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Jürgen Schönstein ist Diplom-Geograph (TU München, 1984) aus Berufung und Journalist von Beruf. Nach rund zwei Jahrzehnten als "fester" Korrespondent für deutsche Publikationen in New York, arbeitet er nun als freier Journalist in Cambridge, Massachusetts - und wird damit auch weiterhin ein besonders waches Auge auf alles Neue aus Wissenschaft, Forschung und Technik halten. Daneben bringt er als Dozent am Massachusetts Institute of Technology (MIT) den Studenten das Schreiben bei.
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02.03.10 · 21:19 Uhr
Von Wissenschaftlern und Witzbolden
Kategorie: Naturwissenschaften · Kommentare: 18
Diesen Beitrag muss ich mal, ganz unjournalistisch, mit einer nicht rhetorisch gemeinten Frage anfangen (was sonst nur in Interviews entschuldbar wäre): Wären deutsche Wissenschaftler von Rang eigentlich bereit, in Comedysendungen wie der heute-show oder TV Total aufzutreten? Oder müssten sie sich dann Sorgen machen, auch sonst nicht mehr ernst genommen zu werden? Würde mich mal interessieren, denn als ich noch engere Alltagskontakte mit Akademikern in Deutschland hatte, sah die Medienlandschaft sowieso noch viel spröder aus, die Trennung zwischen "U" (wie Unterhaltung) und "E" (wie ernst) war strikt. Doch wer hören will, was Wissenschaftler - ernsthaft, aber unterhaltsam - zu sagen haben, der ist in den USA am besten beraten, Comedysendungen wie die Daily Show mit Jon Stewart oder den Colbert Report (beide Worte mit stummem "t", bitte!) einzuschalten. Wer damit zufrieden sein konnte, dass Robert Mundell, Wirtschafts-Nobelpreisträger 1999, "Yo-Mama!"-Witze im Fernsehen erzählte, der brauchte dafür nur David Lettermans Late Show anzugucken.
Neil de Grasse Tyson, beispielsweise, ist nicht nur ein bedeutender Astrophysiker und Direktor des New Yorker Hayden-Planetariums am American Museum of Natural History, sondern auch der am regelmäßigsten wiederkehrende Stammgast des Colbert Report, wo er bisher sechs Mal zu sehen war (häufiger als jede andere Person, die nicht Mitarbeiter der Show ist); bei Jon Stewarts Daily Show saß er schon vier Mal im Besuchersessel. Und diese Sessel sind wissenschaftliche Schwergewichte gewöhnt: Der Stringtheoretiker Brian Greene ("Das elegante Universum") war schon bei Colbert zu Gast, ebenso wie der Paläontologe Neil Shubin und die Astrophysikerin Janna Levin:
Colbert Report - Janna Levin via Noolmusic.com
Die Symbiose von Wissenschaft und Witzbolden ist in den USA natürlich nicht neu: Carl Sagan war mehr als einmal Gast in Johnny Carsons Tonight Show (leider lässt sich der Videoclip nicht einbinden, daher bitte auf den Showtitel klicken), ebenso die Anthropologin Margaret Mead und James Randi.
Da ich den Großteil der Informationen zu diesem Blogpost aus einem Artikel der Zeitung USA Today entlehnt habe (allerdings habe ich alle Fakten noch mal nachrecherchiert, so weit dies überhaupt nötig war), soll die - besser gesagt, ein Neil-Tyson-Zitat aus dem Artikel - hier auch das letzte Wort haben (übersetzt, versteht sich): "Jeder Zugang, den echte Wissenschaft zu den Massenmedien bekommt, ist eine gute Sache. Colbert und Stewart sind sehr kluge Leute. und sie kennen den Wert und die Bedeutung von Wissenschaft."
Autor: Jürgen Schönstein· 18 Kommentare· Permalink· Trackback-URL
Trackbacks (1)
Wieviel Humor und Sex verträgt die Wissenschaft? · ScienceBlogs · 04.03.10 · 06:31 Uhr
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Kommentare (18)
Naja, es ist zwar keine Comedyserie – aber mitunter durchaus unterhaltsam und nicht bierernst (dafür bierselig…): der Sonntagsstammtisch im Bayerischen Fernsehen mit (u.a.) Wolfgang M. Heckl.
Scienceblogs ist doch selbst ein weitgehend humorarmer Comedyclub von Wissenschaftlern, die sich beständig ihre Wunden lecken, die sich im selbstgesuchten Kontakt mit der Öffentlichkeit zugezogen haben. Da möchten wir uns bitte ersparen, dass sie auch noch in anspruchsvollen Comedysendungen auftreten.
