemeint ist natürlich immer nur das, was mir letztlich am wenigsten schadet. Okay?
Das war ironisch gemeint, weshalb ich es auch in eine Zitatform gesetzt habe. Und nur zur Sicherheit noch einmal: Jawohl, das war ironisch gemeint. Aber Politiker oder solche, die es werden wollen, scheinen tatsächlich ernsthaft so zu denken. Wenn also irgend einer der republikanischen Präsidentschaftsbewerber in den USA etwas Dämliches sagt - stellvertretend sei hier Mitt Romney zitiert: ... also wenn irgend eine dämliche Äußerung dann nach hinten losgeht, wenn Joachim Gauck beispielsweise Anerkennung fuer Thilo Sarrazins Positionen zeigt und dafür kritisiert wird, dann waren's selbstverständlich mal wieder nur die Medien, die alles aus dem Zusammenhang gerissen haben. Klar?

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Autor: Jürgen Schönstein· 20.02.12 · 17:49 Uhr· 19 Kommentare

14. Februar 2012

Der Mammut-Schwindel: Ein Nachtrag

Kategorie: Naturwissenschaften  ·  Kommentare: 22

Dass das angebliche Mammut in Sibirien, das im Internet - und auch auf den Seiten von BILD.de - die Runde machte, nicht das ist, was es zu sein vorgibt, hatte ich hier ja schon geschrieben. Aber die Sache ist doch noch ein bisschen härter: Während ich bisher nur angenommen hatte, dass es sich um einen Scherz handelt, bei dem ein zweideutig interpretierbares Video (ich hatte auf einen Bären mit einem Lachs im Maul getippt) durch bewusste Ausschnitts-Auswahl und gezielt nachbearbeitete Unschärfe "umgedeutet" wurde, scheint es sich doch um einen handfesten Schwindel zu handeln. Die Huffington Post hat hier den Urheber des Original-Flussvideos ausfindig gemacht - und erstens ist das Video, wie man es von heutiger Aufnahmetechnik erwarten kann, gut fokussiert, zweitens ist kein Bär oder Mammut oder sonst eine Kreatur in diesem Video zu sehen (die also nachträglich einkopiert worden sein musste). Und drittens wurde diese Aufnahme von dem angeblichen "Experten für paranormale Phänomene" Michael Cohen schlichtweg geklaut. Hier erst mal die beiden Videoclips zum Vergleich:

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Autor: Jürgen Schönstein· 14.02.12 · 15:50 Uhr· 22 Kommentare

Vor 50 Jahren: John Glenns Raumflug

Kategorie: Technik  ·  Kommentare: 5

Er war nicht der erste Mensch im All, nicht mal der erste Amerikaner. Aber John Glenn verkörpert Amerikas Weltraumprogramm wie kein anderer: Er war der erste Amerikaner, der die Erde in einem Raumschiff umrundete (am 20. Februar 1962, und er wurde dafür gefeiert wie ein Held. Seine Popularität münzte er später in eine lange politische Karriere um; ein Vierteljahrhundert vertrat er als demokratischer Senator seinen Heimatstaat Ohio in Washington. Im gleichen Jahr, als er sich aus der aktiven Politik verabschiedete, wurde Glenn auch der bislang älteste Mensch im All: 1998 flog der damals 77-Jährige als Besatzungsmitglied der Discovery in der Space-Shuttle-Mission 95 mit. Am kommenden Samstag, also dem Wochenende vor dem 50. Jahrestag seines Mercury-Fluges, wird er sich auf Cape Canaveral mit seinem alten Kameraden Scott Carpenter treffen; die beiden sind die einzigen Überlebenden der usprünglichen Crew von sieben Astronauten des Mercury-Programms. Die New York Times hat den nunmehr 90-jährigen Weltraumveteranen aus diesem Anlass interviewt:

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Autor: Jürgen Schönstein· 14.02.12 · 03:43 Uhr· 5 Kommentare

