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Jürgen Schönstein ist Diplom-Geograph (TU München, 1984) aus Berufung und Journalist von Beruf. Nach rund zwei Jahrzehnten als "fester" Korrespondent für deutsche Publikationen in New York, arbeitet er nun als freier Journalist in Cambridge, Massachusetts - und wird damit auch weiterhin ein besonders waches Auge auf alles Neue aus Wissenschaft, Forschung und Technik halten. Daneben bringt er als Dozent am Massachusetts Institute of Technology (MIT) den Studenten das Schreiben bei.
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23.01.12 · 06:16 Uhr
Der Nutzen der Mehrdeutigkeit
Kategorie: Kultur · Kommentare: 16
Sprache ist schon was Verwirrendes. Wenn ich "Hut" sage, meine ich dann "Kopfbedeckung" oder "Vorsicht"? Warum klingen "Rad" und "Rat" so ähnlich, und warum kann letzteres ein Gremium sein, ein Titel oder auch ein gut gemeinter Hinweis? Wäre es nicht viel effizienter, wenn es keine Mehrdeutigkeiten - die offenbar in allen Sprachen vorkommen können - gäbe und jeder Begriff, jedes Wort ganz eindeutig und frei von Missverständnissen einem Konzept, einer Bedeutung zugeordnet wäre? Noam Chomsky, der Vorzeigelinguist des Massachusetts Institute of Technology, folgerte aus diese Ambiguität der Sprache(n), dass sie offenbar gar nicht primär zur Kommunikation entstanden war:
The natural approach has always been: Is [language] well designed for use, understood typically as use for communication? I think that's the wrong question. The use of language for communication might turn out to be a kind of epiphenomenon... If you want to make sure that we never misunderstand one another, for that purpose language is not well designed, because you have such properties as ambiguity. If we want to have the property that the things that we usually would like to say come out short and simple, well, it probably doesn't have that property.
Doch genau das Gegenteil sei der Fall, behaupten - naja: belegen, nämlich in diesem Paper über The communicative function of ambiguity in language, das im Journal Cognition publiziert wurde - einige Kollegen Chomskys: Gerade diese Mehrdeutigkeit, also die Wiedervervendbarkeit der gleichen Versatzstücke, mache die Sprache erst effizient. Belegt haben sie diese These - die sich darin reflektiert, dass die einfachsten (sprich: kürzesten, am leichtesten auszusprechenden und am häufigsten verwendeten) Worte auch die mit der jeweils größten Mehrdeutigkeit sind, quasi die Schweizermesser der Sprache - durch eine quantitative Analyse von Alltagsredewendungen im Deutschen, Englischen und Niederländischen.
Mehrdeutigkeit entsteht ihrer Auffassung nach aus einem Kompromiss zwischen Einfachheit und Klarheit. Um hier mal in meinen eigenen Worten einzuspringen: Man versuche sich mal vorzustellen, um wieviel größer unser Alltagswortschatz sein müsste, wenn jeder Begriff nur in absoluter Eindeutigkeit verwendet werden könnte. Wenn wir beispielsweise für Glück als Gefühl ein ganz anderes Wort bräuchten als für Glück im Lotto. Oder wenn Kreis nur die geometrische Figur beschreiben könnte, nicht aber den Verwaltungsbezirk oder die Entourage von Freunden. Dies erinnert mich an die Akademie von Balnibarbi in Jonathan Swifts Gullivers Reisen, wo Sprachforscher daran arbeiten, jegliche Zweideutigkeit - und die Notwendigkeit von Wörtern an sich - dadurch zu verbannen, dass statt Begriffen die zu beschreibenden Objekte selbst präsentiert werden. Was dazu führt, dass diese Forscher immer einen riesigen Sack voller Gegenstände mit sich herumschleppen müssen.
Das Paper selbst basiert ja vor allem auf der Novität, quantitative Methoden zum Nachweis dieser Hypothese einzusetzen. Aber ich muss zugeben, dass ich mich überfordert fühle, die details dieser quantitativen Analysen hier in knapper Form nachzuerzählen. Sagen wir mal so viel: Die Autoren sehen ihre Annahmeguantitativ bestätigt, dass kurze und häufig vorkommende Wörter auch die meisten Mehrdeutigkeiten aufweisen. Dass sie dabei vielleicht ein bisschen "hintenrum" gedacht haben, da ja die Häufigkeit ein Resultat der Mehrdeutigkeit ist (je mehr Bedeutungen ein Begriff haben kann, desto wahrscheinlicher, dass er benutzt wird), lässt sich sicher durch entsprechende Bereinigungsschritte kontrollieren. Ich beschränke mich hier mal darauf, dass ich die Erklärung an sich schon plausibel finde: Die Ambiguität der einzelnen Begriffe wird dadurch ausgeglichen, dass sie in einem zumeist eindeutigen Kontext stehen. Das kann schon ein zweites, kleines Wörtchen sein: "der Hut" und "die Hut" sind schon mal klarer zu unterscheiden. Aber halt, es heißt doch auf der Hut sein ... hier trägt das "auf", das den Genitiv Dativ nach sich zieht, zur Verringerung der Ambiguität bei. Und das ist halt das "Geheimnis" von Sprache: Sie besteht nicht einfach nur aus Wörtern, sondern aus Wörtern in einem Zusammenhang. Und dieser Zusammenhang reduziert die Informations-Entropie in Richtung auf Eindeutigkeit.
