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Jürgen Schönstein ist Diplom-Geograph (TU München, 1984) aus Berufung und Journalist von Beruf. Nach rund zwei Jahrzehnten als "fester" Korrespondent für deutsche Publikationen in New York, arbeitet er nun als freier Journalist in Cambridge, Massachusetts - und wird damit auch weiterhin ein besonders waches Auge auf alles Neue aus Wissenschaft, Forschung und Technik halten. Daneben bringt er als Dozent am Massachusetts Institute of Technology (MIT) den Studenten das Schreiben bei.

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03.03.10 · 06:56 Uhr

Frauen und Kinder zuerst! Aber nur wenn Zeit bleibt ...

Kategorie: Geistes- & Sozialwissenschaften  ·  Kommentare: 12

Stöwer_Titanic.jpgDer in der Überschrift zitierte Spruch von den "Frauen und Kindern zuerst" stammt zwar noch aus einer Zeit, als "Ritterlichkeit" (oder wie immer man die Höflichkeit gegenüber Damen nennen will) als Gegenleistung für die soziale Dominanz des männlichen Geschlechts erwartet wurde. Aber stimmte das denn: Kamen im Notfall wirklich die Frauen und Kinder zuerst? Offenbar nur, wenn den Männern genug Zeit blieb, um darüber nachzudenken. Dies kann man in einem Paper nachlesen, das in der aktuellen Ausgabe der Proceedings of the National Acacemy of Science veröffentlicht ist und das die Geschehnisse auf den Passagierschiffen Titanic und Lusitania analysierte, die vor fast einem Jahrhundert gesunken waren.

Erst mal die harten Zahlen: Auf der "Titanic", die am 15. April 1912 von einem Eisberg (oder, eine andere Lesart, durch die Überheblichkeit der Reederei) im Nordatlantik versenkt wurde, hatten Kinder eine um 14,8 Prozent höhere Überlebenswahrscheinlichkeit als Erwachsene; Frauen überlebten mit einer 53 Prozent höheren Wahrscheinlichkeit als Männer. Auf der "Lusitania", die am 7. Mai 1915 von einem deutschen U-Boot vor der irischen Küste torpediert wurde, lagen die Überlebenschancen der Kinder um 5,3 Prozent unter denen der Erwachsenen, und die der Frauen um 1,1 Prozent unter denen der Männer.

Lusitania.jpgBeide Schiffe sind ziemlich gut vergleichbar: Sie waren ungefähr vergleichbar in Größe (46.328 Bruttoregistertonnen für die Titanic, die Lusitania hatte 31.550 BRT), Passagierzahlen (2223 auf der Titanic, 1959 auf der Lusitania), sozialer Schichtung der Passagiere und vor allem der Ära, in der sie im Einsatz waren. Der große Unterschied - der dann auch zur Erklärung herangezogen wird - war das Tempo des Untergangs: Die "Titanic" brauchte dafür zwei Stunden und 40 Minuten, was eine - sorry, hab' den James-Cameron-Schinken gleichen Namens nicht gesehen und werde mir daher sicher anhören müssen, dass ja alles ganz anders war - relativ geordnete Evakuierung erlaubte; die "Lusitania" ließ ihren Passagieren nur 18 Minuten, um in die rettenden Boote und in Sicherheit zu kommen. "Wenn man sehr, sehr schnell reagieren muss, sind die menschlichen Instinkte viel schneller als die verinnerlichten sozialen Normen", erklärt der Wirtschaftsprofessor Benno Torgler von der Queensland University of Technology in Brisbane und der federführende Autor der Studie, in der New York Times. Im Abstract des PNAS-Artikels schreibt er:

"Auf der Lusitania dominierte das selbstsüchtige Verhalten (das dem klassischen homo economicus entspricht); auf der Titanic dominierten die sozialen Normen und der soziale Status (Klasse), die im Widerspruch zum ökonomischen Standard stehen. Dieser Unterschied könnte der Tatsache zugeschrieben werden, dass die Lusitania in 18 Minuten sank und damit eine Situation schuf, in der der schnelle Fluchtimpuls das Verhalten bestimmte."
In anderen, weil meinen eigenen Worten: Es liegt in der Natur der Männer, sich erst mal selbst in Sicherheit zu bringen - doch man kann ihnen beibringen, an andere zu denken. wenn man ihnen genug Zeit dafür lässt.