Kribbel-Kabbeliges zum Valentinstag

Kategorie: Kultur  ·  Kommentare: 12

Der heutige 14. Februar, Namenstag eines nicht eindeutig bestimmbaren Märtyrers namens Valentinus, ist zwar kein offizieller Feiertag, aber - zumindest in den USA, und meines Wissens auch in Deutschland - ein Anlass, unter dem Vorwand der Liebe den Umsatz von Schnittblumen, Parlinenschachteln, Schmuck und Juwelen in vielerlei Preislage oder auch - siehe hier - romantischer Auftragspoesie (kostenlose Alternativen findet man hier, sie sind aber nicht unbedingt romantisch) anzukurbeln. Da ist die Idee der New Yorker Wildlife Conservation Society (Betreiber der New Yorker zoologischen Gärten, aber auch eine anerkannte Artenschutz-Organisation) geradezu originell: Für eine Gebühr von zehn Dollar kann man seinem/seiner Geliebten die Patenschaft einer Madagaskar-Fauchschabe schenken:
header-name-a-roach-last-chance.jpg
Ob das eher Herzen schmelzen lässt oder gruselige Gänsehaut auslöst, wüsste ich nicht zu sagen. Aber eine gewisse Originalität ist der Idee nicht abzusprechen ...


Autor: Jürgen Schönstein· 14.02.12 · 01:06 Uhr· 12 Kommentare

11. Februar 2012

In Darwins eigener Handschrift

Kategorie: Kultur·Naturwissenschaften

Charles_Darwin_drawing_by_Samuel_Laurence,_1853,_alternative.jpgAm Sonntag, dem 12. Februar 2012, jährt sich Charles Darwins Geburtstag zum 203. Mal. Das American Museum of Natural History hat, gemeinsam mit der Cambridge University Library und der Biodiversity Heritage Library (die dem Natural History Museum in London beigeordnet ist), den Jahrestag zum Anlass genommen, eine digitalisierte Datenbank mit Darwins Schriften online zu stellen. Das Darwin Manuscript Project ist, nach Angaben des Museums, der "umfassendste Katalog von Charles Darwins wissenschaftlichen Manuskripten, der jemals zusammengestellt wurde": Er enthält schon jetzt (die Arbeit geht noch weiter) 15.125 hochauflösend eingescannte und suchfähig abgeschriebene Dokumente, darunter Darwins Tagebücher, sowie Abschriften (aber keine Abbildungen) von weiteren 7400 Manuskriptseiten.

DARBASE.jpg

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Autor: Jürgen Schönstein· 11.02.12 · 00:05 Uhr· 0 Kommentare

10. Februar 2012

Das Mammut in Sibirien, oder: wie gut, dass es Fragezeichen gibt

Kategorie: Naturwissenschaften  ·  Kommentare: 12

Wo kriegt man im Zeitalter des Autofocus eigentlich noch Kameras her, die so wunderbar verschwommene Bilder machen, dass man einfach alles reininterpretieren kann, was man will? Die Bild-Zeitung (ja, für die habe ich mal gearbeitet, und weiß, wie sie tickt - ich bin mir sicher, die Redaktion hatte bei dem Thema einen Heidenspaß) hat auf ihrer Webseite das angebliche Video eines angeblichen Ingenieurs in Sibirien, das angeblich ein überlebendes Eiszeit-Mammut beim Durchqueren eines Flusses zeigt:

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Autor: Jürgen Schönstein· 10.02.12 · 00:33 Uhr· 12 Kommentare

