Blog durchsuchen
Profil

Jürgen Schönstein ist Diplom-Geograph (TU München, 1984) aus Berufung und Journalist von Beruf. Nach rund zwei Jahrzehnten als "fester" Korrespondent für deutsche Publikationen in New York, arbeitet er nun als freier Journalist in Cambridge, Massachusetts - und wird damit auch weiterhin ein besonders waches Auge auf alles Neue aus Wissenschaft, Forschung und Technik halten. Daneben bringt er als Dozent am Massachusetts Institute of Technology (MIT) den Studenten das Schreiben bei.

Blogroll
    Wikio - Top Blog - Wissenschaft

« vorheriger Beitrag  · nächster Beitrag »

05.06.11 · 06:16 Uhr

Hunger durch Klimawandel

Kategorie: Umwelt  ·  Kommentare: 18

In einem früheren Beitrag - Jeder Sechste hungert auf der Welt - hatte ich geschrieben, dass der Hunger neben dem Klimawandel eines der großen Probleme der Welt sei. Da habe ich mich geirrt: Hunger wird wegen des Klimawandels zunehmend zu einem Problem. Und es scheint, als ob die vor allem von der "Alles-kein-Problem"-Fraktion vertretende Ansicht, dass das zusätzliche Kohlendioxid in der Atmosphäre als ein prima Dünger die landwirtschaftliche Produktion nur noch steigern könne, ein enormer Trugschluss ist. Genauer gesagt: Es scheint, als ob dieser Düngereffekt (den ich als Nicht-Biologe nicht beurteilen kann) nicht ausreicht, um die wachstumshemmenden Effekte des Klimawandels durch extremere Temperaturen und längere Trocken- und Dürreperioden nicht ausgleichen kann. Die landwirtschaftliche Produktion, die in den vergangenen hundert oder so Jahren weltweit stetig (und rapide) gestiegen war, kann mit dem Bevölkerungswachstum nicht mehr Schritt halten, und eine - sicher nicht die einzige, aber auch keine unerhebliche - Ursache sind, wie der Artikel A Warming Planet Struggles to Feed Itself in der aktuellen New York Times beschreibt, die sich ändernden klimatischen Bedingungen:

Many of the failed harvests of the past decade were a consequence of weather disasters, like floods in the United States, drought in Australia and blistering heat waves in Europe and Russia. Scientists believe some, though not all, of those events were caused or worsened by human-induced global warming.

Es ist ein langer Artikel, aber lesenswert. Und wer jetzt sagt, dass das Ernährungsproblem auch ohne Klimawandel bestehen würde, der wird das auch in diesem Artikel bestätigt finden. Die Frage ist nur, welches Ausmaß dieses Problem annehmen wird - und da wird eine wärmere Welt (Mais und Sojabohnen reagieren zum Beispiel sehr empfindlich, wenn die Temperaturen in ihrer Wachstumsperiode über 30 Grad Celsius klettern) eher benachteiligt sein. In ihrem Bericht Growing a Better Future schätzt Oxfam, dass sich bis zum Jahr 2030 die derzeit sowieso schon hohen Lebensmittelpreise verdoppeln werden, und dass die Hälfte dieses Zuwachses (also eine 50-prozentige Verteuerung gegenüber dem heutigen Niveau) alleine dem Klimawandel zuzuschreiben sein wird.

 

Autor: Jürgen Schönstein· 18 Kommentare· Permalink· Trackback-URL

Tags: · ·

Kommentare (18)

Kommentar-Direktlink Jürgen Bolt· 05.06.11 · 10:37 Uhr

"...dass sich bis zum Jahr 2030 die derzeit sowieso schon hohen Lebensmittelpreise verdoppeln werden, und dass die Hälfte dieses Zuwachses (also eine 50-prozentige Verteuerung gegenüber dem heutigen Niveau) alleine dem Klimawandel zuzuschreiben sein wird."