Bilder: Der Untergang der Titanic (oben rechts), von Willy Stöwer (via WikiCommons)
Untergang der Lusitania (Mitte links) Bundesarchiv DVM 10 Bild-23-61-17, via WikiCommons)

 

Autor: Jürgen Schönstein· 12 Kommentare· Permalink· Trackback-URL

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Kommentare (12)

Kommentar-Direktlink Stefan· 03.03.10 · 08:16 Uhr

Es gibt noch eine zweite Hypothese neben dem Zeitfaktor, die ebenfalls im Paper genannt wird. Die Lusitania sank wenige Jahre nach der Titanic. Während vor der Titanic keine vergleichbare Katastrophe stattfand und die Passagiere daher irrtümlich davon ausgehen konnten, dass es schon nicht so schlimm sei (z. B. dass Hilfe bald eintreffen werde, dass Schwimmwesten und Rettungsboote ausreichend vorhanden wären, dass man nicht in wenigen Minuten im Atlantikwasser erfriert, ...), kannten die Passagiere auf der Lusitania vermutlich sehr genau das Schicksal der Titanic-Passagiere - und wussten, dass Hilfe nicht so schnell eintreffen würde und dass kein Platz in einem Rettungsboot den sicheren Tod bedeutete.

Kommentar-Direktlink Andrea N.D.· 03.03.10 · 10:47 Uhr

Die "Instinkt/Sozialisierungs-Debatte" finde ich immer wieder spannend.
Zwei Fragen hätte ich dazu noch: Wie hoch ist die Aussagekraft einer Studie über zwei Schiffsuntergänge? Und gibt es Aussagen darüber, wie hoch die Überlebensrate der Kinder bei den Frauen war / gewesen wäre?

Kommentar-Direktlink danker· 03.03.10 · 12:52 Uhr

In anderen, weil meinen eigenen Worten: Es liegt in der Natur der Männer, sich erst mal selbst in Sicherheit zu bringen - doch man kann ihnen beibringen, an andere zu denken. wenn man ihnen genug Zeit dafür lässt.
Jetzt noch Mann mit Mensch ersetzen und wir sind uns einig, das in den obigen Beispielen Männer in den Entschiedenen Rollen waren was die Rettungsplanung anging ist dann eben die andere Sache.Eine Frau würde sich wohl auch erst selbst in Sicherheit bringen wenn sie keine Zeit zum Nachdenken hat, genau wie es ein Kind machen würde.

Author Profile Page Jürgen Schönstein· 03.03.10 · 12:54 Uhr

@Andrea N.D.

Wie hoch ist die Aussagekraft einer Studie über zwei Schiffsuntergänge?
Darüber kann man immer streiten. Doch hier ging es um das Verhalten von insgesamt 4182 Personen, wovon 2715 ums Leben kamen - bei akademischen Studien mit solchen "Teilnehmerzahlen" würde man schon eine hohe Aussagekraft akzeptieren. Das Problem ist natürlich, dass dies keine "Studien" waren, sondern reale Schiffsuntergänge. Die beschriebene Analyse stützt sich auf die Auswertung der Passagierlisten und der Listen der Überlebenden, und nicht auf kontrollierte Verhaltensbeobachtungen. Darum ist auch die Frage
wie hoch die Überlebensrate der Kinder bei den Frauen war / gewesen wäre
aus dem Material sicher nicht zu beantworten.

Author Profile Page Jürgen Schönstein· 03.03.10 · 13:18 Uhr

@danker
Ich glaube, die entscheidende Frage - und darauf wollte sicher auch Andrea N.D. in ihrem Kommentar hinaus - ist doch, ob sich ein Unterschied zwischen Männern/Frauen und Vätern/Müttern erkennen lässt. Denn ich würde erst mal glauben wollen, dass innerhalb der Familien die "Frauen-und-Kinder-zuerst"-Regel selbst (oder gerade) in einer Paniksituation gilt. Aber wenn es um fremde Frauen und Kinder geht, überwiegt der selbsterhaltende Fluchtinstinkt, und die Überlebenswahrscheinlichkeit wächst mit der physischen Überlegenheit. Dies sind aber, wie gesagt, nur meine Interpretationen. Und ich bin sicher, dass es in Zukunft noch mehr solcher im Prinzip auf wirtschaftswissenschaftlichen Methoden basierenden ex-post-Analysen von Katastrophen geben wird, nachdem sich nun gezeigt hat, dass man damit tatsächlich etwas erreichen kann. Was nicht heißen soll, dass ich mir mehr solcher Katastrophen wünsche ...

