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Jürgen Schönstein ist Diplom-Geograph (TU München, 1984) aus Berufung und Journalist von Beruf. Nach rund zwei Jahrzehnten als "fester" Korrespondent für deutsche Publikationen in New York, arbeitet er nun als freier Journalist in Cambridge, Massachusetts - und wird damit auch weiterhin ein besonders waches Auge auf alles Neue aus Wissenschaft, Forschung und Technik halten. Daneben bringt er als Dozent am Massachusetts Institute of Technology (MIT) den Studenten das Schreiben bei.
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15.11.11 · 03:20 Uhr
Das Äh-häh?-Erlebnis
Kategorie: Politik · Kommentare: 22
Bei Primaklima wurde sehr anschaulich demonstriert, was passieren kann, wenn Kamera-Interviews manipulativ zurecht geschnitten werden. Hier wiederum kann man sehen was passiert, wenn ein Interview nicht geschnitten wird:
Da vermutlich nicht alle LeserInnen wissen, um wen es sich hier handelt: Herman Cain ist der aktuelle Spitzenreiter* im Rennen um die Nominierung als republikanischer Präsidentschaftskandidat. Allerdings ist seine mangelnde Sattelfestigkeit in außenpolitischen Fragen noch nicht mal das einzige oder gar größte Handicap Cains. Und ja, vielleicht war er ja einfach nicht in Form ...
* Rund ein Jahr vor der Wahl und etwa neun Monate vor der Kandidatenkür ist es natürlich etwa so relevant, wer vorne liegt, wie nach dem ersten Kilometer eines Marathons. Cain wäre nicht der erste, der sich im aktuellen Republikaner-Wettlauf verstolpert: Michele Bachmann, nach den Iowa Straw Polls im Sommer die Glanz- und Galionsfigur der republikanischen Tea-Party-Fraktion, ist in die Rolle einer Außenseiterin zurückgewiesen worden; aber auch der texanische Gouverneur Rick Perry, der ihr im Sommer dann die Schau gestohlen hatte, läuft nun unter "ferner" - spätestens, seit er in einer landesweit übertragenen Debatte zeigte, dass er im wörtlichen Sinn nicht bis drei zählen kann:
Dass der Stern eines Kandidaten schneller verblasst als ein falsches Tattoo am Aschermittwoch, das hat niemand deutlicher und vermutlich schmerzhafter erlebt als Rudy Giuliani, der sich dank seiner Rolle als Held des 11. September (dazu sage ich jetzt lieber gar nix...) schon so sicher in der Nachfolge George W. Bushs wähnen konnte, dass er seine Frau Judith wahrscheinlich bereits Tapetenmuster für den Lincoln Bedroom auswählen ließ - und dann, nach einem glanzvollen Start, zur Bedutungslosigkeit implodierte.
Autor: Jürgen Schönstein· 22 Kommentare· Permalink· Trackback-URL
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Kommentare (22)
Oha. Nach den ersten 30 Sekunden habe ich mich vor dem Bildschirm gekrümmt, halb vor Lachen und halb vor Schmerzen (naha, eher 40-60). Ich bin mir sicher, Cain kommt unmöglich durch die nächsten Monate. Und trotz aller Belanglosigkeit, unterhaltsam ist das Kandidatenkarussell bis dahin allemal. Reales Trash-TV halt.
Da kann ich nur Denny Crane (aka William Shatner//Boston Legal) aus dem Gedächtnis zitieren:
Man Lieblingstelle ist wo er meint, sich zu erinnern, was man ihm zum Stichwort eingetrichtert hat:
Stimmt, das war nicht der Krieg mit dem ich nicht einverstanden sein darf. Das war der andere. Libby-Labb-by-by-libya ist jener den ich gut finden muss.
Soviel Ehrlichkeit ist schon fast wieder sympathisch.
Nööö, momentan ist es Newt Gingrich. Ist schon ein lustiges auf und ab.