Solche Vorhersagen gab es schon in unserer Jugend: Famine 1975 z.B.

http://en.wikipedia.org/wiki/Famine_1975!_America%27s_Decision:_Who_Will_Survive%3F

"The U.S. Department of Agriculture, for example, sees 1985 as the beginning of the years of hunger...all responsible investigators agree that the tragedy will occur."

Daß man diese Prognosen jetzt im Kontext der Klimawandels recycelt zeigt nicht, daß man die Sache inzwischen besser versteht sondern daß man aus der Geschichte gescheiterter Prognosen nicht lernt, zurückhaltender damit zu sein.

Kommentar-Direktlink Anhaltiner· 05.06.11 · 11:42 Uhr

"Geschichte gescheiterter Prognosen" heißt das jetzt das in Afrika jetzt nicht gehungert und verhungert wird? Wäre mir neu. Würde aber bedeuten das Entwicklungshilfegeber ganz viel richtig gemacht hätten.

Kommentar-Direktlink Randifan· 05.06.11 · 11:48 Uhr

Solche Prognosen sind sehr unseriös, sie ähnlich mehr den Weltuntergangsphantasien der Esoteriker, die den baldigen Untergang der Welt herbeisehen.

Kommentar-Direktlink Anhaltiner· 05.06.11 · 13:54 Uhr

Darf man erfahren warum "solche Prognosen" sehr unseriös sind? Und was ist mit "solchen Prognosen" gemeint? Alle Prognosen die sich auf die Zukunft beziehen?

Kommentar-Direktlink Dr. Webbaer· 05.06.11 · 15:05 Uhr

Die allgemeine Entwicklung der Zivilisation(en) überschreibt zum Glück in ihrer Wirkung den Klimawandel (der zudem bisher auch nicht im prognostizierten Umfang stattgefunden hat, d.h. er wird prognostischerweise noch stattfinden - wenn er denn im prognostizierten Umfang stattfinden wird). - Man könnte stattdessen auf die Idee kommen die Märkte freier zu gestalten und das eine oder andere rückständige Regime abzuservieren. Man versucht das ja glücklicherweise auch genau das.

MFG
Dr. Webbaer

Kommentar-Direktlink Grundumsatz· 05.06.11 · 15:46 Uhr

Solche Vorhersagen gab es schon in unserer Jugend: Famine 1975 z.B.

Mal davon abgesehen, dass die Prognose von 1967 ist, stellt sich die Frage, wie falsch oder richtig die Prognose war und welche Evidenz eine falsche/richtige Prognose in der Vergangenheit für völlig andere Prognosen in der Zukunft hat.

Eine Wetterprognose von vor einem halben Jahrhundert würde ich jedenfalls nicht dazu benutzen, um heutzutage der Wetterfee das Vertrauen zu entziehen. (Und das jedes Jahr mehrere Millionen Menschen verhungern, ist bekannt.)

Kommentar-Direktlink Dr. Webbaer· 05.06.11 · 15:54 Uhr

(...) stellt sich die Frage, wie falsch oder richtig die Prognose war und welche Evidenz eine falsche/richtige Prognose in der Vergangenheit für völlig andere Prognosen in der Zukunft hat.
Sind zuviele Prognosen falsch, wie sich ex post herausstellt, entsteht der grausame Verdacht, dass zumindest bestimmte Prognosen nicht möglich sind und zudem - noch schlimmer! - ein gesellschaftliches Bedürfnis besteht untaugliche Prognosen zu vertreten oder durch Mandatsträger vertreten zu lassen.

Zudem gilt: In hoch komplexen Systemen sind Prognosen per se nicht möglich, weil die "Wirkkräfte", die beteiligten Entitäten schlecht erkannt werden können und in ihrem Zusammenspiel gänzlich unverstanden sind bzw. sein müssen. DENN sonst wäre das System nicht hoch komplex; man nennt "hoch komplex" oft auch chaotisch, was es aber "nicht ganz" trifft.

Setzen Sie sich mal in die "Way Back Machine" und prüfen bspw. Archive, bspw. von Tageszeitungen, auf deren Prognostik.