09. Februar 2012

Wissenschaftler und ihr Interesse am Geld

Kategorie: Politik  ·  Kommentare: 29

Wenn's um Klimaforschung - genauer gesagt: den Klimawandel - geht, taucht ja sehr schnell der Vorwurf auf, dies sei alles nur eine Verschwörung (scheint's als ob ich in letzter Zeit nicht ohne dieses Wort auskomme), damit sich die Klimaforscher bereichern können, im Sinne von: klotzig Geld mit der Erforschung eines nicht vorhandenen Phänomens verdienen. Abgesehen davon, dass es nach dieser Logik viel lukrativer wäre, gegen den Klimawandel zu forschen, da erstens die Konkurrenz geringer ist und zweitens die Geldgeber (zum Beispiel das Heartland Institute) vermutlich finanziell viel besser ausgestattet sind: Die Annahme, dass dies nur eine Geldschinderei sei, liegt alleine schon deswegen daneben, weil Wissenschaftler nachweislich nicht vom Geld motiviert sind. Hab' ich eben "nachweislich", im Sinne von "wissenschaftlich belegbar" geschrieben? Jawohl, denn genau das ist es: Scott Stern von der MIT Sloan School of Management hat genau diesen Aspekt der wissenschaftlichen Taetigkeit analysiert. Und kam dabei zu dem Resultat, dass Wissenschaftler sogar bereit sind, für mehr Forschungsmöglichkeiten auf Einkommen zu verzichten. Oder, um es in Sterns Worten überspitzt auszudrücken: Scientists Pay to Be Scientists.
(Muss leider nun zu einer Vorlesung rennen; wer ein bisschen mehr über Scott und seine Forschung erfahren will, kann sich hier schon mal einlesen.)


Autor: Jürgen Schönstein· 09.02.12 · 18:45 Uhr· 29 Kommentare

Der See aus der Vergangenheit

Kategorie: Naturwissenschaften·Umwelt  ·  Kommentare: 2

Aus aktuellem Anlass, aber leider ohne weitere eigene Betrachtung (aus Zeitmangel): Russische Wissenschaftler der Antarktis-Station Wostok sind nach mehr als einem Jahrzehnt des Bohrens erstmals zum etwa vier Kilometer tief unter dem Antarktis-Eis eingeschlossenen Wostok-See vorgedrungen. Das Suesswasser des Sees ist seit mindestens 15 Millionen Jahren von jeglichem Umweltkontakt abgeschlossen; falls es dort (noch) Leben gibt, wuerde es gute Rueckschluesse auf potenzielle Lebensbedingungen auf den Jupitermonden Ganymed und Europa, oder auf dem Saturnmond Enceladus erlauben. Hier ein Artikel aus der heutigen New York Times zum Thema: Russian Scientists Bore Into Ancient Antarctic Lake.
512px-Lake_Vostok_drill_2011.jpg
Abbildung: Zina Deretsky / NSF (US National Science Foundation) [Public domain], via Wikimedia Commons


Autor: Jürgen Schönstein· 09.02.12 · 17:34 Uhr· 2 Kommentare

08. Februar 2012

Gibt es zu wenig islamische Terroristen?

Kategorie: Politik  ·  Kommentare: 21

Könnte man meinen, wenn man The Missing Martyrs: Why There Are So Few Muslim Terrorists von Charles Kurzman vorsätzlich falsch interpetiert. Worum es darin geht, lassen wir ihn doch am besten gleich selbst erklären:

The Missing Martyrs promotional video from Charles Kurzman on Vimeo.


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Autor: Jürgen Schönstein· 08.02.12 · 18:11 Uhr· 21 Kommentare

Die große Treppenverschwörung

Kategorie: Umwelt  ·  Kommentare: 82

Ich habe versucht, lernfähig zu sein und mir mal zu Herzen genommen, was in manchen Kommentaren zu meinen und anderen Blogbeiträgen von dem einen oder anderen Klimawandelskeptiker so verzapft erklärt wird. Und bei konsequenter Anwendung dieser Denkstrukturen kann man sogar ganz erstaunliche Erkenntnisse gewinnen. Zum Beispiel die, dass es eine weltweite Treppenverschwörung gibt - das konzertierte Bemühen von Bauunternehmern, Hauseigentümern und Stadtplanern, uns einzureden, dass es so etwas wie "Treppen", also eine bauliche "Dienstleistung" zum Erklimmen höherer Niveaus gibt. Gleichzeitig werden wir ständig auf die Gefahren hingewiesen, die von solchen "Treppen" ausgehen - und mit unzumutbaren Vorschriften behelligt, wie beispielsweise jener, dass diese ein (kostspieliges!) Geländer haben müssen. Dabei ist das alles doch nachweislich Blödsinn!