Zu diesem Kontext gehört nicht selten auch der Tonfall, oder der "Metakontext" (wo etwas gesagt wird): Die durch Goethe im Götz von Berlichingen zu literarischen Ehren gekommene Aufforderung kann im Bayerischen beispielsweise eher Bewunderung als Missbilligung ausdrücken. Auch der Kontext muss also gelernt werden - so wie ein Handwerker zwar das gleiche Werkzeug zu grundverschiedenen Arbeiten verwenden kann, aber eben wissen muss, wann welches Werkzeug angebracht ist. Trotzdem erlaubt ihm das, mit einem vergleichsweise überschaubaren Sortiment auszukommen und nicht für jede einzelne Schraube, jeden verschieden großen Nagel ein eigenes Werkzeug mitzubringen.
Wie ein einziges (Stamm-)Wort je nach Zusammenhang und Intonation seine Bedeutung ziemlich unmissverständlich verändern kann, belegt - auf eine etwas derbe Weise, wer sich an saftiger Ausdrucksweise stört, sollte also bitte nicht den Abspielknopf drücken - dieser nachfolgende, vor allem in New York zum sprachlichen Grundwissen zählende Klassiker:
Autor: Jürgen Schönstein· 16 Kommentare· Permalink· Trackback-URL
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Kommentare (16)
"Fuck the fucking fucker"? Den kenn ich:
Tim Minchin rules.
Hallo,
sehr schön und plausibel. Allerdings hab ich noch eine ("fucking" korinthenkacker-) Frage: Warum "auf der Hut" mit Genitiv? Ich ging bisher vom Dativ aus.
René· 23.01.12 · 14:30 Uhr
Ich ging bisher vom Dativ aus.
-> ... also huten? ... ist ja wie wulffen... und also derzeit durchaus im allgemeinen Sprachgebrauch vorhanden..?!
Allerdings hüten wir uns besser davor...
---
Zitat:
Noam Chomsky, der Vorzeigelinguist des Massachusetts Institute of Technology, folgerte aus diese Ambiguität der Sprache(n), dass sie offenbar gar nicht primär zur Kommunikation entstanden war:
-> Mir erscheint diese These gar nicht so abwägig. Möglicherweise nämlich hatte die Entwicklung der Verbalsprache mehr mit einem Unterhaltungsaspekt zu tun, als mit Kommunikation... Aber auch Kommunikation zur Unterhaltung sei ja gerade heute nicht wirklich unüblich...
Das liesse aber auch erwarten, dass es ausser der Verbalkommunikation eine noch ältere und viel grundlegendere Kommunikationsart gegeben hat / oder noch immer gibt.
Words doesn´t matter ... nur für die Entwicklung des individuellen Bewusstseins sind sie wohl nötig.
@René
Na, weil der Dativ dem Genitiv sein Tod ist ...;-) Nein, ganz im Ernst: Weil ich den Text ziemlich spätabends geschrieben hatte und meinem Hirn offenbar schon ein zwei Windungen eingeschlafen waren. Und darum haben meine Finger "Genitiv" getippt, wo mein Verstand "Dativ" meinte.3p: words don´t matter...
Das mit der Mehrdeutigkeit erinnert mich doch stark an Samuel Langhorne Clemens, der bewies, dass die deutsche Sprache eigentlich mit 2 Worten auskommt: Zug und Schlag:
http://www.alvit.de/vf/de/mark-twain-die-schreckliche-deutsche-sprache.php
oder im Original:
http://german.about.com/library/blmtwain02.htm
Ist leider im hinteren Teil des Textes, strg-f hilft...
Nur eine kleine Anmerkung am Rande. Rad und Rat klingen nicht einfach nur "ähnlich", sondern aufgrund der Auslautverhärtung im Deutschen exakt gleich: [ʀaːt].
So arbeitet die Werbung
Sehr wahrscheinlich ist das weder eine Ente noch ein Kaninchen. Jemand mit anatomischen Kenntnissen könnte das vermutlich rasch bestätigen.
Glaubt man zuerst es wäre eine Ente nur weil es im Text zuerst als Ente verkauft wird? Und billigt man zu, dass es auch als Kaninchen zu gebrauchen wäre, weil in der Werbung danach auch die Kaninchenfunktion hervorgehoben wird?
Ich brauche momentan keine solche Ente mit Kaninchenfunktion und kaufe daher nicht.