HTH
Dr. Webbaer

Kommentar-Direktlink Anhaltiner· 05.06.11 · 17:17 Uhr

Bevor man sich über einzelne Prognosen hermacht sollte man sich Gedanken machen ob die Richtigkeit eine Prognose nicht durch die Prognose selbst beeinflusst wurde. "Gegensteuern" nennt man es, wenn Mandatsträger irgendwas machen weil sie mit einer Prognose nicht einverstanden sind. Klar kann man hinterher behaupten die Prognose war falsch und die Maßnahmen nutzlos. Aber ob das glaubwürdiger ist als zu sagen "Die Prognose war schon richtig aber die Gegenmaßname erfolgreich"?

Kommentar-Direktlink Dr. Webbaer· 05.06.11 · 17:39 Uhr

Zum Wesen der Prognose:
Diese wird von Erkenntnissubjekten an Hand einer gegebenen (und möglichst vollständig erfassten) Datenlage entwickelt und dient ausschließlich dem sozialen Fortkommen. Das kann auf Kleinstrukturen bezogen erfolgen oder auf große oder größtmögliche und "weltliche". - Prognosen zeichnen sich einerseits durch ihre Ausschnittartigkeit ("Partialität") der Weltlichkeiten, als auch durch eine Zweckgebundenheit.

Diese Zweckgebundeheit kann einer Bemühung um das Eintreten zukünftig und antizipierter Ereignisse entspringen oder auch einer Jetzigkeit der Interessen- oder Menschenvertreter geschuldet.

Prognosen haben, grob formuliert, gemein, dass sie nicht eintreten oder zumindest nicht genau in der spezifizierten Form.

Man darf hier eine "Prognosespielstärke" postulieren, die dem einen eher gegeben ist und dem anderen weniger. Gesamtheitlich greift man hier oft zum Konzept der "Schwarmintelligenz" zurück. D.h. böse formuliert: wenn alle Scheiße fressen, kann sich die Mehrheit nicht irren. - Ein "Sponti"-Spruch, fürwahr!, aber eben doch richtig.

Man behilft sich hier, um Kommunikationsproblemen weitgehend entgehen zu können, mit dem einen oder anderen Konstrukt, aber letztlich gilt doch meist, was der Dicke immer gesagt hat: "Was weiß ich, was in zehn Jahren ist?"

MFG
Dr. Webbaer (der hier nicht an Sachen wie den Planetenumlaufbahnen des Sonnensystems und der als langandauernd anzunehmenden wirksamen Komik von Monty Python und so zweifeln will, no prob!, aber der Mensch (vs. Bär) sollte schon wissen, was er wissen kann und was eher nicht - im Sinne der Agnostik)

Kommentar-Direktlink Jürgen Bolt· 05.06.11 · 20:37 Uhr

@Anhaltiner: "Geschichte gescheiterter Prognosen" heißt das jetzt das in Afrika jetzt nicht gehungert und verhungert wird? - Heißt es matürlich nicht. Teil der Prognose war (nach Wikipedia): "The underdeveloped nations have exploding populations and static agricultures." Und der zweite Teil der Aussage stimmt nicht (der erste auch nicht richtig), weil die 'green revolution' nicht vorausgesehen worden war.

Natürlich kann man immer nur den Teil der Prognosen herauspicken, der zutraf. Dann funktioniert aber auch Astrologie.

@Grundumsatz: "Mal davon abgesehen, dass die Prognose von 1967 ist" - zugegeben, da war ich fünf. Kindheit wäre richtiger gewesen.

"stellt sich die Frage, wie falsch oder richtig die Prognose war und welche Evidenz eine falsche/richtige Prognose in der Vergangenheit für völlig andere Prognosen in der Zukunft hat." - Es gibt einiges an Evidenz über Prognosen in Sozial- und Wirtschaftswissenschaften, und das ist niederschmetternd (Falls es Dich interessiert: in Dan Gardner: 'Future Babble' wird das ausführlich besprochen). Daß der anthropogene Klimawandel existiert und sehr bedrohlich ist, ist ja unbestritten. Preisentwicklungen von Lebensmitteln über 20 Jahre vorherzusagen ist eine völlig andere Sache.