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Autor: Jürgen Schönstein· 08.02.12 · 04:27 Uhr· 82 Kommentare

06. Februar 2012

Die UN-Verschwörung ist an allem Schuld!

Kategorie: Politik·Umwelt  ·  Kommentare: 24

256px-The_United_Nations_Building.jpgTut mir leid, dass ich schon wieder das Reizwort Verschwörung benutze - und die Überschrift ist mit einer Portion Sarkasmus im Tonfall auszusprechen. Ich habe zwei Jahrzehnte lang als UN-Korrespondent über die Weltorganisation aus ihrem Hauptsitz am New Yorker East River berichtet, und wenn es ein einzelnes, alles umspannendes Attribut gäbe, das ich den Vereinten Nationen ins Poesiealbum schreiben müsste, dann wäre es wohl "uneinig" (ja, der Ironie bin ich mir bewusst, vielen Dank). Dass in so einem Länderhaufen, wo "Einigungen" immer in Anführungszeichen zu setzen sind und Effizienz ein Scherzwort zu sein scheint, seit längerem eine koordinierte, durchorganisierte und politisch konsistente Verschwörung stattfinden soll, erscheint jedem, der den Laden kennt, bestenfalls lachhaft und schlimmstenfalls als ein Indiz, dass eine neuropsychiatrische Untersuchung ratsam wäre. Doch genau dies ist es, was offenbar viele Tea-Party-Anhänger (ich habe gelegentlich schon die Bezeichnung Teanderthaler gehört und gelesen) derzeit umtreibt und sie gegen verbesserten öffentlichen Personennahverkehr, Umweltschutz, effizientere Energieversorgung und wasnichtsonstnochalles auf die Barrikanden treibt: Alles eine Verschwörung der Vereinten Nationen, basierten auf der Agenda 21.

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Autor: Jürgen Schönstein· 06.02.12 · 05:00 Uhr· 24 Kommentare

03. Februar 2012

Der Hochschul-Esoterik "vehement, laut und vernehmlich Einhalt gebieten"

Kategorie: Medizin·Naturwissenschaften·Politik  ·  Kommentare: 68

Auf dem GWUP-Blog war ja schon vor einigen Tagen ein Link zu diesem Clip aus der 3Sat-Sendung nano zu finden. Aber ich denke, man kann ihn nicht oft genug zeigen, darum auch hier noch einmal der Hinweis (einbetten lässt sich das Video leider nicht, aber aufs Bild klicken führt direkt dorthin):
Vorschaubild für Nano.jpg
Hier der Direktlink noch einmal in Langschrift: http://www.3sat.de/mediathek/mediathek.php?obj=29008&mode=play&nw=true


Autor: Jürgen Schönstein· 03.02.12 · 16:53 Uhr· 68 Kommentare

"Ein-Blicke" offenbaren Erstaunliches

Kategorie: Kultur·Naturwissenschaften  ·  Kommentare: 5

Ich könnte mir zwar einige Tricks vorstellen, wie man das nachfolgende Video fälschen ode rmanipulieren kann, aber offenbar ist Stephen Wiltshire, ein junger Künstler aus London, der sich auf detaillierte Großstadt-Panoramen spezialisiert hat, nicht nur autistisch, sondern auch authentisch: Er zeichnet seine detailgenauen Großstadtbilder aus dem Gedächtnis, nachdem er die Städte ein einziges Mal aus der Luft gesehen hat. Und das zeigt (immer unter der Voraussetzung der Authentizität), zu welchen erstaunlichen Leistungen die milliardenfach verknüpften Zellen in unserem Gehirn fähig sein können:


