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Christian Reinboth ist Wirtschaftsinformatiker und Mit-Gründer der HarzOptics GmbH - einem auf die Photonik spezialisierten An-Institut der Hochschule Harz - sowie einer der Manager des Telepflege-Netzwerks TECLA. Neben der Arbeit studiert er seit 2009 Umweltwissenschaften an der FernUniversität Hagen.
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05.09.11 · 14:23 Uhr
Was passiert eigentlich bei einem Wildfisch-Symposium?
Kategorie: Umwelt · Kommentare: 2
Am Donnerstag hatte meine freudige Twitter-Ankündigung, nun zum 7. Wernigeröder Wildfisch-Symposium aufzubrechen, für größere Heiterkeit in meiner Timeline gesorgt. Grund genug, um einmal zu erläutern, worum es bei so einem Symposium eigentlich geht...
Seit 1985 kümmert sich der (seinerzeit kritisch von der Stasi beäugte) Wernigeröder Wildfisch- und Gewässerschutzverein, dem ich seit einigen Jahren angehöre, um die Verbesserung des ökologischen Zustands der beiden lokalen Gewässer Holtemme und Zillierbach, wobei die Bachforelle (Salmo trutta fario) - das Wappentier sowohl der Stadt Wernigerode als auch des Landkreises Harz - im Fokus der Umweltschutzaktivitäten steht. Dieser Fisch war hier zu DDR-Zeiten so gut wie ausgestorben - so war etwa die Holtemme 1990 ökologisch praktisch tot, 1995 dagegen fand sich das Wappentier - unter anderem aufgrund der Schließung diverser die Umwelt stark beanspruchender DDR-Betriebe - schon wieder innerhalb des Stadtgebiets. Überhaupt sind die Anstrengungen von Verein, Stadt, Landkreis und der diversen Mittelgeber - trotz eines schweren Rückschlags durch eine Industriehavarie im Jahr 1997 - ein einziger Erfolg und ein hervorragendes Beispiel dafür, wie Umweltschutz auf kommunaler Ebene umgesetzt werden kann; immerhin kann man das Wappentier heute bereits wieder von jeder Brücke in Wernigerode aus beobachten, was natürlich auch mit einem touristischen Mehrwert verbunden ist.
Den Kern der Bemühungen bildet ein im Jahr 2001 gestartetes Großprojekt zur ökologischen Durchlässigkeit beider Flüsse, in dessen Rahmen sämtliche Querbauwerke, die derzeit noch verhindern, dass Fische sowie auch Wirbellose den für sie geeigneten Teil der Flussläufe vollständig durchwandern und damit als Lebensraum nutzen können, rückgebaut oder durch Fischtreppen umgehbar gemacht werden. Gegenwärtig existieren noch fünf derartige Querbauwerke, die dank einer Fördermittelzusage des Europäischen Fischereifonds und komplementären Geldern der Vattenfall Umweltstiftung alle noch in diesem Jahr beseitigt werden sollen. Neben der Betreuung der Fischaufstiege übernimmt der Verein noch weitere Aufgaben, wie etwa die Umsetzung von Fischen mittels schonender Elektrobefischung im Vorfeld von Baumaßnahmen an oder in einem der Flüsse. Dass Wernigerode in 2007 zur Bundeshauptstadt Naturschutz und in 2010 auch noch zur zur Biodiversitäts-Kommune ernannt wurde, hat nicht unerheblich mit diesem Durchlässigkeits-Projekt zu tun.
Mit diesen Bauprojekten ist - das sei nur ganz nebenbei bemerkt - übrigens eine ziemlich interessante Erfahrung verbunden: Die an den Baumaßnahmen beteiligten ABM-Kräfte, die im Vorfeld ihres Einsatzes über den Sinn des Projekts informiert wurden, fühlen sich auch viele Jahre später noch mit dem Projekt verbunden und erkundigen sich regelmäßig nach dem Fortgang der Bauvorhaben, auch wenn sie teilweise schon längst wieder im ersten Arbeitsmarkt Fuß gefasst haben. Dies zeigt: Menschen eine wirklich sinnstiftende Aufgabe zu übertragen - und diese Sinnhaftigkeit auch vernünftig zu erläutern - macht vermutlich deutlich mehr Sinn, als sie etwa Schnee hin- und herschieben zu lassen - und sinnstiftende Aufgaben gäbe es ja gerade im Umweltbereich mehr als genug...
Die Funktionskontrolle an solchen Fischaufstiegen funktioniert übrigens mittels kleiner wissenschaftlicher Studien, bei denen Fische oberhalb eines Fischaufstiegs betäubt, mit Farbe markiert und unterhalb des Aufstiegs wieder eingesetzt werden. In regelmäßigen Abständen (solange die Farbe sich noch nicht aufgelöst hat) wird danach kontrolliert, welcher Anteil der markierten Fische den Aufstieg nach oben geschafft hat.
Das für solche Versuche primär geeignete Leittier ist die bereits erwähnte Bachforelle, die als "Harzer Bachforelle" sogar als eigener Ökotyp gelten kann, dessen hohe genetische Variabilität im vergangenen Jahr durch vom Verein in Auftrag gegebene Tests bestätigt werden konnte. Bachforellen können - kaum zu glauben, aber wahr - über 30 Jahre alt und 6 bis 7 Kilogramm schwer werden und fressen von aquatischen Insekten über kleinere Fische und Krebse bis hin zu kleineren Artgenossen fast alles, was in sie hineinpasst. Dank der Verbesserung der Wasserqualität sowie der Optimierung der ökologischen Durchlässigkeit unserer Gebirgsbäche findet sich die Bachforelle inzwischen auf Höhen von bis zu 790 Metern über NN (1986 wurde die letzte Bachforelle auf unter 500 Metern über NN gesichtet).
