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Jürgen Schönstein ist Diplom-Geograph (TU München, 1984) aus Berufung und Journalist von Beruf. Nach rund zwei Jahrzehnten als "fester" Korrespondent für deutsche Publikationen in New York, arbeitet er nun als freier Journalist in Cambridge, Massachusetts - und wird damit auch weiterhin ein besonders waches Auge auf alles Neue aus Wissenschaft, Forschung und Technik halten. Daneben bringt er als Dozent am Massachusetts Institute of Technology (MIT) den Studenten das Schreiben bei.
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19.11.11 · 05:08 Uhr
20.000 Jahre - ein tödlicher "Augenblick" im geologischen Sinn
Kategorie: Naturwissenschaften · Kommentare: 14
Wer ein Science-Abo hat, der kann sich in der aktuellen (Online-)Ausgabe mal den Artikel Calibrating the End-Permian Mass Extinction anschauen. Ich hab' keines, und darum muss ich mich mit dieser Pressemitteilung des Massachusetts Institute of Technology (jawohl, das ist einer meiner Arbeitgeber) begnügen. Es geht darin um das bisher größte Artensterben auf der Erde, und das war nicht etwa das Ende der Dinosaurier vor etwa 65 Millionen Jahren, sondern das Ende des Erdzeitalters Perm, bei dem global etwa 90 Prozent aller Arten ausstarben, sowohl die terrestrischen (hier, laut Wikipedia, betraf es rund 75 Prozent aller Arten) als auch die maritimen (95 Prozent).
Das Paper, an dem 20 Autoren mitgewirkt haben, legt diese Perm-Trias-Grenze nun ziemlich eng auf einen Zeitraum von nur 20.000 Jahren fest, der mit einer Genauigkeit von plus/minus 80.000 Jahren vor 252,28 Millionen Jahren seinen Höhepunkt erreicht hatte. Als "Stoppuhr" benutzten sie einen Steinbruch in Meishan (China), wo die Perm-Trias-Grenze sehr klar zu erkennen ist. In ihrer Analyse konzentrierten sie sich dabei auf Zirkone, die sich dank Spuren von Uran sehr präzise datieren lassen. Zwischen den Zirkonen unterhalb der PT-Grenze und oberhalb der PT-Grenze fanden sie nur einen Altersunterschied von zwei Jahrzentausenden.
20.000 Jahre sind, in geologischen Begriffen, ein Augenzwinkern. Zum Vergleich: Auf einen Tag (= 24 Stunden) umgerechnet, wären dies knapp neun Sekunden. Bisher waren die Erdwissenschaftler eher von einer Zeitspanne in der Größenordung von hunderttausdenden von Jahren ausgegangen; durch die neue, engere Grenze wird auch die Frage nach der Ursache konkreter, wie der MIT-Erdwissenschaftler ,Sam Bowring erklärt:
People have never known how long extinctions lasted. Many people think maybe millions of years, but this is tens of thousands of years. There's a lot of controversy about what caused [the end-Permian extinction], but whatever caused it, this is a fundamental constraint on it. It had to have been something that happened very quickly.Also: Was immer die Ursache war - es war etwas, das sehr schnell ging. Damit wären die bisher als einer der Hauptverursacher verdächtigten Mega-Vulkanausbrüche, die den Sibirischen Trapp ablagerten und die sich über den Zeitraum von einer Million Jahren erstreckten, wenn schon nicht entlastet, dann doch zumindest nicht mehr der Hauptverdächtige. Oder genauer gesagt: Es wäre nicht die enorme Dauer dieser Ausbrüche, sondern ein vergleichsweise konzentriertes Einzelereignis, bei dem enorme Mengen von CO2 in vergleichsweise kurzer Zeit ausgestoßen wurden.
Denn in der gleichen (knappen) Zeit, in der das Artensterben ablief, stieg auch der CO2-Gehalt der Atmosphäre deutlich an, und zwar mit der gleichen Rate, die wir heute beobachten - das aber eben über den Zeitraum von etwa 10.000 Jahren hinweg. Bowrings Kollege Dan Rothman hält einen Vulkanausbruch nicht für ausreichend als Erklärung: "Das ist schwer vorstellbar", versichert er in der MIT-Pressemitteilung. "Selbsty wenn man alle bekannten Kohlelagerstätten auf einen Vulkan aufhäufen würde, käme man da nicht ran. Also muss etwas Ungewöhnliches passiert sein."
Autor: Jürgen Schönstein· 14 Kommentare· Permalink· Trackback-URL
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Kommentare (14)
Zufall? Altersbestimmung an Zirkonen war doch gerade erst drüben Thema. Ich bin immer noch erstaunt, mit welcher Genauigkeit das in diesem Fall anscheinend geklappt hat. Einige zehntausend Jahre auf einen Abstand von über 200 Millionen sind nicht schlecht.
Hm,
dem widerspricht aber http://www.scinexx.de/wissen-aktuell-13896-2011-09-15.html -
wo Besonderheiten des sibirischen Trapp- Ereignisses als Schuldige angenommen werden. Ozeanische Kruste sei aufgeschmolzen worden, und die enthält (anscheinend) hinreichend viel CO2.
hmmm, auch beim zweiten Lesen nach dem Einkaufen hat sich die Bedeutung für ich nicht geändert - des abstracts
liest sich für mich eher wieund das sähe mehr nach so einer Verteilung aus.Ist natürlich immer noch extrem flott (wenn man nicht gerade auf den Bus warten muß) aber immerhin eine Größenordnung mehr.
moin Theres, der Trapp (ohne Familie) kann ja trotzdem beteiligt sein, immerhin ist Klima ein chaotisches System mit (wenn ich mich mal unfachlich aus dem Fenster lehnen darf) mehreren 'seltsamen Attraktoren'. Ein durch längerfristige Ausgasung letztlich {mit} ausgelöstes Umschnappen zwischen zwei metastabilen Zuständen fände auf einer deutlich anderen Zeitskala als die Ursache statt.