@Geoman:
Wieso lassen Sie Ihren Frust nicht wo anders aus?
@Geoman
Zum Glück sprudelt hier ja gelegentlich Ihr offenbar unergründlicher Born des Frohsinns.
""Jeder Zugang, den echte Wissenschaft zu den Massenmedien bekommt, ist eine gute Sache. Colbert und Stewart sind sehr kluge Leute. und sie kennen den Wert und die Bedeutung von Wissenschaft.""
Da stimme ich absolut zu! Und da zeigt sich auch das Problem mit Deutschland. Denn da sind die TV-Moderatoren, die den Wert und die Bedeutung von Wissenschaft kennen, eher rar - zumindest bei den genannten Beispielen. Bei Sendungen wie "Zimmer frei" sieht das schon wieder anders aus. Ich hätte aber prinzipiell kein Problem damit, in Comedysendungen aufzutreten (obwohl ich nicht wirklich ein "Wissenschaftler von Rang" bin). Aber werden den Wissenschaftler überhaupt eingeladen? Ich probiere grad mich zu erinnern ob ich bei Raab et al schon mal einen gesehen hab...
Dass auch deutsche Wissenschaftler nicht spaßfrei sind, beweist die oben erwähnte "heute-show" (ZDF). Klimaforscher Mojib Latif ließ sich dort auf den wunderbaren Olaf Schubert ein - zu Wort kam er allerdings nicht :-)
Hier der Beitrag (etwa ab Minute 2), der aber wahrscheinlich nur aus Deutschland abrufbar ist: http://bit.ly/9O6bBg
Ohne Flash: http://bit.ly/b28KHU
@Jürgen Schönstein schrieb:
"Zum Glück sprudelt hier ja gelegentlich Ihr offenbar unergründlicher Born des Frohsinns."
Ein Pflicht-Grundkurs in "Fröhlicher Wissenschaft" könnte - wie von Friedrich Nietzsche schon im ausklingenden 19. Jahrhundert gefordert - vielen Sciencebloggern auch noch im Beginnenden 21. Jahrhundert nicht schaden:
"Ich wohne in meinem eignen Haus
Hab Niemandem nie nichts nachgemacht
Und – lachte noch jeden Meister aus
Der nicht sich selber ausgelacht."
@Frank
Ich hab' mir den "heute-show" clip mit Latif angeschaut (funktioniert auch in den USA, danke!). Und ich denke, es ist schon ein Riesenunterschied, ob man sich mit oder über Wissenschaft(ler) lustig macht. Wenn ich Wissenschaftler wäre, würde ich es mir nach der Latif-Posse dreimal überlegen, ob ich mich von denen verar...en lasse.
Man muss m.E. schon zwischen Quantität und Qualität unterscheiden. Was den Humor angeht finde ich es ein Unding, dass in Deutschland sich hartnäckig die Vorstellung hält, Wissenschaft müsste mit einer gewissen Gravitas präsentiert werden. Das schlägt sich dann nicht zuletzt darin nieder, dass deutschsprachige Lehrbücher so staubtrocken sind, dass man schon eine Filtermaske aufsetzen will, während man angloamerikanische Lehrbücher häufig sehr nett runterlesen kann. Aber das ist mehr auch ein grundsätzliches Problem des Stellenwerts der Wissensvermittlung vs. der Wissensgenerierung in Deutschland.
Damit aber kommen wir zur Quantität, denn das Pendel kann in diesem Bereich auch durchaus ins Gegenteil umschlagen. Es gibt einige Leute, die sind so omnipräsent in den Medien, dass man sich fragt, wer bei denen denn die Arbeit macht. Gut, wenn man jemandem vom akademischen Mittelbau zu Hause hat, der einem die Arbeit abnimmt, aber ist das der Sinn einer Professur?
Florian schreibt: "Da stimme ich absolut zu! Und da zeigt sich auch das Problem mit Deutschland. Denn da sind die TV-Moderatoren, die den Wert und die Bedeutung von Wissenschaft kennen, eher rar - zumindest bei den genannten Beispielen."
Ich stimme Florians Zustimmung zu. Das Problem ist, dass deutsche TV-Moderatoren in der oberen Gehaltsklasse zu ungebildet sind (man denke an den gummibärchenmampfenden Blondi), was eher dazu führt, dass sie sich über Wissenschaft und Wissenschaftler lustig machen, anstatt mit Wissenschaftlern lustig zu sein. Ausnahmen bestätigen allerdings die Regel und es gibt ja auch Comedians, die die Lücke zwischen ungebildeten TV-Moderator und Wissenschaft füllen.
