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Jürgen Schönstein ist Diplom-Geograph (TU München, 1984) aus Berufung und Journalist von Beruf. Nach rund zwei Jahrzehnten als "fester" Korrespondent für deutsche Publikationen in New York, arbeitet er nun als freier Journalist in Cambridge, Massachusetts - und wird damit auch weiterhin ein besonders waches Auge auf alles Neue aus Wissenschaft, Forschung und Technik halten. Daneben bringt er als Dozent am Massachusetts Institute of Technology (MIT) den Studenten das Schreiben bei.
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07.10.10 · 18:32 Uhr
Stereotype - verinnerlicht, und schwer auszudrücken
Kategorie: Geistes- & Sozialwissenschaften·Kultur · Kommentare: 13
Das Thema "Stereotype" beschäftigt Blogger und Leser ja schon seit einigen Tagen (hier, hier und hier nachzulesen); im Folgenden geht es aber nicht um Geschlecht, sondern um Ethnie (Amerikaner verwenden hier ja ganz unbekümmert das Wort "Race", das mit "Rasse" nicht ganz eindeutig übersetzt wird, denn unser Wort "Rasse" bezieht sich ausdrücklich NICHT mehr auf Menschen; der Begriff, den wir verwenden, entspricht dem englischen "breed"). Und zwar nicht, wie meistens, um die "Fremdwahrnehmung", sprich Vorurteile gegenüber anderen ethnischen Gruppen, sondern darum, wie man seine eigene Gruppe wahrnimmt. Und da gibt es eine messbaren Diskrepanz zwischen dem, was man darüber sagt und dem, was man empfindet.
Leslie Ashburn-Nardo, Psychologie-Professorin an der Indiana University - Purdue University Indianapolis, hat für ein Paper im Journal of Social Issues die Diskrepanz zwischen der expliziten Identifizierung mit der eigenen Gruppe (Weiße vs. Afroamerikaner) und der impliziten, d.h. unbewussten Wahrnehmung getestet. Leider enthält der Abstract nichts zur Methode, und auch keine quantifizierten Ergebnisse. Darum muss ich mich auf das verlassen, was diese Pressemitteilung über Frau Ashburn-NardosResultate sagt:
In her study Ashburn-Nardo found that African Americans consciously reported that they favored their own race, identified with their own race and felt very good about themselves at a rate much higher than whites. However when tested on non-conscious feelings, that was not the case. African Americans favored their race less and less strongly identified with their own race than whites.Mit anderen Worten: Schwarze Amerikaner haben offenbar die negativen Stereotype, denen ihre Vorfahren - und sie selbst, machen wir uns nichts vor - ausgesetzt waren und sind, so weit verinnerlich, dass sie trotz aller Bekenntniss selbst nicht an die Gleichwertigkeit (oder was immer man als semantischen "Normalfall" ansetzen will) glauben.
Und ich denke auch, dass dieses Problem nicht nur auf Afroamerikaner beschränkt ist. Diskrminierungen sitzen fast überall tief, selbst wenn sie an der Oberfläche überwunden oder verringert scheinen. Der "self-hating Jew" ist ein häufig gebrauchter Begriff in der politischen Diskussion in Amerika, und dem Feminismus wurde oft angelastet, dass er gerade in seinem - manchmal nur auf Sprache (!) begrenzten - Gleichseinsbestreben genau dieses tiefer sitzende Minderwertigkeitsgefühl erst fixiert hat. Und zumindest sollte man sich nicht auf die Schulter klopfen, wenn die jüngste Meinungsumfrage eine "Gleichstellung" gefunden zu haben scheint:
People might suffer more from experiences with prejudice than they are able to report via questionnairesmeint Leslie Ashburn-Nardo. Es sei etwa so, als ob ein Arzt einen Patienten nur fragt, wie es ihm geht, anstatt sich durch Messung von Puls, Blutdruck etc. zu vergewissern, dass die Angabe "danke, gut" auch stimmt.