Ich meine mal gehört zu haben(in einer Fernsehsendung), daß die Vulkanausbrüche in Sibirien quasi nur der erste Schritt waren. Aber die Erderwärmung die dadurch verursacht wurde, ist Methanhydrat von den Tiefsee-Lagerstätten freigesetzt worden. Dieses Methan hat dann für eine weitere Erwärmung gesorgt. Ist diese Theorie noch -(bzw. war diese Theorie jemals) haltbar.
Gruß Fermat
Moin rolak,
nein, das beim Trapp aufgeschmolzene Gestein war es, nämlich ozeanische Kruste, die ... ach, ich zitiere mal aus von mir obig verlinktem Artikel. Die Geschwindigkeit des Aussterbens war so oder so hoch.
"... Bereits zu Beginn der Ausbrüche seien daher ungewöhnlich große Mengen an Kohlendioxid und giftigem Chlorwasserstoffgas in die Atmosphäre entwichen. Bei einem geschätzten Radius des aufsteigenden Magmas von rund 400 Kilometern seien mehr als 170 Billionen Tonnen CO2 freigesetzt worden, ermittelten die Forscher. Das läge um ein Mehrfaches über den bisherigen Schätzungen für den Sibirischen Trapp. ... "
CO2, Chlorkohlenwassersteoffe und so weiter, das genügt sicherlich.
Oha, da ist etwas durcheinander gekommen im zweiten Kästli. Erneuter Versuch:
Wie schaffen es diese 0-Versionen nach reichlich Umarbeitung letztendlich doch in die Realität? Vielleicht wieder in zwei tabs getippt und den falschen abgeschickt...Ach, Nachtrag:
Chlorwasserstoff, meinte ich, und gegen Methan spricht auch nichts.
hmmm, Theres, Du sagst 'nein', doch mir erschließt sich nicht der inhaltliche Unterschied zwischen "Ausgasung" und "große Mengen an Kohlendioxid und giftigem Chlorwasserstoffgas .. entwichen".
Oder reden wir ein wenig aneinander vorbei?
@rolak
wir redeten überkreuz, würde ich sagen ;)
Wenn ich alles richtig verstanden habe, kann der Sibirische Trapp wegen seiner Besonderheiten innerhalb kurzer Zeit so viele Klimagase ausgestoßen haben, noch vor dem Höhepunkt des Ausbruchs (der ja länger dauerte, also durchaus auch längerfristige Ausgasung). Kurzfristig entwichen, langfristig ausgegast ... beides, entnahm ich den Artikeln im Scienexx.
*hüpf* ich bin dran, ich bin dran
Aber nicht doch, Theres, wir reden nicht überkreuz sondern über das P/T-Aussterben. Und stricken Diskussionsmuster...
Was ich meinte war daß unabhängig von der Dauer der kaum mehr zu rekonstruierenden auslösenden Vorgänge (und 'ausgasen' sollte keine zeitliche oder qualitative Wertung beinhalten, nur ein 'Gas wird frei') das anhand der {Zirkonbegleiter der} Fossilien immer besser festlegbare Umkippen des Ökosystemes recht flott vonstatten gehen kann. Was weder für (kein neuer Beleg) noch gegen (kein Widerspruch) den Trapp als Bösewicht spricht, ihn nur nicht schon wegen der zeitlichen Inkompatibilität von vorne herein ausschließt.
* Jetzt will ich aber auch wieder! *
Für sprechen zwei neuere Belege, und das Original (Nature, 2011; DOI: 10.1038/nature10385, Nature /GFZ Potsdam, 15.09.2011) suche ich jetzt nicht raus, nämlich, dass die Gesteinszusammensetzung der Trapp eine andere war als bisher angenommen, schneller und mehr Gase in die Atmosphäre entließ, und dass es deshalb durchaus am Ausbruch gelegen haben kann. Dem widerspricht auch der Scinexx - Artikel zu obiger Neuigkeit nicht, was mich verwundert, aber wieder bin ich zu faul, mir das Original (Science, 2011; doi: 10.1126/science.1213454) durchzulesen.
Beide Artikel sind reichlich neu, und auch der zeitliche Rahmen ist kein Widerspruch.
*Jetzt muss ich meine Brötchen backen*
xxx
oben Oilpeak und sonstwelche Footprints: Was spricht eigentlich alles gegen eine technische Vorgängerzivilisation?
Das schlagende Argument gegen eine Zivilisation ist, dass keine Technik vorstellbar ist, die länger als 1000 Jahre auf einem Planeten überlebt. Wenn die Aussterbephase auf deutlich weniger als tausend Jahre eingegrenzt werden könnte, könnten wir uns schon mal einen neuen Namen für unsere Vorgängerzivilisation ausdenken ...
@ jürgen
ich kann mir irgendwie nicht vorstellen, dass das MIT für mitarbeiter nicht wenigstens ein vpn zur verfügung stellt, mit dem man auf alle von der uni abonnierten journale zugreifen kann
ne kurze google suche ergab: http://libraries.mit.edu/multi/faq.html
punkt 8:
das MIT bietet ne direct subscription für science die (wenn du die zertifikate hast) hier zu benutzen sein sollte