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Jürgen Schönstein ist Diplom-Geograph (TU München, 1984) aus Berufung und Journalist von Beruf. Nach rund zwei Jahrzehnten als "fester" Korrespondent für deutsche Publikationen in New York, arbeitet er nun als freier Journalist in Cambridge, Massachusetts - und wird damit auch weiterhin ein besonders waches Auge auf alles Neue aus Wissenschaft, Forschung und Technik halten. Daneben bringt er als Dozent am Massachusetts Institute of Technology (MIT) den Studenten das Schreiben bei.
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11.12.08 · 00:20 Uhr
Pack den Doppio in den Tank!
Kategorie: Naturwissenschaften·Umwelt · Kommentare: 4
Bisher habe ich mein schlechtes Umwelt-Gewissen angesichts meines täglichen Kaffeekonsums damit unterdrückt, dass ich nur die Bohnen kaufe, deren Packung mir Fair Trade und ökologischen Anbau im Schatten von Bäumen (zum Schutz der Vögel und vor Bodenerosion) gekennzeichnet ist. Ändert aber trotzdem nichts daran, dass der Anbau der Kaffeepflanzen grundsätzlich in die Kategorie der Umweltfrevel einzuordnen ist: Die Schattenbäume sind meist eine sekundäre Vegetation, gezielt angepflanzt und keineswegs ein vollwertiger Ersatz für die Regenwälder, die dafür abgeholzt wurden.
Trotzdem hoffe ich, dass ich meine tägliche Koffeinration bald mit einem etwas ruhigeren Gemüt schlürfen kann: Der Kaffeesatz wäre eine prima Quelle für Biosprit, wie in der aktuellen Ausgabe des Magazins Journal of Agricultural and Food Chemistry der American Chemical Society nachzulesen ist (den Artikel selbst gibt's nur gegen Gebühr, den Abstract aber hier).
Unter der Federführung von Professor Mano Misra haben Materialforscher der University of Nevada in Reno getestet, welche Energie-Ausbeute sich aus dem Kaffeesatz holen ließe. Der Ölgehalt des ausgelaugten Pulvers liegt immerhin zwischen elf und 20 Gewichts-Prozent und kann darin sogar mit den "traditionellen" Biosprit-Lieferanten Raps, Soja und Palmöl mithalten. Angesichts der etwa siebeneinhalb Millionen Tonnen, die jährlich angebaut werden, steckt da also ein richtiges Kraftstoff-Potential drin: Die Autoren schätzen, dass sich aus Kaffeesatz etwa 1,3 Millionen Liter Biodiesel jährlich gewinnen ließen. Das würde den deutschen Motorkraftstoff-Verbrauch wohl gerade mal für drei Wochen decken - naja ...
Für die Umwelt also, trotz aller Bemühungen, keine wirkliche Entlastung, aber dafür in jedem Fall eine fürs Gewissen. Und da die Biosprit-Produktion - dank einer weiteren Verwertungskette, zu der die Destillation von Ethanol aus der Kaffeesatz-Maische und die Kompostierung zählen - sogar einen kleinen Profit abwirft, wie die Forscher getestet haben, ist sie auch wirtschaftlich realisierbar. Außerdem soll der Sprit - der durch Umesterung gewonnen wird **dafür reicht mein Chemie-Vorabitur nicht aus - kann das ein Fachmann mal erklären?** - dank der natürlichen Antioxidantien in der Kaffeepflanze länger stabil = haltbar sein als herkömmlicher Biodiesel. Und er hat zudem noch den Vorteil, dass er nicht wie Diesel stinkt, sondern wie - Kaffee! (Letzteres ist wohl eher eine schlechte Nachricht für Teetrinker, sicher, aber insgesamt doch eher auf der Positiv-Seite zu verbuchen.) Darauf hin gönne ich mir gleich mal einen Extra-Doppio ...
Autor: Jürgen Schönstein· 4 Kommentare· Permalink· Trackback-URL
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Kommentare (4)
http://de.wikipedia.org/wiki/Umesterung (nicht so ergiebig, stimmt)
fette auch sind letzlich auch ester. und fettemoleküle haben ja am kopf eine art klammer (glycerin) an welcher drei fettsäuren hängen. wofür ein fett verwendbar ist hängt nun stark davon ab, wie diese fetttsäureketten aussehen (länge, doppelbindungen etc). mit der umesterung kann man darauf einfluss nehmen... sprich die bestandteile des fetts von einander lösen und benzinartig (viele ringe, gleichmäßige kettenlänge, wenig pi-bindungen) aufbereiten, würde ich laienhaft sagen.
also in zukunft auch noch einen kaffeesatzeimer zwischen, papier, glas, plastik, kompost, metall, batterien...
@ fs - also ich trenne Müll gewissenhaft nach "Müll von heute", "Müll von gestern" - fehlt mir nur noch am Einkaufskorb ein Schild "Müll von morgen"
Ein tolles Fundstück! Erst letztens sind mir die Untersuchungen zur Ölgewinnung aus Kaffeesatz aus den frühen 40ger Jahren untergekommen. Gesammelt wurde dafür in Gastronomien. Eigentlich wollte ich das Kaffeesatzöl nur als witzige Einlage in meinen Verseifungsrechner reinnehmen. Aber das das nochmal aktuell werden würde ... wer hätte das gedacht.
"- dank der natürlichen Antioxidantien in der Kaffeepflanze länger stabil = haltbar sein als herkömmlicher Biodiesel." Ob das so stimmt, wage ich zu bezweifeln, weil Kaffeesatz nicht Kaffeepflanze, nicht ungeröstete Kaffeebohne ist - laß mich aber gern eines besseren belehren.
Noch Umesterung in Prosaform :
3 Ketten Fettsäure sind an einem Glycerin (Alkohol) dran = Ester. Die Verbindung wird aufgetrennt durch eine chem. Verseifung (als katalysator) mit bspw. Natrium- oder Kaliumhydroxid. Dazu kommt Methanol (Alkohol). Glycerin wird abgeschieden und anderweitig verwendet und das neue/(Um) Ester besteht jetzt aus 3 Fettsäuren an 3 Methanolen = (Methylester).
Naja, aber Diesel ist auch nicht so meins ;-)