Autor: Jürgen Schönstein· 13 Kommentare· Permalink· Trackback-URL
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Wie beeinflusst unsere Sprache unser Denken - Eine neue Debatte · zoon politikon · 14.12.10 · 19:03 Uhr
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Kommentare (13)
Implizite Einstellungen werden gerne mit einem "implicit association test" (iat) gemessen. Das Verfahren wurde mal ganz anschaulich bei Quarks & Co vorgestellt:
http://www.wdr.de/tv/quarks/sendungsbeitraege/2005/0503/02_vorurteile.jsp
Dass die Politische Korrektheit, wenn man so will, eine zivilisatorische Errungenschaft ist, die auf den Menschenrechten (ebenfalls eine zivil. Errungenschaft btw) basiert und gerade von bestimmten, angeblich diskriminierten Gruppen, oft selbst nicht mitgetragen wird, darf als bekannt vorausgesetzt werden. Oder?!
Im englischsprachigen Raum ist man hier recht weit, auch wenn man es -im Gegensatz zum europäischen Gebilde- grundsätzlich eher nicht strafrechtlich handhaben möchte. Aus gutem Grund, wie hier sicherlich noch angemerkt werden darf.
Den selbsthassenden Juden gibt es, es gibt zudem auch Selbsthasser jeglicher Couleur, die irgendwie den Freiheitsgedanken missverstanden haben. Man wird damit leben müssen, nur, jetzt die Frage an Sie, werter Herr Schönstein, wie halten Sie es eigentlich aus in den Staaten, die Diskriminierung primär formal bekämpfen, so wie Sie es oft darlegen? Mal darüber nachgedacht, dass Diskriminierung (im Sinne von Unterscheidung) und Vorurteile (im Sinne von Zwischenurteilen) das "Normalste auf der Welt" sind? Wie stehen Sie zur positiven Diskriminierung (in den Staaten: Affirmative Action), die aus Sicht des kleinen Webbaeren nur eine besonders perverse Form der Diskriminierung/Unterdrückung [1] ist?
MFG
Wb
[1] eine diametrale Wiedergeburt alter Diskriminierungskonzepte, vgl. Sie vielleicht mit dem bekannten Ignazio Silone-Zitat
Jetzt hab ich doch die Studie gesucht und gefunden, bei der man blonden Frauen mit Blondinenwitzen die Leistung verhagelt hatte. Ein Interview mit dem Forscher: http://www.zeit.de/2003/30/Interview_F_9arster
Ich hoffe, der Link geht, der Knabe heißt Förster.
Auszüge:
Da sag noch einer, Sprache beeinflusse nicht die Realität. Und: Das hätten einige Männerbewegte in den vielen anderen Freds zum Thema sicher ganz anders gesehen...(ich meine natürlich das mit den Feministinnen).@Breitside
Schöner Artikel!
So kann man also Leuten eine Prüfung verhageln. Ersteinmal ein paar geeignete Witze zur Auflockerung erzählen.
hier hat nicht die sprache, also das medium, sondern der inhalt die ergebnisse beeinflusst.
sprache transportiert stereotype – sie schafft sie nicht und sie schafft sie nicht auch nicht ab. ersetzt man einen stereortypvermittelnden begriff, wird der nachfolgende begriff die stereotype vermitteln.
http://de.wikipedia.org/wiki/Euphemismus-Tretm%C3%BChle
natürlich trifft das zu. wer sich mit diskriminierung auseinandersetzt, erkennt sie besser, als ein "laie" auf diesem gebiet. das trifft quasi auf alle themen zu.
radi:
OmG, wie feinsinnig! Hast Du noch mehr von solchen Binsenweisheiten auf Lager? Ja was denn sonst?Wären es nicht die Inhalte, sondern die Sprache, die beeinflusst, wärst Du ja ein Zwerg, so klein, wie Du immer schreibst.
