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Jürgen Schönstein ist Diplom-Geograph (TU München, 1984) aus Berufung und Journalist von Beruf. Nach rund zwei Jahrzehnten als "fester" Korrespondent für deutsche Publikationen in New York, arbeitet er nun als freier Journalist in Cambridge, Massachusetts - und wird damit auch weiterhin ein besonders waches Auge auf alles Neue aus Wissenschaft, Forschung und Technik halten. Daneben bringt er als Dozent am Massachusetts Institute of Technology (MIT) den Studenten das Schreiben bei.
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19.11.08 · 09:02 Uhr
Ärzteflucht vor dem Papierkrieg
Kategorie: Medizin
Eines der Wahlkampfversprechen von Barack Obama war, ein Gesundheitssystem zu schaffen, in dem jeder Amerikaner einen "primary care physician" - wir nannten so jemanden früher den "Hausarzt" - finden kann. Doch wenn er glaubt, dass dies in erster Linie eine Frage der Krankenversicherung ist (16 Prozent der Amerikaner sind unversichert), dann muss er sich auf eine unangenehmen Überraschung einstellen: Es sind im Gegenteil die Krankenversicherungen, die für einen Versorgungsmangel sorgen werden - weil sie mit ihrem Papierkrieg scharenweise die niedergelassenen Ärzte aus dem Beruf treiben.
Ich ahbe meine berufliche Laufbahn vor ein paar Jahrzehnten bei einer Zahnärtzekammer begonnen und weiß daher, dass nicht jedes Lamento über knauserige Versicherungen und überwältigenden Papierkrieg für bare Münze genommen werden kann. Aber die jüngste Umfrage, die von der amerikanischen Physicians' Foundation veröffentlicht wurde, zeichnet wirklich ein alarmierendes Bild: Fast die Hälfte der knapp 12.000 Ärzte, die an der Umfraghe teilnahmen, fühlen sich vom Verwaltungsaufwand einerseits über- und von den Versicherungsleistungen andererseits so unterwältigt, dass sie ihre Praxis in den kommenden drei Jahren reduzieren oder ganz aufgeben werden. Genauer gesagt:
- 11 Prozent (das entspräche bei etwas über 300.000 niedergelassenen Ärzten also etwa 35.000) planen, sich völlig zur Ruhe zu setzen
- 13 Prozent (fast 40.000) würden sich lieber einen Job suchen, wo sie zwar medizinisch tätig sind, aber sich nicht mehr um Patienten kümmern müssen
- 20 Prozent würden wenige Patienten annehmen.
60 Prozent würden jungen Leuten davon abraten, Mediziner zu werden. Und wenn sie es sich leisten können, dann würden 45 Prozent auf der Stelle aufhören, zu arbeiten. Die Vorhersage der American Medical Association, dass bis zum Jahr 2025 insgesamt 35.000 bis 40.000 "prmary care physicians" fehlen werden, ist also eher noch optimistisch.
Ich hatte zwar schon lange nicht mehr mit dem deutschen Gesundheitswesen zu tun, würde mich aber nicht wundern, wenn es hier ähnliche Zahlen gäbe.
Autor: Jürgen Schönstein· 0 Kommentare· Permalink· Trackback-URL
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