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Jürgen Schönstein ist Diplom-Geograph (TU München, 1984) aus Berufung und Journalist von Beruf. Nach rund zwei Jahrzehnten als "fester" Korrespondent für deutsche Publikationen in New York, arbeitet er nun als freier Journalist in Cambridge, Massachusetts - und wird damit auch weiterhin ein besonders waches Auge auf alles Neue aus Wissenschaft, Forschung und Technik halten. Daneben bringt er als Dozent am Massachusetts Institute of Technology (MIT) den Studenten das Schreiben bei.
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10.09.08 · 08:09 Uhr
Intelligenz und Selbstkontrolle
Kategorie: Geistes- & Sozialwissenschaften
... sind zwei Seiten einer Medaille, wenn man so will. Und geprägt wird diese Medaille (wenn ich das Bild mal noch ein wenig weiter quälen darf) im vorderen Teil des präfrontalen Cortex (anterior prefrontal cortex). Dessen sind sich der Yale-Psychologieprofessor Jeremy R. Gray und sein Doktorand Noah A. Shamosh ganz sicher, nachdem sie 103 Erwachsene nicht nur psychologischen Tests, sondern auch einer funktionellen Magnetresonanztomographie (fMRI) unterzogen haben.
Die Ergebnisse ihrer Arbeit sind entweder hier oder in der Septemberausgabe des US-Fachmagazins Psychological Science nachzulesen. Den Autoren kam es dabei weniger darauf an, den positiven Zusammenhang zwischen Intelligenz und Selbstkontrolle nachzuweisen, denn dafür gab es schon genug empirische Belege. Sie wollten wissen, welcher Hirnbereich für diese Eigenschaften zuständig ist - und fanden den vordersten Frontallappen.
Interessant ist der Test, durch den das Ausmaß der Selbstkontrolle ermittelt wurde. Die "Versuchskaninchen" mussten sich zwischen zwei - allerdings nur hypothetisch gewährten - Geldgeschenken entscheiden: entweder einem niedrigeren Betrag auf der Stelle, oder einem höheren Betrag in der Zukunft. Ist gar nicht so simpel, wie es klingt. Denn variiert wurden dabei die Höhen der gebotenen Summen ebenso wie die Laufzeiten der verspäteten Zahlungen. Konkreter ausgedrückt: Einmal wurden ihnen 200 Dollar geboten, die mal in einem Monat, mal in sechs Monaten, mal in einem Jahr, zwei, drei, fünf oder acht Jahren ausgezahlt wurden. Als Sofort-Geschenk wurden in diesem Test erst mal zehn Dollar geboten, die dann nach und nach in zehn-Dollar-Schritten bis auf 200 gesteigert wurden. Im zweiten Test ging's um hypothetische 40.000 Dollar, di bei gleichen Zeitintervallen gegen sofort verfügbare 2000 Dollar (die dann jeweils in 2000-er-Stufen gesteigert wurden) abgewägt werden mussten. Verwirrt? Ich jedenfalls bin's ...
Denn dass die Fähigkeit, diskontierte Gewinne einzuschätzen, etwas mit Selbstkontrolle zu tun hat, wäre mir erst mal gar nicht bewusst gewesen (Zinseszinsrechnungen schienen immer in ganz weiter Ferne meinen eigentlich gar nicht so engen mathematischen Horizont zu stehen). Aber wenn man darüber nachdenkt, ist es wahrscheinlich eine Fähigkeit, die ganz tief in die Wurzeln unserer Menschheitsgeschichte hinein ragt. Denn irgendwann muss ja mal so einem frühen Homo sapiens die Erleuchtung gehabt haben, dass es ihm und seinem Stamm mehr bringt, wenn sie sich beherrschen und nicht alle Körner gleich aufessen, sondern sie als Saatgut bewahren und dadurch vermehren.
Autor: Jürgen Schönstein· 0 Kommentare· Permalink· Trackback-URL
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