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Jürgen Schönstein ist Diplom-Geograph (TU München, 1984) aus Berufung und Journalist von Beruf. Nach rund zwei Jahrzehnten als "fester" Korrespondent für deutsche Publikationen in New York, arbeitet er nun als freier Journalist in Cambridge, Massachusetts - und wird damit auch weiterhin ein besonders waches Auge auf alles Neue aus Wissenschaft, Forschung und Technik halten. Daneben bringt er als Dozent am Massachusetts Institute of Technology (MIT) den Studenten das Schreiben bei.
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19.10.10 · 05:56 Uhr
"Power Paper"
Kategorie: Naturwissenschaften·Technik·Umwelt
Da geht man zu einer Pressekonferenz am MIT, wo zwei neue Paper vorgestellt werden sollen, und was gibt's zu sehen? "Paper" ... Okay, im Englischen hätte das Wortspiel mit Paper (akademische Publikation) und "Paper" (= Papier) besser geklappt, aber dem ein oder anderen gefällt's vielleicht auch so. Doch es war in der Tat so, dass es bei einer Präsentation an diesem Montag, in Anwesenheit der MIT-Präsidentin Susan Hockfield und von Paolo Scaroni, Vorstandsvorsitzender des italienischen Ölkonzerns Eni, im Prinzip "nur" um Papier ging: Karen Gleason, Professorin für Chemical Engineering, führte superdünne Photovoltaik-Zellen vor, die ihre Arbeitsgruppe durch ein chemisches Verfahren auf normales Transparentpapier "gedruckt" hatte (ist eigentlich kein Druckvorgang, sondern eine fünflagige Beschichtung, aber so dünn, dass das Transparentpapier durch die Photozelle nur etwa ein halbes Prozent an Dicke zunimmt). Für Anwendungen im Freien sicher kaum geeignet, aber die Idee, die Verpackung oder das Gehäuse eines Geräts per Beschichtung zur Energiequelle zu machen, ist schon ganz witzig ... (Ich mach' es mir hier leicht und stelle einfach ein Demonstrationsvideo ein, in dem die Faltbarkeit etc. des Materials anschaulich gemacht wird):
Karen Gleasons Kollege Phil Gschwend hatte in einem Plastikbeutelchen ein geradezu unscheinbares, an Nori (für kulinarisch Unerfahrene: das ist das grünliche, aus Algen hergestellte "Papier", in das japanische Köche ihr Sushi einrollen) erinnerndes Fetzchen mitgebracht, das aus Nanomaterialien hergestellt wurde, die so hochgradig wasserabweisend sind, dass sich dieses "Papier" als idealer Filter für ölverpestetes Seewasser entpuppen könnte (das Öl dringt durch, doch das Wasser bleibt draußen).
Aber so dünn diese beiden Materialien - die Solarzelle ebenso wie der Ölfilter - auch sein mögen, waren sie doch tragfähig genug, um einen ganz anderen Zweck hier zu verpacken. Denn der eigentliche Anlass war, der Kooperation zwischen dem Massachusetts Institute of Technology und der ENI eine Plattform zu geben: Vor rund fünf Jahren waren die Italiener als Gründungs-Sponsor beim Start der MIT Energy Initiative, kurz MITei (ausgesprochen: "Mighty") dabei, seit 2008 stecken sie nicht nur Geld, sondern auch Manpower in die ENI-MIT Alliance, eine Forschungskooperative, die sich speziell auf zwei Aufgabenbereiche konzentriert: Bohrsicherheit und Solartechnik. Wobei ersteres seit dem BP-Unglück stark in den Vordergrund gerückt ist: "Vor dem Macondo-Unglück gab es für uns nur eine Antwort auf die Frage, was wir in so einem Fall tun würden: So ein Unfall sei einfach unmöglich", gab der ENI-Boss Scaroni ganz unumwunden zu. Der BP-Schreck ist auch ihm offenbar gewaltig in die Knochen gefahren - und nun will er gaaanz schnell was sehen für sein Geld.
"Dringend nötig" seien solche Produkte wie das Nano-Papier, mahnte der Öl-Boss. Die nächste Ölpest, in anderen Worten, kommt bestimmt. Doch ob Nanomaterialien hier tatsächlich eine Lösung sein können, wird sich "frühestens in einigen Jahren" (Gschwend) zeigen. Die Liste der technischen Probleme ist lang, von der Fertigung des Materials in großem Umfang bis zum Design geeigneter "Bojen" und zur Entwicklung geeigneter Einsatz-Strategien. Dass zum Beispiel die Macondo-Katastrophe gezeigt hat, dass die Masse des Öls bei so einem Bohr-Leck offenbar nicht, wie man bisher glaubte, zur Wasseroberfläche schwimmt und dort eingesammelt werden kann, sondern in großer Tiefe (bei entsprechend großem Wasserdruck) verbleibt, stellt die Forscher und Entwickler est mal wieder vor ganz neue Probleme. Aber was den Ölmanagern an dieser potenziellen Technik besonders gefallen wird, ist nicht nur, dass das ausgelaufene Öl im Idealfall aus der Umwelt entfernt werden kann - es kann auch in einer Form eingesammelt werden, die das vergossene schwarze Flüssigfossil wieder dem Verwertungskreislauf zuführt.
Autor: Jürgen Schönstein· 0 Kommentare· Permalink· Trackback-URL
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