@Redfox
Die Abweichung der beiden Umfragen ist massiv (aber innerhalb der Fehlermarge). Interessant, stimmt mich aber sehr skeptisch was die Aussagekraft der beiden Umfragen betrifft.
Tja, mein alter Bekannter Newt ... (ich hab' ihn tatsächlich bei einem Lunch als Tischnachbar kennen gelernt und später sogar mal interviewt, den Newt). Da friert eher die Hölle zu, als dass der nicht über sich selbst stolpert.
Ich bin mir sicher, er hat auch dort seine Kontakte.
Tja, gute Kandidaten hat man -sofern man diesem Blog vertrauen darf- eben nur bei den Demokraten...
Was an Cain sympathisch ist, sind u.a. seine Einstellungen zur Rassenfrage [1], dem Schreiber dieser Zeilen scheint er gut wählbar, trotz einer gewissen Hemdsärmeligkeit.
MFG
Wb
[1] nun: black-white ist hauptsächlich gemeint - der geneigte Leser darf bedarfsweise selbst recherchieren; da sind interessante Positionen dabei
Nachtragend:
Übrigens ist diese mediale "Fertigmache" in den Staaten üblich und auch gar nicht schlecht! - In D werden Interviews ja immer schön mit den Interviewten abgesprochen und Klöpse werden nicht autorisiert, fallen aus dem Interview heraus. - Man liest auch sehr selten bis nie Transcripte, bspw. aus Fernsehsendungen - und ein Herumgehacke auf tatsächlich Gesagtem ist selten und gilt als unfein.
Da hat man in den Staaten ein ganz anderes Demokratieverständnis!
Stimmt. Dieses Huntsman und Romney Bashing die ganze Zeit ist wirklich unerträglich.
Ergänzend:
http://www.foxnews.com/interactive/politics/2011/11/16/fox-news-poll-gingrich-and-romney-top-gop-nominee-picks/
Cain hat also schon bluten müssen, btw: hervorragend präsentierte Umfrage, so etwas würde man sich auch mal bei doitschen Umfrage-Zitierungen wünschen...
ich halte es für einen bemerkenswerten und positiven durchbruch, dass sie endlich unmissverständlich klar gemacht haben, dass ihre kommentartätigkeit hier ausschließlich satirische zwecke verfolgt
..und -nicht zu vergessen, perk- wohl aus gemachter Erfahrung ('die anderen winken immer ab') nur noch an Beschickerte addressiert
@kleiner Perk
Sie waren zum Recherchieren aufgefordert, aber gut, hier mal was auf die Schnelle zum Einstieg: http://www.huffingtonpost.com/2011/10/09/herman-cain-racism_n_1002375.html
"gut wählbar" umfasst mehr als seine einstellung zur rassenfrage schwarz - nichtschwarz
und diese war mir bereits seit mitte-ende oktober bekannt
Aber die Sache wegen Libyen muss man schon verstehen. Wer kennt schon "jedes Detail zu jedem Land dieses Planten?"
@Perk
Nicht nur reicht eine Einstellung nicht, sondern man würde sich wünschen, das diese etwas detaillierter ausgeführt wird. Cain sagt einerseits, dass es stimmt, dass Afro-Amerikaner wirtschaftlich im Schnitt schlechter dastehen und eher arbeitslos sind. Aber auch dass viele von ihnen ökonomische Chancengleichheit haben. Da müsste man wohl fragen warum er dann meint, dass Hautfarbe mit ökonomischen Status korreliert. Aber wenn ihn eine einzige Position wählbar macht, wer möchte dann auch noch verlangen, dass er diese erklärt. Es geht ja nur darum, dass sein Statement der eigenen Position entspricht, nicht dass es irgendwie etwas beisteuern sollte. Er will ja nur US Präsident werden.
sollte natürlich "Planeten" heissen.