Autor: Jürgen Schönstein· 03.02.12 · 16:09 Uhr· 5 Kommentare

02. Februar 2012

Plädoyer für veraltete Technik

Kategorie: Technik  ·  Kommentare: 22

Ich liebe den technischen Fortschritt und finde ihn wunderbar (wobei "Wunder" im Sinn des 3. Clarkeschen Gesetzes zu verstehen ist: „Jede hinreichend fortschrittliche Technologie ist von Magie nicht zu unterscheiden"). Vom Auto bis zum Smartphone, von Staubsaugern bis zu Computern und, jawohl, dem Internet: ohne die Errungenschaften, die uns die Technik - und hinter ihr: die Wissenschaft - gebracht haben, wäre mein Alltag, und vermutlich nicht nur meiner, ziemlich mühselig. Aber ich bin auch ein Nostalgiker: Ich liebe meine alte Leica aus dem Jahr 1952, beispielsweise, obwohl an ihr absout nichts automatisch funktioniert. Oder handgefertigte, akustische Instrumente. Oder meine alte, wenn auch kaum noch brauchbare mechanische Schreibmaschine. Selbst der Mac-Laptop, auf dem ich diese Zeilen schreibe, hat schon gute acht Jahre auf der Tastatur und ist damit ein Fossil. Und darum will ich hier mal ein Plädoyer für veraltete Technik schreiben - genauer gesagt: dafür, dass wir uns dieser alten Techniken auch weiterhin erinnern. Denn manchmal ist sie der modernen Technologie sogar überlegen.

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Autor: Jürgen Schönstein· 02.02.12 · 18:38 Uhr· 22 Kommentare

Zwei Sichtweisen, aber nur ein Sachverhalt

Kategorie: Umwelt  ·  Kommentare: 35

Auf diese Grafik, betitelt "Wie 'Skeptiker' die globale Erwärmung sehen - wie Realisten die globale Erwärmung sehen", bin ich via Greg Laden's Blog gestoßen:

SkepticsvRealists_500.gif Dass es sich dabei um reale - allerdings nur landbasiert erfasste - Daten handelt (die Legende sagt BEST land-only surface temperature data (green) with linear trends applied to the timeframes 1973 to 1980, 1980 to 1988, 1988 to 1995, 1995 to 2001, 1998 to 2005, 2002 to 2010 (blue), and 1973 to 2010 (red)), ist hier sogar mal beinahe nebensächlich: Was die Animation vor allem illustrieren will, ist dass durch die Wahl eines zu kurzfristigen Zeitraums der langfristig - und das ist nun mal, was Klima ausmacht - unübersehbare Trend ignoriert und weggedeutet werden kann. Aber das lässt ihn leider nicht verschwinden.


Autor: Jürgen Schönstein· 02.02.12 · 03:25 Uhr· 35 Kommentare

01. Februar 2012

Der Schaltplan zum Ich

Kategorie: Naturwissenschaften  ·  Kommentare: 32

9780547508184.gifIch hatte vor einigen Tagen ja schon versprochen (gedroht?), etwas ausführlicher über das Konzept des Connectoms und im Besonderen auch über Sebastian Seungs Buch Connectome - How the Brain's Wiring Makes Us Who We Are zu schreiben. Nun habe ich das Buch durchgelesen; Zeit also, das Versprechen einzulösen (= die Drohung wahrzumachen). Und gleich mal vorweg: Es war eine der erfreulichsten Lektüren zu wissenschaftlichen Themen, die ich seit langem genießen konnte. Sebastian Seung hat es geschafft, die graue Materie der Hirnforschung durch Vergleiche, Anekdoten, historische Referenzen zu illustrieren (die Auswahl der Illustrationen selbst ist auch sehr gut; nur die Wiedergabequalität lässt manchmal zu wünschen übrig). Seine Begabung als wissenschaftlicher Erzähler hat er ja in seinem TED-Vortrag bereits gezeigt ...

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Autor: Jürgen Schönstein· 01.02.12 · 05:02 Uhr· 32 Kommentare

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