Um den Erfolg dieser und aller weiterer Projekte langfristig zu sichern, findet über das alle zwei Jahre stattfindende Wernigeröder Wildfisch-Symposium ein regelmäßiger fachlicher Austausch mit Wissenschaftlern und Umweltschützern aus vergleichbaren Projekten statt. So erläuterte etwa der Fischexperte Bernd Kammerad von der Oberen Fischereibehörde des Landes Sachsen-Anhalt in diesem Jahr die Besonderheiten der Fischfauna in den Sachsen-Anhaltischen Gebirgsbächen, die neben den schon erwähnten Bachforellen mit den seltenen Bachneunaugen, den anspruchsvollen Groppen, den wärmebedürftigen Schmerlen und den kleinen Elritzen eine große Vielzahl an Fischen zu bieten hat. Sogar der Höhlenflohkrebs, der eigentlich nur in Höhlen und Grotten existieren kann, findet sich in den Harzer Bächen. Eine Fauna, die insbesondere durch den Kormoran, diverse Hochwasserschutzmaßnahmen (Stichwort: Selketal) und Schäden durch die Turbinen von Wasserkraftwerken dezimiert wird, wobei es für das letztgenannte Problem bereits brauchbare technische Lösungen gibt.
Weitere Vorträge kamen in diesem Jahr etwa von Dr. Ludwig Tent (der hier übrigens ein eigenes Blog zum Thema Fischartenschutz betreibt) von der Edmund Siemers-Stiftung für Gewässerschutz, der über lebendige Bäche und Flüsse referierte, von Otfried Wüstemann vom Nationalpark Harz, der die Wiederausbreitung der Harzer Bachforelle in unseren Fließgewässern skizzierte sowie von zwei Vertretern der Bürgerinitiative naturnaher Hochwasserschutz Selke, die Alternativen zum im Selketal geplanten Rückhaltebecken präsentierten. Für mich als kommunalpolitisch Interessierten war zudem der Vortrag von Jörg Bollmann von der FUGRO-HGN GmbH Blankenburg über die fünf für dieses Jahr geplanten Fischaufstiege von großem Interesse, insbesondere da es um einen dieser Aufstiege - die sogenannte „Neue Mühle" im Wernigeröder Ortsteil Silstedt - in den vergangenen Wochen einige hitzige Diskussionen gegeben hat...
Ein „Highlight" der zweitägigen Symposien ist seit 2007 auch die Verleihung der "goldenen Bachforelle" an besonders großzügige Mittelgeber und engagierte Unterstützer des Projekts zur Verbesserung der ökologischen Durchlässigkeit von Holtemme und Zillierbach - in diesem Jahr beispielsweise an Wernigerodes Oberbürgermeister Peter Gaffert oder die Deutsche Bundesstiftung Umwelt. Dem vortragslastigen ersten Tag der Veranstaltung schließt sich am zweiten Tag des Symposiums in der Regel eine Exkursion an, im vergangenen Jahr etwa zu verschiedenen Fischaufstiegen, in diesem Jahr zu einer schonenden Umsetzung von Fischbeständen in der Holtemme im Vorfeld einer für die kommenden Wochen geplanten Baumaßnahme. Dabei werden die Fische - analog zur Funktionskontrolle - elektrisch betäubt und auf der anderen Seite eines Querbauwerks - natürlich ohne Farbmarkierung - wieder ins Wasser eingesetzt, um sie vom Ort der Baumaßnahmen fernzuhalten.
Tja... so also läuft ein „Wildfisch-Symposium" ab. Gegessen wird dabei natürlich auch etwas - allerdings keine Forellen, wie auf Twitter gemutmaßt wurde, sondern eher deftige Harzer Hausmannskost. Wer sich für Fischarten- und Gewässerschutz begeistern kann, sei daher an dieser Stelle schon mal herzlich zum 8. Wernigeröder Wildfisch-Symposium eingeladen, das im September 2013 stattfinden wird. Wem das noch zu lange hin ist, der kann natürlich jederzeit den Wildfisch-Lehrpfad des Vereins abwandern, der zu allen bis dato gebauten Fischaufstiegen führt, und entlang dessen sich zahlreiche Informationstafeln finden, auf denen man sich über das aquatische Leben in den Harzer Gebirgsbächen informieren kann.
Weitere Informationen zur Arbeit des Wildfisch- und Gewässerschutzvereins findet man auf der Vereinswebseite, zudem sei auf unseren Flickr-Account sowie unsere Foliensammlung bei Slideshare hingewiesen.
Autor: Christian Reinboth· 2 Kommentare· Permalink· Trackback-URL
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Kommentare (2)
Ich finde es immer wieder schön zu lesen, wieviel gerade im kleinen, ehrenamtlichen Bereich für die Natur getan werden kann. Als Angler kann ich da nur sagen: Hut ab! Und macht ruhig auch mal die Kormoran-Schäden zum Thema, auch wenn das vielleicht nicht jeder lesen will...
@Michael: Vielen Dank, ich gebe das gerne weiter. Zu Kormoranen schreibe ich bei Gelegenheit sicher auch mal was - auch wenn das natürlich ein "heißes" Thema ist...
Dies vielleicht als inhaltlicher Nachtrag zum Artikel: Die TU München hat gerade dieser Tage eine neue Studie zu den Auswirkungen von Querbauwerken in Flussläufen veröffentlicht, die zeigt, dass die negativen Folgen für die Biodiversität sogar noch größer sind, als bislang immer angenommen. Aus der Pressemitteilung beim Informationsdienst Wissenschaft:
Quelle: http://www.idw-online.de/pages/de/news439981