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Christian Reinboth ist Wirtschaftsinformatiker und Mit-Gründer der HarzOptics GmbH - einem auf die Photonik spezialisierten An-Institut der Hochschule Harz - sowie einer der Manager des Telepflege-Netzwerks TECLA. Neben der Arbeit studiert er seit 2009 Umweltwissenschaften an der FernUniversität Hagen.
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09.12.08 · 11:13 Uhr
Gefangenendilemma in Oregon
Kategorie: Politik
Eine interessante Variante des klassischen Gefangenendilemmas aus der Spieltheorie lässt sich zur Zeit bei Autohändlern im US-Bundesstaat Oregon beobachten. Es geht um die Frage, ob Sonntags zukünftig noch Autos verkauft werden dürfen.
Eine ausführliche Erklärung des Gefangenendilemmas findet sich bei Ali im ZoonPolitikon, hier deshalb nur die Kurzfassung: Zwei Verbrecher werden von der Polizei verhaftet. Diese ist auf eine Aussage angewiesen und schlägt deshalb den folgenden Deal vor: Derjenige, der gesteht, kommt sofort frei, der nicht geständige Mittäter jedoch für fünf Jahre ins Gefängnis. Gestehen beide, gehen sie für jeweils vier Jahre ins Gefängnis, gesteht keiner, dann kommen sie am Ende (Indizienprozess) mit maximal zwei Jahren Gefängnis davon.
Die Crux an der Sache ist natürlich, dass es eine Handlungmöglichkeit gibt, die für beide Parteien insgesamt die beste wäre - und das ist Schweigen, denn nur so kommen am Ende beide für lediglich zwei Jahre ins Gefängnis. Das Schweigen ist für jeden Verbrecher jedoch mit einem großen Risiko behaftet, denn wenn der jeweils andere plaudert, dann bedeutet dies gleich fünf Jahre im Bau. Individuell betrachtet ist daher ein Geständnis die bessere Strategie, denn wer gesteht, kann seine Strafe von fünf auf vier Jahre (wenn der andere gesteht) bzw. sogar auf null Jahre (wenn der andere schweigt) reduzieren.
Am Ende verraten beide ihren Kumpanen und müssen 2 x 4 = 8 Jahre absitzen, obwohl sie es mit Schweigen auf gerade 2 x 2 = 4 Jahre gebracht hätten. Die individuell lohnendere Strategie ist also insgesamt betrachtet die schlechtere - ein spannendes Paradoxon...
Eine „real-life"-Version kann man aktuell im US-Bundesstaat Oregon beobachten. Dort möchten die großen Autohäuser aufgrund der aktuellen Krise im US-Automarkt den Sonntagsverkauf von Automobilen einstellen, um Personalkosten zu sparen. Da besonders am Sonntag nur noch wenige Kunden in die Geschäfte kommen, kostet nämlich das Personal an diesem Tag mehr, als es erwirtschaftet.
Die sich hieraus ergebende Situation ist prinzipiell ähnlich, wenn man sie (der Einfachheit halber) auf zwei Autohändler reduziert: Würden beide Autohändler am Sonntag individuell den Laden zumachen, könnten sie ihren Verlust kollektiv minimieren. Öffnet jedoch einer den Laden, während der andere schließt, so kann dieser die wenigen „Sonntagskunden" vollständig abgreifen und sein Ergebnis steigern, während der zweite Autohändler in die Röhre schaut. Öffnen dagegen beide, ändert sich nichts an der Situation, und der Verlust bleibt in der aktuellen Höhe bestehen.
Ein spannendes Problem, denn für alle Autohändler zusammen wäre es von großem Vorteil, wenn das Geschäft Sonntags ruhen könnte. Für den einzelnen Autohändler stellt „Geschäft Sonntags schließen" jedoch nicht die beste Individualstrategie dar, denn wenn er sein Geschäft öffnet, kann er seinen Verlust zumindest konstant halten (wenn andere auch öffnen) oder sogar einen Gewinn machen (wenn andere tatsächlich schließen). Schließt er jedoch, während andere geöffnet haben, dann hat er seine eigenen Verluste maximiert.
Dass es sich um ein „mehrmaliges Spiel" handelt (jeden Sonntag wieder) macht die Sache nicht einfacher, da sich zusätzlich noch Bestrafungs- und Belohnungs-Strategien ausbilden können („Wehe, einer macht diesen Sonntag seinen Laden auf. Wenn das passiert, ziehe ich nächste Woche sofort nach..." bzw. "Ich werde meinen Laden erst mal öffnen. Wenn genügend andere schließen, kann ich ja nachziehen...")
Es wäre daher zu erwarten, dass die oregonischen Autohändler sich zwar darüber einig werden, dass es am besten für alle wäre, wenn Sonntags keine Autos mehr verkauft werden würden, diese Strategie aber nie umgesetzt werden kann, da das Incentive eines „Alleingangs" einfach zu groß ist. Wie einer Meldung der Nachrichtenagentur AP zu entnehmen ist, meint man allerdings, eine clevere Lösung für das Problem gefunden zu haben: Die Autohändler bitten den Staat darum, ein Gesetz zu erlassen, welches den Verkauf von Autos an Sonntagen verbietet.
In der Tat ein cleverer Ansatz, denn damit wäre das Grundproblem des Gefangenendilemmas aus der Welt geschafft. Wenn niemand mehr verkaufen darf, kann keine individuelle Strategie der Verlustminimierung mehr betrieben werden - und zudem können die Autohändler bei den wenigen verärgerten „Sonntagskunden" mit Unschuldsmine auf den Staat verweisen. Das Äquivalent dieser Strategie im klassischen Gefangenendilemma wäre es, wenn beide Gefangenen das Gericht darum bitten würden, keinerlei Aussagen zuzulassen, damit ein Indizienprozess geführt werden muss.
Der Staat Oregon steckt nun natürlich in einem ganz eigenen Dilemma. Soll er sich auf einen Eingriff in den freien Markt mit allen sich daraus ergebenden Konsequenzen einlassen, oder soll er lieber das Risiko eingehen, dass die Autohändler zu einer Koordination untereinander nicht fähig sind, und es zu Firmenpleiten und Arbeitslosigkeit kommt? Was ist mit den Autohändlern, die nicht hinter der Bitte um das neue Gesetz stehen? Was würde sich für Händler verändern, die im Grenzgebiet angrenzender Staaten beheimatet sind? Was ist mit dem Risiko, dass zukünftig auch andere Branchen angerannt kommen, und um regulierende „blue laws" bitten?
Mal sehen, wie diese Partie ausgeht...
Autor: Christian Reinboth· 0 Kommentare· Permalink· Trackback-URL
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