Kommentar-Direktlink mathias· 05.06.11 · 23:25 Uhr

Hatte ich schon im Artikel bei physorg gelesen..
Rising temperatures threaten a food crisis
http://www.physorg.com/news/2011-06-temperatures-threaten-food-crisis.html
dazu noch..
Greenhouse gas emissions hitting record highs
http://www.physorg.com/news/2011-06-greenhouse-gas-emissions-highs.html
das wird nicht lustig..

Kommentar-Direktlink Tim· 06.06.11 · 09:57 Uhr

dass der Hunger neben dem Klimawandel eines der großen Probleme der Welt sei.
Das wirkliche Problem der Welt ist Armut. Wenn man die Armut bekämpft, bekämpft man zugleich auch alle anderen Probleme. Armut beseitigt man mit funktionsfähigen Staaten und marktwirtschaftlichen Strukturen. Das ist die große Aufgabe, um die sich unsere Außen- und Entwicklungspolitiker kümmern sollten.

Kommentar-Direktlink Mathias· 06.06.11 · 22:07 Uhr

Ich empfehle allen am Thema Zukunft ineressierten Hans Rosling.

Einfach googeln: "Hans Rosling"

Kommentar-Direktlink Günther Vennecke· 08.06.11 · 09:41 Uhr

@Mathias,

danke für den Hinweis!

Ich habe folgende Präsentation von Rosling gefunden - atemberaubend, informativ und sehr unterhaltsam:

http://www.ted.com/talks/hans_rosling_shows_the_best_stats_you_ve_ever_seen.html

Absolut sehenswert!

Kommentar-Direktlink Günther Vennecke· 08.06.11 · 09:49 Uhr

Auch diesen Beitrag von Rosling sollte niemand verpassen:

http://blog.ted.com/2011/03/21/the-magic-washing-machine-hans-rosling-on-ted-com/

Die anderen TED-Beiträge von Rosling finden sich hier:

http://www.ted.com/search?q=hans+rosling

Kommentar-Direktlink threepoints...· 13.06.11 · 14:13 Uhr

Bei Temperaturen weit über 30 Grad wachsen so ziemlich keine Pflanzen mehr nennenswert. Aber Mais ... wie Hirse und andere Graspflanzen, die zu den C4-Pflanzen zählen, haben bei 30 Grad Celsius erst die richtige Temperatur und das Wachstum fällt zunehmend ab, so die Temperatur weiter ansteigt.

Hanf gehört übrgens dazu.

Die in Europa ausser Mais sonst so gängigen Nutzpflanzen, wie Getreidearten... werden dsann wohl nicht mehr ergiebig genug wachsen.

Ich habe mal im Hochsommer Erbsen beim Wachsen beobachtet. Die wuchsen ausschliesslich in den Morgenstunden und stellten das Wachstum schon am Vormittag ein. Also noch vor der Temperaturspitze der Tage. Alle Triebe wuchsen in Richtung des Sonnenaufgangs und richteten sich nicht in die Richtung, wo am Tage die meiste Sonne herkommt - etwa zur Mittagszeit nach südwesten....

Kommentar-Direktlink miesepeter3· 14.06.11 · 15:10 Uhr

eigentlich haben wir keine Nahrungsmittelknappheit, allenfalls Verteilungsprobleme und, sehr bedauerlich, Armutsprobleme. Wenn es in den gewöhnlichen Gegenden für Landwirtschaft zu warm wird, werden andere Weltgegenden eben unseren Platz einnehmen. Grönland wird möglicherweise wieder seinem Namen Ehre machen und die Kornkammer der Welt werden und in Feuerland wird man Wein anbauen.
Die Frage ist nur, ob wir uns dann diese Lebensmittel noch werden leisten können.
Wir werden wohl den Platz von Afrika einnehmen und Afrika .....äh ja hmm
gibt`s nicht mehr??

Kommentar schreiben

Netiquette·AGB

 

ScienceBlogs.com

mehr auf www.scienceblogs.com »