Wie Ali eben schon ausgeführt hat, aber damit's auch der letzte Bär noch kapiert: Die Blamage Cains bestand weniger darin, dass er zu Libyen nichts zu sagen hat, sondern dass er sich innerhalb der paar Minuten selbst widerspricht bzw. seine Sprüche als leeres Gerede entlarvt. Er ist erst mal gegen die Libyen-Politik, die Obama gefahren hat. Auf die Frage nach den Gründen kommt sein "Ich-bin-ein-Businessman"-Gambit, mit dem er sich as der Hinterfrager und Sammler von entscheidungsrelevevanten Informationen präsentiert; dieses Gambit soll gleich zwei Felder besetzen: Erstens insinuieren, dass Obama versäumt habe, sich vorher über die Positionen und Hintergründe der libyschen Rebellen zu informieren, und zweitens eine Rechtfertigung dafür liefern, dass er (Cain) auf die Frage danach, was seiner Ansicht nach dann die richtige Politik gewesen wäre, so ausweichend-schwammig geantwortet hatte - weil er halt noch nicht genug Informationen besitze, um sich dazu eine Meinung zu bilden. So weit, so gut. Aber dann muss er zugeben, dass er gar nicht weiß, dass Obama diesen Hintergrundcheck versäumt hat; vielmehr geht er sogar davon aus, dass die US-Geheimdienste über solche Informationen verfügen. Womit er also gleich zwei Eigentore geschossen hat: Er wirft Obama ein Versäumnis vor, das dieser vielleicht gar nicht begangen hat, und er ist gegen etwas, von dem er gar nicht ausreichend entscheidungsrelevante Informationen besitzt. Und das ist, einfach in seiner internen Logik oder Dramaturgie, peinlich und, jawohl, lächerlich.
Eine gewisse Pflegeleichtigkeit muss kein Hindernis sein, wenn der Kandidaten- und dann der Präsidententhron zu besteigen ist. Selbstverständlich war das Interview desaströs, was aber nichts an der grundsätzlichen Wählbarkeit des Kollegen ändert, der ansonsten auch höchst Brauchbares artikuliert. - Wir wollen ja nicht verdammen auf Grund eines Momenteindrucks, gell. Gut aber - wie bereits hervorgehoben - die Transparenz des allgemeinen Interviewvorgangs, hier könnten andere noch lernen. Das war sicherlich auch die Hauptaussage des kleinen Artikels?!
Das Problem ist, dass diese "Momenteindrücke" sich im Falle Cains ziemlich schnell akkumulieren (ich habe eine kleine Sammlung dazu gepostet vor ein paar Tagen). Zumindest was die Aussenpolitik anbelangt ist es offensichtlich, dass Cain nicht einen Bruchteil von dem weiss, was ein regelmässiger Medienkonsument wissen müsste. Dann fehlt ihm halt auch schlicht das Hintergrundswissen um Entscheide zu fällen auch wenn er über einzelne Fälle gebrieft werden würde (oder soll jedes Briefing mit ein paar Seiten der Geschichte eines Landes beginnen?).
Seine Libyen Ausrede bestätigt genau das: Weder waren es Details, noch ein obskurer Fall, sondern etwas, das die Schlagzeilen während Wochen dominierte. Wenn er nun so tut als ob es sich um Details gehandelt hätte, hält er entweder nicht viel von seinen Wählerinnen und Wähler oder versteht selber nicht, was er nicht weiss. Beides ist bedenklich für jemand der über das grösste Nuklearwaffenarsenal der Erde bestimmen möchte. Hält man ihn trotz dieser Ahnungslosigkeit für wählbar, dann belegt das, dass er seine potentiellen Wählerinnen und Wähler vermutlich zumindest richtig einschätzt.
ich find ja faszinierend dass er sich anfangs weitaus stärker windet als ich in der miesesten mündlichen Prüfung die ich je hatte (oder miterleben durfte). Aber er will ja auch nur Präsident werden....
Jürgen du kannst aufatmen. Die linksextreme Hetzpostille The Economsist scheint von Newt auch nicht viel zu halten und eindeutig an der antirepublikanischen Kampagne beteiligt zu sein da sie Cain offensichtlich noch weniger ernst nimmt. Aus der jüngsten Ausgabe:
Du bist also in guter Gesellschaft.