Kommentar-Direktlink Andrea N.D.· 03.03.10 · 14:45 Uhr

@Jürgen:
Das war ganz mein Empfinden: Ich würde hier keine geschlechtlichen Unterstellungen vornehmen, kann mir aber durchaus vorstellen, dass, wenn es um eigene Kinder geht, das eigene Leben (egal ob Vater oder Mutter) zurücksteht. Die Vorstellung, dass ich selbst lebe, während/weil mein Kind gestorben ist, wäre für jedes Weiterleben unterträglich.
Vielen Dank auch für die Zahlen!

Kommentar-Direktlink Christian W· 03.03.10 · 17:41 Uhr

"Auf der Lusitania dominierte das selbstsüchtige Verhalten (das dem klassischen homo economicus entspricht);
Also sorry Herr "Wirtschaftsprofessor Benno Torgler", das ist totaler Quatsch. Ich hoffe inständig, dass "Wirtschaftsprofessor" i.S.v. "Kneipen-Klugscheißer" gemeint ist und nicht als habilitierter Wirtschaftswissenschaftler. Oder ist der Teil in Klammer am Ende gar nicht von ihm, sondern von dir, Jürgen?

Der Homo Ökonomikus ist gerade nicht durch selbstsüchtiges Verhalten (euphemistisch: nutzenmaximierend) gekennzeichnet - in der Kategorie nehmen sich Homo Ökonomikus und Homo Vulgaris nichts. In den Wirtschaftswissenschaften gilt immer die Basis-Annahme, dass jedes Individuum immer seinen Nutzen maximieren will.
Der Homo Ökonomikus ist eine Vereinfachung der Realität, um besser abstrahieren und modellieren zu können. Ihn unterscheidet die vollständige Information (HÖ weiß bspw. immer genau, was der "Gegner" in der Spieltheorie tun wird, wie sich Preise in der Zukunft entwickeln, welche Ressourcen in der Zukunft in welchen Mengen verfügbar sind, etc.), fixen Präferenzen (HÖ will immer das Gleiche, wird nie "satt", egal worum es geht) und die stringente, bis in's Perverse mathematisch berechnende Rationalität seines Handelns von Realmenschen, nicht seine Nutzenmaximierung. Die ist doch gerade die Gemeinsamkeit mit dem Realmenschen, die durch die Konstruktion des HÖ modelliert und untersucht wird!

Naja, ich hätte auch nie gedacht, dass ausgerechnet ich einmal die theoretischen Grundlagen der Wirtschaftswissenschaften gegen ärgerliche Fehlbehauptungen verteidigen würde... ;-)

Author Profile Page Jürgen Schönstein· 03.03.10 · 18:09 Uhr

@Christian W

Oder ist der Teil in Klammer am Ende gar nicht von ihm, sondern von dir, Jürgen?
Das Zitat stammt von Torgler - eventuelle Beschwerden wären daher an ihn zu richten. Allerdings sehe ich nicht, dass er sich diese Definition einfach aus den Fingern gesaugt hat. Wenn ich "homo oeconomicus" google, dann stoße ich beispielsweise auf ein Working Paper der Uni Potsdam, in dem zu lesen ist
Der Homo Oeconomicus bezeichnet einen (fiktiven) Akteur, der eigeninteressiert (a) und rational (b) handelt, seinen eigenen Nutzen maximiert (c), auf Restriktionen reagiert (d), feststehende Präferenzen hat (e) und über (vollständige) Information verfügt (f).
Und diese Definition wiederum beruht u.a. auf dem Buch Homo oeconomicus. Das ökonomische Modell individuellen Verhaltens und seine Anwendung in den Wirtschafts- und Sozialwissenschaften, von Gebhard Kirchgässner (Verlag Mohr, Tübingen 1991), wo diese Definition wörtlich gleich auf Seite 1 zu finden ist. "Kneipen-Klugscheißer"-Niveau scheint das jedenfalls nicht zu sein.