Der gummibaerchenmampfende Blondi hat immerhin Lehramt für Grund- und Hauptschule studiert. Das mag im Vergleich zu einem Wissenschaftler nicht viel sein, aber immerhin kann man nicht wirklich von ungebildet sprechen
Vielleicht ist das wahre Problem ja auch, dass man in Deutschland dazu neigt, seine Mitmenschen, ob TV-Moderatoren oder nicht, für unfähige Idioten zu halten.
Entschuldigt bitte, dass ich so ungebildet bin, aber wer ist denn der "gummibaerchenmampfende Blondi"?
Was das eigentliche Thema betrifft, so würde ich mir jedenfalls auch mehr unterhaltsame Wissenschaftler in der Öffentlichkeit wünschen. Einfach nur mehr Wissenschaftler wäre aber auch schon mal ein Anfang.
rolak·
04.03.10 · 17:12 Uhr
Ist das jetzt ein Beispiel für den Schalk Gottes?Ach klaro, der! *grusel*
Der Mensch ist ein Gewohnheitstier und hat es gerne einfach. Er steckt daher die Menschen in Schubladen, damit er nicht jedesmal neu darüber nachdenken muß, wenn er einen anderen Menschen beurteilen soll.
Der Wissenschaftler ist gedankenschwer, seriös und was Besonderes. Das ist seine Schublade. Dazu passt dann kein Gekicher und Antatschen. Und der Wissenschaftler selbst ist auch nur ein Mensch und benutzt meist Schubladen und kennt "seine" Schublade und verhält sich dann auch so. Sozusagen die sich selbst erfüllende Einschätzung.
Gibt es dann jemanden, der sich nicht nach seiner Schublade richtet, so ist man erst einmal erstaunt. Der eine ist ärgerlich, weil er diesen Typ nun neu überlegen muß, der andere amüsiert. Der Wissenschaftler muß sich also selbst befreien aus seiner Schublade. Ein Pofessor der Physik als Entertainer und Womanizer? Muß man sich erst einmal dran gewöhnen. Eine Doktorin der Chemie, blonde Wallemähne, D-Körbchen und Beine bis zum Himmel? Das glaubt man nicht. Die hat sich bestimmt verirrt. Viele Wissenschaftler pflegen auch das Immage ihrer Schublade, um eben noch seriöser zu wirken. Ein Wissenschaftler oder eine Wissenschaftlerin, der oder die lustig oder sexy wirken will, muß sich wahrscheinlich genau so anstrengen, wie damals, um sein Examen zu bestehen. Das Nichtsowirken wie ein Wissenschaftler ist eben auch eine Kunst.
Der Humor ist entstanden, als die Menschen verstanden, dass sie die Welt nicht vollumfänglich erfassen und verstehen können und - noch schlimmer - niemals verstehen werden. [1]
Menschen, die verstehen, sind nicht humorvoll. Beispielsweise gibt es in totalitaristischen Systemen keinen Platz für ein Lachen. Umberto Eco hat dieses Thema in Il nome della rosa aufgegriffen, auch der Mullah lacht nicht und der "Humor" des altertümlichen Despoten dürfte sich bspw. mit einem "Der Sklave will nicht hören, man schneide ihm die Zunge heraus, Muahahahahah..." erschöpft haben.
Übertragen auf die Wissenschaft heisst das, dass der Dogmatiker eher wenig, der Vertreter des methodologischen Naturalismus eher etwas mehr lacht.
Dabei sind natürlich noch die lokalen Spezifika zu berücksichtigen, der Deutsche lacht ohnehin eher wenig. [2]
Deutscher Wissenschaftshumor (Ebert, Hirschhausen etc.) ist demzufolge auch eher technischen Talents.
Was auffällt ist, dass auch die heisigen Blogs wenig entertaining sind, auch wenn Entertainment beizeiten sogar explizit angestrebt wird.
[1] Erfassen vs. Verstehen - die Human-DNA bspw. mag mittlerweile erfasst sein, wird aber nie verstanden werden.
[2] bzw. "im falschen Moment", bzw. "hat nichts zu lachen" - die englische Küche, der deutsche Humor und die griechische Zuverlässigkeit sind, äh, OK, wir kommen vom Thema weg...
MFG
WB
Nachtrag:
Dem Webbaeren ist der zweite im Teaser angekündigte Bezugspunkt ganz entgangen:
http://www.scienceblogs.de/2010/03/wieviel-humor-und-sex-vertragt-die-wissenschaft.php