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Jürgen Schönstein ist Diplom-Geograph (TU München, 1984) aus Berufung und Journalist von Beruf. Nach rund zwei Jahrzehnten als "fester" Korrespondent für deutsche Publikationen in New York, arbeitet er nun als freier Journalist in Cambridge, Massachusetts - und wird damit auch weiterhin ein besonders waches Auge auf alles Neue aus Wissenschaft, Forschung und Technik halten. Daneben bringt er als Dozent am Massachusetts Institute of Technology (MIT) den Studenten das Schreiben bei.

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14.05.10 · 20:40 Uhr

Und noch ein entlarvter Einwanderungsmythos

Kategorie: Politik  ·  Kommentare: 2

Vielleicht wird da ja noch eine Serie draus (und vielleicht liegt es an meinem eigenen Status als de-facto-Einwanderer in den USA, dass ich auf solche Themen anspringe): Professor Tim Wadsworth, Kriminal-Soziologe an der University of Colorado in Boulder, vertritt in einem Paper, das in Social Science Quarterly veröffentlich wurde, die These, dass Einwanderung nicht etwa eine erhöhte Kriminalität zur Folge hat (eines der beliebtesten Argumente von Einwanderungsgegnern, nicht nur in den USA), sondern im Gegenteil: Ein Anstieg der Einwanderung könnte erklären, warum in den Zielregionen die Verbrechensrate sinkt.

Die These an sich stammt gar nicht von Wadsworth, sondern von dem Harvard-Soziologen Robert J. Sampson, dem dieser mögliche Zusammenhang bei der Analyse von Kriminalitätsraten in unterschiedlichen ethnischen Vierteln in Chicago aufgefallen war. Wadsworth unterzog sie aber einer breiteren Überprüfung. Dazu hatte er anhand der Verbrechensstatisik des FBI und der Daten des US-Census 459 Städte mit jeweils mehr als 50.000 Einwohnern analysiert. Natürlich musste er allerlei andere Faktoren herausrechnen und korrigieren, aber letztlich kam er zu dem Schluß, dass der Zuwachs von neuen Einwanderen beispielsweise zu 9,3 Prozent zum Rückgang der Tötungsdelikte beigetragen hat. Ich musste da mal ein bisschen herumrechnen, aber bei einer gegenüber 2008 um zehn Prozent gesunkenen Mordrate 2009 von 5,4 pro 100.000 Einwohner und insgesamt 307 Millionen Menschen in den USA komme ich auf rund 1840 weniger Morde - mit andern Worten: Rein statistisch hätte somit der Zufluss von Einwanderern im vergangenen Jahr etwa 170 Menschenleben in Amerikas Städten gerettet. Bei Raubüberfällen liegt dieser Reduktionseffekt sogar bei 22,2 Prozent. Ist doch was ...

Okay, das ist natürlich nur eine Korrelation, die bekanntlich nichts über Kausation und schon gar nichts, wegen des hohen Abstraktionsgrades, über die konkreten Verhältnisse in spezifischen Wohnvierteln aussagen kann. Sampson vermutet beispielsweise stabiliere Familienverhältnisse bei den Einwanderern als erklärenden Faktor; wer lieber negativ denkt, könnte den Effekt als eine self-defeating prophecy erklären: Gerade weil die latente Gefahr durch Einwanderer so groß ist, erhöht sich die Polizeipräsenz in den entsprechenden Kommunen und Wohnvierteln, was dann wiederum zu einer Verringerung der Verbrechensraten führt ... was allerdings der Alltags-Erfahrung widersprechen würde: Einwanderer sind, so lange sie keine Staatsbürger sind, auch keine Wähler, und Kommunalpolitker neigen eher dazu, ihre knappen (und stetig knapper werdenden) Polizeiressourcen dazu zu verwenden, dass damit ein möglichst großer Effekt - in der Realität ebenso wie in der Wahrnehmung - bei potenziellen Wählern und Wahlkampfspendern erzielt wird.

 

Autor: Jürgen Schönstein· 2 Kommentare· Permalink· Trackback-URL

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Kommentare (2)

Kommentar-Direktlink S.S.T.· 15.05.10 · 18:11 Uhr

Natürlich musste er allerlei andere Faktoren herausrechnen und korrigieren,
Na ja, wenn man bei Statistiken nur genug rechnet und korrigiert kann man damit so ungefähr alles beweisen.


Sofern ich mich erinnere wurde in z.B. New York die Kriminalitätsrate durch andere Methoden als Einwanderung gesenkt.

Sollte das jedoch alles sein, bleibt die Frage, ob es auch auf Europa, speziell Deutschland, zutrifft. Zumindest gäbe es dann ein paar Statistiken, die neu berechnet und korrigiert werden müssten.

In meinem Wohnort haben gut 80 % der Dealer zumindest einen Migrationshintergrund und gut 80 % der Konsumenten einen deutschen. Noch so ne Statistik. Ein Schelm... Viel Spaß beim Rechnen und Korrigieren.

Kommentar-Direktlink Hans Kleinert· 19.05.10 · 14:09 Uhr

Das liegt vielmehr daran, dass die USA in den letzten 15 Jahren drastische Maßnahmen ergriffen haben, um die Kriminalitätsraten speziell in den Problembezirken zu senken. Verstärkte Polizeipräsenz, - einsätze und Präventionsmaßnahmen wurden dort eingeführt. Interessanter ist es, sich die Statistiken von vor 1995 anzuschauen, insbesondere 1975-1985, und das mit den Migrantenanteilen zu vergleichen.

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