Dr. Webbaer·
09.10.10 · 18:24 Uhr
Ist erst einmal im Gesellschaftssystem eine Funktion integriert, die bestimmte Probleme bearbeitet, nehmen wir mal die Probleme mit Gruppen, dann verfestigt sich oft erst das Problem, denn die an die o.g. Funktion gebundenen Mitarbeiter leben und sterben sozusagen mit dem Problem und würden sich bei einer Problemlösung abschaffen. - Wobei in den Staaten natürlich weniger sozialstaatlich läuft, aber die o.g. Feministinnen stehen wohl auch in den Unis oder in Stiftungen im Brot und ihren Mann, haben also auch Schadpotential.MFG
Wb
@breiti
wieder eine volle breitseite an sachlichkeit. ich weiß, dass du weder erfasst, was ich schreibe, noch darauf angemessen reagieren kannst. und das wird auch nix mehr. also verschwende nicht deine und meine zeit damit, dich selbst lächerlich zu machen.
du wirst es einfach nicht kapieren, dass die blondinen nicht blöder "geworden" sind, sondern das nur geglaubt haben. ebenso wie die lutsher von nimm2 nur glauben, dass diese bonbons gesund sind.
macht nix. stirb dumm. an dieser tatsache kann weder sprache noch inhalt was ändern.
Jaja, radi, das kennen wir zur Genüge: wer sachlich nix bringt, schmeißt mit Gülle.
@Breitside
"OmG, wie feinsinnig! Hast Du noch mehr von solchen Binsenweisheiten auf Lager?"
Du verstehst es anscheinend echt nicht? Wenn ich ins Arbeitsamt gehe und laut schreie:
"Ihr seit alle nur zu faul zu arbeiten!", werde ich einen wütenden Mob hinter mir haben. Das gleiche würde aber auch passieren, würde ich den unsäglichen Satz auf ein Schild schreiben und gut sichtbar hochhalten. Denn der Mob wäre sauer wegen des INHALTS. Nicht wegen des Mediums - Schild oder Sprache.
Das ist im übrigen auch garnichts feinsinniges. Unterschiedenes ist gut, wie Hölderlin mal schrieb. Ein Brötchen ist ja nun mal kein Auto.
Au weia, koz-radi, dann halt nochmal: es ging darum, dass Menschen, denen man populäre Vorurteile - auch in Witzform - vor wichtigen Lebenssituationen präsentiert, dadurch erheblich in ihrer Leistungsfähigkeit gehindert werden.
Und natürlich sind es die Inhalte - also hier die Witze -, die die Leute hemmen. Was denn sonst? Das ist ja nun wirklich hanebüchen, diese Haarspalterei.
»… Abweichende Meinungen, die sich doch noch aus der Deckung wagen, werden sozial bestraft. Die soziale Intoleranz fügt heute zwar niemandem mehr körperlichen Schaden zu, aber wer anders denkt, muss seine Meinung maskieren oder auf Publizität verzichten.
Längst haben die Funktionäre der Politischen Korrektheit die Stellen der sozialen Kontrolle dessen besetzt, was als diskutabel gilt. Damit koppeln sie die Moral vom gesunden Menschenverstand ab. Der Politischen Korrektheit geht es nicht darum, eine abweichende Meinung als falsch zu erweisen, sondern den abweichend Meinenden als unmoralisch zu verurteilen. Man kritisiert abweichende Meinungen nicht mehr, sondern hasst sie einfach. Wer widerspricht, wird nicht widerlegt, sondern zum Schweigen gebracht.
Die beste Definition der Politischen Korrektheit findet sich übrigens schon in Thomas Manns 1918 erschienenem Großessay „Betrachtungen eines Unpolitischen“; dort schreibt er von der „Auferstehung der Tugend in politischer Gestalt, das Wieder-möglich-Werden eines Moralbonzentums sentimentalterroristischrepublikanischer Prägung, mit einem Worte: die Renaissance des Jakobiners“.
Unsere Gesellschaft, die sich weder an Religion noch an bürgerlicher Tradition und gesundem Menschenverstand orientieren kann, wird zum willenlosen Opfer eines Tugendterrors, der in Universitäten, Redaktionen und Antidiskriminierungsämtern ausgebrütet wird. …«
http://www.focus.de/wissen/bildung/philosophie/tid-20094/debatte-die-neuen-jakobiner_aid_550734.html
@radi: blah-blah-blah
Außer copy+paste wieder nix gewesen.