Kommentar-Direktlink Christian W· 03.03.10 · 18:23 Uhr

Jürgen, das ist doch gerade mein Punkt. Überspitzt könnte man sagen, der HÖ muss notwendigerweise zunächst eigeninteressiert sein und seinen Nutzen maximieren (ist übrigens redundant, jdf. in der klassischen Ökonomie), um überhaupt als realistisches Individuum oder Mensch - und damit als nutzenstiftenden Realwelt-Ausschnitt oder eben Modell - betrachtet werden zu können. Das ist keine besondere Eigenschaft des HÖ, sondern gilt für jedes Individuum per se.
Der Unterschied zwischen Realmensch und WiWi-Modell Homo Ökonomikus ist eben der, dass HÖ streng rational handelt und über vollständige Information verfügt. Das kann man vom Realmenschen nicht in jedem Fall sagen.

"Der Homo Ökonomikus ist ein eigeninteressierter Nutzenmaximierer" ist in den Wirtschaftswissenschaften ungefähr das, was "Bei diesem Versuch werden keine Hauptsätze der Thermodynamik verletzt" in den Naturwissenschaften ist. Wenn man es weglässt, wird natürlich nicht automatisch das Gegenteil als wahr angenommen, aber wissenschaftliche Praxis und methodische Sauberkeit überhaupt erfordern ihren Einschluss in die jeweilige Definition. Das Wesentliche aber ist hier wie dort etwas völlig anderes.

Kommentar-Direktlink rop· 19.03.10 · 16:52 Uhr

Haben in der Titanic die Passagiere 1er Kl die von der 2ter Kl nicht noch dazu eingeschlossen, um mehr Platz in den Rettungsbooten zu haben.
Oder ist es ein Märchen?

Author Profile Page Jürgen Schönstein· 19.03.10 · 17:13 Uhr

@rop
Im James-Cameron-Film schien es wohl so. Und offenbar gab es Absperrungen zwischen den Klassen - aber nicht wegen der Rettungsboote, sondern ganz generell, um die Schiffsklassen auseinander zu halten. Ich zitiere hier mal, was ich auf einer Webseite dazu gefunden habe:

Were the third class passengers really locked below as the movie Titanic suggests?
Yes, but not exactly in the way that the film implies. Titanic history tells us that gates did exist which barred the third class passengers from the other passengers. However, these gates weren't in place to stop a third class passenger from taking a first class passenger's seat on a lifeboat. Instead, the gates were in place as a regulatory measure to prevent the "less cleanly" third class passengers from transmitting diseases and infections to the others. This would save time when the ship arrived in New York, as only the third class passengers would need a health inspection.
At the time of the sinking, some stewards kept gates locked waiting for instructions, while others allowed women and children to the upper decks. As a result of poor communication from the upper decks, the dire reality of the situation was never conveyed. The crew failed to search for passengers in the cabins and common areas, and the fact that some third class passengers did not speak English, also presented a problem. As a result, many of the third class passengers were left to fend for themselves. Only 25 percent of the third class passengers survived the disaster.

Kommentar-Direktlink Karsten Berger· 05.10.10 · 08:43 Uhr

Die Regel "Frauen und Kinder zuerst" geht auf die spontane Entscheidung des Majors Alexander Seton beim Untergang der Birkenhead im Jahre 1852 zurück. Sie wird daher als Birkenhead Drill bezeichnet. Diese selbstlose Entscheidung (Seton überlebte nicht) stieß auf große Bewunderung und Nachahmung, passte sie doch auch genau zum Rollenverständnis des 19. Jahrhunderts. Höhepunkt der Anwendung war dann der Untergang der Titanic 1912. Die Offiziere auf der Titanic nahmen es aber nicht alle so genau mit der Regel. Im Nachhinein hat man festgestellt, dass insgesamt mehr Menschen gerettet wurden, wenn die Regel nicht strikt angewandt wurde. So wurden unter der Aufsicht von Offizier Lightoller, der die Regel strikt anwandte, insgesamt weniger Menschen gerettet. In der Regel sollte ein Schiff oder ein Flugzeug möglichst rasch evakuiert werden. Jede Selektion, zumal wenn sie nicht freiwillig ist, kostet aber Zeit. Es besteht zudem die ernsthafte Gefahr, dass Abgewiesene die Fluchtwege blockieren. Der Birkenhead Drill ist also vielleicht nobel, im Ernstfall aber kontraproduktiv und deshalb auch nie offiziell ins Seerecht aufgenommen worden.

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