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Jürgen Schönstein ist Diplom-Geograph (TU München, 1984) aus Berufung und Journalist von Beruf. Nach rund zwei Jahrzehnten als "fester" Korrespondent für deutsche Publikationen in New York, arbeitet er nun als freier Journalist in Cambridge, Massachusetts - und wird damit auch weiterhin ein besonders waches Auge auf alles Neue aus Wissenschaft, Forschung und Technik halten. Daneben bringt er als Dozent am Massachusetts Institute of Technology (MIT) den Studenten das Schreiben bei.
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01.04.10 · 14:21 Uhr
Anästhetische Praxis-Berieselung
Kategorie: Medizin · Kommentare: 2
Dass das Wartezimmer so überfüllt ist, dass ich mir einen Stehplatz auf dem Gang suchen muss - schlimm. Dass ich trotz eines rechtzeitig gebuchten Termins eine halbe Stunde warten muss, bis ich selbst "der Nächste, bitte!" sein darf - auch schlimm. Dass es für mich im Wartezimmer nur ein altes Golfmagazin als Lektüre gibt, da alle anderen Hefte hier auf Koreanisch sind - halb so schlimm, denn schließlich ist das bei einem Arzt in New Yorks Little Korea nicht anders zu erwarten. Doch dass ich hier die ganze Wartezeit lang hilflos einem Konzert-Video von Celine Dion ausgeliefert bin, das auf dem übergroßen Plasma-TV-Schirm läuft (selbstverständlich von LG) - das ist mehr als schlimm. Das ist Folter! Andererseits: Danach - und das muss man dieser bewusstseinsbetäubenden Praxis-Berieselung dann doch wieder zu gute halten - wirken die Impf-Spritzen, die mir die Ärztin gibt, geradezu wie eine Erfrischung.
Autor: Jürgen Schönstein· 2 Kommentare· Permalink· Trackback-URL
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Kommentare (2)
Einer der beiden Allgemeinmediziner hier im Ort führt seine Praxis auf dieselbe Weise. Okay, der Fernseher ist ein gewöhnlicher und seine alten Golf-Magazine sind nicht auf koreanisch, aber auch er fügt seinen Patienten den Schmerz schon im Wartezimmer zu, damit sie bei der Impfung keine Gegenwehr mehr leisten.
Besonders entzückend fand ich aber das Schild auf der Innenseite der Wartezimmertür: "Wir bemühen uns, Patienten mit Termin nicht länger als 30 Minuten warten zu lassen und bitten um Ihr Verständnis, wenn uns dies nicht immer gelingt." Wozu waren Termine doch gleich da?
schon komisch, ich komme am Nachmittag kurz vor Feierabend in die Praxis, setze mich hin, nehm mir eine Zeitung schlage sie auf und werde aufgerufen. Oder ich komme am Morgen, unbestellt, setze mich nehme mir ... (nee das schaff ich nicht immer) und werde aufgerufen. Wenn es mal länger dauert, kann mir die freundliche Arzthelferin am Tresen sagen wie lange es voraussichtlich dauern wird und ich kann irgendwas anderes erledigen statt den Teppich plattzutreten oder die Stühle abzunutzen.
Und nein, ich bin kein Privatpatient, ich habe keine über das normale Arzt-Patientenverhältnis hinausgehenden Kontakte zu meiner Hausärztin. Die ist einfach nur gut organisiert.