Ich weiß noch wie ich bei einem Vortag von einem alten Bioprof gerügt wurde, weil ich von "genetischen Algorithmen" sprach - "genetisch" sei belegt und hätte nichts mit Computern zu tun ... Ob ich ihm mal den Link zu diesem Post senden sollte? Besser nicht, das kann der wohl eher nicht verknusen.
Na, aktive Scienceblogsleser wissen da mehr ;-).
"Na, weil der Dativ dem Genitiv sein Tod ist ...;-)"
Oh ja, lustiges Buch. :-)
"Weil ich den Text ziemlich spätabends geschrieben hatte..."
Okay, versteh ich, dann würde mein Hirn auch nur noch den Gähnitiv kennen. :-)
Die Kaninchenente ist auch eine Kippfigur. Die Wahrnehmung kippt zwischen Ente und Kaninchen hin und her, mit einer sehr langen Periode von einigen Sekunden. Bei Sprache ist es wegen der Entfaltung in der Zeit etwas schwieriger, ein Wort länger festzuhalten. Bei rascher Wiederholung eines "Mantras" gibt es aber ähnliche Effekte.
Mehrdeutigkeit ist ungeheuer weit verbreitet, und die Frage, wie Information in Gehirnen codiert ist, halte ich trotz aller dicken Bücher für ungelöst.
Sprache dient dazu, Gehirne zu koppeln. Die Frage, wie Informationen in Sprache repräsentiert sind wirft daher auch Licht auf entsprechende Frage für Gehirne.
Eine eindeutige, nichtredundante Codierung ist m.E. gar nicht in der Lage, diese Kopplung herbeizuführen, weil Gehirne so nicht arbeiten und auch gar nicht arbeiten können.
"Fuck" comes from the German "Frichen" which means "to strike" ?! ...sagt die Stimme im Video und das Video zeigt auch groß: "Frichen".
Ich bin Deutscher: hab ich was übersehen? ist da was an mir vorbei gegangen? oder hat der englischsprachige Verfasser des Videos nur wenig Ahnung? oder weiß er tatsächlich mehr?
die englische Wikipeh weiß jedenfalls nichts davon. :)
@Jeeves: "Fuck" hat meines Wissens (bzw. nach einer Erklärung, an die ich mich zu erinnern meine) dieselbe Herkunft wie das deutsche "Fach", was früher, im Mittelalter oder davor, die Bedeutung von "Tasche" gehabt haben soll. Man konnte damals wohl Taschen aus Spaltleder herstellen, indem man mit einem Spaltmesser ein dickes Lederstück an einer Seite und in der Mitte so in der Fläche zweiteilte, dass die entstehende Tasche an den Rändern nicht noch genäht werden musste.
Die repetitive und zustoßende Arbeit mit dem Spaltmesser --das Fachen oder "fucken"-- ist in einleuchtender Weise eine Bewegung, die man(n) ziemlich gut wiedererkennen kann. - - Eine Konnotation als emotionales Allerweltsbeiwort erklärt das aber wohl noch nicht.
@Jeeves
Das soll ein Scherz sein. Ich bin mir zwar sicher, gelesen zu haben, dass das Wort einen indogermanischen Ursprung hat und selbigen unter anderem mit "fegen" teilt. Aber im konkreten Fall hat sich der Autor des Video-Scripts nur einen (zugegeben schwachen, weil nur schwer erkennbaren) Witz erlaubt: Im Englischen wird, das Adjektiv "f*cking" gerne durch den Euphemismus "fricking" oder "frigging" ersetzt - das darf man dann auch im Fernsehen sagen. ;-) Und ja, das angebliche "deutsche" Wort "frichen" spricht sich auf Englich nun mal "frickin" aus ...
Dass die Unschärfe der Sprache Verständigung erst ermöglicht und damit zwingend notwendig ist, ist eigentlich keine neue oder bahnbrechende Erkenntnis. Eher ist die Annahme seltsam, es gäbe präzisen Begriffe mit eindeutiger, unveränderlicher Bedeutung. Stattdessen existieren stets nur hinreichende, pragmatische Übereinstimmungen - die immer scheitern können (man versteht sich nicht), aber dann doch überraschend oft funktionieren. Wie es schon Wilhelm von Humbildt feststellte: „Keiner denkt bei dem Wort gerade und genau das, was der andere, und die noch so kleine Verschiedenheit zittert, wie ein Kreis im Wasser, durch die ganze Sprache fort. Alles Verstehen ist daher immer zugleich ein Nicht-Verstehen". Es ist daher auch schwer, eine exakte Grenze zwischen 'zwei' Bedeutungen zu ziehen, also zu entscheiden, ob ein Wort polysem oder homonym ist (beispielsweise bei 'Zug')
Ich hatte mal gehört/gelesen, dass das deutsche Wort "ficken" sowas Ähnliches wie "wichsen", also hin-und-her reiben, heißen soll.
Diese Zweideutigkeiten sind ja für Spaßmacher - jeglicher Sprache - eine überquellende Fundgrube, auch schon längst vor Heinz Erhardt.