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Jürgen Schönstein ist Diplom-Geograph (TU München, 1984) aus Berufung und Journalist von Beruf. Nach rund zwei Jahrzehnten als "fester" Korrespondent für deutsche Publikationen in New York, arbeitet er nun als freier Journalist in Cambridge, Massachusetts - und wird damit auch weiterhin ein besonders waches Auge auf alles Neue aus Wissenschaft, Forschung und Technik halten. Daneben bringt er als Dozent am Massachusetts Institute of Technology (MIT) den Studenten das Schreiben bei.
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22.10.08 · 08:40 Uhr
Wieder nichts dazu gelernt
Kategorie: Politik·Umwelt · Kommentare: 3
Es muss derzeit wirklich schwer sein, ein unerschütterter Fan des Marktes als allmächtigem Gutmacher zu sein. Wenn schon die Bush-Regierung, namentlich der ehemalige Goldman-Sachs-Chef Henry "Hank" Paulson, Lordsiegelbewahrer des Kapitalismus und des freien Marktes, nur noch in einer Teilverstaatlichung der Banken die Rettung sieht, dann ist dem Walten dieser allwissenden Kraft sowieso schon der Wind aus den Segeln genommen. A propos Wind (und genau darauf wollte ich hier hinaus): Die Chancen, dass Windenergie - oder andere erneuerbare Ressourcen - uns von unserer Öl-Abhängigkeit erlösen könnten, fallen schon wieder ins Bodenlose, wie es scheint. Wie man in diesem Artikel in der New York Times lesen kann.
Denn erstens fallen die Ölpreise gerade wieder, und zwar ebenso drastisch, wie sie vor einigen Monaten gestiegen waren. Und zweitens sind Finanzierungen großer Projekte - egal welcher Natur - in der aktuellen Finanzkrise zunehmend schwerer geworden. Was wiederum dazu führt, dass die Aktienkurse der alternativen Energieanbieter laut NY Times stärker gefallen sind als der Börsendurchschnitt (was ihrer Kreditwürdigkeit wiederum nicht sehr zuträglich ist). Natürlich haben sowohl Obama als auch McCain versprochen, die erneuerbaren Energien voran zu treiben - aber irgendwo muss dass Billionen-Dollar-Paket zur Rettung der Finanz- und der sonstigen Wirtschaft (wenn's denn reicht, denn die US-Autoindustrie wird als nächstes am Tropf hängen) zusammen gespart werden. In Europa sieht es, soweit ich es aus der transatlantischen Ferne beobachten kann, auch nicht besser aus.
Und ich möchte wetten: Wenn erst mal die Spritpreise weiter sinken (auch wenn sie dies, wie der US-Senator Charles Schumer beklagt, langsamer tun als die Rohölpreise), dann werden auch die Förderbänder für Benzin saufende, aber den Umsatz fördernde SUVs wieder schneller laufen. Dass wir selbst bei Sofortmaßnahmen im Umweltschutz das Ruder kaum noch herum kriegen können, spielt angesichts der Notwendigkeit, Profite und Konsumgewohnheiten zu schützen, keine Rolle - trifft es doch sowieso erst spätere Generationen (Hank Paulson müsste schon 104 Jahre alt werden, wenn er das für Klimaprojektionen typische Bezugsjahr 2050 noch erleben will). Wer aus seinen Fehlern nicht lernen will, sagt man, sei gezwungen, sie zu wiederholen - aber wen schreckt das schon, wenn die Fehler doch so viel mehr Spaß machen ...
Es gibt manchmal Tage, an denen ich die Klimaleugner beneide. Denn wenn man eh' schon unausweichlich gegen die Wand fährt, dann ist es gar nicht so verkehrt, den Kopf in den Sand zu stecken - zumindest muss man dann nicht hinschauen, wenn es knallt.
Autor: Jürgen Schönstein· 3 Kommentare· Permalink· Trackback-URL
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Kommentare (3)
Wer die Bush-Regierung als "Lordsiegelbewahrer des Kapitalismus und des freien Marktes" sieht, beweist damit eigentlich nur seine Ahnungslosigkeit bezüglich des Themas. Kaum eine amerikanische Regierung der letzten Jahrzehnte hat die Marktfreiheit mehr mit Füßen getreten. Aber Hauptsache man hat sein sorgsam gepflegtes Feindbild, gell?
Autsch! War die ironische Verwendung des "Lordsiegelbewahrers" etc. wirklich so schwer zu verstehen? Natürlich weiß ich, was da passiert, und dass ausgerechnet die Bush-Männer und -Frauen mit Leidenschaft Wasser predigen und Wein saufen ... Aber damit es keine Missverständnisse gibt: Ich glaube wirklich nicht, dass man dem Markt einfach alles überlassen kann, und wenn es eine Zeit gibt, in der dies mit absoluter Klarheit erkennbar ist, dann jetzt. Das ist kein "sorgsam gepflegtes Feindbild", sondern eine Einsicht, die aus der alltäglichen Erfahrung stammt. Der Markt hat keine Moral (was ja selbst die mir bekannten Marktfanatiker bestätigen würden) - die muss woanders her kommen. Und der Umweltschutz ist halt vor allem auch eine moralische Aufgabe, die sich nicht nur an den Kosten messen lassen kann.
Das mag ja alles sein - und wie ich gehört habe, ist der Absatz von Marx Kapitalismuskritik in den letzten Wochen erheblich gestiegen und selbst unser oberster Finanzchef findet manches von olle Marx plötzlich gar nicht so falsch... - aber ein wenig erstaunt mich die allgegenwärtige Ignoranz dessen, was da auf uns zu kommt, schon. Auch wenn die Rohölreserven - optimistisch geschätzt - noch ca. 50 Jahre reichen - was kommt dann? Holzvergaser? Tretmobil? Und selbst wenn man diese Angaben zu den Reserven als gegeben hinnimmt - das bedeutet ja nicht, dass die Kosten für die in immer größerer Tiefe liegenden und von der chemischen Beschaffenheit immer schlechter werdenden Vorräte gleich bleiben. Ergo wird es eine Kostenexplosion geben - und das nicht nur, weil die Chinesen das Auto für sich entdeckt haben. Hat jemand Schätzing - der Schwarm gelesen? Ich finde, er hat gerade das mit den schwindenden Reserven und den zur Förderung notwendigen Kosten sehr überzeugend beschrieben...
Im Übrigen - Moral und Markt... wie soll dat denn gehen? Gar nicht. Und je freier der Markt ist, desto weniger Moral hat er. Siehe Finanzkrise. Und was passiert? Nix. Viel Gelaber, Starke Worte mit hohler Botschaft - und DB Ackermann stellt sich hin, feixt und tritt der Bundesregierung in den A...llerwertesten. Wenn es nicht so traurig wäre, könnte man den ganzen Tag lachen. Oder heulen. Je nach Gusto. Was soll`s. Sitzen wir die Sache eben aus. Bis die Chinesen kommen und Reis verteilen. Dann geht`s wieder aufwärts...